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Schlagwort: Daniel Francois

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Nr. 619 (C. R. – 3162)

Vgl. 606, 614.

Die alte Freundschaft.

Dein Sohn ist nach deinem Geheiß mit seinem Vetter abgereist. Du urteilst ganz richtig, die Charakteranlage des jungen Mannes, der sich in seiner Beweglichkeit bald hierhin, bald dorthin ziehen lasse, brauche eine gewisse Zügelung; besonders damit er auf einem Studiengebiet bleibe und sich eine gründliche Bildung erwerbe, statt ehrgeizig umherzuschweifen und von jeder Wissenschaft nur zu naschen. Er zeichnet sich durch scharfes Urteil aus und ist bisher mit Erfolg unterrichtet worden. Wird nur sein unbändiger Übereifer, ein Fehler aller jungen Leute, im Zaume gehalten, so wird er gute Frucht bringen. Ich verlasse mich darauf, er wird es tun; denn er ist doch auch wieder bescheiden, und schon die kurze Zeit hat ihm etwas mehr Reife gegeben. Ist es dein Wunsch, dass er sich ernsthaft mit dem Zivilrecht beschäftige, so musst du ihn dazu schon noch antreiben; denn er hat sonst keine besondere Neigung dazu. Die 7 Gulden 30 Batzen, die er von mir erhalten hat, sind mir zurückgezahlt worden. Ich schämte mich wirklich, sie anzunehmen, da ich ja von alten Zeiten her noch dein Schuldner bin. Wäre ich nur ein wenig reicher, ich hätte mir auch nicht einen Heller von dir zurückzahlen lassen, aber die Überzeugung möchte ich dir nun geben, dass ich dir jetzt ganz verpflichtet bin und dass mein bisschen Besitz dir den Deinen stets zur Verfügung steht. Nur was ich schon öfters vorhatte, will ich jetzt tun; hier schicke ich deinen beiden Töchtern als Neujahrsgeschenk je einen Henri d´ or, damit sie wenigstens ein kleines Pfand meiner Dankbarkeit erhalten. Lebwohl, trefflicher Mann, bester Bruder. Die Freunde lasse ich vielmals grüßen. Der Herr behüte dich und die Deinen; er leite und stärke Euch allezeit.

12. Februar 1560.
Dein
Carolus Passelius.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Nr. 614 (C. R. – 3138)

 

 

606 Framberge war wie Daniel Calvins Jugendfreund in Orleans (vgl. Nr. 6); Guillaume du Coste, Abbe de Bon-Repos, Domherr in Orleans (nach Herminjards Vermutung der Adressat von Brief Nr. 50), schon lange heimlich dem evangelischen Glauben zugetan, trat 1562 offen zum Protestantismus über.

Ein Jurist wider Willen.

Dass du dich durch meine Fürbitte erweichen ließest, deinem Sohne zu verzeihen, war ein Liebesdienst, den du mir erwiesen hast und der mir liebe Erinnerungen an unsere alte Freundschaft wachrief, die du, wie ich sehe, auch nicht vergessen hast. Den jungen Mann selbst habe ich ernstlich ermahnt, das Rechtsstudium nicht beiseite zu werfen. Er erwiderte zuerst, er habe eben zu dieser Wissenschaft gar keine Lust, da er ja doch nicht hoffen dürfe, die einmal brauchen zu können, und brachte allerlei schöne Ausreden vor, warum er sich nicht gern zur Tätigkeit im Zivilrechtswesen entschließe, dass heutzutage bei Euch durch und durch korrumpiert sei. Als ich ihn aber an seine Pflicht erinnerte und ihm besonders vorhielt, dem Vorwurf der Undankbarkeit könne er sich nicht entziehen, wenn er deinem Wunsche nicht entspreche, da versprach er, alles tun zu wollen, was ich ihm in deinem Auftrag gebiete. Hat er nun auch meinem Zureden nachgegeben, so habe ich doch gemerkt und kann es nicht verschweigen, dass er nur ungern tat. Übrigens will ich, so weit meine Beschäftigung es erlaubt, mich bemühen, darauf zu achten, dass er sich nicht nach seinem Gutdünken allzu viel außer dem ihm gewiesenen Studiengang beschäftigt; doch ist bei ihm nicht zu befürchten, dass er aus jugendlicher Leidenschaft übermütig wird. Sehe ich mit der Zeit, dass er im Zivilrecht keine wünschenswerten Fortschritte macht, so müssen wir dann eben nach dem Stand der Tatsachen unsere Pläne fassen. Du weißt ja, wie schwer es ist, angeborene Naturanlagen zu zwingen. Ich will auch dafür sorgen, dass er sich literarischen Studien widmet und auch einiges Theologische mit einbezieht. Sicher ist es, zu welchem Lebensberuf du ihn auch bestimmst, in erster Linie wichtig, dass er im Glauben gut geschult ist. Bisher sehe ich nicht, wieso dir sein Weggehen von Hause ärgerlich sein könnte; denn es trägt bereits nicht zu verachtende Früchte. Könntest doch auch du dich einmal aus den Schlingen, in denen du gefangen liegst, frei machen! Was du mir brieflich anweisest, werde ich deinem Sohne in monatlichen Raten auszahlen. Weil ihm der Anzug, den er noch von zu Hause mitbrachte, in Lyon durch Diebstahl abhanden kam, so konnte ich ihm die Anschaffung eines neuen zu mäßigem Preis zum Schutz gegen die Winterkälte nicht verweigern. So viel für jetzt; begibt sich mit der Zeit etwas Neues, so will ich dirs getreulich melden. Unserm lieben Framberge wünsche ich, da ich anders nicht für seine ewige Seligkeit sorgen kann, einen besseren Sinn, dass er nicht zu Grunde geht in seinem Schmutze. Und was soll ich vom Abbe de Bon-Repos sagen? Er sitzt doch allzu sicher in seinem alten Wesen fest. Gott leite Euch alle mit seinem Geiste, er behüte und unterstütze Euch mit seiner Kraft und mache Euch reich an himmlischen Gütern; er segne auch Deine Familie mehr und mehr. Nochmals und nochmals lebwohl, bester Mann, verehrter Freund.

26. November 1559.

 

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Nr. 606 (C. R. – 3089)

Francois Daniel, Calvins Jugendfreund (vgl. Nr. 2, 4, 5, 6, 7, 8, 11) war Vermögensverwalter eines geistlichen Stiftes, also jedenfalls katholisch geblieben; sein Sohn aber war, wenn nicht ohne Wissen, so doch wider den Willen des Vaters, nach Genf gezogen.

Fürbitte für den Sohn des Jugendfreundes.

Sehr lieber Herr und Bruder, ich habe es bis jetzt aufgeschoben, Ihnen von Ihrem Sohne zu schreiben, weil ich es mir besser überlegen wollte, was ich Ihnen von ihm sagen könne, und dann auch, weil mir ein guter, sicherer Bote mangelte. Ich bin überzeugt, die Abreise Ihres Sohnes hat Sie betrübt; denn sie machte ja einen Strich durch Ihre Pläne und Absichten über die Laufbahn, die Sie ihn einschlagen lassen wollten. Aber ich bitte Sie, lassen Sie ihren Gefühlen nicht so sehr den Zügel schießen, dass Sie nicht mehr billig urteilen, ob sein Tun nicht gut war, wenn es von Gott kam. Hätten Sie den Mut gehabt, den man von Ihnen in der Erfüllung Ihrer Gewissenspflicht verlangen durfte, so hätten Sie selbst ihm schon längst diesen Weg gewiesen. Da Sie aber so kalt sind und zu träge, aus dem dunklen Abgrund herauszukommen, in dem Sie stecken, so tragen Sie es wenigstens Ihren Kindern nicht nach, wenn Gott sie daraus befreit. Vielmehr soll ihr Beispiel ein Anstoß sein, der auch Sie dazu treibt, mit allen Kräften sich loszumachen. So viel ich bemerkt habe, scheint mir Ihr Sohn durchaus nicht von Leichtsinn getrieben und geführt worden zu sein, vielmehr hat ihn die Gottesfurcht gezwungen, sich zurückzuziehen von dem Aberglauben, der Gott beleidigt. Das darf Sie nicht erzürnen, dass er Gottes Befehl höher geachtet hat als Ihre Zufriedenheit. Was mich zu dem Urteil bringt, dass der junge Mann nichts anderes im Auge gehabt hat, als in reiner Weise Gott zu dienen, ist, dass er sich hier sehr bescheiden benimmt, und dass man an ihm nichts anderes bemerkt als aufrichtige Christlichkeit. Von mir hat er noch keine Unterstützung erhalten, wiewohl es mir nicht schwer fällt, sie ihm von ganzem Herzen anzubieten. Auch bin ich stets bereit, aus Liebe zu Ihnen ihm zu helfen, soweit es mein bescheidenes Vermögen erlaubt. Doch vor allem ist es mein Wunsch, dass Sie sich mit ihm aussöhnen; er hat Sie ja doch nicht verlassen wie ein ungeratener Bursche; sondern, da er es getan hat in seinem Eifer, Gott zu folgen, so haben Sie allen Grund, damit nur zufrieden zu sein, und darum bitte ich Sie recht herzlich. Ich hoffe, Sie antworten mir etwas; dann werde ich auch mehr schreiben.

So empfehle ich mich nun von ganzem Herzen Ihnen, Ihrer Frau Mutter und Ihrer Frau und bitte den lieben Gott, er wolle Sie in seiner Hut halten, Sie leiten mit seinem Geiste und Sie wachsen lassen in allem Glücke.

15. Juli 1559.
Ihr ergebener Bruder und treuer Freund
Charles d´ Espeville.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Als Calvin im Jahr 1536 durch Genf reiste, wurde er von Guillaume Farel genötigt, dort zu bleiben und am Reformationswerk mitzuarbeiten. Die im Brief erwähnte Lausanner Disputation leitete die Reformation in der kurz vorher von Bern eroberten Waadt ein. Das genannte Büchlein ist wohl die Institutio.

Von der Ankunft in Genf. Die Lausanner Disputation und ihre Folgen.

Damit du nicht nach deiner alten Gewohnheit lange und laute Klage wider meine Faulheit erhebst, weil nun schon ein Vierteljahr vorbei ist, seit du einen Brief von mir bekommen hast, so vernimm, wie sich alles verhält. Während ich in Genf einige Tage von den Brüdern festgehalten wurde, die mir das Versprechen, wieder dorthin zu kommen, erpressten, während ich dann meinen Verwandten d´Artois nach Basel begleitete und auf der Reise selbst viele Gemeinden berührte, die mich baten, einige Zeit bei ihnen zu bleiben, ging über alledem die Lyoner August-Messe vorbei, die zur Briefbeförderung die beste Gelegenheit gewesen wäre. Als ich dann wieder nach Genf und zugleich wieder etwas zu mir selbst kam, da befiel mich eine starke Erkältung, die sich so heftig aufs obere Zahnfleisch warf, dass trotz zweimaligem Aderlass, zweimal wiederholtem Pillenschlucken, und vielen Umschlägen am neunten Tag erst eine Besserung eintrat. Freilich, wenn das auch erst ganz vorbei war, als schon die Schreibgelegenheit versäumt war, so hätte ich dann doch noch Muße genug gehabt zum Schreiben, und der Weg unseres Briefverkehrs wäre auch nicht ganz versperrt gewesen. Weil ich aber immer wieder an eine französische Ausgabe meines Büchleins dachte, und meine Hoffnung darauf fast sicher wurde, so hätte ich lieber gesehen, wenn ein Brief mit einer solchen Beilage statt eines leeren an dich hätte gehen können. Ehe aber noch diese Hoffnung bei näherer Überlegung zunichte wurde, waren auch schon die Tage der Lausanner Disputation da, an der ich teilnehmen musste. Zugleich stand auch die November-Messe bevor, und da ich sie für eine günstigere Schreibgelegenheit hielt, beschoss ich endlich, sie lieber abzuwarten. Soviel, um deinen Beschwerden entgegen zu treten. Das Gerücht von der eben erwähnten Disputation ist, wie ich höre, schon so weit und breit herumgekommen, dass ich nicht zweifle, es sei ein Hauch davon wenigstens auch zu Eurer Stadt gedrungen. Veranstaltet war sie durch Beschluss des Berner Rates, der durch feierliches Edikt gebot, jeder solle frei und straflos vorbringen, was auf den Religionszwiespalt Bezug habe. Sie hielten das für die beste Art, die Unwissenheit der Leute, die der wahren Religion entgegen zu arbeiten suchen, öffentlich zur Schau zu stellen und so zu besiegen, und sie aus dem neuen Gebiet, das sie dem Herzog von Savoyen abgenommen haben, zu verbannen. Schon an vielen Orten hats begonnen, dass Bilder und Altäre fallen mussten, und bald, hoffe ich, wird auch ausgefegt, was jetzt noch übrig ist. Der Herr lasse den Götzendienst doch auch in allen Herzen zusammenstürzen. Den Verlauf der Disputation schreibe ich dir nicht, weil ich ihn doch nicht mit kurzen Worten zusammenfassen kann und glaube, dass er auch einmal im Druck erscheinen wird. Morgen werde ich, so Gott will, nach Bern reisen (weshalb, sollst du in einem andern Brief erfahren) und ich fürchte, ich werde noch bis Basel weiter müssen. Wenns geht, versuche ich mich dieser Beschwerlichkeit zu entziehen, besonders da meine Gesundheit gebrochen und die Witterung in dieser Jahreszeit so gefährlich ist. Wenn doch die faulen Bäuche, die bei Euch im Schatten so süß schwatzen, so reich an Mut wie an Worten wären, sie flögen wahrhaftig hierher, um freiwillig einen Teil der Arbeit auf sich zu nehmen, die wir in so kleiner Zahl nicht bewältigen können. Du machst dir keinen Begriff davon, welcher Mangel an Pfarrern herrscht im Verhältnis zu den vielen Gemeinden, die der Hirten bedürfen. Dass sich wenigstens die Mutigsten unter Euch die Not der Kirche ansähen und sich entschlössen, sich um Hilfskräfte zu bemühen. Der Herr behüte dich.

Lausanne, 13. Oktober.

Grüße bitte deine Mutter und Schwester, auch deine Frau getreulich von mir, auch, wenn es dir gut scheint, deinen Vetter und alle Anderen.

Dein Martianus Lucanius.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans

Calvin hatte für den Rektor Cop eine Rede evangelischen Inhalts geschrieben, die dieser bei einem Universitätsanlass ablas. Infolge davon musste Calvin aus Paris fliehen, um einer Verhaftung als Ketzer zu entgehen. Er fand in Claix bei Angouleme ein Asyl im Haus des Chorherrn du Tillet, in dessen reicher Bibliothek er arbeitete.

Im Asyl bei du Tillet in Angouleme.

Mit dir kann ich ja schwatzen, wie ich will, und auch ohne bestimmten Stoff eine Seite füllen. Doch was soll ich dich mit meinen Kleinigkeiten aufhalten? Es genügt, dir jetzt das anzudeuten, worüber du dir vielleicht Sorge machtest, nämlich dass es mir gut geht und ich im Studium vorwärts komme, obwohl ich, wie du weißt, eigentlich müßig sitze. Selbst der trägste, faulste Mensch müsste zum Fleiß aufgestachelt werden durch die Freundlichkeit meines Gönners, die so groß ist, dass ich wohl merke, eigentlich gelte sie mehr meiner Wissenschaft als meiner Person. Umso mehr muss ich versuchen, ja eigentlich danach ringen, dass ich nicht mit zuviel Güte, die mir drückend, ja fast beschwerlich wäre, überschüttet werde. Obschon ich, freilich nur wenn ich allen Eifer aufwende, Entsprechendes oder fas Entsprechendes leisten kann, so ist mir doch in dieser Güte eine sehr scharfe Konkurrenz entgegengetreten. Deshalb zupft mich der Gedanke am Ohr, dafür gerade die Studien zu pflegen, um deretwillen mir so viel gewährt wird. Wenn ich die Zeit, die eigentlich der Verbannung oder Auswanderung bestimmt war, in solcher Ruhe zubringen darf, so glaube ich, geschieht mir etwas Außerordentliches. Doch dafür wird der Herr sorgen, dessen Vorsehung alles aufs Beste versehen wird. Ich habs erfahren, dass wir nicht ins Weite schauen dürfen. Als ich mir Ruhe in Allem versprach, stand vor der Tür, was ich am wenigsten erwartet hatte. Dann wieder, als ich auf einen unangenehmen Wohnsitz denken musste, wurde mir ein Nest im Stillen hergerichtet wider alles Erwarten. Das Alles ist die Hand des Herrn. Wenn wir uns ihm anvertrauen, wird er für uns sorgen. Doch nun ist schon fast die Seite voll, mit Sinn und Unsinn. Lebwohl. Grüße, wen du willst. Aus der Akropolis geschrieben.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Ich schicke dir hier eine Sammlung Neuigkeiten, mit der Bedingung aber, dass sie (bei deiner Freundestreue!) durch deine Hand auch zu den andern Freunden kommen, die du mir herzlich grüßen sollst, außer Framberg, den ich jetzt einmal mit Schweigen erreichen will, da ich weder mit Schmeicheln etwas von ihm herauslocken, noch mit Tadeln herauskriegen konnte. Und das Ärgste, als sein Bruder neulich hierher kam, trug er ihm nicht einmal einen Gruß auf. – – –

Für deine Schwestern magst du den Übersetzer machen, damit ihr nicht allein zu lachen habt – –

Lebwohl, liebster Bruder und Freund

Dein Bruder Calvinus.

Ich brauche nicht zu sagen, der Brief sei in größter Hast geschrieben; er spricht für sich. Gib acht, dass der Bericht nicht unvorsichtig unter die Leute gebracht wird.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Dieser im vorhergehenden Brief verheißene Bericht bezieht sich auf folgende Umstände: Marguerite de Valois, Königin von Navarra, die Schwester König Franz I., und ihr Beichtvater M. Gerard Roussel (M. G.) neigten zur evangelischen Frömmigkeit hin und wurden deshalb von den Anhängern des Alten angefochten, vom König aber noch beschützt.

Skandale in Paris gegen Marguerite de Valois.

Obwohl ein ganzer Wald von Ereignissen vor mir steht, aus dem ich mir Stoff zu einem Briefe holen könnte, will ich doch meine Feder zügeln, so dass du nur kurze Angaben statt ausführlicher Erzählung bekommst. Gäbe ich nach, mein Brief schwölle zum richtigen Buch an. Am ersten Oktober, zur Zeit, da die Knaben, die aus der Grammatikklasse in die der Dialektik vorrücken, Theaterstücke zu spielen pflegen, wurde im Navarra-Gymnasium eine Komödie gespielt, die nach einem Dichterwort mit Galle und schärfstem Essig besprengt war. Es trat auf eine Königin, nach Frauenart mit Spinnen beschäftigt, und an nichts denkend, als an Rocken und Spindel. Dann kam eine Megäre (es war eine Anspielung auf M. G.), die ihr die Fackel vorhielt, dass sie Rocken und Spindel fallen ließ. Sie wich ein wenig zurück, wehrte sich ein wenig, dann aber, als sie der Furie nachgab, bekam sie ein Evangelienbuch in die Hand, über das sie alle ihre früheren Gewohnheiten, ja fast sich selbst, vergaß; zuletzt erhob sie sich zu wilder Tyrannei und plagte arme Unschuldige mit allerlei Bosheit. Viele ähnliche Erfindungen waren noch beigefügt, die wahrhaftig die Frau nicht verdiente, die sie hier nicht etwa nur bildlich und versteckt mit ihrem Spott herunterrissen. Einige Tage wurde die Sache unterdrückt, dann aber (die Zeit gebiert ja die Wahrheit!) wurde sie der Königin hinterbracht. Man fand, es sei für die Lust der Leute, die nach neuen Dingen gelüstet, ein zu böses Beispiel, wenn eine solche Frechheit ungestraft bliebe. Ein Richter begleitet von 100 Knechten zog zum Gymnasium und ließ seine Leute das Haus umstellen, damit keiner entwische. Er selbst ging mit wenigen Leuten hinein, fand aber den Komödiendichter nicht. Es hieß, dieser habe keineswegs etwas geahnt, sondern habe nur zufällig vom Schlafzimmer eines Freundes aus den Lärm gehört, ehe man ihn selbst sah, und habe dann rasch einen Schlupfwinkel aufgesucht, um bei Gelegenheit daraus zu entweichen. Der Richter nahm dann die Knaben fest, die in dem Stück gespielt hatten. Als der Schulleiter dies hindern wollte, kams zum Wortwechsel, und von einigen Jungen wurden Steine geworfen. Trotzdem ließ er sie festhalten und nochmals aufsagen, was sie auf der Bühne gesprochen hatten. Alles wurde aufgeschrieben. Da man den Anstifter des Frevels nicht erwischen konnte, wars das Nächste, von denen Rechenschaft zu fordern, die zugelassen und dann noch länger mit Schweigen gedeckt hatten, was sie hätten hindern können. Der Eine, der durch Namen und Ansehen sich auszeichnet, (es ist der berühmte Magister Loret) bewirkte, dass er statt des Gefängnisses weniger schimpfliche Haft im Hause eines so genannten Kommissars erhielt, der Andere, Morin, nach ihm der Zweite erhielt Hausarrest bis zu näherer Untersuchung. Was man bis jetzt erfahren hat, weiß ich nicht. Wie ich weiß, ist er aber schon auf übermorgen vorgeladen. Soviel von den Komödien. Einen andern gleich boshaften, wenn auch nicht so frechen Streich, haben ein paar herrschsüchtige Theologen begangen. Bei der Untersuchung der Buchhandlungen trugen sie ein französisches Buch, betitelt Spiegel der sündigen Seele, in die Liste der zu verbietenden Bücher ein. Als die Königin dies erfuhr, beklagte sie sich beim König, ihrem Bruder, und bekannte, sie sei die Verfasserin. Der befahl schriftlich den Professoren der Universität Paris, zu erklären, ob sie das Buch wirklich auf die Liste der Bücher unerlaubten religiösen Inhalts gesetzt hätten. Wenn es sich so verhalte, so sollten sie ihr Urteil vor ihm rechtfertigen. Darüber berichtet der gegenwärtige Rektor, der Mediziner Nicolas Cop an die vier Fakultäten der Medizin, Philosophie, Theologie und des kanonischen Rechts. Bei den Magistern der freien Künste, vor denen er zuerst redete, zog er in langer heftiger Rede gegen die her, die so frech seien, sich ein solches Recht gegen die Königin herauszunehmen. Er riet ihnen, wenn sei nicht den Zorn des Königs spüren wollten, so sollten sie sich nicht in die Gefahr begeben, der Königin, einer Mutter aller Tugend und edlen Wissenschaft, den Krieg zu erklären. Wenn sie das aber auf sich nehmen wollten, so sollten sie doch damit nicht die Frechheit derer stärken, die jederzeit zu jedem beliebigen Skandal bereit seien, mit dem Vorwande, es handle so die Universität, wenn sie selbst ganz gegen den Willen der Universität vorgingen. Man beschloss zu beschwören, man stehe der Sache ganz fern. Denselben Beschluss fassten auch die Theologen, die Kanonisten, die Mediziner. Der Rektor verkündete seinen Fakultätsbeschluss, dann der Dekan der Mediziner, dann ein Doktor des kanonischen Rechts, dann ein Theologe. Zuletzt sprach Le Clerc, der Pfarrer von St. Andre, auf den alle Schuld zu fallen schien, da alle anderen sie von sich abwälzten. Zuerst rühmte er mit großartigen Worten die Orthodoxie des Königs, der sich bisher immer als mutigen Beschützer des Glaubens bewiesen habe. Nun gebe es aber feindselige Menschen, die dieser vortreffliche Gesinnung zu verderben wagten, die sogar zum Untergang der heiligen theologischen Fakultät sich verschworen hätten. Er hoffe aber, sie würden nichts erreichen bei der Glaubenstreue, die er am König kenne. Was die vorliegende Sache betreffe, so sei er zwar durch Universitätsbeschluss zur Zensur der Bücher abgeordnet, aber nichts habe ihm ferner gelegen, als etwas gegen die Königin zu unternehmen, eine Frau von heiligem Wandel und reinem Glauben, wofür die Leichenfeier zeuge, die sie beim Tod ihrer Mutter habe halten lassen. Für verbotene Bücher halte er nur die unsittlichen, wie z. B. Pantagruel, Das Lustwäldchen und Schriften ähnlichen Kalibers. Vorliegendes Buch sei nur deshalb auf die Liste der zu beanstandenden Bücher gesetzt worden, weil es ohne Bewilligung der Fakultät erschienen sei, unter der Umgehung des Verbotes, irgendetwas auf die Religion Bezügliches ohne Erlaubnis der Fakultät herauszugeben. Schließlich stütze er sich darauf, dass im Auftrag der Fakultät geschehen sei, was jetzt zur Untersuchung komme. Liege eine Schuld vor, so seien sie alle beteiligt, auch wenn sie es jetzt ableugneten. Das sagte er alles auf Französisch, damit sie alle einsähen, ob er die Wahrheit gesprochen. Es flüsterten sich aber alle zu, er zeige damit bloß seine Dummheit. Es waren auch Petit, der Bischof von Senlis, d l´Estoile und ein höherer Beamter des königlichen Hofes anwesend. Als Le Clerc schloss, sagte Petit, er habe das Buch gelesen und nichts gefunden, was Korrektur verdiene, er müsste denn seine Theologie ganz vergessen haben; er beantrage, dem König durch Veröffentlichung eines Beschlusses Genugtuung zu leisten. Cop als Rektor verkündete hierauf, die Universität anerkenne die Zensur nicht, sie möge im Einzelnen sein, wie sie wolle, durch die die Schrift zu den verbotenen oder beanstandeten Büchern gerechnet worden sei, billige sie nicht und nehme sie nicht auf sich. Die Zensoren möchten selber sehen, wie sie sich verteidigten. Es solle darüber ein Dokument abgefasst werden, in dem die Universität sich beim König entschuldige und ihm danke, dass er sie so mild und väterlich zur Rede gestellt habe. Es wurde auch eine königliche Urkunde vorgelegt, durch die der Bischof von Paris das Recht erhält, in den einzelnen Gemeinden Prediger einzusetzen, die früher nach Willkür jener Theologen gewählt worden waren, je nachdem einer ein Schreihals war und von der dummen Wut beseelt, die sie frommen Eifer nennen, während doch Elias nie so wutentbrannt war, als er um das Haus Gottes eiferte.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvins Kommentar zu Seneka ist erschienen.

Nun sind die Würfel gefallen! Mein Kommentar zu Senekas Schrift über die Milde ist erschienen, aber auf meine eigenen Kosten. Das hat mehr Geld gebraucht, als du dir vorstellst. Nun mühe ich mich, wieder etwas einzubringen. Hier habe ich einige Professoren ersucht, das Buch in den Schulen zu lesen. In Bourges habe ich einen Freund bewogen, zu öffentlichen Vorlesungen den Katheder zu besteigen. Auch du kannst mir etwas zu Gefallen tun, wenn es dir nicht lästig ist. Du wirst es tun aus alter Freundschaft, besonders da du ohne Verlust in deinem Ansehen mir einen Dienst leistest, der vielleicht auch dem Gemeinwohl gelten darf. Wenn du mich durch eine solche Gefälligkeit dir verpflichten willst, so schicke ich dir 100 Exemplare, oder soviel dir gut scheint. Unterdessen nimm dies Eine, das du empfängst, damit du nicht glaubst, ich wolle dir etwas vorschreiben. Ich möchte, dass du meinetwegen ganz frei entscheidest. Lebe wohl und antworte mir bald.

Paris, 22. April.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

In Paris herrschte die Pest, worauf sich vermutlich der Anfang des Briefes bezieht, und weshalb Calvin abreisen wollte.

Empfehlung eines Arztes.

Ich hatte vor, dir in so böser Zeit nichts zu schreiben, wenn nicht wider mein Erwarten sich mir hier Stoff geboten hätte. Denn als ich eben ans Abreisen dachte, befiel mich ein heftiger Durchfall. Als zu dessen Bekämpfung der Überbringer dieses Briefs, ein wirklich erfahrener Arzt, bei mir war, erzählte er mir, er habe vor, nach Orleans zu ziehen und sich dort niederzulassen, da er hoffe, dort für seine Kunst einen günstigen Ort zu finden. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm mit einer Empfehlung zu helfen, damit er nicht als ganz fremder Gast in Eure Stadt komme. So bitte ich dich, um unserer Freundschaft willen, ihn aufzunehmen und ihm, soviel du kannst, zu helfen. Ich weiß wohl, was es heißt, einen Arzt zu empfehlen! Lobt man einen Unwürdigen, so zieht man zu allgemeinem Verderben ein Mörderschwert aus der Scheide. Denn man zeigt einem den Weg, viele zu töten, der, wie ein Schriftsteller sagt, ungestraft morden darf. Von diesem Mann aber wage ichs zu behaupten, er sei in seiner Wissenschaft recht gelehrt, auch der Praxis nicht so fremd, dass er etwa aus Unerfahrenheit Fehler machte, dazu in seinem Charakter seiner Gelehrsamkeit nicht nachstehend. Das verbürge ich mit meinem Wort dir und deinen Freunden für diesen Mann. Sorge also dafür, dass auch solche sich ihm sicher anvertrauen, die es sonst nicht wagen würden, mit Lebensgefahr einen Unbekannten zu erproben. Was ich im Sinne habe, erfährst du von unserm Francois und kann dir auch der Überbringer dieses Briefs sagen. Grüße Mutter, Frau, Schwester usw.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Gespräch mit Daniels Schwester über ihren Eintritt ins Kloster. Vom Quartiersuchen.

Am Tag nach unsrer Ankunft hier konnte ich vor Reisemüdigkeit keinen Fuß vor die Haustür setzen. Die nächsten vier Tage, in denen mir immer noch unwohl war, habe ich ganz dazu gebraucht, meine Freunde zu begrüßen. Am Sonntag ging im zum Kloster mit Cop, der sich mir als Begleiter anbot, um nach Euerm Wunsch mit den Nonnen einen Tag festzusetzen, an dem deine Schwester sich zum Klosterleben verurteilen könne. Man antwortete mir, sie habe mit einigen Altersgenossinnen nach Klosterbrauch vom Schwesternkonvent die Erlaubnis erhalten, das Gelübde zu tun. Unter ihnen ist auch die Tochter eines Geldwechslers in Orleans, der deines Bruders Lehrherr ist. Während Cop mit der Äbtissin davon redete, versuchte ich die Sinnesart deiner Schwester zu erforschen, ob sie jetzt, eher gebrochen als gebeugt, ihren Nacken dem Joch willig darbiete. Ich sprach ihr immer wieder zu, mir alles frei heraus anzuvertrauen, was sie auf dem Herzen habe. Nie habe ich jemand bereitwilliger und entschlossener gesehen, so dass es schien, ihr Wunsch könne nicht rasch genug erfüllt werden. Man hätte meinen können, es handle sich für sie um Puppenspiel, wenn sie vom Gelübde hörte. Ich wollte sie davon nicht abbringen, denn dazu war ich ja nicht gekommen; aber ich ermahnte sie mit ein paar Worten, sie solle sich doch nicht überheben im Vertrauen auf die eigene Kraft, dass sie nicht zu kühn ein Gelübde für sich ablege, sondern alles abstellen auf die Kraft Gottes, in dem wir leben und sind. Während dieses Gespräches gab mir die Äbtissin die Erlaubnis einer nochmaligen Zusammenkunft. Als ich sie bat, einen Tag festzusetzen, gab sie mir die Wahl frei, nur sollte Pylades dabei sein, der in den nächsten acht Tagen nach Orleans kommen wird. Da also ein bestimmter Beschluss nicht anging, überließen wir die Entscheidung dem Pylades. Handelt nun im Einverständnis mit ihm, wie Euch gut scheint, da ich Euch hier nicht weiterhelfen kann. Von mir ist zu berichten, dass ich noch keine feste Wohnung habe, obwohl viele vorhanden sind, wenn ich hätte mieten wollen, und andere mir von Freunden angeboten wurden, wenn ich von ihrer Gefälligkeit hätte Gebrauch machen wollen. Der Vater unseres Freundes Coiffart bot mir sein Haus an mit einem Gesicht, dem nichts erwünschter schien, als mich bei seinem Sohn zu haben. Coiffart selbst drang oft und warm in mich, sein Stubengenosse zu werden. Ich hätte das Angebot des Freundes am liebsten mit offenen Armen angenommen, da du weißt, wie angenehm und fördernd der Umgang mit ihm ist. Und ich hätte ihm sofort die Hand drauf gegeben, wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, dies Jahr vor allem bei Danesius zu hören, dessen Schule von Coiffarts Haus zu weit entfernt ist. Alle hiesigen Freunde lassen grüßen, besonders Coiffart und Viermaeus, mit denen ich eben ausreiten will. Grüße deine Mutter, deine Frau und deine Schwester Francisca. Lebwohl.

Paris, 27. Juni.