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Kategorie: Simons Menno

Simons, Menno – Brief an die Gemeinde zu Emden, Ost Friesland, Deutschland

Simons, Menno – Brief an die Gemeinde zu Emden, Ost Friesland, Deutschland

„Einen andern Grund kann zwar niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christ,“ 1. Cor. 3,11

Es betrübet mein Herz den Brüdern melden zu müssen, daß ich einen Brief nach dem andern empfange, deren jeder eine Klage über den Bann enthält, wo derselbe auf Mann und Weib Anwendung findet; dieser Punkt veranlaßt bei manchen Störungen, welche mich ganz und gar nicht überraschen. Denn seit dem Beginn meines Dienstes, also länger denn zwanzig Jahre, habe ich diesen Ausgang gefürchtet, welcher auch nicht geordnet werden kann unter einer Aufregung, wie sie gegenwärtig in den Niederlanden herrscht. Unser Bruder Dietrich Philip und ich beriethen uns mit den Aeltesten bezüglich dieser Angelegenheit schon im Jahre 1546, und es wurde damals beschlossen, in derselben je nach den Umständen zu handeln; auch wurde derselbe Beschluß vor zwei Jahren zu Wismar wieder erneuert. Daher sollten wir nach den bestimmtesten und deutlichsten Regeln ermahnen; gelingt es uns aber nicht dadurch sie zu überzeugen, so sollten wir niemand zwingen darüber hinauszugehen, was er in seinem Gewissen für recht erkennt, sondern ihn mit Liebe und Geduld behandeln. Ich hoffe daß ein jeder fromme Mensch in des Herrn Wort genügend unterrichtet ist, um zu wissen daß, wenn ein Ehemann oder eine Ehefrau sich des Ehebruchs schuldig macht, oder Zauberei treibt, oder Diebstahl oder irgend ein anderes Verbrechen begeht, solche verbrecherische Handlung von der Obrigkeit summarisch bestraft wird; auch ferner: daß, im Falle man seine Ehegenossens halber, nicht ungestört nach seinem Glauben leben kann, sondern geschlagen und gemißhandelt wird, und demzufolge in seinem Glauben zurückweicht durch die Hindernisse, welche aus einer so übel gepaarten Ehe entspringen, man solchen Ehegenoß verlassen sollte, will man frei vor Gott und der Gemeinde darstehen und seine Seele erretten. Wenn er oder sie aber in allen Dingen ungestört nach seinem oder ihrem Glauben leben kann, und nicht mit falscher Lehre angegriffen wird, dann sind sie gewissenhaft verbunden ungestört bei einander zu bleiben; denn sie sind ein Fleisch und leben zusammen, gleichwie Mann und Weib leben sollten.

Da es mit vielen Gefahren und Anstößigkeiten verknüpft ist, die auf diese Weise verbundenen Seelen, welche in anderer Hinsicht in allen Stücken vor Gott unsträflich wandeln, mit dem Bann zu bestrafen; und da wir alle Fleisch sind, os bete ich, daß der allbarmherzige Gott mich verhindern möge, solcher Lehre beizupflichten oder gar dieselbe zu verbreiten. Aus diesem Grund ist mein Herz mit Kummer erfüllt, da ich höre, daß man der Swaanthe Rutgers eine gewisse Zeit setzte, binnen welcher sie ihren Mann verlassen sollte; widrigenfalls sie in den Bann gethan und dem Satan anheimgegeben werden sollte.

O, meine auserwählten Brüder, betrachtet wohl was ihr thut. Welche verleumderische Worte werdet ihr in den Mund der Verleumder legen! Und was für schlimme Gerüchte werdet ihr verbreiten von des Herrn Wort und seiner Kirche! Wie viele betrübte Seelen werdet ihr bekümmern! Ja, wie viele Seelen werdet ihr von der Wahrheit trennen, und was für Gefahren werden euch umringen! Wir wagten niemals solcher Lehre zu folgen aus Furcht vor den Folgen. O daß ihr davon abstehen möchtet. Wie würde ich betrübter Mann mich darüber erfreuen! Mein Herz wird niemals in solche unklugen Handlungen einwilligen noch zu solchen Vornehmen Amen sagen.

Nach meiner geringen Begabung wünsche ich ein Evangelium zu lehren, welches aufbaut, nicht ein solches, welches niederreißt. Ein Evangelium, das annehmbar, nicht ein solches, welches anstößig ist; und ich beabsichtige nicht den Gottesdienst mit etwas zu erschweren, für das ich keinen Schriftgrund habe. Ich kann weder den Glauben anderer lehren, noch vermöge desselben leben. Ich muß durch meinen eigenen Glauben leben, wie der Geist des Herrn mich durch sein Wort gelehrt hat.

In Vorstehendem habt ihr meine Vermahnung. Gott gebe, daß ihr dieselbe in aller Liebe, allem Frieden und Einigkeit befolgen möchtet. Seid weder zu hart noch zu gelinde. Der Bann ist zur Besserung eingeführt, nicht zur Verschlimmerung. O daß doch alle in dieser Angelegenheit mit mir eines Sinnes wären! Wie weislich würde der Bann in dieser Hinsicht gehandhabt werden. Wie es nun aber ist, folgt ein Jeder seinen Neigungen und wähnt, es sei Geist und Schrift.

O Herr! verleihe ihnen deinen Geist und deine Weisheit, damit sie recht sehen und richten mögen, und fleißig sind zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens, Eph. 4,3. Geliebte Brüder, folget meinem Rath um Gottes willen; denn das wird manche Seelen erfreuen. Der Geist der Weisheit sei mit euch bis in die Ewigkeit, Amen. Euer unwürdiger Bruder

Menno Simon

Am 12. November, A. D. 1556

Quelle:
Die vollständigen Werke Menno Simon’s, 
übersetzt aus der Originalsprache, dem Holländischen.
Funk Ausgabe 1876

Simons, Menno – Brief an die Brüder zu Franeker, Provinz Friesland, Niederland.

Simons, Menno – Brief an die Brüder zu Franeker, Provinz Friesland, Niederland.

Die Liebe Gottes ist die wahre Weisheit.

„Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben,“ Joh. 3,16

Mit einem bekümmerten und beschwerten Herzen schreibe ich an euch, weil mir ein von fünf in gutem ansehen stehenden Brüdern unterzeichneter Brief überreicht wurde, aus welchem ich ersehe, daß unter einigen von euch in Betracht des Bannes ein heftiger Streit entstanden ist (möge Gott ihn zum Guten wenden). Wenn ich recht verstanden habe, so verlangt ein Theil, daß keine Uebertretung mit dem Bann gestraft werden soll ehe denn der Uebertreter dreimal ermahnt worden ist. Ich kann mit dieser Auffassung der Lehre nicht übereinstimmen, denn es gibt mehrere Sünden, z.B. Mord, Zauberei, Brandstiftung, Diebstahl und andere ähnliche Verbrechen, welche eine summarische Bestrafung von Seiten der Obrigkeit erfordern. Wollten wir solche Verbrecher vor der Bestrafung dreimal vermahnen, dann würde das süße Brod der Gemeinde vor der ganzen Welt in Sauerteig umgewandelt werden. Handelt daher mit Klugheit, und betrachtet Criminal-Angelegenheiten, besonders wenn sie schon vor die Oeffentlichkeit gekommen sind, nicht so, wie ihr andere fleischliche Werke beurtheilen würdet, welche von der Welt nicht als einer entehrenden Strafe werth erachten werden.

Der andere Theil hingegen begehrt, wenn ich die Sache nicht etwa mißverstehe, daß alle Uebertretungen mit dem Bann bestraft werden sollen, ohne alle vorhergehende Vermahnung; und daß alle Bußübungen außerhalb der Gemeinde stattfinden sollen. Diese Lehre ist, nach meinem geringen Verständniß, irrthümlich und wider das Wort Christi, Pauli und Jacobi. Denn Geiz, Stolz, Haß, Zwietracht, Verleumdung und Zank sind fleischliche Dinge, die zum Tode führen, wenn sie nicht bereut werden, Gal. 5,19,20; Jac. 3,16; dessenunerachtet werden sie nicht bestraft, ehe eine dreimalige Ermahnung der Bestrafung vorausgegangen, wie solches die heilige Schrift befiehlt. Ich wünsche, daß man in Betrachtugn ziehen möchte daß, gleichwie der Tod der Sünde Sold ist, so auch das bußfertige, bekehrte Herz Leben hervorbringt, wie wir solches in den Fällen Davids, Petri, des Schächers, Zachäi und anderer sehen können.

Ich entnehme ebenfalls, daß dieselben Brüder der Meinung sind, daß, so ein Bruder im Geheimen sich einer oder der anderen Uebertretung schuldig gemacht habe und in der Betrübniß seines Herzens zu einem Bruder erwähnen sollte, daß er wider Gott gesündigt, dieser Bruder es vor die Gemeind bringen sollte; und, falls er solches zu thun unterließe, er dann mit dem Uebertreter gleich gestraft werden müsse. Diese Meinung ist nicht allein ungereimt, sondern sie lautet auch in meinen Ohren als eine erschreckliche Maßregel, welche, wie klar zu ersehen, gegen alle Schrift und Liebe verstößt, Matth. 18; Jac. 5,19,20.

Der Bann wurde, in einer Hinsicht, der Buße halber eingeführt. Wie kann daher dort, wo Buße sichtbar ist, nämlich ein zerknirschtes, bekümmertes Herz, – wie kann in diesem Falle, der Bann über einen solchen Bruder ausgesprochen werden? O, meine Brüder, bringt diese Maßregeln nicht zur Ausführung, denn solches würde zur Sünde und nicht zur Reformation dienen.

Wollten wir auf diese Weise mit armen, reuevollen Sündern umgehen, deren Vergehen im Geheimen geschehen, wie viele würden wir durch Scham von der Buße abhalten. Gott verhüte, daß ich jemals mit solcher Lehre übereinstimmen, oder auf Grund derselben handeln sollte! Schließlich entnehme ich noch ihre Ansicht, welches die ist, daß, sollte irgend einer der Brüder in seiner Schwachheit sich vergangen haben, und hierauf sein Vergehen öffentlich bekennen, er als ein Weltkind angesehen werden sollte.

Dies ist wiederum ein ungereimter Grundsatz; denn, geschah das Vergehen aus Schwachheit, so lasset uns nicht zu anmaßend und streng mit solchen armen Seelen umgehen, damit wir selbst nicht etwa einen größeren Fehler begehen.

Nicht die Schwachen, sondern die verderbten Glieder werden abgeschnitten, damit sie nicht etwa andere verderben. Mit solchen unschriftmäßigen Lehren und Gebräuchen will ich nichts zu thun haben. Es ist mein Begehren, daß der Bann in einem aufrichtigen, väterlichen Geiste und treuer Liebe gebraucht werde, in Uebereinstimmung mit der Lehre Christi und seiner Apostel, wie ich dies in meinen Schriften seit mehr denn fünf Jahren so vielfältig erklärt habe.

Meine auserwählten Brüder, hütet euch vor Neuerungen, für welche ihr keine gewisse Schriftgründe habt. Seid nicht zu strenge noch auch zu gelinde. Lasset ein väterliches, mitleidvolles, kluges und verständiges Herz, und des Herrn heiliges Wort eure Triebfeder sein.

Folget meiner brüderlichen Ermahnung in dieser Hinsicht, welche einundzwanzig Jahre lang bethätig worden ist. Ich vermag euch keinen andern und bessern Rath zu ertheilen. Ich fühle mich gedrungen der vorerwähnten Ursache halber an euch zu schreiben. Mit aufrichtigem Herzen habe ich meinen geliebten Brüdern ohne irgend welche Parteilichkeit gedient, wie es uns in Christo geziemt. Ich wurde ersucht die Gründe für meine Lehre zu geben, welches zu thun ich jederzeit willig und bereit bin; nicht nur den Frommen, sondern der ganzen Welt, gleichwie des Herrn Wort mich zu thun befiehlt. Ich lehre und lebe nicht kraft des Glaubens anderer, sondern vermöge meines eigenen Glaubens. O, daß Alle mit mir einer Meinung wären! Wie väterlich, und mit welcher Besonnenheit würde der Bann dann gebraucht werden, ohne Anstoß zu geben; während derselbe jetzt zuweilen in so anstößiger Weise ausgeübt wird.

Ich bitte alle Frommen um Gotteswillen Frieden zu suchen. Und habt ihr einander im mindesten beleidigt, dann reiniget eure Herzen und seid versöhnt in Christo Jesu. Bedenkt, daß ihr des Herrn Volk seid, zum Frieden berufen, unter das Kreuz gestellt, von der Welt getrennt und bis in den Tod gehaßt. Seid ihr in demselben Geist getauft, dann erfüllt mein aufrichtiges Verlangen und seid mit mir einer Meinung in Christo. Erbauet, und brechet nicht nieder. Unterweiset einander in Liebe und verhindert Spaltungen, auf daß der göttliche Friede mit allen Kindern Gottes sei, und bei uns vollständig bleibe bis ins ewige Leben.

Möge der friedliche Geist Christi euch alle beschützen. Möget ihr heilsam in der Lehre, brünstig in der Liebe, und ohne Anstoß im Leben sein, zur Auferbauung seiner Gemeinde, und zum Preis seines heiligen Namens. Euer unwürdiger Bruder und Diener.

13. November A. D. 1555

Menno Simon

Quelle:
Die vollständigen Werke Menno Simon’s, 
übersetzt aus der Originalsprache, dem Holländischen.
Funk Ausgabe 1876