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Schlagwort: Pfarrer von Bern

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern

Nr. 557 (C. R. – 2842)

Vier Pfarrer in Savoyen waren von Bern aus abgesetzt worden, weil sie wider das Gebot der Regierung [vgl. 445, 447, 448 ] über die Prädestination gepredigt hatten; sie reisten nach Bern, wurden aber trotz der Fürbitte der Lausanner Pfarrer abgewiesen und dann in Genf aufgenommen. Der Berner Pfarrer Hans Haller hatte vor kurzem seine Frau durch den Tod verloren. Pierre Gilbert war später Pfarrer in Orleans; wie sich die Berner Pfarrer für ihn verwendet hatten, ist unbekannt.

Über die wegen der Prädestinationslehre abgesetzten Pfarrer.

Als neulich die Botschaft von der Verbannung der vier Brüder mein Herz aufs Schmerzlichste verletzte, da schenkte Gott doch schneller, als wir zu hoffen gewagt, unserer Traurigkeit den Trost, dass wir hören durften, die gehässige Schärfe sie auf Eure Fürbitte hin einigermaßen abgeschwächt worden, so dass man hoffen darf, der Rat werde sich, wenn man noch mehr darauf dringt, noch mehr beruhigen lassen. Weil übrigens die frommen Brüder die Unterdrückung der guten Sache noch schwerer quält als ihr persönliches Missgeschick, so verdienen sie nicht nur unser Mitleid, weil wir wissen, dass sie unschuldigerweise von böswilligen Lügnern und argen Verrätern schmählich umgarnt worden sind, sondern es ist nur billig, dass wir ihnen auch helfen, ihre Lehre zu verteidigen. Als sie neulich nach Bern reisten, glaubte ich ihnen keine Empfehlung mitgeben zu müssen, da ich nichts so wenig fürchtete, als was dann tatsächlich eintrat. Jetzt aber kann ich nicht anders, als ein gutes Wort für sie einlegen, obwohl sie mich nicht darum baten, damit mein Schweigen nicht den gehässigen Verdacht erweckt, als traue ich Eurer lauteren Treue nicht. Wie ein Wunder kommt es mir tatsächlich vor, dass gewisse Leute in ihrer Wut soweit gehen, aus Hass gegen mich, einen einzelnen Menschen, die ewige Gnadenwahl Gottes vernichten zu wollen. Ja sie triumphieren schon, als ob sie diesen grundlegenden Glaubenssatz ungestraft mit Füßen treten dürften! Tatsächlich werden bereits schauerliche Lästerungen ausgestoßen, von denen Ihr nicht den zehnten Teil hingehen lassen dürftet. Weil aber der Rat solchen Klagen doch nicht zugänglich wäre, so verlangen die Brüder in ihrer Bittschrift nicht mehr, als dass das Verbannungsurteil gegen sie aufgehoben werde und der Rat ihnen erlaube, ihre Unschuld darzutun. Weil anzunehmen ist, dass die Richter nun gerade vor Ostern milder und mehr als sonst geneigt sind, Gnade walten zu lassen, so darf unseres Erachtens diese günstige Gelegenheit nicht versäumt werden. Von Euch wünschen wir nur, dass Ihr ihrem Boten Gehör verschafft, damit die Zeit nicht verpasst wird. Dass niemand von ihnen selbst in Bern erscheint, dafür haben sie ja die beste Entschuldigung. Lebt wohl, hochberühmte und von Herzen verehrte Brüder. Der Herr lenke und behüte, schütze und leite Euch, und besonders wolle er die Trauer Herrn Hallers durch den Trost seines Geistes lindern. Meine Kollegen lassen Euch alle vielmals grüßen und danken Euch alle, dass Ihr Euch der Sache unseres guten Bruders Pierre Gilbert so kräftig angenommen habt. Auf den Ausgang der Sache Virets sind wir noch ängstlich gespannt.

Genf, 2. April 1558.

Euer
Johannes Calvin.

Calvin, Jean – An die Berner Pfarrer.

Calvin, Jean – An die Berner Pfarrer.

Über die tadelnswerte Neutralität der Berner Pfarrer.

Obwohl das Schreiben Eures Rates, beste, verehrte Brüder, mit der letzten Antwort, die uns der Schultheiß gab, durchaus nicht übereinstimmt, so ist doch nichts geschehen, was man nicht schon vorher hatte befürchten müssen. Ich hatte gewünscht, die Sache könne so geordnet werden, dass es mir und meinen Kollegen möglich werde, zu schweigen, und wir hätten sicher kein Wort gesagt, wenn nur am dem Allerschlimmsten ein klein wenig abgeholfen worden wäre. Da aber die Wunde, die die früheren Edikte geschlagen hatten, durch das Ratsschreiben, das besänftigend hätte wirken sollen, neu aufgebrochen ist, so müssen wir wenigstens mit Worten bezeugen, wie herb uns diese Schmach trifft, die zugleich den evangelischen Glauben ins Wanken bringt und die Existenz der Kirchen bedroht. Wenn wir nur mit diesem Vorgehen etwas erreichen! Aber auch wenn unsere Mühe erfolglos bleibt, so ists doch notwendig, die Stimme zu erheben, selbst ohne alle Hoffnung. Denn müßig sitzen zu bleiben und dieser Tragödie zuzusehen, wäre mehr als schändliche Untreue. Da übrigens der Ausgang in Gottes Hand liegt, so hoffen wir, er werde unsere Bemühungen nicht wirkungslos lassen. Weil wir aber Euch in dieser Sache, die uns alle angeht, zu Helfern haben möchten, so müssen wir dafür sorgen, dass Ihr unsern Plan billigt. Ich weiß und erinnere mich, dass Ihr, als der Rat uns, ohne sich für eine der Parteien auszusprechen, nach Hause sandte, wohl über den Widersinn des Beschlusses empört wart, aber doch meintet, man müsse sich fügen, damit nicht unser Beharren auf unserm Standpunkt einige Übelgesinnte zu noch Schlimmerem reize. Ich brachte aber damals schon Gründe dagegen vor, die durchaus genügend waren, unser Handeln zu entschuldigen. Denn da wir von Staatswegen abgeordnet waren, durften wir nach dem Auftrag unseres Rates gar nicht abreisen, und es wäre sklavische Feigheit gewesen, einen so handgreiflichen Hohn einfach stillschweigend hinzunehmen. Da Euer Rat mündlich und schriftlich versprochen hatte, er wolle nach genauer Untersuchung über Tatsachen und Personen so urteilen, dass das Ärgernis aufgehoben und Friede zwischen den Kirchen ermöglicht würde, so musste er wenigstens ersucht werden, Wort zu halten. Das konnte gar nicht bescheidener und mit ruhigerer und gefälligerer Zurückstellung unseres Rechtes geschehen, als wir es taten; denn wir ließen [in unserem Proteste] manches weg, was auch nach der Meinung des Rats eine ungerechte Beleidigung gegen uns war; wir schickten auch voraus, dass wir gar nicht gekommen wären, wenn uns nicht die uns übertragene Gesandtschaft dazu genötigt hätte, woraus jedermann ersehen sollte, dass wir gar nicht so ernstlich darauf drängten und pochten, sondern diese Rolle nur nebensächlich spielten. Ich habe auch für mich persönlich bezeugt, ich wolle die ganze Verhandlung aufgeben, wenn sie nur den bösen Tadel über meine Lehre und mein Amt streichen wollten.

Es ging nicht nach unserm Wunsch. Doch wird das nicht die Wirkung haben, dass ich je dieses ebenso maßvolle als notwendige Vorgehen bereute und damit Christi Sache verriete. Ich konnte bei den Gesandten nicht erreichen, dass sie sich der Schmach und Gefahr aussetzten, ja ich durfte sie gar nicht, da nun die ganze Last aller auf meine Schultern fiel, dazu überreden, oder sie durch mein Beispiel mit mir in handgreifliche Gefahr bringen. Aber ohne nach weiteren Gründen dafür zu suchen: wenn ich nicht frei heraus bekannt hätte, es sei mir nicht genug getan, so hätte man allgemein gesagt, ich scheue das Licht, weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Dass Ihr gar nicht zu schreiben wagtet ohne Erlaubnis, hat mir stets missfallen. Doch weil sich Geschehenes nicht ändern lässt, so seht nun zu, was zu tun ist. Ich persönlich möchte wohl, meine Amtspflicht und mein Gewissen ließen mich schweigen, da ich abgehärtet genug bin, alles zu ertragen. Aber wenn ich die himmlische Lehre Christi, zu deren Diener er mich haben will, überall schmachvoll heruntergerissen sehe, wäre es da nicht schändlich, wenn ich meine Zunge fesselte und stumm bliebe? Soll ich sie um die Verteidigung durch mein Wort bringen, da doch die heiligen Märtyrer für sie ohne Zögern ihr Blut hingeben? Erwidert jemand, das sei nicht die wahre, richtige Art, die christliche Lehre zu verteidigen, dass man eine irdische Obrigkeit um ihre Bestätigung ersuche, so fällt mir die Antwort leicht: um menschliche Zustimmung kümmere ich mich nicht und schenkte es ihnen gerne, ihre Autorität für diese Lehre einzusetzen; nur will ich dafür nicht durch indirektes, voreiliges Urteil zu Schanden gemacht werden. Aber da Edikte, die Ihr kennt, im Land herumfliegen, um mich mit falscher Bosheit zu beschuldigen, wer würde mir da nicht Gleichgültigkeit vorwerfen, wenn ich dem nicht entgegentrete? Und auch davon abgesehen, – darf ich die Vorwürfe stillschweigend hinnehmen, die Verkünder desselben Evangeliums, [das ich predige], gegen mich schleudern? Neulich haben Corbeil und Jerome, ein Pfarrer aus der Klasse Thonon, öffentlich verbreitet, ich sei von Bern geflohen, als man mich der Ketzerei überführt habe. Und auf deren Gerede hin sagen es nicht drei oder vier, sondern tausend Leute im ganzen Gebiet herum, es sei über mich als Ketzer geurteilt worden. Wäre es nicht zehnmal besser, tot zu sein, als bei lebendigem Leibe so schmählich in die Acht getan zu werden? Wie soll ich jeden Tag auf die Kanzel steigen, wenn ich schweige gegen so gottlose Verleumdungen, von denen das ganze Land widerhallt? Wenn man mich hieße, mich meines Lehramts zu enthalten, dann wäre mein Schweigen wenigstens etwas zu entschuldigen, aber Ihr wisst, was uns der heilige Geist befiehlt, nämlich den Gegner das Maul zu stopfen [Tit. 1, 11]. Deshalb wäre es für mich unsinnig, ja mit Recht beschämend, ein Diener am Evangelium zu sein, wenn ich nicht wenigstens auch sein treuer Beschützer bin, wo es offen und feindselig von den eignen Glaubensgenossen angefochten wird. Ja, da der Rat jedem schwere Strafe androht, der vorzutragen wagt, was er von mir gelernt hat, soll ich da warten, bis die Verfolgung unter meinen Brüdern wütet und mir die Schuld daran gegeben wird? Wenn ich dabei auch noch sanfter und weniger mutig vorgehe, als ich sollte, so brauche ich mich bei Euch wohl nicht sorgfältig zu entschuldigen, [dass ichs überhaupt tue], denn in Eurer Klugheit seht Ihr wohl, dass mich die Notwendigkeit dazu zwingt, ich mag wollen oder nicht. Ein milderes Mittel habe ich wirklich nicht gefunden, als dass ich meine Klagen nochmals vor Euern Rat bringe. Wenn ich mir dafür Euer Eintreten erbitte, so glaube ich, nichts zu verlangen, was nicht unserer gemeinsamen Pflicht zukäme.

Ihr aber, beste Brüder, müsst noch weiter schauen; mit Eurem Willen wird von Euren Hörern und Schülern einer der Hauptpunkte unseres Glaubens einfach unterdrückt. Unter Drohungen verbieten sie jedermann, überhaupt davon zu reden. Nachdem sie diesen Teil der Lehre bereits für die Kirchen verboten haben, rotten sie ihn aus ihrem ganzen Gebiete aus und wappnen ihre Pfarrer, die so wie so schon allzu geneigt sind, Unruhe zu stiften, ganz allgemein gegen alle rechten, schlichten Leute, von denen man erfahren hat, dass sie je einmal ein Wort von dem heiligen Geheimnis Gottes gesprochen haben. Und zwar ist nicht nur der Strafe unterworfen, wer etwas Gottloses, Falsches und Verkehrtes vorgebracht hat, sondern ausnahmslos jeder, der die Prädestination Gottes auch nur berührt hat. Seht zu, ob das für Euch erträglich ist. Ich wollte mir lieber die Zunge ausreißen lassen, als schweigend dulden, dass ein solches Beispiel in der meiner Fürsorge und meinem Glauben anvertrauten Kirche gegeben würde. Ich zweifle auch nicht, dass Ihr ebenso gesonnen seid, aber ich glaubte Euch doch vertraulich daran erinnern zu müssen, dass in dieser Sache nichts unpassender ist, als wenn furchtsam gehandelt wird. In andern Dingen will ich zugeben, dass man vermeiden muss, Anstoß zu geben, hier aber ist kein Raum für Rücksichten. Auch darf Euch die andere Befürchtung nicht hindern, dass erfolglose Arbeit von Euch verlangt werde. Denn wenn Euch heute nur noch ganz wenig Freiheit geblieben ist, Einfluss fast gar keiner mehr, so dürft Ihr nicht erwarten, es werde Euch beides freiwillig zurückgegeben werden von den Machthabern, die schon das Wort Pfarrer brennt und juckt, die unsern Anblick fast nicht ertragen können, die schließlich die Erinnerung an uns am liebsten aufheben möchten. Wenn Ihr auch fast keinen Einfluss mehr habt, so müsst Ihr doch nachträglich Eure Freiheit wiedergewinnen, so dass die Leute, die bisher allzu sicher in ihren Sünden sich gefielen, doch wieder anfangen, zu merken, dass Christi Diener dazu ihre Zunge haben, sie strafend zu mahnen.

Obwohl jetzt nur ich persönlich angegriffen werde, so ists doch offenbar genug, dass in mir auch Ihr alle verletzt werdet, und es ist klar, wohin diese frevelhafte Verschwörung zielt; deshalb bitte und beschwöre ich Euch, beste, verehrte Brüder, kämpft mit nicht geringerem Eifer zum Schutz unseres gemeinsamen Amtes, als Ihr diese Hunde mit wütender Frechheit sich auflehnen seht zu seinem Sturze. Denn möchte es uns auch freistehen, es zu lassen, so wäre es doch verwunderlich, wenn ihr Übermut uns nicht aus unserem Schlummer weckte. Ich verzweifle auch gar nicht daran, dass nicht noch durch eine zwar spät kommende Mahnung die Aufmerksamkeit des Rates wachgerufen wird, so dass er ein erträgliches Vorgehen zur Dämpfung der Unruhen findet.

Lebt nun wohl, treffliche Männer und sehr verehrte Brüder. Meine Kollegen lassen Euch ehrerbietig grüßen. Der Herr leite Euch mit dem Geist der Klugheit, des Eifers und der Beharrlichkeit und segne, was Ihr unternehmt.

Genf, 5. Mai 1555.

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern

Vgl. 417.

Bitte um energisches Vorgehen gegen Bolsec.

Ihr wisst, verehrteste Brüder, als wir neulich bei Eurem hochweisen Rat Klage führten wegen der Beleidigung durch einige Leute, die unsere Lehre maß- und schamlos verlästern, da ist der von uns mit diesem Auftrag abgesandte Bruder mit der guten Aussicht entlassen worden, der Rat werde sich der Sache annehmen. Wir haben lange darauf gewartet. Endlich kam eine Antwort, die uns ebenso gespannt erhält, wie wir es vorher waren. Euer Rat schrieb dem unsern, diese Händel und bissigen Feindseligkeiten missfielen ihm sehr, und wie er schon vorher in mehreren Erlassen streitsüchtiges Disputieren, prahlerisches Aufbringen neuer Lehren, Schmähschriften und andere händelsüchtige Dinge verboten habe, so beharre er jetzt noch auf dieser Ansicht. Dann verlangte er weiter, wir sollten gemahnt werden, auch unsererseits alle Verfolgung zu lassen und Frieden zu halten mit den Pfarrern seines Gebietes. Ihr seht, dass da ganz im Allgemeinen die Schmähsucht und die Leidenschaftlichkeit verurteilt werden, die die Ruhe der Kirche stören, dass aber die vorliegende Sache mit keinem Wort berührt wird. Obwohl Ihr es nun noch vor kurzem nicht für gut fandet, auf unsere Bitte an Euern Rat zu gelangen und offen diese Sache zu übernehmen, wohl weil sie Eures Erachtens noch nicht ausgereift war, so müssen wir Euch jetzt doch wieder bei der heiligen Gemeinschaft unseres Amtes beschwören, Ihr möget es Euch nicht verdrießen lassen, uns zweierlei zu gewähren. Erstens, dass Ihr unsere Lehre, gegen die böse Menschen ein grundloses Gekläff erheben, ein Zeugnis erstellt. Zweitens, dass Ihr [Eurer Obrigkeit] klar macht, wie notwendig es ist, die Frechheit [der Gegner] zu dämpfen. Diese Forderung ist so billig, dass wir nicht glauben, mit Aufwand vieler Worte oder mit Heftigkeit in Euch dringen zu müssen. Hat unser Bitten bei Euch Erfolg, und wir vertrauen darauf, so wird aber sofort gehandelt werden müssen, weil dieser Bote auch ein Schreiben von uns an den Rat mitnimmt, das aber nicht im Rathaus gelesen werden sollte, ehe man Eure Rede angehört hat. Jedenfalls wird man sich darum bemühen müssen, dass Euer Vorgehen der Beschlussfassung des Rats zuvorkommt. Wollt Ihr uns also helfen, so wirds der Mühe wert sein, am Tag nach Übergabe dieses Briefes vor den Rat zu treten, damit es nicht zu spät geschieht, wenn die Sache bereits verhandelt ist. Welche Kühnheit Jerome [Bolsec] aus dem Schweigen Eures Rates schöpft, soll in kurzen Zügen angedeutet sein, damit seine Tollwut Euch Mut mache, Abhilfe zu suchen. Er hat seither unaufhörlich in privaten Tischgesprächen, in Wirtshäusern, auf der Straße ein Geschrei gemacht, Calvin sei ein Nichtsnutz und Ketzer. Erst vor kurzem hat er ein paar Genfer Bürgern vor einer großen Menge von Zuhörern höhnisch vorgeworfen, ihre Stadt hege einen gottlosen Ketzer. Auch hat er zwei Dienern am Wort gesagt, dem Servet sei schweres Unrecht geschehen, und durch Calvins ungerechte Tyrannei sei die gute Sache unterdrückt worden. Es ist auch gar nicht zu verwundern, dass dieser heillose, windige Geselle sich solche Frechheit herausnimmt, da er sieht, dass den Dienern am Wort solche Freiheit zum Schmähen gewährt wird. Welche Zerrüttung der Verhältnisse uns in Kürze droht, wenn man nicht rechtzeitig dagegen einschreitet, mögt Ihr in Eurer Klugheit selbst erwägen. Lebtwohl, beste Brüder. Der Herr rüste Euch aus mit dem Geiste der Klugheit und der Kraft und behüte Euch mit seinem Schutze.

Genf, 27. November 1554.
Eure Brüder und Kollegen
die Diener am Wort und Seelsorger der Kirche von Genf:

Johannes Calvin. Abel Poupin.
Francois Bourgoing. Michel Cop.
Raymond Chauvet. Jean Fabri.
De St.-André.
Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern.

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern.

Vgl. 323. Der Verwandte des Bischofs von Noyon ist vielleicht Laurent de Normandie Lazare Bayfe, französischer Gesandter am deutschen Hof (vgl. 52). Maurisier war 1540 wegen verletzender Äußerungen in seinen Predigten strafweise von Nyon in eine andere Gemeinde versetzt worden; ob dies schon Bernex war, oder ob er nochmals versetzt worden war, ist ungewiss.

Klage gegen den Verleumder Maurisier.

Nur ungern behellige ich Euch mit meinen Klagen. Denn ich weiß, Ihr habt der Schwierigkeiten in Bern genug und Eure Ohren sind nur zu sehr daran gewöhnt, Händel aus dieser Vogtei zu hören. So habe ich, um Euch zu verschonen, mehr unterdrückt und still hinuntergewürgt, als Ihr erlaubt. Die Notwendigkeit der Übereinstimmung aber in der Pflege unserer benachbarten Kirchen lässt mich nicht alles verschweigen.

Ich habe einmal bei unserm besten Bruder, Herrn Haller, als er hier war, mich leicht beklagt, es seien in den nächsten Dörfern des bernischen Gebiets einige Diener am Wort, die ihrer Stellung sehr schlecht entsprächen. Wäre es nur seither besser geworden! Wenn das, was wir täglich mit dem Mund bekennen, auch recht fest in unserm Herzen lebte, nämlich, dass die Kirche ein Leib sei, so dürften wir keinen Schaden an ihr behandeln, als wenn er uns nichts anginge; doch will ich einiges, was nicht gerade unsere Kirche verletzt, übergehen. Das Ärgernis aber, über das ich mich jetzt bei Euch beklagen will, ist zu schwer und drückt mich zu sehr, als dass ich dazu schweigen könnte.

In einem benachbarten Dorf auf bernischem Gebiet lebt ein Diener am Wort namens Francois Maurisier, ein Mensch von durchaus bedientenhafter Gesinnung. Denn glaubt er, sich etwas erlauben zu dürfen, so kann man sich nichts Frecheres und Übermütigeres denken; fürchtet er sich aber, so ist er ein Muster von stinkender, hündischer Schmeichelei. Er hat auch mich mit seiner unredlichen Schlauheit einmal getäuscht, so dass ich ihn mit manchem Dienst und auch mit Geld unterstützte, das er mir zum größten Teil noch schuldet. Nun wohnen in seiner Gemeinde drei hochadlige Herren, aus alten Adelsgeschlechtern stammend, der eine ein Vetter des Bischofs von Noyon, der zweite ein Schwager des Herrn de Falais, der dritte ein Brudersohn des Lazare Bayfe. Durch häusliche Verhältnisse gezwungen, wohnen sie auf dem Land, kommen aber gern und so oft sich dazu Gelegenheit bietet in die Stadt, hauptsächlich aus zwei Gründen, erstlich um sich durch Anhören unserer Predigten in der Frömmigkeit zu stärken, wonach sie sehr trachten, dann, um im Gespräch und Umgang mit Freunden einigen Trost zu holen. Und doch haben sie es bei Maurisier erreicht, dass er mittwochs eine außerordentliche Predigt eingeführt hat. Dass sie diese fleißiger besuchten als andere selbst die Sonntagspredigt, kann sogar er nicht leugnen, der ihnen jetzt so aufsässig und feindselig ist. Später hat er es dann, man weiß nicht warum, aufgegeben. Weil die Herren aber oft sonntags in die Stadt kamen, brachte törichte Eifersucht den armen Tropf soweit, dass er anfing, von der Kanzel auf sie zu schimpfen, da sie mit ihm in der Abendmahlsfrage nicht übereinstimmten. Wenn er auch keinen Namen ausdrücklich nannte, so ging er einmal, als wollte er mit dem Finger auf sie deuten, soweit, sogar ihre Kleidung zu beschreiben und sagte dann, sie seien fluchwürdiger als die Papisten. Ja, er ließ sich bis zu einer Fluchformel hinreißen, in der er die ganze Gemeinde im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes beschwor, sich vor so heftigen Pestbeulen zu hüten. Was er damit wollte, wusste zwar niemand; denn die Herren, gegen die er so loszog, hatten sich ihm gegenüber sehr artig und höflich gezeigt. Schließlich stellte sich dann heraus, dass er sich an ihnen rächen wollte, weil es ihn ärgerte, wenn sie mich ihm vorzogen. Solch lächerlicher Eifersucht hätte er sich ja schämen müssen, aber er spie sein Gift ganz öffentlich aus. Er ließ die Herren vor seinen Gemeinderat laden und machte ihnen Vorwürfe, warum sie seine Predigt nicht regelmäßig besuchten. Sie antworteten in aller Bescheidenheit, es geschähe weder in frevler Verachtung Gottes, noch um ihn, den Pfarrer, zu kränken, aber sie hätten das Recht, zuweilen lieber nach Genf zu gehen. Seien sie aber zu Hause, so hätten sie sich stets redlich bemüht, nicht zurückzustehen hinter andern im Kirchenbesuch. Mit dieser ruhigen, freundlichen Entschuldigung nicht zufrieden, begann er noch heftiger zu drohen und prahlte in bramarbasierenden Übermut, er wolle das Füchslein schon aus seinem Bau treiben. Sie antworteten einfach, er tue besser, wenn er solch streitsüchtigen Disput lasse, der nicht erbaulich sei, schwache Gewissen wankend machen und dadurch viel schaden könne. Dazu habe er keinen Grund, solchen Lärm zu schlagen, wenn er nicht etwa mit seinem Schatten fechten wolle. Endlich sei ihnen Unrecht geschehen, da er sie ohne ihre Schuld öffentlich als Ketzer gebrandmarkt habe. Drauf er: „Mit Recht seid Ihr mir verdächtig, weil Ihr den Calvin, diesen Fabrikanten einer neuen falschen, gottlosen Lehre, wie einen Götzen anbetet.“ Seither hört er nun nicht auf, meine Lehre mit allen möglichen Schimpfworten herunterzureißen. Als sie ihm antworteten, sie hätten von mir nie eine andere Lehre gehört und hätten selbst keine andre, als in unserm Zürcher Consensus zu lesen sei, den Ihr und alle Schweizer Pfarrer gebilligt hättet, da begann er den Consensus bald heuchlerisch und verlogen zu verspotten, bald verächtlich herunterzusetzen: das gehe ihn nichts an, was da zwei oder drei in einem Winkel miteinander abgemacht hätten. Alles in allem – er prahlte nicht weniger frech, als säße er noch in seiner alten Klosterhöhle. Viel mehr noch und Gröberes, als was ich berichte, steht in den Akten. Denn er hat seine Schimpfereien sogar handschriftlich jenen Richtern im Gemeinderat vorgelegt, und mich darin nicht weniger feindselig behandelt als der wütendste Papist, ja er schimpft sogar noch etwas frecher.

Nun ist der ganze Handel und die Untersuchung Euerm erlauchten Rat übertragen worden. Ich, beste Brüder, würde, falls nur meine persönliche Ehre angegriffen wäre, gern das Männlein, das von hungriger Ehrsucht aufgeblasen ist, samt seinem feindseligen Gezirp für nichts achten. Aber zweierlei brennt und quält mich, dass fromme Brüder, die in ihrer Heimat immer in Ehren standen, nun, da sie um ihres Glaubens willen zu uns als in ein frommes Asyl geflohen sind, so unwürdig behandelt werden, und zweitens, dass die heilige Wahrheit Gottes dem Spott der Gottlosen ausgesetzt wird, die Kirchen in verkehrtem Eifer auseinander gerissen werden, und den Gläubigen selbst dadurch Anlass zum Tadel geboten wird. Denn jene Gemeinderäte, die im Herzen noch dem Papsttum günstig sind, glauben, irgendeinen Vorteil davon zu haben, wenn ich ihren Irrtum teile und billige, wie ihnen der Schwindler von Pfarrer vorredet. Eifrig wird das Gerücht ausgestreut, wir [Evangelischen] seien nicht nur durch allerlei gegenseitige Händel uneins, sondern die als die Führer unter uns gölten, sehnten sich schon wieder nach dem Papsttum.

Ich glaube, das darf ich ohne Prahlerei von mir rühmen, dass ich mich stets treu und eifrig bemüht habe, der Kirche Gottes zu nützen. Dass ich nun, während ich sozusagen im Vordertreffen mit den Feinden streite, von den Ersatztruppen, die mir zu Hilfe kommen sollten, von hinten beschossen werde, ist mehr als unbillig. Seht selbst zu, ob es Euch wohl ansteht, dabei ruhig und still zuzusehen. Dass ich in der Bekräftigung der Wahrheit stets freimütig und ehrlich war, dafür ist unser bester Bruder, Herr Müslin, mir reichlich Zeuge. Wie ich mich um Frieden und Eintracht bemüht habe, darüber überlasse ich allen Guten gerne das Urteil und glaube es durch die Tat bewiesen zu haben. Gerade in der Abendmahlsfrage habe ich mich stets unbedenklich dem neidischen Hass der Gegenpartei ausgesetzt, um ihre heftigsten Gegner mit den Schweizer Kirchen auszusöhnen und zusammenzubringen. Seit in Zürich die von beiden Teilen herausgegebene Consensusformel beschlossen worden ist, bin ich darauf aufmerksam gemacht geworden, dass zwei Stellen meines Kommentars zum ersten Korintherbrief so lauteten, dass gute Leute daran Anstoß nehmen könnten; ich habe, was zu scharf gesagt war, gemildert.

Dieser fade Possenreißer nimmt nun ein paar Sätze aus meinen Werken, die er nie verstanden hat, und verstümmelt sie, um damit zu beweisen, ich hätte eine gottlose, dem Wort Gottes ganz zuwiderlaufende Lehre fabriziert, als ob Ihr alle blind wäret und er allein, der doch der reine Maulwurf ist, scharf sähe.

Doch ich will nun von Klagen, zu denen ich reichlich Stoff hätte, wie von einer längeren Rede, Euch zu mahnen und anzutreiben, absehen. Sollte ich in dieser Sache, die Ihr doch, wenn ich mich nicht ganz täusche, mit mir gemein habt, etwa des Schutzes durch Menschen entbehren müssen, so will ichs ruhig und gleichmütig tragen. Dass aber ein so unruhiger Mensch, der schon öfters wegen seiner Frechheit des Pfarramts entsetzt wurde, rechtzeitig gebändigt wird, so dass seine Maßlosigkeit nicht weiter greift, das liegt nicht weniger in Eurem und der ganzen Kirche Interesse als im meinigen. Eins aber bitte ich bei unserer brüderlichen Gemeinschaft von Euch, und das lasst Euch nicht zu viel sein, mir zu gewähren: Um Christi willen bitte ich Euch, lasst jene frommen Brüder nicht unter der Leidenschaft eines aufdringlichen, ungebildeten Menschen leiden.

[Genf, September 1551].

Calvin, Jean – An die Pfarrer in Bern.

Calvin, Jean – An die Pfarrer in Bern.

Auf der Heimreise von Zürich hatte Calvin in Bern dem wachsenden Zwist zwischen den zwinglischen Pfarrern unter Jodocus Kiechmeyer und den lutheranisierenden Simon Sulzer und Beat Gerung wahrgenommen. Er sucht auch brieflich Frieden zu stiften, doch ist der Brief nicht fertig geschrieben und also auch wohl nicht abgesandt worden. Weggelassen ist ein Verzeichnis biblischer Belegstellen.

Von der Würde des geistlichen Amts.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesu Christo.

Liebste, verehrte Brüder. Ihr erinnert Euch noch, was ich mit Euch geredet habe, als ich im Februar bei Euch durchreiste. Ich bin damals von Euch weggegangen, zwar sehr traurig und angstvoll Eures Zwistes wegen, aber doch mit Dank gegen Gott, weil Ihr Euch wenigstens soweit hattet bringen lassen, dass Ihr Euch zu einer ruhigen Behandlung der Frage bereit erklärtet, was mir als der beste Weg zur Aussöhnung erschien. Seither hat mich mit Recht Tag und Nacht die Sorge gequält, es möchte, wenn dies noch länger verschoben werde, das Übel so ausbrechen, dass eine Abhilfe nicht mehr möglich sei. Denn der Anfang davon, den ich gesehen, ließ mich mehr fürchten, als ich sagen durfte. So hatte ich öfters im Sinn, brieflich wieder auf die freundschaftliche Aussprache zu dringen, die mir beide Parteien versprochen hatten. Doch fürchtete ich, mein Eifer könnte mir von gewissen Leuten zum Vorwurf gemacht werden, als ob ich mich allzu geschäftig in unziemlicher Weise einmischte. Freilich durfte mich ja gewiss das verkehrte Gerede der Leute nicht hindern, meine Pflicht zu tun; besonders da mich eine solche Notlage dazu drängte. Ich habe ja Eure Klagen gehört, wie da jede Partei den ganz kläglichen Stand Eurer Kirche beklagte. Ach, welch böses Wort ist das unter Dienern Christi? Und doch muss ichs um der Wahrheit willen brauchen. Denn wo täglich Kämpfe entbrennen, kann man da anders als von zwei feindlichen Parteien reden? Aber nun höre ich, Euer Zank, der ja damals schon heftiger tobte als gut war, sei immer bitterer geworden, und zweifellos wird das Übel von Tag zu Tag anschwellen, wenn es nicht gleich weggeschafft wird. Da ich nun aber damals bemerkte, dass Ihr einander verdächtig geworden seid, fürchte ich, dass, was eine Partei dazu vorbrächte, gleich von der andern abgewiesen würde, wenn nicht von anderer Seite der Gefahr begegnet wird. So glaubte ich nach langem Zögern und sorgfältiger Erwägung aller Umstände, selbst diese Rolle übernehmen zu müssen und will nun, was ich über die bei Euch strittigen Lehrpunkte denke, Euch vorlegen, damit Ihr so auf eine Verhandlungsformel eintreten könnt. Ich nehme mir zwar durchaus nicht so viel heraus, Euch in der Entscheidung dieser Fragen vorangehen zu wollen, aber, weil ich kein besseres Vorgehen finde, will ich lieber alles versuchen als untätig bleiben. Freilich wäre ich vielleicht nicht so weit gegangen, hätte mir nicht, was ich bei Euch erfahren, Mut dazu gemacht. Denn als ich mit dir, lieber Bruder Jodocus, über die einzelnen Punkte sprach, merkte ich wohl, dass du vor meiner Ansicht durchaus keinen Abscheu hast. Du hast mir ja sogar bezeugt, dass dir gefalle, was ich sagte. Dasselbe habt Ihr, lieber Sulzer und lieber Beat, mir gern zugestanden, als ich mit Euch allein sprach. Ich werde nun hier nichts sagen, was ich nicht dort schon in der Hauptsache berührt habe. Das wird mir, glaube ich, schon als Entschuldigung gelten, und mich von jedem Verdacht der Anmaßung befreien, wenn ich nun, um zwischen Euch zu vermitteln, zuerst das Wort ergreife.

Drei Punkte sinds, über die Ihr uneins seid. Erstens über Zweck und Wirksamkeit des geistlichen Amtes, zweitens über das, was uns die Sakramente bieten, und drittens, ob und in welcher Weise uns im Abendmahl der Leib Christi gespendet wird.

Von den Dienern am Wort und ihrem Amt spricht die Schrift in zwiefacher Weise. Einmal beschreibt sie, was sie an sich vermögen, das andere Mal schließt sie die Gnade des heiligen Geistes mit ihrem Dienst zusammen. Wird der Diener am Wort an sich behandelt, so wird er zu nichts gemacht mit aller seiner Tüchtigkeit. Auch der Allertüchtigste, meine ich. Denn derselbe, der sonst mit Geistesgaben bis zum Wundertun ausgerüstet wird, mag arbeiten so viel er will und alle seine Kräfte anspannen, und so die vom Himmel empfangenen Gaben herbeiziehen, er wird doch nichts erreichen aus eigner Kraft und Arbeit.

Dass die Diener am Wort dazu von Gott berufen sind, dass sie die Menschen aus der Macht des Todes retten und zum Leben bringen und aus Knechten des Teufels zu Gotteskindern machen, kann man nicht leugnen. Was kann aber größeres gesagt oder gedacht werden? Ja, Paulus lehrt, um genau die Worte der Schrift zu brauchen: Es gefiel Gott, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben [1. Kor. 1, 21]. Maleachi verheißt, Elias werde kommen, die Herzen der Väter zu bekehren zu ihren Kindern [Mal. 4, 5, 6]. Christus sendet die Apostel aus, dass sie hingingen und Frucht brächten [Joh. 15, 16]. Es heißt, Apostel und Hirten seien gesetzt, dass die Heiligen zugerichtet werden usw. [Eph. 4, 12]. Paulus sagt, er walte seines Apostelamtes, alle Heiden zum Gehorsam Gottes zu bringen [Röm. 1, 5]; daran arbeite er, dass er darstelle einen jeglichen Menschen vollkommen [Kol. 1, 28]. Ebenso anderswo, dass er eine reine Jungfrau Christo zubrächte [2. Kor. 11, 12]. Schließlich wird die Predigt des Evangeliums das Gottesreich unter den Menschen genannt, ein Same des ewigen Lebens, Erleuchtung der Herzen, eine Kraft Gottes zur Seligkeit, allen, die daran glauben, ja ein Geruch des Lebens zum Leben. Aus dieser Zweckbestimmung geht nun aber in gewissem Sinn auch die Frucht und Wirksamkeit des Dienstes am Wort hervor. – – –

[März oder April 1547.]

Calvin, Jean – An einen Berner Pfarrer.

Calvin, Jean – An einen Berner Pfarrer.

Pierre Caroli, Doktor der Sorbonne, war wegen seiner evangelischen Anschauungen aus Frankreich entflohen und nach kurzem Aufenthalt in Basel und Genf zum ersten Pfarrer von Lausanne neben Pierre Viret eingesetzt worden, als Bern in der neu eroberten Waadt die Reformation einführte. Durch Carolis herrisches Wesen und zum Teil noch katholisierende Ansichten gab es bald Streit zwischen den beiden Kollegen.

Klage gegen Caroli, der Calvin der Ketzerei bezichtigt.

Ich denke, es wird dir schon bekannt genug sein, welche Intrigue uns Caroli in diesen Tagen angezettelt hat. Er klügelte nämlich eine Art aus, wie man für die Verstorbenen beten dürfe, nicht um sie von den Sünden zu erlösen, sondern damit sie bald auferständen. Eine überaus wichtige Frage, gerade jetzt, wo wir ernste Schwierigkeiten genug haben! Aber der ehrgeizige Mensche wollte sich durch etwas Neues beim Volke beliebt machen, dem er sich durch nichts Anderes empfehlen kann; als ob das etwas Neues wäre, was schon lange vorher von verschiedenen Schriftstellern vorgebracht worden ist. Er beansprucht trotzdem ganz frech den Ruhm der Erfindung, wodurch er deutlich kund tut, worum es ihm zu tun war, als er dies Dogma aussprach. Aber selbst wenn wir seinem Ehrgeiz den falschen Ruhm, den er sich wünscht, lassen, was erreicht er, wenn man klar beweisen kann, dass seine Erfindung nicht nur seltsam und unhaltbar, sondern geradezu dumm ist? Das darzutun mache ich mich anheischig. Ganz abgesehen nun von Recht oder Unrecht seiner Behauptung, in der Art, wie er sie vorbrachte, kann man ihn von großer Bosheit und Unredlichkeit nicht freisprechen. So lange Viret bei ihm war, sagte er kein Wort von der Sache. Viret kommt zu uns auf Besuch; sofort bricht der Lärm los! Das zeigt doch klar, dass Caroli boshaft die Abwesenheit seines Kollegen abgewartet hat, um die Ruhe der Kirche zu stören. Dazu kommt, dass ja auf Euern Antrag durch Beschluss aller Brüder festgesetzt war, es solle Niemand etwas bisher nicht Gehörtes und Übliches vors Volk bringen ohne Beratung mit mehreren Kollegen. Du weißt, wie richtig und wertvoll das ist zum Schutz der Lehreinheit. Durch diesen Beschluss glaubten wir unsere Kirchen aufs Beste geschützt vor der Gefahr der Uneinigkeit. Er aber, ohne das geringste Gewicht darauf zu legen, wie sehr er durch seine Unüberlegtheit das Reich Christi schädige, wirft diesen Beschluss der ganzen Kirche drunter und drüber. Wenn er auch bisher ein Leben nicht nur ohne Gesetz, sondern auch ohne Vernunft verbracht hat, so musste er doch denken, jetzt müsse er eine andere Lebensweise führen. Aber welche Art, eine Sache zu behandeln? Unverschämteres ward nie gehört. Damit ja deutlich würde, dass er ganz absichtlich uns feindselig bekriege! So groß war die Erregung seines Gehirns, so wild sein Geschrei, so bitter seine Worte! Zuerst reiste Viret wieder heim. Da er aber nichts ausrichtete, eilte auch ich auf Wunsch der Brüder hin. Frech schlug Caroli es stets ab, vor Euren Gesandten über sein Tun Rechenschaft abzulegen. Unsere Bemühung, ihn dazu aufzufordern, beschuldigte er als frevelhafte Verschwörung zu seinem Sturz. Obwohl es doch sicherer als sicher war, dass ich nie die geringste Feindschaft mit ihm gehabt, Farel und Viret aber immer nur seiner unreinen Sitten wegen gegen ihn aufgebracht waren. Nun wies ihm aber Viret alle Ränke und Verleumdungen dieser Art so geschickt zurück, dass er, in dieser Beziehung deutlich überführt, gefangen war. Um uns nun doch in einer Sache überlegen zu sein, bezichtigte er uns alle miteinander des Arianismus. Ich stand sofort auf und trug das Bekenntnis aus unserm Katechismus vor, das in dem offiziellen Schreiben an Euer Kollegium zitiert ist. Er gab sich aber damit nicht zufrieden, sondern erklärte, wir blieben ihm verdächtig, bis wir das Glaubensbekenntnis des Athanasius unterzeichnet hätten. Ich antwortete, es sei meine Gewohnheit, nichts Anderes für Gottes Wort zu achten, als was wirklich solches Gewicht habe. Nun musste ich aber die Wut des Ungeheuers kennen lernen. In tragischem Ton rief er: Das ist ein Wort, unwürdig eines Christen! Die Gesandten sagten, es sei eine Synode notwendig, um die Dinge zu besprechen, und nahmen es auf sich, eine solche zu veranlassen. Ich kann mit Worten nicht darstellen, und du kannst dirs nicht ausdenken, welche Gefahr der Kirche droht, wenn mans länger hinausschiebt. Wir glaubten deshalb nicht abwarten zu dürfen, bis die Gesandten Wort hielten, sondern hielten es für besser, die Aufgabe dir und deinen Kollegen zu überweisen. In diesem Sinn wurde ein offizielles Schreiben an Euer Kollegium gerichtet. Dich aber, trefflichster Bruder, der du in der Sache am meisten Einfluss hast und nach deiner Fähigkeit vor Andern mithelfen solltest, glaubte ich besonders bitten zu sollen, du mögest dich ernstlich dieser Sache widmen. Du glaubst kaum, wie sehr durch diesen einen Schlag die bisher gelegten Fundamente erschüttert sind, da die Unwissenden hören, wir seien uneins in der Lehre, und es ist unzweifelhaft, dass bald noch Schlimmeres folgt, wenn wir nicht gleich auf Heilung sinnen. Schon mussten sich einige von uns Schwindler nennen lassen, weil sie die Fürbitte für die Toten nicht mit Stillschweigen übergingen, sondern bestimmt bestritten. Schon wird uns von den Bauern vorgehalten, wir sollten zuerst einmal unter uns gleicher Gesinnung sein, ehe wir suchten, Andere für unsere Meinung zu gewinnen. Nun rechne selbst aus, was aus solchen Vorspielen herauskommen kann. Der Makel darf weiterhin nicht länger auf uns haften bleiben, den uns dieser Verleumder anhängte, damit nicht zugleich das ganze Evangelium durch die Schmähungen der Gottlosen heruntergerissen wird. Es muss deshalb dafür gesorgt werden, dass alle Pfarrer französischer Zunge, die unter der Herrschaft Eurer Republik stehen, zu seiner Synode versammelt werden, auf der alle Streitigkeiten dieser Art zum Austrag gebracht werden können. Und zwar schleunigst, und wenns irgendwie erreichbar ist, noch vor Ostern. Es gibt nämlich noch allerlei andere Dinge, deren Besprechung vor diesem Fest nützlich wäre. Wir hören nämlich, dass Einige so etwas vom brotwerdenden Leib Christi munkeln. Solcher Kühnheit sollte man zeitig entgegentreten. Du wirst, fromm und klug wie du bist, schon sorgen, dass du uns in einer so wichtigen Frage nicht fehlst, und vor allem zu Stande bringst, dass man uns nicht bis Ostern vertröstet. Dein Zeremonienbüchlein, das Maurus in unserm Auftrag übersetzt hat, haben wir mit unserm verglichen, von dem es in nichts als im Umfang abweicht. Ich habe es neulich nach Lausanne mitgenommen, da ich dachte, ich würde wohl noch nach Bern reisen. Nun scheints mir besser, den Synodaltag abzuwarten, an dem wir es mit Muße besprechen können. Scheue, bitte, die Mühe nicht, mir darüber und über die Ankündigung der Synode zu schreiben, an der teilzunehmen sich auch die Unsern nicht weigern werden.

[Februar 1537].