Calvin, Jean – An einen Berner Pfarrer.

Calvin, Jean – An einen Berner Pfarrer.

Pierre Caroli, Doktor der Sorbonne, war wegen seiner evangelischen Anschauungen aus Frankreich entflohen und nach kurzem Aufenthalt in Basel und Genf zum ersten Pfarrer von Lausanne neben Pierre Viret eingesetzt worden, als Bern in der neu eroberten Waadt die Reformation einführte. Durch Carolis herrisches Wesen und zum Teil noch katholisierende Ansichten gab es bald Streit zwischen den beiden Kollegen.

Klage gegen Caroli, der Calvin der Ketzerei bezichtigt.

Ich denke, es wird dir schon bekannt genug sein, welche Intrigue uns Caroli in diesen Tagen angezettelt hat. Er klügelte nämlich eine Art aus, wie man für die Verstorbenen beten dürfe, nicht um sie von den Sünden zu erlösen, sondern damit sie bald auferständen. Eine überaus wichtige Frage, gerade jetzt, wo wir ernste Schwierigkeiten genug haben! Aber der ehrgeizige Mensche wollte sich durch etwas Neues beim Volke beliebt machen, dem er sich durch nichts Anderes empfehlen kann; als ob das etwas Neues wäre, was schon lange vorher von verschiedenen Schriftstellern vorgebracht worden ist. Er beansprucht trotzdem ganz frech den Ruhm der Erfindung, wodurch er deutlich kund tut, worum es ihm zu tun war, als er dies Dogma aussprach. Aber selbst wenn wir seinem Ehrgeiz den falschen Ruhm, den er sich wünscht, lassen, was erreicht er, wenn man klar beweisen kann, dass seine Erfindung nicht nur seltsam und unhaltbar, sondern geradezu dumm ist? Das darzutun mache ich mich anheischig. Ganz abgesehen nun von Recht oder Unrecht seiner Behauptung, in der Art, wie er sie vorbrachte, kann man ihn von großer Bosheit und Unredlichkeit nicht freisprechen. So lange Viret bei ihm war, sagte er kein Wort von der Sache. Viret kommt zu uns auf Besuch; sofort bricht der Lärm los! Das zeigt doch klar, dass Caroli boshaft die Abwesenheit seines Kollegen abgewartet hat, um die Ruhe der Kirche zu stören. Dazu kommt, dass ja auf Euern Antrag durch Beschluss aller Brüder festgesetzt war, es solle Niemand etwas bisher nicht Gehörtes und Übliches vors Volk bringen ohne Beratung mit mehreren Kollegen. Du weißt, wie richtig und wertvoll das ist zum Schutz der Lehreinheit. Durch diesen Beschluss glaubten wir unsere Kirchen aufs Beste geschützt vor der Gefahr der Uneinigkeit. Er aber, ohne das geringste Gewicht darauf zu legen, wie sehr er durch seine Unüberlegtheit das Reich Christi schädige, wirft diesen Beschluss der ganzen Kirche drunter und drüber. Wenn er auch bisher ein Leben nicht nur ohne Gesetz, sondern auch ohne Vernunft verbracht hat, so musste er doch denken, jetzt müsse er eine andere Lebensweise führen. Aber welche Art, eine Sache zu behandeln? Unverschämteres ward nie gehört. Damit ja deutlich würde, dass er ganz absichtlich uns feindselig bekriege! So groß war die Erregung seines Gehirns, so wild sein Geschrei, so bitter seine Worte! Zuerst reiste Viret wieder heim. Da er aber nichts ausrichtete, eilte auch ich auf Wunsch der Brüder hin. Frech schlug Caroli es stets ab, vor Euren Gesandten über sein Tun Rechenschaft abzulegen. Unsere Bemühung, ihn dazu aufzufordern, beschuldigte er als frevelhafte Verschwörung zu seinem Sturz. Obwohl es doch sicherer als sicher war, dass ich nie die geringste Feindschaft mit ihm gehabt, Farel und Viret aber immer nur seiner unreinen Sitten wegen gegen ihn aufgebracht waren. Nun wies ihm aber Viret alle Ränke und Verleumdungen dieser Art so geschickt zurück, dass er, in dieser Beziehung deutlich überführt, gefangen war. Um uns nun doch in einer Sache überlegen zu sein, bezichtigte er uns alle miteinander des Arianismus. Ich stand sofort auf und trug das Bekenntnis aus unserm Katechismus vor, das in dem offiziellen Schreiben an Euer Kollegium zitiert ist. Er gab sich aber damit nicht zufrieden, sondern erklärte, wir blieben ihm verdächtig, bis wir das Glaubensbekenntnis des Athanasius unterzeichnet hätten. Ich antwortete, es sei meine Gewohnheit, nichts Anderes für Gottes Wort zu achten, als was wirklich solches Gewicht habe. Nun musste ich aber die Wut des Ungeheuers kennen lernen. In tragischem Ton rief er: Das ist ein Wort, unwürdig eines Christen! Die Gesandten sagten, es sei eine Synode notwendig, um die Dinge zu besprechen, und nahmen es auf sich, eine solche zu veranlassen. Ich kann mit Worten nicht darstellen, und du kannst dirs nicht ausdenken, welche Gefahr der Kirche droht, wenn mans länger hinausschiebt. Wir glaubten deshalb nicht abwarten zu dürfen, bis die Gesandten Wort hielten, sondern hielten es für besser, die Aufgabe dir und deinen Kollegen zu überweisen. In diesem Sinn wurde ein offizielles Schreiben an Euer Kollegium gerichtet. Dich aber, trefflichster Bruder, der du in der Sache am meisten Einfluss hast und nach deiner Fähigkeit vor Andern mithelfen solltest, glaubte ich besonders bitten zu sollen, du mögest dich ernstlich dieser Sache widmen. Du glaubst kaum, wie sehr durch diesen einen Schlag die bisher gelegten Fundamente erschüttert sind, da die Unwissenden hören, wir seien uneins in der Lehre, und es ist unzweifelhaft, dass bald noch Schlimmeres folgt, wenn wir nicht gleich auf Heilung sinnen. Schon mussten sich einige von uns Schwindler nennen lassen, weil sie die Fürbitte für die Toten nicht mit Stillschweigen übergingen, sondern bestimmt bestritten. Schon wird uns von den Bauern vorgehalten, wir sollten zuerst einmal unter uns gleicher Gesinnung sein, ehe wir suchten, Andere für unsere Meinung zu gewinnen. Nun rechne selbst aus, was aus solchen Vorspielen herauskommen kann. Der Makel darf weiterhin nicht länger auf uns haften bleiben, den uns dieser Verleumder anhängte, damit nicht zugleich das ganze Evangelium durch die Schmähungen der Gottlosen heruntergerissen wird. Es muss deshalb dafür gesorgt werden, dass alle Pfarrer französischer Zunge, die unter der Herrschaft Eurer Republik stehen, zu seiner Synode versammelt werden, auf der alle Streitigkeiten dieser Art zum Austrag gebracht werden können. Und zwar schleunigst, und wenns irgendwie erreichbar ist, noch vor Ostern. Es gibt nämlich noch allerlei andere Dinge, deren Besprechung vor diesem Fest nützlich wäre. Wir hören nämlich, dass Einige so etwas vom brotwerdenden Leib Christi munkeln. Solcher Kühnheit sollte man zeitig entgegentreten. Du wirst, fromm und klug wie du bist, schon sorgen, dass du uns in einer so wichtigen Frage nicht fehlst, und vor allem zu Stande bringst, dass man uns nicht bis Ostern vertröstet. Dein Zeremonienbüchlein, das Maurus in unserm Auftrag übersetzt hat, haben wir mit unserm verglichen, von dem es in nichts als im Umfang abweicht. Ich habe es neulich nach Lausanne mitgenommen, da ich dachte, ich würde wohl noch nach Bern reisen. Nun scheints mir besser, den Synodaltag abzuwarten, an dem wir es mit Muße besprechen können. Scheue, bitte, die Mühe nicht, mir darüber und über die Ankündigung der Synode zu schreiben, an der teilzunehmen sich auch die Unsern nicht weigern werden.

[Februar 1537].

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