Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern.

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Bern.

Vgl. 323. Der Verwandte des Bischofs von Noyon ist vielleicht Laurent de Normandie Lazare Bayfe, französischer Gesandter am deutschen Hof (vgl. 52). Maurisier war 1540 wegen verletzender Äußerungen in seinen Predigten strafweise von Nyon in eine andere Gemeinde versetzt worden; ob dies schon Bernex war, oder ob er nochmals versetzt worden war, ist ungewiss.

Klage gegen den Verleumder Maurisier.

Nur ungern behellige ich Euch mit meinen Klagen. Denn ich weiß, Ihr habt der Schwierigkeiten in Bern genug und Eure Ohren sind nur zu sehr daran gewöhnt, Händel aus dieser Vogtei zu hören. So habe ich, um Euch zu verschonen, mehr unterdrückt und still hinuntergewürgt, als Ihr erlaubt. Die Notwendigkeit der Übereinstimmung aber in der Pflege unserer benachbarten Kirchen lässt mich nicht alles verschweigen.

Ich habe einmal bei unserm besten Bruder, Herrn Haller, als er hier war, mich leicht beklagt, es seien in den nächsten Dörfern des bernischen Gebiets einige Diener am Wort, die ihrer Stellung sehr schlecht entsprächen. Wäre es nur seither besser geworden! Wenn das, was wir täglich mit dem Mund bekennen, auch recht fest in unserm Herzen lebte, nämlich, dass die Kirche ein Leib sei, so dürften wir keinen Schaden an ihr behandeln, als wenn er uns nichts anginge; doch will ich einiges, was nicht gerade unsere Kirche verletzt, übergehen. Das Ärgernis aber, über das ich mich jetzt bei Euch beklagen will, ist zu schwer und drückt mich zu sehr, als dass ich dazu schweigen könnte.

In einem benachbarten Dorf auf bernischem Gebiet lebt ein Diener am Wort namens Francois Maurisier, ein Mensch von durchaus bedientenhafter Gesinnung. Denn glaubt er, sich etwas erlauben zu dürfen, so kann man sich nichts Frecheres und Übermütigeres denken; fürchtet er sich aber, so ist er ein Muster von stinkender, hündischer Schmeichelei. Er hat auch mich mit seiner unredlichen Schlauheit einmal getäuscht, so dass ich ihn mit manchem Dienst und auch mit Geld unterstützte, das er mir zum größten Teil noch schuldet. Nun wohnen in seiner Gemeinde drei hochadlige Herren, aus alten Adelsgeschlechtern stammend, der eine ein Vetter des Bischofs von Noyon, der zweite ein Schwager des Herrn de Falais, der dritte ein Brudersohn des Lazare Bayfe. Durch häusliche Verhältnisse gezwungen, wohnen sie auf dem Land, kommen aber gern und so oft sich dazu Gelegenheit bietet in die Stadt, hauptsächlich aus zwei Gründen, erstlich um sich durch Anhören unserer Predigten in der Frömmigkeit zu stärken, wonach sie sehr trachten, dann, um im Gespräch und Umgang mit Freunden einigen Trost zu holen. Und doch haben sie es bei Maurisier erreicht, dass er mittwochs eine außerordentliche Predigt eingeführt hat. Dass sie diese fleißiger besuchten als andere selbst die Sonntagspredigt, kann sogar er nicht leugnen, der ihnen jetzt so aufsässig und feindselig ist. Später hat er es dann, man weiß nicht warum, aufgegeben. Weil die Herren aber oft sonntags in die Stadt kamen, brachte törichte Eifersucht den armen Tropf soweit, dass er anfing, von der Kanzel auf sie zu schimpfen, da sie mit ihm in der Abendmahlsfrage nicht übereinstimmten. Wenn er auch keinen Namen ausdrücklich nannte, so ging er einmal, als wollte er mit dem Finger auf sie deuten, soweit, sogar ihre Kleidung zu beschreiben und sagte dann, sie seien fluchwürdiger als die Papisten. Ja, er ließ sich bis zu einer Fluchformel hinreißen, in der er die ganze Gemeinde im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes beschwor, sich vor so heftigen Pestbeulen zu hüten. Was er damit wollte, wusste zwar niemand; denn die Herren, gegen die er so loszog, hatten sich ihm gegenüber sehr artig und höflich gezeigt. Schließlich stellte sich dann heraus, dass er sich an ihnen rächen wollte, weil es ihn ärgerte, wenn sie mich ihm vorzogen. Solch lächerlicher Eifersucht hätte er sich ja schämen müssen, aber er spie sein Gift ganz öffentlich aus. Er ließ die Herren vor seinen Gemeinderat laden und machte ihnen Vorwürfe, warum sie seine Predigt nicht regelmäßig besuchten. Sie antworteten in aller Bescheidenheit, es geschähe weder in frevler Verachtung Gottes, noch um ihn, den Pfarrer, zu kränken, aber sie hätten das Recht, zuweilen lieber nach Genf zu gehen. Seien sie aber zu Hause, so hätten sie sich stets redlich bemüht, nicht zurückzustehen hinter andern im Kirchenbesuch. Mit dieser ruhigen, freundlichen Entschuldigung nicht zufrieden, begann er noch heftiger zu drohen und prahlte in bramarbasierenden Übermut, er wolle das Füchslein schon aus seinem Bau treiben. Sie antworteten einfach, er tue besser, wenn er solch streitsüchtigen Disput lasse, der nicht erbaulich sei, schwache Gewissen wankend machen und dadurch viel schaden könne. Dazu habe er keinen Grund, solchen Lärm zu schlagen, wenn er nicht etwa mit seinem Schatten fechten wolle. Endlich sei ihnen Unrecht geschehen, da er sie ohne ihre Schuld öffentlich als Ketzer gebrandmarkt habe. Drauf er: „Mit Recht seid Ihr mir verdächtig, weil Ihr den Calvin, diesen Fabrikanten einer neuen falschen, gottlosen Lehre, wie einen Götzen anbetet.“ Seither hört er nun nicht auf, meine Lehre mit allen möglichen Schimpfworten herunterzureißen. Als sie ihm antworteten, sie hätten von mir nie eine andere Lehre gehört und hätten selbst keine andre, als in unserm Zürcher Consensus zu lesen sei, den Ihr und alle Schweizer Pfarrer gebilligt hättet, da begann er den Consensus bald heuchlerisch und verlogen zu verspotten, bald verächtlich herunterzusetzen: das gehe ihn nichts an, was da zwei oder drei in einem Winkel miteinander abgemacht hätten. Alles in allem – er prahlte nicht weniger frech, als säße er noch in seiner alten Klosterhöhle. Viel mehr noch und Gröberes, als was ich berichte, steht in den Akten. Denn er hat seine Schimpfereien sogar handschriftlich jenen Richtern im Gemeinderat vorgelegt, und mich darin nicht weniger feindselig behandelt als der wütendste Papist, ja er schimpft sogar noch etwas frecher.

Nun ist der ganze Handel und die Untersuchung Euerm erlauchten Rat übertragen worden. Ich, beste Brüder, würde, falls nur meine persönliche Ehre angegriffen wäre, gern das Männlein, das von hungriger Ehrsucht aufgeblasen ist, samt seinem feindseligen Gezirp für nichts achten. Aber zweierlei brennt und quält mich, dass fromme Brüder, die in ihrer Heimat immer in Ehren standen, nun, da sie um ihres Glaubens willen zu uns als in ein frommes Asyl geflohen sind, so unwürdig behandelt werden, und zweitens, dass die heilige Wahrheit Gottes dem Spott der Gottlosen ausgesetzt wird, die Kirchen in verkehrtem Eifer auseinander gerissen werden, und den Gläubigen selbst dadurch Anlass zum Tadel geboten wird. Denn jene Gemeinderäte, die im Herzen noch dem Papsttum günstig sind, glauben, irgendeinen Vorteil davon zu haben, wenn ich ihren Irrtum teile und billige, wie ihnen der Schwindler von Pfarrer vorredet. Eifrig wird das Gerücht ausgestreut, wir [Evangelischen] seien nicht nur durch allerlei gegenseitige Händel uneins, sondern die als die Führer unter uns gölten, sehnten sich schon wieder nach dem Papsttum.

Ich glaube, das darf ich ohne Prahlerei von mir rühmen, dass ich mich stets treu und eifrig bemüht habe, der Kirche Gottes zu nützen. Dass ich nun, während ich sozusagen im Vordertreffen mit den Feinden streite, von den Ersatztruppen, die mir zu Hilfe kommen sollten, von hinten beschossen werde, ist mehr als unbillig. Seht selbst zu, ob es Euch wohl ansteht, dabei ruhig und still zuzusehen. Dass ich in der Bekräftigung der Wahrheit stets freimütig und ehrlich war, dafür ist unser bester Bruder, Herr Müslin, mir reichlich Zeuge. Wie ich mich um Frieden und Eintracht bemüht habe, darüber überlasse ich allen Guten gerne das Urteil und glaube es durch die Tat bewiesen zu haben. Gerade in der Abendmahlsfrage habe ich mich stets unbedenklich dem neidischen Hass der Gegenpartei ausgesetzt, um ihre heftigsten Gegner mit den Schweizer Kirchen auszusöhnen und zusammenzubringen. Seit in Zürich die von beiden Teilen herausgegebene Consensusformel beschlossen worden ist, bin ich darauf aufmerksam gemacht geworden, dass zwei Stellen meines Kommentars zum ersten Korintherbrief so lauteten, dass gute Leute daran Anstoß nehmen könnten; ich habe, was zu scharf gesagt war, gemildert.

Dieser fade Possenreißer nimmt nun ein paar Sätze aus meinen Werken, die er nie verstanden hat, und verstümmelt sie, um damit zu beweisen, ich hätte eine gottlose, dem Wort Gottes ganz zuwiderlaufende Lehre fabriziert, als ob Ihr alle blind wäret und er allein, der doch der reine Maulwurf ist, scharf sähe.

Doch ich will nun von Klagen, zu denen ich reichlich Stoff hätte, wie von einer längeren Rede, Euch zu mahnen und anzutreiben, absehen. Sollte ich in dieser Sache, die Ihr doch, wenn ich mich nicht ganz täusche, mit mir gemein habt, etwa des Schutzes durch Menschen entbehren müssen, so will ichs ruhig und gleichmütig tragen. Dass aber ein so unruhiger Mensch, der schon öfters wegen seiner Frechheit des Pfarramts entsetzt wurde, rechtzeitig gebändigt wird, so dass seine Maßlosigkeit nicht weiter greift, das liegt nicht weniger in Eurem und der ganzen Kirche Interesse als im meinigen. Eins aber bitte ich bei unserer brüderlichen Gemeinschaft von Euch, und das lasst Euch nicht zu viel sein, mir zu gewähren: Um Christi willen bitte ich Euch, lasst jene frommen Brüder nicht unter der Leidenschaft eines aufdringlichen, ungebildeten Menschen leiden.

[Genf, September 1551].

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