Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (329)

Vgl. 327. Calvin weilte als Gast in Lausanne.

Bitte um ein Gutachten über Bolsec und um Hilfe für die französischen Protestanten.

Ich muss diese paar Worte diktieren, weil mich das Kopfweh ans Bett fesselt. Der Überbringer meines Briefes ist der Schwiegervater meines Bruders. Er wird mir also treulich berichten, was du ihm aufträgst. In bezug auf Euer gemeinsames Gutachten [über Bolsec] habe ich wohl das Vertrauen, dass es in einer so gerechten frommen Sache für Euch kein Zögern und keine Schwierigkeit geben kann; aber ich bitte bei unsrer Freundschaft dich und Sulzer doch noch persönlich, die Sache in die Hand zu nehmen. Unser Rat ist zwar recht gestimmt; aber es ist sehr wichtig, dass er erfährt, dass Eure Kirche darin mit uns einig ist.

Auch etwas anderes möchte ich nicht weniger dringend von dir und den übrigen Brüdern erreichen; aber weil ich darum gar nicht ängstlich zu bitten brauche, genügt es wohl, es Euch nur zu melden; denn ich zweifle nicht daran, dass Ihr dann beide die Sache eifrig betreiben werdet. Kürzlich sind vom König von Frankreich gegen die Frommen mehr als furchtbare Edikte erlassen worden, in denen nichts von der Verfolgungswut fehlt, die alles vertilgen möchte, was im Reiche männlichen Geschlechtes ist. [2. Mose 1, 22]. Wenn schon vorher die Mehrzahl der Richter und Statthalter glühten, wo wird nun nicht nur deren Wut erhöht, sondern auch die Milderen werden wie gedungene Fechter mit heftigen Drohungen gezwungen, unschuldiges Blut zu vergießen; schon sind auch die Scheiterhaufen an mehreren Orten entflammt. Nur ein Mittel gibt’s, das diese Verfolgungswut mildern könnte, nämlich, dass die Schweizer, die der gesunden, reinen evangelischen Lehre anhängen, sich als Fürbittende anbieten. Vielleicht wird in diesen Kriegswirren ihr Ansehen mehr vermögen als irgendetwas sonst. Weil ich fest davon überzeugt bin, dass Euch die Angelegenheit, wie es Eurer Frömmigkeit ziemt, am Herzen liegt, so unterlasse ich es, mehr zu sagen. Lebwohl, von Herzen verehrter Bruder. Grüße alle Kollegen und Freunde angelegentlich. Der Herr leite Euch mit seinem Geiste und behüte Euch mit seinem Schutze.

Lausanne [Nov. 1551].
Euer
Johannes Calvin.

Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (284)

Vgl. Nr. 283.

Wie der Consensus zu Stande kam.

Es hatte mir schon ein Freund berichtet, du seiest etwas erzürnt, weil wir über das Abendmahl, ohne mit Euch zu beraten, eine schriftliche Consensusformel in Zürich zurückgelassen hätten. Aber weil du ihm gesagt hattest, du werdest dich deswegen mit mir auseinandersetzen, so habe ich meine Entschuldigung bisher hinausgeschoben. Nun aber, da ich von unserm Bruder Farel erfahre, du behauptetest, allen Grund zu haben, dich beleidigt zu fühlen, so glaubte ich, nicht mehr länger zögern zu dürfen, dir wenigstens in ein paar Worten auseinanderzusetzen, wie die Sache ging. Denn ich bin überzeugt, eine eigentliche Verteidigung ist gar nicht notwendig; sondern wenn ich einfach die Geschichte erzähle, wirst du ganz zufrieden gestellt sein.

Zwischen mir und Herrn Bullinger war die Frage privatim hin und her erörtert worden. Da unserm lieben Farel die Hoffnung auf eine Einigung einleuchtete, mahnte er mich unaufhörlich, zu öffentlicher Verhandlung nach Zürich zu reisen. Ich, aus Naturanlage oder Trägheit Langsamer, war nicht dazu bringen, seiner Mahnung zu folgen, bis sich wider Erwarten ein andrer Anlass bot. Ich trat ganz rasch die Reise an, an die ich zwei Tage vorher noch nicht gedacht hatte. Meine vertrautesten Bekannten wissen, wie rasch mein Entschluss war. Zunächst nach Neuchatel reisend, überredete ich Farel ohne Schwierigkeit, den Versuch mit mir zu wagen, ob wir uns zu einer frommen Einigung verbinden könnten. Unsere erste Zusammenkunft segnete Gott, wie ich es gar nicht zu hoffen gewagt hatte und überhaupt niemand es nach dem ersten Anfang hoffen durfte, so dass innert zwei Stunden unter uns festgesetzt war, was Ihr jetzt lest. So muss also Farel, wie er sich rühmen kann, diese Verhandlung, ohne dass andere dafür sorgten, veranlasst zu haben, auch die Schuld, wenn es eine ist, allein tragen.

Übrigens glaube ich nicht, dass Ihr an der Lehre selbst etwas auszusetzen habt. Wenigstens Herr Butzer, dessen Urteil wir unsern Consensus, wie es sich ziemte, unterbreiteten, nimmt ihn gerne an. Wir konnten Euch nicht im Voraus anzeigen, was uns nie in den Sinn gekommen war. Wenn du einwirfst, zuallerletzt sei noch der Fehler begangen worden, indem die Sache in der Schwebe hätte bleiben sollen, bis auch Eure Kirche um ihre Meinung gefragt worden, so ist für Farel und mich die Entschuldigung gleich zur Hand. Wir waren nämlich dahin übereingekommen, unser Consensus solle nicht veröffentlicht werden, ehe er auch von Euch gebilligt sei. Wir wollten sogar die Aufgabe übernehmen, Euch darüber Bericht zu bringen. Da aber unsere Brüder von Zürich es nicht für nützlich hielten, so wagten wir es nicht, allzu eifrig unsere Hilfe anzubieten. Wir umgingen auch auf ihren Rat Bern auf der Rückreise. Sonst wäre uns beiden nichts erwünschter gewesen, als Euch zu besuchen. Seid Ihr also übergangen worden, so darfst du mir oder Farel darob nicht zürnen. Denn die Zürcher haben es übernommen, die Verantwortung dafür zu tragen. Freilich denke ich, dass sie wohl aus irgendeiner andern Ursache und nicht aus Verachtung für Euch so gehandelt haben. Denn es wurde von Euch nur mit Ehrerbietung und Wohlwollen unter uns gesprochen. Wenn du dich freundschaftlich an sie wendest, hoffe ich, sie werden dich zufrieden stellen, wie dein Herz es wünscht. Sie werden keinen Dienst, den sie Euch schuldig sind, verweigern. Lebwohl, trefflicher Mann und verehrter Bruder im Herrn. Der Herr Jesus sei stets mit dir und leite dich. Grüße die Kollegen und die übrigen Freunde angelegentlich von mir.

Genf, 26. November 1549.
Dein
Johannes Calvin.

Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (195)

Vgl. 190. Valerand Poulain hatte Fräulein von Wilerzy in Basel vor Gericht gezogen.

Richtigstellung von Behauptungen Poulains.

Ich war sehr verwundert, als ich hörte, der Prozess, den Valerand gegen Fräulein von Wilerzy angestrengt habe, sei noch bei Euch anhängig. Ich hätte nie gedacht, dass man in Basel solch langwierigem Verfahren Raum gebe. Ich wage es zwar nicht und wünschte es auch nicht, in der mir nicht genügend bekannten Sache ein Urteil zu fällen; aber soviel ich von zuverlässigen Zeugen höre, ist die Sache nicht so verworren, dass sie nicht rasch abgewickelt werden könnte. Um Valerand selbst tut es mir leid, denn von dem hatte ich früher etwas Gutes erwartet. Doch, offen gestanden, es ist eigentlich gekommen, wie ich gefürchtet; denn er hat auch schon früher guten und vernünftigen Leuten allerlei Anzeichen seines Leichtsinns gegeben. Darin freilich sehen wir uns alle getäuscht, dass er jetzt wie ein ganz schamloser Mensch sich so dem Gespött preisgibt, dass er ein Mädchen, das wahrhaftig solche Schmach nicht verdient hat, in schlechten Ruf bringt mit sich selbst. Was erreicht er damit, als dass er selbst als ein Mensch ohne Schamgefühl sich lächerlich macht? Ich sage das nicht etwa, damit du ihn mahnen sollst, weil ich nicht zweifle, dass du schon jedes Mittel versucht hast, und weil ich bei der Frechheit seines Charakters auch gar nicht die Hoffnung hege, dass Ermahnungen etwas nützen könnten. Gewiss wünschte ich ja auch, er möchte zu seiner früheren Gesinnung zurückgebracht werden, aber ich habe es bereits an einem Brief erfahren, dass man an einen Tauben hinredet, wenn man ihm etwas Vernünftiges raten will. Ich habe ihn ruhig und in aller Bescheidenheit zurechtgewiesen. Er antwortete, als ob er von mir entsetzlich beleidigt worden wäre. Dass er in seiner Antwort eine solche Wut, ja eine so ungeordnete Geistesverfassung an den Tag legte, verzeihe ich ihm gern. Aber dass er kein Bedenken trug, soviel ich höre, vor Eurem erlauchten Rat sich zu rühmen, mein Brief sei eine Verteidigung seiner Sache, das ist eine Unwahrheit, die ich nicht hinnehmen darf. Da er ja alles ausschwatzt, sehe ich nicht ein, was die Richter so lange aufhält. Er bringt Zeugen vor. Er hat ja aber doch kürzlich an Farel geschrieben, die Sache sei in Gottes Gegenwart, aber ohne menschliche Zeugen, abgemacht worden. Durch eine lange Reihe von Kleinigkeiten macht er die Sache verwickelt. Weshalb, wenn nicht, um den Richtern Sand in die Augen zu streuen? Sie sind zu geduldig mit ihm, wenn sie zugeben, dass er so seinen Spott mit ihnen treibt. Ich halte es für deine Pflicht, dem Mädchen, das du so bösartig gequält siehst, mit deinem Urteil zu Hilfe zu kommen, und damit zugleich dafür zu sorgen, dass der Frechheit dieses unverschämten Menschen Einhalt getan wird. Da es aber auch in meinem eigenen Interesse liegt, dass die Verleumdung, die er mir angetan hat, zunichte gemacht wird, so bitte ich dich, den Richtern und dem Rat zu melden, dass es reinweg erlogen ist, was er von meinem Briefe prahlt. Ich möchte nicht für so leichtsinnig gelten, als ob ich in einer so bösen und gemeinen Sache den Verteidiger machte. Ich habe von ihm vier Briefe erhalten in dieser Sache, Schimpfbriefe, voll hitziger Redensarten. Er hat von mir nur einen, in dem seine Tat maßvoll verurteilt wird. Unverschämt handelt er also, wenn er sich auszureden sucht mit meinem Namen. Kommt es anders heraus [als ich sage], so weigere ich mich nicht, die Schmach auf mich zu nehmen. Glaube nicht, dass es Ehrgeiz sei, wenn ich um meinen Ruf besorgt bin. Wo bliebe die Achtung vor unserm Amt, wenn ein solcher Verdacht auf uns sitzen bliebe? Denn ich zweifle nicht, dass er auch anderer Leute Namen missbraucht hat. Du tust also etwas, was ganz deiner ernsten Amtstreue entspricht und durchaus nicht etwa deiner Pflicht als Pfarrer nicht anstünde, wenn du dich bei den Richtern gegen die Frechheit dieses Menschen ins Zeug legst, damit sie sie durch ihren Machtspruch etwas im Zaum halten.

Lebwohl, hochverehrter Bruder im Herrn und hochberühmter Mann. Der Herr leite dich stets samt deinen Kollegen und segne Euer Amt. Allen Freunden und deiner Frau viele Grüße.

Genf, 1. Mai 1547.
Dein
Johannes Calvin.

Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (167)

Calvin als Freund des jungen Mannes.

Ein Kaufmann aus einem der ersten hiesigen Bürgerhäuser, der mir sehr befreundet ist, möchte seinen Sohn, einen gescheiten und artigen Knaben, nach Basel schicken, um Deutsch zu lernen, wenn er dort einen rechtschaffenen Mann findet, der ihm tausch weise seinen Sohn senden wollte, so dass der gegenseitige Unterhalt der Knaben sich ausgliche. Nun hat er vernommen, du habest einen Neffen, dessentwegen du mit jemand gesprochen habest. So bat er mich, ich möchte dich bestimmter über dein Vorhaben anfragen, ob es sich wirklich so verhalte. Gefällt dir der Vorschlag, so kommt dein Neffe zu einer anständigen, rechtschaffenen Familie. Ich bitte dich, mir sobald wie möglich Bericht zu geben, damit es nicht aussieht, als wäre ich in der Angelegenheit meines Freundes lässig gewesen. Lebwohl, bester hochverehrter Bruder und Kollege.

Genf, 1. Mai 1546.
Dein
Johannes Calvin.

Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (128)

Die so genannte Pestverschwörung in Genf, an die auch Calvin fest glaubt, ist eine Ausgeburt des Hexenwahns, den auch die Reformation nicht überwand. Papst Paul III. hatte an Karl V. eine väterliche Ermahnung zur schärferen Bekämpfung der Ketzerei geschrieben, die Calvin mit bissigen Bemerkungen herausgab.

Von der Pestverschwörung und der Verfolgung in der Provence.

Meinen besten Dank, dass du mir mitgeteilt hast, was du vom Kaiser und vom Reichstag hörtest. Dass du meinen Brief aus Versehen aufmachtest, verzeihe ich dir nicht, weil es gar keine Sünde war. Hier sucht uns der Herr erstaunlich heim. Denn vor kurzem wurde eine Verschwörung von Männern und Weibern entdeckt, die seit drei Jahren die Pest in der Stadt verbreiteten, durch ich weiß nicht welche Giftmischerei. Obwohl fünfzehn Weiber verbrannt, einige Männer noch grausamer hingerichtet worden sind, einige im Kerker selbst den Tod suchten, noch fünfundzwanzig gefangen gehalten werden, hören sie doch nicht auf, jeden Tag die Haustürschlösser mit ihren Salben zu bestreichen. Sieh, in welcher Gefahr wir schweben. Gott hat bisher unser Haus unversehrt erhalten, obwohl es schon mehrmals angegriffen wurde. Gut ist nur, dass wir uns in seinem Schutze wissen.

Lebwohl, trefflicher Mann und sehr verehrter Bruder.

Genf, 27. März 1545.

Der Überbringer, ein dir nicht unbekannter Edelmann, wird dir erzählen, wie große Nöte unsere Brüder in der Provence drücken. Weil ich weiß, dass dir ihre Rettung, wie sichs gehört, am Herzen liegt, so bitte ich nur, dass du dich, wenns Zeit zum Handeln ist, ihnen gegenüber als den Mann bewährst, als den wir dich kennen. Vor allem beschloss man, die Sache Butzer zu melden, damit er bei seiner Obrigkeit frage, ob man etwa günstigen Einfluss auf den König von Frankreich ausüben könne.

Grüße deine Frau und alle Freunde angelegentlich

Dein

Johannes Calvin.

Den ersten Bogen meines Buches schicke ich dir. Die Antwort auf die Schrift des Papstes ist hier gedruckt worden. Ich denke, sie wird in den Buchhandlungen aufliegen. Ich habe noch kein ganzes Exemplar zur Hand.

Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (115)

Auf dem Reichstag zu Speyer hatten die deutschen Protestanten ihre Hilfe im Krieg gegen Frankreich zugesagt, und das Heer, mit dem der Kaiser in Frankreich einfiel, war zum großen Teil protestantisch.

Von der Stellung der deutschen Evangelischen im Krieg gegen Frankreich.

Die Nachricht von den Kriegsrüstungen des Franzosen, die du von mir wünschtest, wirst du, glaube ich, jetzt gar nicht mehr nötig haben. Denn du siehst ja die Schweizer ihm zulaufen, und jedenfalls ist jetzt auch in Basel allgemein bekannt, was er für Pläne hat. In der Champagne ist ein Städtlein, Chatillon geheißen. Dorthin zieht er seine Truppen zusammen, um dort zu warten, bis der Kaiser heranrückt. Dabei hat er aber genügend starke Besatzungen in den irgendwie festen Städten. Schätzt man die Kräfte der beiden Gegner ab, so schwebt das französische Reich in großer Gefahr. Doch steht der Ausgang in Gottes Hand.

Wie jetzt die Weltlage ist, müssen wir alle wünschen, dass dem allzu ungestümen Mut des Kaisers Einhalt getan werde. Denn wenn es Frankreich ernstlich schlimm geht, so wird das, glaube es mir, auch über uns hereinbrechen. Denn ist Frankreich gebrochen und unterworfen, so ist gewisser als gewiss, dass dann der Kaiser seine siegreichen Waffen gegen uns [Evangelische] kehren wird. Kommt es aber zu irgendeinem Ausgleich, so wird der König, fürchte ich, die evangelischen Deutschen ganz der Raubgier des Kaisers preisgeben, um das Unrecht zu rächen, das sie ihm getan haben. Und wer will leugnen, dass er dabei Recht hätte? Gott hat sicher an dem Tag unsere [Glaubensgenossen in Deutschland] verblendet, sich selbst in ihren Untergang zu stürzen, als sie sich mit dem Kaiser verbündeten zur Vernichtung Frankreichs, das doch bisher das Bollwerk ihrer Freiheit und ihres Wohlergehens war. So müssen wir denn, als in einer ganz verzweifelten Lage, lernen, auf den Herrn zu schauen.

Da du mein Büchlein [an den Kaiser] nicht gern entbehrst, schicke ich dir eins. Lebwohl, bester Mann und trefflichster Bruder. Der Herr behüte dich samt Eurer Kirche und allen deinen Kollegen, die ich in meinem und unsrer aller Namen zu grüßen bitte.

Genf, 24. Juni 1544.

Dein Johannes Calvin.

Luther an Myconius

Luther an Myconius

Gnade und Friede in Christo! Ihr schreibt gar betrübte Dinge von D.(Draconites), lieber Friedrich, aber wie des Menschen Art ist, so sehe ich nicht, was ich rathen kann. Ich habe aber doch ziemlich ernst an ihn, wie mir dünkt, geschrieben, ob etwas helfen würde. Er schreibt Entschuldigungen zurück, aber die nichts taugen; von denen ich geschrieben, daß ich sie nicht einmal hören wollte. Ich sehe auch nicht, was es nütze, wenn die Sache hundertmal nach Hofe käme und durch des Fürsten Ansehen versucht würde. Er hat einen Kopf, der wenn er nicht vom Himmel geändert wird, so wird weiter nichts herauskommen, als daß er uns immer vorsinge: Gebuet hin, gebeut her; gebeut hin, gebeut her. Ich halte indessen, daß man ihn bis zur Kirchenvisitation warten lassen müsse. Unter der Zeit muß man ihn mit der ungeduldigsten Geduld tragen. Der Herr sei mit euch! und betet ihr für mich armen und schwachen Mann. Wittenberg, Sonnabends nach Himmelfahrt, 1528.

Martin Luther

Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte und Alterthumskunde.
Siebenter Band, Erstes Hef
Jena
Friedrich Frommann
1867

Melanchthon an Myconius

Sage dem Pfarrer von Waltershausen in meinem Namen, er möge sein Loos geduldig ertragen und sogut es angeht sich selbst bemühen, mit Hülfe des Magistrats den Gehalt von seinen Gläubigern zu erzwingen, denn etwas anderes kann vorläufig nicht bestimmt werden. Du kennst ja die überaus große und unerträgliiche Nichtswürdigkeit des gemeinen Volkes, von dem ich fürchte, daß es über kurz oder lang seine schwere Strafe erhalten wird für seine Ruchloosigkeit. Glaube mir, das Gericht ist nicht fern. Der Charakter des Doctors (Draco) in eurer Stadt ist mir immer verdächtig gewesen. Du hast ihn mehr gehört als nöthig war. Allein wir wollen ertragen, was nicht mehr zu ändern ist; Alles aber will ich lieber thun, als etwas an den Hof bringen. Lebewohl und schreibe mir sobald du kannst. Am Tage Bonifacii.

Philippus
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Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte und Alterthumskunde.
Siebenter Band, Erstes Hef
Jena
Friedrich Frommann
1867

Melanchthon an Myconius

Ich habe den Draco ermahnt, für die Ruhe seiner Kirche zu sorgen und aufzuhören, mit seinem Kirchendiener in Streit zu leben. Solcher Wirren im Gemeindewesen ist es genug des Ärgernisses, welches nur das Ansehn des Evangeliums herabdrückt; wiir müssen vielmehr diese inneren Zwiste beschwichtigen. Ich weiß nicht, was noch aus ihm werden soll. Ermahne doch die Behörde, daß sie ihn zur Ruhe verweise, wenn er sich nichht in sie schicken will. Um solche Lappalien an den Hof zu bringen, ist der Fürst viel zu beschäftigt, als alle solche Dinge kennen zu lernen und in Erwägung ziehen zu können. Lebt wohl, lieber Friedrich, und bitte Gott, daß er uns Frieden verleihe. Sonntag Exaudi.

Phil. Melanchthon.

Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte und Alterthumskunde.
Siebenter Band, Erstes Hef
Jena
Friedrich Frommann
1867

Zwingli, Huldrych – An Myconius.

Zürich, im J. 1520.

Es ängstigt dich, theuerster Myconius, die Erwartung Excommunikation Zeiten, wo Alles auf und nieder sich bewegt, alles sich vermengt, so daß niemand die ursprüngliche Gestalt erkennen kann; ist doch alles so verkehrt und verworren, daß ein Kopf nichts hervorbringen kann, von dem nicht das Gegentheil oder ein ihm Gegenüberstehendes hervorträte: daher jedem scharfsinnigeren Geist mit der entstehenden Hoffnung auch zu ihr sich gesellende Furcht vor Augen schwebt. Längst hegten Alle, die den Glanz der Humanität lieben, die Hoffnung, es würden jene Jahrhunderte wiederkehren, nehmlich die gelehrten, da man nur nicht glauben darf, daß alle insgemein gelehrt gewesen seien; allein diese Hoffnung zerstörte wieder die hartnäckige Unwissenheit um nicht zu sagen, Unverschämtheit Einiger, die lieber Alles dulden will, bevor sie etwas Gelehrtes und Geschmackvolles gestattet, damit nicht, versteht sich, die Merkmale solcher Unwissenheit aus Tageslicht kommen. Diese unterstützt der jeder seinen Bildung stets feindliche Krieg. Ebenso hegte man nicht geringe Hoffnung, Christus und sein Evangelium würden wieder aufkommen, da nicht wenige wackere und gelehrte Männer mit Segeln und Rudern (wie man sagt) dahin strebten, die Saat zur Reife und Frucht zu bringen. Aber es entkräftet dieselbe der Anblick des Unkrauts, welches der Feind darüber säete, da man schlief und sich nicht versah; und da es bereits tiefer gewurzelt, ist zu fürchten, es möchte auch die Wurzeln des Waizens erfaßt haben, so daß nun dieser nicht ohne Gefahr von ihm gereinigt werden kann. Wie wird nun hier zu helfen sein? fragst du. Höre Christum, der da spricht: lasset beides wachsen bis zur Zeit der Ernte, und. zur Zeit rc. So muß, mein vorsichtiger Myconius, das Gold durch das Feuer geläutert, so das Silber von der Erde gereinigt werden; so sprach Christus zu den Aposteln: „in der Welt habt ihr Angst;“ und abermals: „ihr werdet von allen Menschen gehasset werden um meines Namens willen,“ und „es kommt die Stunde, da jeder, der euch tödtet, meint, er thue Gott einen Dienst.“ Obwohl die Kinder Israel einst das gelobte Land bewohnten, fehlte es bei ihnen doch nie an Philistern, die sie übten, die sie zum Bilderdienste und zur Uebertretung der Gebote Gottes reizten, die sie aus Israeliten zu Heiden machten. So wird es auch uns nie an solchen fehlen (ich spreche als Christ), welche Christum in uns verfolgen, wenn sie sich auch noch so übermüthig des Namens Christi rühmen mögen. Denn nur der ist ein Christ, welcher jenes Merkmal hat, womit Christus die Seinen bezeichnete, da er sagte: Darum wird man als am rechten Wahrzeichen erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr thut, was ich euch geboten habe.“ Wenn nun Einige mehr dem menschlichen, als dem göttlichen Gesetze gehorchen, so wirst du solche des Merkmals Christi ermangelnd finden, indem sie seine Gebote den ihrigen hintansetzen. Deßhalb soll es, wenn die Andern etwas aufdringen wollen, innerlich bei dir heißen: Dieß sind ägyptische Fliegen, Cananiter, Phcresiter, Amoniter, Hethiter, Jebusiter, die dich ihnen zu gewinnen suchen, die sinds, aus deren Bekämpfer die Krone wartet. Des Menschen Leben auf Erden ist ein Krieg; mit den Waffen des Paulus gerüstet gilt es darin, tapfer in der Schlacht zu streiten, wenn man gekrönt werden will, diese Welt, die gleich einem Goliath sich erhebt, mit den drei klarsten Steinen niederzuwerfen. Und wenn du gleichsam einwendend sprichst: was werden wir unsere Pflegbefohlenen lehren, wenn wir sehen, daß die Mühe vergeblich angewandt wird, indem keine oder nur sehr wenige dem Evangelium oder der apostolischen Lehre gehorchen? so erwidere ich: um so eifriger mußt du dich bemühen, daß du diese zwar gemeiniglich verachtete oder vernachläßigte, jedoch in ihrer Schönheit glänzende köstliche Perle so vielen als möglich zeigest, daß sie sie liebgewinnen, Alles verkaufen, und sie sich erwerben. Sagte Christus nicht, der Samen sei in vier Theile getheilt, von deren einer allein auf gutes Land fiel? Versicherte er nicht, er sei gekommen, ein Feuer anzuzünden, auf Erden, und was wollte er lieber, denn es brennete schon? Was anders könnten wir aber richtiger dieses Feuer nennen, als die Beharrlichkeit im Leiden, wornach wir Eltern, die zur Untreue verleiten wollen, selbst hassen, ja den, Bruder, der uns dem Tod überantwortet, tragen? Ist nicht so ein Feuer, wer die Beschaffenheit des Werks eines Jeglichen prüft, ob er für den Ruhm der Welt oder für den Christi in den Streit gehe? Denn wenn für jenen: so wird er der Stoppel gleichen, die, sobald sie das Feuer der Prüfung spürt, im Rauch aufgeht, und sein Gedächtniß wird mit dem Schalle vergehen; wenn aber für diesen, so wird er als ein kluger Hausvater sein Haus auf einen Felsen bauen, welcher (nämlich Christus), wenn er ins Feuer geworfen wird, den Brand nicht spürt. So werden alle, die auf denselben erbaut sind, die für seinen, nicht für ihren Ruhm kämpfen, unverletzt bleiben, da sie weder Tod noch Leben, noch Schwerdt und alles, was der Apostel aufzählt, von seiner Liebe nicht scheiden kann: wie denn auch Christus selbst sie ermuntert, im Ueberwinden ihm nachzueifern, da er sagt: „seid getrost, denn ich habe die Welt überwunden.“ Was heißt dieß: „denn ich habe die Welt überwunden?“ Habe auch ich deßwegen überwunden? Ja wir haben in ihm überwunden, weil er überwunden hat; in ihm überwinden wir. „Denn wir sind nicht tüchtig, etwas zu denken, als von uns selber rc.“ Es sagte daher der, welcher wahrhaftig ist: „seid getrost;“ als wollte er sagen: wenn ihr auf mich all euer Vertrauen setzet, so werdet auch ihr überwinden, wie ich überwunden habe; so vertrauet denn! Dieß Alles wird euch deßhalb gesagt, damit ihr so zu sagen den, der da läuft und dahin eilt, anzureizen, um Christo recht viele Krieger zu werben, welche einst tapfer für ihn kämpfen würden, um sie je mehr und mehr zu ermuthigen, daß sie, je wüthender die Verfolgung sie betrifft, desto weniger fliehen. Denn um auch dieß dir zu erklären: ich glaube, daß die Kirche, wie sie durch Blut errungen ist, so auch auf keinem andern Wege, denn durch Blut wiederhergestellt werden kann. Du wirst daher die Deinen immer Christum lehren; ja, je mehr du in seiner Kirche Schutt entstehen sehen wirst, desto mehr wirst du Hercules bewaffnen, die den Mist von bisher so vielen Ochsen fortschaffen, ohne Säumen und Verdruß, ob sie auch Schwärme von Grillen umschwirren, da sie ja den Lohn nicht in dieser Welt erwarten, und dieß ihnen nichts verschlägt, wenn sie den Menschen noch so sehr mißfallen; wenn sie nur leise bei sich sagen: „wenn ich noch den Menschen gefallen wollte, so wäre ich Christi Knecht nicht;“ und um Alles kurz zu sagen: „selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen.“ Nie wird die Welt mit Christo einig werden; und jene Vergeltung Christi ist mit den Verfolgungen verheißen. Er sandte die Seinen als Schafe mitten unter die Wölfe. Siehe, mein Bruder, auf welchem Wege du ein Schaf Christi zu sein hoffen kannst; so nämlich, wenn dir, indem du zur Ehre Christi Alles thust und leidest, die gottlose Rotte der Wölfe mit dem Tode droht, wenn sie mit den Zähnen knirscht, mit den Klauen zerfleischt. Ich fürchte wenig für Luthers Leben, nichts für seinen Geist, wenn er auch von dem Blitze des Zeus getroffen würde; nicht als ob ich die Excommunikation verachtete, sondern weil ich glaube, daß solche Verdammungen mehr dem Körper als dem Geist zugefügt werden, wenn sie ungerecht ergehen. Allein es ist nicht unsere Sache, zu entscheiden, ob man billig oder unbillig mit Luther verfahre. Du weißt selbst auch, welcher Ansicht ich bin. Ich werde in diesen Tagen zum päpstlichen Commissär Wilhelm kommen, und falls die Sprache auf diesen Gegenstand kommen sollte, wie vor Kurzem, ihm rathen, den Papst zur Unterlassung der Excommunikation zu bestimmen, was meines Erachtens besonders in seiner Sache geschehen wird. Denn findet dieselbe wirklich statt, so möchte ich prophezeien, daß die Deutschen auch den Papst sammt dem Banne verachten werden. Du aber sei guts Muths: nie wird es unsrer Zeit an solchen fehlen, die Christum lauter lehren, und ihr Leben willig für ihn hingeben werden, sollten auch ihre Namen nach diesem Leben bei den Menschen in den übelsten Ruf kommen; was schon ehedem begonnen hat, nämlich: er war ein Ketzer, ein Verführer, ein Bösewicht. Bei denen, die so sprechen, werden sie als Verführer betrachtet, aber sie waren wahrhaftig. Was mich betrifft, so erwarte ich längst in Demuth alles Uebel von Allen, Predigern und Laien, und bitte Christum nur darum, daß er mir verleihe, alles mit männlichem Muthe zu tragen, und mich sein Töpfergefäß zerbreche oder befestige, wie es ihm gefällig ist. Werde ich excommunicirt, so werde ich des gelehrten und heiligen Mannes Hilarius gedenken, der aus Gallien nach Afrika verbannt worden und des Lucius, der vom römischen Stuhle vertrieben mit großem Ruhm zurückkehrte. Nicht als wollte ich mich mit jenen vergleichen, sondern weil ich mich mit denselben trösten will, die weit besser als wir, auch weitaus das Unwürdigste erduldeten, und wenn es etwa dienlich wäre, mich zu rühmen, so würde ich mich freuen, für den Namen Christi Schmach zu leiden. Doch wer sich dünken läßt, er stehe, sehe zu, daß er nicht falle. Von Luther lesen wir dermalen fast nichts; doch was wir bisher sahen, von dem glauben wir, daß es gegen die evangelische Lehre nicht verstoße. Du weißt, wenn du dich erinnerst, mit welcher Huld ich ihn besonders empfohlen habe, daß er nämlich das Seine durch tüchtige Zengen bekräftige rc…. Ich empfehle mich dem Organisten Chylotectus, sowie allen den Deinigen. Lebe wohl in Christo. Am Tag vor Jakobi, des Sohnes Zebedäi.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862