Durchsuchen nach
Schlagwort: Renata von Ferrara

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Nr. 756 (C. R. – 4090)

Marguerite, die Schwester Heinrichs II. von Frankreich und Gemahlin Philibert-Emanuels von Savoyen, neigte heimlich zur Reformation und legte mehrfach bei ihrem Gatten Fürbitte für die piemontesischen Waldenser ein. Vgl. 753, 755.

Über Krankheit und Missverständnisse. Von der Herzogin in Savoyen.

Madame, ich muss Sie um Verzeihung bitten, wenn ich Ihnen durch die Hand meines Bruders schreibe wegen meiner gegenwärtigen Schwäche und der Schmerzen, die ich von verschiedenen Krankheiten leide, Atemnot, Blasenstein, Gicht und ein Geschwür in den Hämorrhoidalgefäßen, das mich an aller Bewegung hindert, die mich sonst auf Erleichterung hoffen ließe. So müssen Sie mich, bitte, auch entschuldigen, wenn mein Brief nur kurz wird im Vergleich zum Ihrigen, umso mehr als ich noch auf die Rückkehr Herrn Budes warte, durch den Sie mir Nachricht zu schicken versprachen, und außerdem, weil ich von Herrn de Collonges noch keinen Brief erhalten habe mit Winken über das Vorgehen, das man einschlagen müsste, um die Zwistigkeiten in Ihrem Hause zu schlichten und für die Zukunft allem entgegenzuwirken, was Verlegenheit und Gespött verursachen oder Hass und Hader stiften könnte.

Was die andere Frage angeht, Madame, so bitte ich Sie, wenn mein Rat bei Ihnen etwas gilt, Ihren Geist nicht damit zu beschweren; denn wie dem auch sei, allzu große Leidenschaftlichkeit bringt viel Betrübnis und sperrt der Vernunft und Wahrheit die Tür. Ich war sehr erstaunt, Madame; ich habe doch, als ich von den Verworfenen sprach, ausdrücklich die Persönlichkeit des Herrn de Guise beiseite gelassen und gesagt, dass eigenmächtiges Verdammen allzu kühn sei, und nun haben Sie meine Äußerung doch ganz verkehrt aufgefasst. Deshalb sage ich Ihnen nun weiter gar nichts mehr darüber, weder Gutes, noch Böses. Nur eins will ich noch berühren: alle recht denkenden Leute haben Sie durchaus nicht etwa gehasst oder verabscheut, weil Sie die Schwiegermutter des verstorbenen Herrn de Guise waren; sondern gerade deswegen hat man Sie umso mehr geliebt und verehrt, weil man sah, dass selbst das Sie nicht davon abbrachte, offen und ehrlich Ihr Christentum zu bekennen, und zwar nicht bloß mit dem Munde, sondern mit Taten, die ein deutliches Zeugnis abgaben. Ich persönlich versichere Sie, gerade dieser Umstand lässt mich Ihre Tugenden nur umso mehr bewundern.

Nun zu etwas anderem, Madame: Ich habe nämlich gehört, dass die Frau Herzogin von Savoyen, Ihre Nichte, so ziemlich auf dem rechten Wege ist bis zum Entschluss, ein freimütiges Bekenntnis abzulegen. Aber Sie wissen, wie viele Verführer es gibt, die sich zum Weichen oder Kaltwerden bringen können, und andrerseits ist sie stets ziemlich ängstlich gewesen, so dass zu befürchten ist, die gute Absicht bleibe da sozusagen am Haken hängen, wenn man sie nicht ermuntert. Nun meine ich, kein Mensch auf Erden hätte auf die Herzogin mehr Einfluss als gerade Sie, Madame. Deshalb möchte ich Sie im Namen Gottes bitten, einen guten, lebhaften Zuspruch nicht zu unterlassen, um ihr Mut zu machen zu weitern Schritten; ich bin überzeugt, dass Sie Ihre Pflicht darin ganz erfüllen werden nach dem Eifer, der in Ihnen ist, Gott zu ehren und ihm mehr und mehr zu dienen. Indem ich mich, Madame, Ihrer Gewogenheit ergebenst empfehle, bitte ich den Vater im Himmel, er wolle Sie behüten, Sie stets mit seinem Geiste leiten und Sie in gutem Glück erhalten.

Genf, 4. April 1564.

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Nr. 754 (C. R. – 4074)

Francisco Porto von Kreta, Professor des Griechischen in Genf, hatte auf einer Reise die Herzogin besucht. Der ermordete Herzog de Guise war der Schwiegersohn der Herzogin gewesen, (vgl. 699, 704) und sie hatte sich über das scharfe Urteil der reformierten Pfarrer beschwert. Zum Weiteren vgl. 731, 753.

Über den Herzog de Guise und falsche und rechte Feindesliebe.

Madame, durch Ihren letzten Brief habe ich vernommen, dass, als Sie damals Messer Francisco auftrugen, ich möchte doch die, die sich als Christen bekennten, auch zur Liebe ermahnen, sich dies auf einige Pfarrer bezog, die Sie in ihrem Urteil recht lieblos fanden. Indessen kann ich annehmen, dass dieses Urteil den verstorbenen Herrn Herzog de Guise anging, sofern man ihn als zu schroff verdammte. Nun, Madame, bevor ich näher auf die Frage selbst eingehe, bitte ich Sie im Namen Gottes, wohl daran zu denken, dass Sie auch Ihrerseits Maß halten müssen; denn man kann nicht bloß im abschätzigen Urteil zu weit gehen. Und ohne mich an anderer Leute Bericht zu halten, merke ich aus Ihrem Briefe selbst, dass Ihre persönliche Neigung Sie vergessen ließ, was Sie sonst wohl wussten. Nämlich auf meine Bemerkung, David lehre uns durch sein Beispiel, die Feinde Gottes hassen [Ps. 31, 7; 101, 3], sagen Sie, das sei zu der Zeit gewesen, da es unter dem Gesetz der Strenge noch erlaubt gewesen sei, die Feinde zu hassen. Nun, Madame, eine solche Auslegung könnte die ganze Schrift umstürzen, und deshalb müssen wir sie meiden wie tödliches Gift. Denn man kann wohl sehen, dass David an Güte den besten Menschen übertraf, den man heute finden könnte. Denn wenn er sagt, dass er weinte und viele Tränen vergoss in seinem Herzen für die, die ihm nach dem Leben stellten [Ps. 38, 9 – 13], dass er einen Sack anzog und um sie Trauer trug und ihnen Böses mit Gutem vergalt [Ps. 35, 12 – 14], so sehen wir, dass er so herzensgut war, wie man es nur wünschen kann. Wenn er aber dann doch sagt, gegen die Verworfenen hege er einen tödlichen Hass, so rühmt er sich zweifellos seines rechten, reinen Eifers, der ganz in Ordnung ist, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind: erstens, dass wir nicht uns und unser persönliches Interesse in Betracht ziehen, zweitens dass wir Klugheit und Vorsicht walten lassen und nicht leichtsinnig urteilen, schließlich, dass wir Maß halten und nicht über das hinausgehen, wozu wir berufen sind. Das können Sie an mehreren Stellen meines Kommentars zu den Psalmen noch weiter ausgeführt lesen, wenn Sie geruhen, sich die Mühe zu nehmen und dort nachzuschlagen. Eben darum hat uns sogar der heilige Geist den David gegeben, als Schutzpatron sozusagen, dass wir darin seinem Beispiel folgen sollen. Es ist uns ja auch tatsächlich gesagt, dass er in diesem Eifer ein Vorbild unseres Herrn Jesu Christi war [Ps. 69, 10; Joh. 2, 17]. Wollten wir nun den, der der Quell alles Mitleids und aller Barmherzigkeit war, an Milde und Freundlichkeit übertreffen, dann wehe uns! Um alle Auseinandersetzung abzuschneiden: wir wollen uns doch damit zufrieden geben, dass St. Paulus gerade diesen Spruch auf alle Gläubigen anwendet, dass der Eifer um Gottes Haus sie verzehren soll usw. [Ps. 69, 10; Röm. 15, 3]. Deshalb hat auch unser Herr Jesus, als er die Jünger tadelte, weil sie gewünscht hatten, es möge Feuer vom Himmel fallen auf die, die ihn verwarfen, wie Elias tat [Luk. 9, 54. 55], nicht gesagt, man sei nicht mehr unter dem Gesetz der Strenge, sondern nur sie gewarnt, sich nicht von einer solchen Leidenschaft hinreißen zu lassen wie der Prophet. Ja sogar St. Johannes, von dem Sie nur das Wort der Liebe behalten haben, zeigt uns deutlich, dass wir nicht unter dem Vorwand der Menschenliebe kalt werden sollen in unserer Pflicht gegenüber der Ehre Gottes und der Erhaltung seiner Kirche. Denn er verbietet uns sogar, die zu grüßen, die uns auf irgendeine Weise von der reinen Lehre abwendig machen wollen [2. Joh. 10]. Und nun, Madame, bitte ich Sie, mir zu verzeihen, wenn ich Ihnen ganz freimütig sage, dass Sie meines Erachtens das Gleichnis vom Bogen, den man auf die andere Seite biegt, wenn er sich zu stark nach einer Seite gekrümmt hat, anders aufgefasst haben als der, der es brauchte. Denn jedenfalls wollte er damit nur sagen, dass er, da er Sie übertreiben sah, dadurch gezwungen wurde, auch heftiger zu reden, und nicht, dass er die Schrift fälsche oder die Wahrheit verhülle.

Nun komme ich auf die Tatsache selbst, die ich, um Sie, Madame, nicht durch allzu große Weitschweifigkeit zu belästigen, nur kurz berühren will. Sie haben nicht allein die große Not und Bitterkeit der entsetzlichen Wirren [der letzten Jahre] gespürt. Freilich, das Übel konnte Sie umso schwerer verletzen, als Sie das Königshaus, aus dem sie stammen, in solchem Wirrsal sahen. Aber doch war die Trauer darüber allen Kindern Gottes gemeinsam, und wiewohl wir sagen konnten: Weh dem, durch welchen das Ärgernis gekommen ist [Matth. 18, 7], so hatten wir doch auch Grund genug, zu seufzen und zu weinen, denn eine gute Sache ist sehr schlecht geführt worden. Da nun die böse Geschichte alle recht denkenden Leute betrübte, so konnte Herr de Guise, der das Feuer angezündet, nicht geschont werden. Auch ich habe zwar immer gebetet, Gott wolle ihm gnädig sein, aber doch auch oft gewünscht, Gott wolle Hand an ihn legen und die Kirche von ihm befreien, wenn er sich nicht bekehren wolle. Jedenfalls kann ich behaupten, dass es nur an mir lag, dass nicht schon vor dem Krieg Männer der Tat und entschlossenen Handelns ihn aus der Welt schafften; denn nur meine Mahnung hielt sie zurück. Indessen ihn geradezu verdammt zu nennen, ist zu weit gegangen, wenn man nicht ein sicheres, untrügliches Merkmal für seine Verwerfung nennen kann, und da muss man sich wohl vor Anmaßung und Unüberlegtheit hüten. Denn es ist nur ein Richter, vor dessen Stuhl wir alle Rechenschaft abzulegen haben.

Der zweite Punkt scheint mir noch ungeheuerlicher, nämlich den König von Navarra ins Paradies zu setzen und Herrn de Guise in die Hölle. Denn wenn man beide vergleicht, so war der eine ein Abtrünniger, der andere stets ein offener Feind der Wahrheit des Evangeliums. So möchte ich in diesem Punkte größere Mäßigung und Nüchternheit gewahrt wissen. Indessen muss ich Sie doch bitten, Madame, sich nicht zu sehr zu ärgern über das Wort, für einen solchen Mann dürfe man nicht beten. Sondern lernen Sie erst unterscheiden, um welche Form und Art des Gebetes es sich hier handelt. Denn wenn ich auch für jemandes Seelenheil bete, so heißt das doch nicht, dass ich ihn in allem und überall [Gott] empfehle, wie wenn er ein Glied der Kirche wäre. Wir bitten Gott, dass er die, die dem Verderben zueilen, auf den guten Weg zurückbringe, aber damit setzen wir sie noch nicht unsern Brüdern gleich im Rang und wünschen ihnen nicht im Allgemeinen alles Gute. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen, Madame, etwas von der Königin von Navarra erzählen, das gut hier her passt. Als der König, ihr Gemahl, sich aufgelehnt hatte [wider Gott], hörte ihr Hofprediger auf, seiner im Kirchengebet zu erwähnen. Dadurch erzürnt, machte sie ihm Vorwürfe und meinte, schon im Hinblick auf die Untertanen dürfe er das [Gebet für den König] nicht unterlassen. Der Prediger entschuldigte sich und erklärte, er habe den König überhaupt nicht mehr genannt, weil er die Unehre und Schande ihres Gemahls habe schonend verdecken wollen; denn er hätte von Gott wahrhaftig nichts anderes erbitten können als seine Bekehrung, und damit wäre sein Fall ja aufgedeckt worden; denn einfach zu bitten, Gott wolle ihn im Glück erhalten, wäre Gespött und Entweihung des Gebets gewesen. Als sie diese Antwort vernommen, blieb sie ruhig, bis sie auch andere um Rat gefragt hatte, und als sie fand, dass diese gleicher Meinung seien, gab sie sich einfach damit zufrieden. Madame, ich weiß, dass diese gute Fürstin bereit wäre, von Ihnen zu lernen, wie Ihr Alter es mit sich brächte und Ihre Tugenden es verdienen, so bitte ich jetzt Sie, sich nicht zu schämen, es ihr in diesem Punkte nachzutun. Ihr Gatte stand ihr näher, als Ihr Schwiegersohn Ihnen gestanden hat. Trotzdem hat sie ihre persönliche Neigung überwunden, um nicht zu einer Entweihung des Namens Gottes Anlass zu geben, was wir täten, wenn unser Gebet entweder erheuchelt wäre oder der Ruhe der Kirche zuwiderliefe. Und um dieses Thema zu schließen mit einem Wort von der Liebe: erwägen Sie bitte, Madame, ob das recht wäre, wenn wir einem Menschen zu lieb hunderttausend andern nicht Rechnung trügen, und wenn unsre Liebe sich auf den einen beschränkte, der alles durcheinander zu bringen suchte, und seinetwegen die Kinder Gottes zurücktreten müssten. Das Mittel dagegen ist: Das Böse hassen, aber uns nicht an die Personen halten, sondern jeden seinem Richter überlassen. Erwiese mir Gott die Wohltat, dass ich mit Ihnen sprechen könnte, so könnte ich Sie hoffentlich ganz zufrieden stellen. Indessen, Madame, bitte ich Sie, wohl zu erwägen, was ich hier angedeutet habe, damit Sie sich nicht betrüben und Ihren Geist sich bekümmern lassen wegen einiger Worte, die man wohl unter die Füße treten kann.

Man fordert Sie auf, die Kaufläden der Papisten brandschatzen und plündern zu lassen. Ich kann das nicht billigen, wer es auch sonst täte; vielmehr muss ich Ihre Tapferkeit und Hochherzigkeit loben, die sich mit einer so ungerechten Forderung nicht zufrieden gab. Ebenso bei den andern Exzessen, von denen Sie berichten. Was den Streit betrifft, der in Ihrem Hause zwischen den beiden von Ihnen genannten Personen entstanden ist, so weiß ich nicht, welcher Grund vorlag, gegen die Frau zu reden. Ich bin ja dessen, was Sie, Madame, darüber sagen, sicher, aber ich weiß nicht, ob einige böse Anzeichen vorlagen, die Herrn de Collonges zwangen, die Ermahnung als vorbeugendes Mittel zu brauchen, oder ob er zu weit gegangen ist und unbedacht gehandelt hat. Jedenfalls hat der Gatte sich viel zu viel erlaubt, da man ihm doch Genugtuung anbot, und auch die Antwort und Weigerung des Herrn de Collonges verrät mehr Ehrgeiz und weltliche Eitelkeit, als die Bescheidenheit eines Vertreters unseres Standes erlaubte, was mich recht betrübt. Denn er hat sich dabei zu sehr vergessen. Wenn die Parteien übereinkommen, ihre Sache zu regeln, so will ich mein Möglichstes tun, das Übel zu heilen, auf welcher Seite es sich befinde. In diesem Punkt, Madame, gebe ich zu, dass zu befürchten ist, Gott werde uns die Güter, die er uns gegeben, nicht lange mehr genießen lassen, da ein jeder so sich selbst ergeben ist, dass wir unsern Nächsten nicht in Demut und Milde zu tragen wissen. Und weit entfernt, unsere Feinde zu lieben, indem wir versuchten, das Böse mit Gutem zu überwinden, haben wir nicht einmal soviel Liebe, brüderlichen Verkehr mit denen zu halten, die sich rühmen, Christen zu sein. Jedoch möchte ich Sie wiederum bitten, Madame, sich nicht bei der irrtümlichen Unterscheidung aufzuhalten, als sei es unter dem [alttestamentlichen] Gesetz erlaubt gewesen, sich zu rächen, wenn es auch heißt: Auge um Auge [3. Mose 24, 20]. Denn die Rache war damals so gut verboten wie unter dem Evangelium, da doch sogar geboten ist, dem Tier des Feindes wohlzutun [2. Mose 23, 4. 5]. Aber was den Richtern galt, nahm dann jeder Einzelne für sich in Anspruch, und so blieb es dann bei dem Missbrauch, den unser Herr Jesus Christus tadelt [Matth. 5, 38 ff.]. Wie dem auch sei, darin sind wir einig: wollen wir als Gottes Kinder anerkannt sein, so müssen wir seinem Vorbild gleich werden und versuchen, auch denen Gutes zu tun, die es nicht verdienen, wie er seine Sonne leuchten lässt über die Bösen und über die Guten [Matth. 5, 45]. So sind Hass und Christentum zwei Dinge, die sich nicht miteinander vertragen. Ich meine den Hass, der der Liebe zuwider ist, die wir unsern Mitmenschen schulden: nämlich ihr Wohl zu wünschen und zu erstreben und das eifrige Bemühen, soweit es geht, Eintracht und Frieden zu halten mit jedermann. Wenn die, deren Aufgabe es sein sollte, Feindschaft und Hader niederzuschlagen, Feinde zu versöhnen, zur Geduld zu ermahnen, alles Gelüsten nach Rache zu bekämpfen, selbst Händelstifter sind, so ist es umso schlimmer und umso weniger entschuldbar. Jedenfalls, Madame, sollen aber die Fehler, die Ihnen missfallen, Sie nicht kühl machen oder hindern, Ihrem schönen Beginnen entsprechend fortzufahren. Ich weiß, Gott hat Sie mit solcher Kraft gewappnet, dass es nicht nötig ist, Sie weiter anzutreiben. Deshalb verlasse ich mich darauf, dass Sie durch Ihr Beispiel denen, die nicht wissen, was Liebe ist, es zeigen, und durch Ihre Lauterkeit und Geradheit die beschämen, die Ihnen gegenüber zu Heuchelei und Verstellung greifen. Andrerseits danke ich Gott, dass er Sie hat erfahren lassen, welch ein Mann der Herr Admiral ist, so dass Sie an seiner Redlichkeit Gefallen gefunden haben. Wie es ihm gefällt, wird er auch für das Übrige sorgen. – – –

[24. Januar 1564].

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Nr. 753 (C. R. – 4067)

Die Herzogin von Ferrara war in Paris gewesen; da auch andere Evangelische ihre Hausgottesdienste besuchten, so hatten deswegen Unruhen stattgefunden, und sie hatte Paris verlassen und war wieder nach Montargis gezogen. Calvins Bote war Jean Bude, Sieur de Verace (vgl. 538, 741). Die Münze, die Calvin der Herzogin sandte, war ein Goldstück, das ihr Vater, Ludwig XII. hatte prägen lassen, als er mit Papst Julius II. im Streite lag, und das die Umschrift trug: Ich will den Namen Babylons ausrotten. Vgl. 731. Über de Morel vgl. 499, 600, 695.

Über Notwendigkeit der Kirchenzucht. Ein Neujahrsgeschenk.

Madame, ich denke, meinen letzten Brief werden Sie erhalten haben; ich warte Ihre Antwort darauf noch ab, um mich dann meiner Pflicht noch zu entledigen in Bezug auf das, was Sie mir zu schreiben geruhten. Indessen wollte ich die Gelegenheit nicht vorbei gehen lassen, diesen Boten auch zu Ihnen zu senden, damit Sie von ihm vernehmen, wie es hier steht; denn es ist besser, ihm das zur mündlichen Bestellung aufzutragen, als damit das Papier zu belasten, da er einer meiner vertrautesten Freunde ist und ein durchaus zuverlässiger Mann, dem man bis aufs kleinste glauben kann. Es ist der Sohn des verstorbenen Herrn Bude, königlichen Bittschriften-Vorstehers, der durch sein Wissen berühmt war. Übrigens, Madame, haben Sie ja schon durch die Tat bewiesen, dass Ihnen das Wohnen in Paris nicht gefiel. Freilich wäre es ja wünschenswert, dass Sie stets bei Hofe wären zur Unterstützung der armen Kirchen. Aber es wundert mich nicht, dass Sie einen ruhigeren Ort aufgesucht haben.

Jetzt, da Gott Sie zurückgebracht hat in Ihre Stadt, müssen Sie sich doppelte Mühe geben, sowohl Ihre Untertanen als auch Ihr Hauswesen in guter Ordnung zu halten. Ich weiß wohl, Madame, wie widerspenstig das Volk ist, und wie Sie bisher an seiner Bekehrung gearbeitet haben, ohne großen Erfolg. Wie dem auch sei, ich bitte Sie, führen Sie dabei die Mahnung St. Pauli durch: Lasset uns Gutes tun und nicht müde werden [Gal. 6, 9], welche Bosheit Sie auch kühl machen will darin. Vor allem Ihr Haus soll ein Vorbild sein, den irgendwie Belehrbaren zum Beispiel und den Unverbesserlichen und ganz Verstockten zur Beschämung. Dazu, Madame, zeigen Sie, bitte, feste Hand, so gut Sie können, damit gute Zucht herrsche zur Unterdrückung aller Laster und Ärgernisse. Ich meine das nicht nur in Bezug auf Ihre weltliche Gerichtsbarkeit, sondern auch in Bezug auf das kirchliche Sittengericht; die Leute, die beauftragt sind, ein Auge zu haben auf die Sitten, sollen gottesfürchtig sein, von heiligem Leben und solcher Lauterkeit und Schlichtheit, dass nichts sie hindert, ihre Pflicht zu tun; auch von solchem Eifer, wie er nötig ist, um Gottes Ehre ganz zu wahren. Auch soll sich niemand, – er möge sein, von welchem Rang und Stand er wolle, und Ihr Vertrauen und Ihre Hochschätzung noch so sehr besitzen, – schämen, sich der Ordnung zu unterwerfen, die Gottes Sohn selbst eingesetzt hat, und den Hals unter sein Joch zu bringen. Denn ich versichere Sie, Madame, ohne dieses Mittel gäbe es eine zügellose Freiheit, die zu entsetzlichem Durcheinander führen müsste. Die, die sich irgendwie zum Christentum bekennen, würden dann jedenfalls ganz auseinander gerissen. Kurz, es gäbe ein haltloses, ganz verzerrtes Evangelium; denn man sieht wohl, wie jeder sich schmeichelt und sich die Erlaubnis erteilt, seinem Gelüste zu folgen. Es ist verwunderlich, dass dieselben Leute, die sich willig der Tyrannei des Papstes unterwarfen, nicht leiden wollen, dass Jesus Christus in aller Milde zu ihrem Heil über sie herrsche. Aber wirklich, der Teufel braucht diesen Kunstgriff, um die Wahrheit Gottes zu Schanden zu machen, den reinen Glauben zum Gespött und den heiligen Namen unseres Erlösers zur Lästerung. So ist, Madame, zu einer richtigen Kirchenreformation mehr als notwendig, dass Leute da sind, die die Aufsicht führen über eines jeden Leben. Damit aber niemand sich gekränkt fühle, Rechenschaft abzulegen vor den dazu bestellten Ältesten, so sollen diese von der Gemeinde gewählt werden, weil aller Grund besteht, diese Freiheit festzuhalten, und auch, weil dies dazu dient, mit größerer Sorgfalt die passenden und tauglichen und als solche von der Gesamtheit anerkannten Leute auszuwählen.

Ich zweifle nicht daran, Madame, dass, wenn Sie aus Ihrer Machtvollkommenheit solche Ordnung einführen, Sie an unserm Bruder [Morel] de Collonges eine gute Hilfe haben werden. Da ich aber weiß, welcher Korruption die Fürstenhöfe ausgesetzt sind, so scheint mir eine Ermahnung, ihn dabei zu schützen, nicht unangebracht. Ja, es ist vielleicht gut, Sie auf das eine aufmerksam zu machen, dass der Teufel sich allezeit bemüht hat, die Diener des Evangeliums durch falsche Berichte und Verleumdungen verächtlich oder verhasst und unbeliebt zu machen. Deshalb müssen sich alle Gläubigen vor solcher List hüten. Denn wirklich, wenn einem die Weide zur Seligkeit verleidet ist, so heißt das nicht nur seinen Leib schädigen; denn es handelt sich dabei um das Leben der Seelen. Wie dem auch sei, Madame, wenn es Leute gibt, die versuchen, wenn auch nur indirekt, Sie von der Fortführung des so schön Begonnenen abzubringen, so müssen Sie diese Leute fliehen wie tödliches Gift, denn sie sind tatsächlich vom Teufel aufgestiftet, um Sie unversehens abzuziehen von Gott, der doch anerkannt sein will in seinen Dienern.

Vor allem, Madame, lassen Sie sich nie dazu bringen, etwas am Wesen der Kirche, wie es der Sohn Gottes durch sein Blut geheiligt hat, zu ändern. Denn er ists, vor dem sich alle Knie beugen müssen [Phil. 2, 10]. Wenn jemand, um Ihnen schön zu tun, sagt, Ihr königliches Haus müsse aber doch sein Vorrecht haben, so denken Sie daran, dass man Ihrem Hause keine größere Unehre antun könnte, als es vom Leib der Kirche zu trennen, und wie im Gegenteil es für Sie die größte Ehre ist, wenn Ihr Haus gereinigt wird von allem Schmutz. Ich bitte Sie, Madame, wo braucht man eher Arznei als da, wo die Krankheiten im Schwange gehen? Nun urteilen Sie selbst, ob ein Hof nicht leichter über das Erlaubte hinausgeht als eine kleine, bürgerliche Haushaltung, wenn man nicht etwas dagegen tut. Ich sage nicht, dass, wenn Ärgernis gegeben wird unter Ihren Leuten, man nicht Sie, das Hauptglied der Gemeinde, darauf aufmerksam mache, um einmütig eine Züchtigung ins Auge zu fassen, sondern ich meine nur, Ihr Recht im eignen Hause soll das Eingreifen der Kirchenzucht nicht hindern; denn wollte man Ihre Hofleute schonen, so zerflösse aller Respekt vor dem Sittengericht wie Wasser.

Nun zu etwas anderem, Madame: schon lange habe ich die Absicht gehabt, Ihnen eine Goldmünze zu verehren. Halten Sie das wohl für allzu kühn? Da ich aber im Zweifel war, ob Sie ein solches Stück nicht schon besäßen, habe ich es bis jetzt unterlassen; denn es hat nur Wert für Sie, wenn es Ihnen neu ist. Schließlich habe ich die Münze nun dem Überbringer anvertraut, er möge Sie Ihnen zeigen, und wenn Sie diese Prägung noch nicht kennen und geruhen wollen, sie zu behalten, so ists das schönste Neujahrsgeschenk, das ich Ihnen geben kann.

Madame, indem ich mich Ihrer Gewogenheit ganz ergebenst empfehle, bitte ich den lieben Gott, er wolle Sie in seiner heiligen Hut halten und Sie zunehmen lassen in allem Guten und Glücklichen.

8. Januar 1564.

Calvin, Jean – An Renata, Herzogin von Ferrara, in Mont-Argis.

Calvin, Jean – An Renata, Herzogin von Ferrara, in Mont-Argis.

Nr. 731 (C. R. – 3951)

Während des Krieges war Renatas Schloss die Zufluchtsstätte großer Scharen von flüchtigen Frauen und Kindern gewesen, so dass es zeitweilig wie ein Hospital (französisch: Hotel-Dieu, Herberge Gottes) aussah. Weggelassen sind noch einige Bemerkungen über nach Mont-Argis zu sendende Prediger.

Die Herberge Gottes zu Mont-Argis und ihre Reinheit.

Madame, wie sehr während der Kriegswirren in Frankreich alles drunter und drüber ging, habe ich daran gemerkt, dass ich nie Gelegenheit hatte, Ihnen zu schreiben, obwohl es nötiger als je gewesen wäre. Nun sind hoffentlich die Wege frei, und obwohl es noch eine Zeitlang viele Räuber und Wegelagerer geben wird, so wird schließlich Gott doch dafür sorgen, dass all die Unordnung abgestellt wird. Tatsächlich, wenn er nicht Hand anlegte, wären wir schlimmer dran als vorher; denn wenn die, welche die Macht haben, den Friedensvertrag nicht so in die Tat umsetzen, dass Gottes Ehre mehr gefördert wird als dadurch zurückgehalten, so ist der reine Glaube ein seelenloser Leichnam geworden. Ich weiß, Madame, wie Gott Sie gestärkt hat während der härtesten Kämpfe, wie Sie durch seine Gnade tapfer allen Versuchungen widerstanden und sich nicht schämten, die Schmach Jesu Christi zu tragen, während sich der Stolz seiner Feinde hoch über die Wolken erhob. Ja noch mehr, Sie waren wie eine Mutter der armen verjagten Gläubigen, die nicht wussten, wohin sie fliehen sollten. Ich weiß wohl, eine Fürstin, die nur auf die Welt sähe, schämte sich und empfände es fast als Beleidigung, wenn man ihr Schloss eine Herberge Gottes nennte; aber ich wüsste keinen schöneren Ehrentitel als dieses Wort zum Lob und Dank für die Freundlichkeit, die Sie den Kindern Gottes erwiesen haben, die ihre Zuflucht zu Ihnen nahmen. Ich denke oft, Madame, Gott hat solche Prüfungen auf Ihr Alter aufgehoben, damit Sie abzahlen können, was Sie ihm von früher her schuldig geblieben sind hinsichtlich Ihrer Furchtsamkeit in vergangenen Jahren. Ich rede nach gewöhnlicher Menschenweise; denn hätten Sie hundert- und tausendmal mehr getan, Sie wären nicht quitt ihm gegenüber für das, was Sie ihm Tag für Tag schulden für die unzähligen Wohltaten, die er Ihnen unaufhörlich zuteil werden lässt. Aber ich meine, er hat Ihnen eine außerordentliche Ehre erwiesen, da er Sie zu einer solchen Pflicht brauchte und Sie sein Banner tragen ließ, damit er verherrlicht werde an Ihnen, und sein Wort, das der unschätzbare Hort des Heils ist, Wohnung bei Ihnen finde und die Glieder seines Sohnes eine Zuflucht. Umso mehr müssen Sie Sorge tragen, Madame, Ihr Haus auch in Zukunft rein und ganz dem Herrn geweiht zu erhalten.

In dieser Hinsicht kann ich nicht anders, als von einem Ärgernis reden, von dem ich schon früher einmal etwas gehört habe. Ein junger Mensch, den Sie erzogen und vermählt haben, soll seine Frau verstoßen haben und eine Dirne unterhalten. Ich erkundigte mich bei Herrn de Biry, wie es damit stehe, da ich wusste, dass er Ihnen ein so ergebener Diener ist, dass Sie gewiss nicht zürnen würden, wenn ich ihm diese Sache anvertraute. Er antwortete mir anfänglich, Sie hätten sich bemüht, solchem Unwesen zu steuern, gestand aber schließlich, es habe zwar den Anschein, es sei besser geworden; doch wisse man nicht, ob es so bleiben werde. Ich bitte Sie, Madame, seien Sie in diesem und ähnlichen Fällen auf der Hut, Ihr Haus rein zu erhalten von aller argen Befleckung, um den Bösen das Maul zu stopfen, die nichts suchen als Gelegenheit, den Namen Gottes zu lästern. Indessen freuen Sie sich, wie Sie mitten in aller Traurigkeit Grund dazu haben; denn es ist kein kleines Gut, dass Gott Ihnen dadurch seine Billigung erweist, dass er Sie erwählt hat, auf diese Weise an Ihnen verherrlicht zu werden. – – –

– – – Indem ich mich Ihrer Gewogenheit, Madame, untertänigst empfehle, bitte ich den Vater im Himmel, er wolle Sie stets in seiner Hut halten, Sie stark machen in unüberwindlicher Kraft und Sie wachsen lassen in allem Guten und Glücklichen.

Genf, 10. Mai 1563.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara in Montargis.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara in Montargis.

Nr. 699 (C. R. – 3727)

Die Gattin des Herzogs de Guise, Anne d´ Este, war Renatas Tochter. Am Hof Renatas war de Morel als evangelischer Prediger (vgl. 695). Der Nachbar ist Philibert Emanuel von Savoyen.

Klage über die Tochter der Herzogin.

Madame, es freut mich, durch den Überbringer dieses Briefes Ihnen etwas sicher zukommen lassen zu können; nicht als ob ich eben viel zu schreiben hätte, aber ich will doch meine Pflicht Ihnen gegenüber nicht versäumen, und ich denke auch, meine Briefe sind Ihnen stets willkommen, da Sie so gnädig sind. Könnten sie Ihnen auch noch einigen Nutzen bringen, so wollte ich mich wohl bemühen, Ihnen öfters zu schreiben; aber Sie haben ja, Gott sei Dank, einen Mann in Ihrem Hause, der durchaus imstande ist, Sie zu ermahnen und zu festigen, wenn es nötig ist. Ich habe Ihnen nichts Neues mitzuteilen, was Sie nicht auch sonst schon wüssten, besonders nichts für Sie Erfreuliches, und ich möchte Sie nicht betrüben, obwohl ich mich gezwungen sehe, nicht ohne großes Bedauern mein Herz von einer traurigen Sache zu entlasten, die für alle Kinder Gottes gleich betrübend ist. Sie wissen, Madame, was die Feinde der Wahrheit planen, wie es die Liga des Papstes mit dem König von Spanien, Venedig und den italienischen Fürsten, zu denen auch unser Nachbar gehört, bezeugt. Sie meinen, alles Christentum in der Welt ausrotten zu müssen. Nun wandelt auch Madame de Guise einen Weg, der nur zu ihrem Untergang führen kann, wenn sie so fortfährt. Denn wenn sie es auch nicht bedenkt, so erstrebt sie doch den Untergang der armen französischen Kirchen, deren Schutzherr und Verteidiger Gott sein wird. Ich versichere nochmals, Madame, ich unterließe es gerne, Sie damit zu behelligen; andrerseits wünschte ich aber doch auch, sie ließe sich durch Ihren Einfluss zur Mäßigung ihrer Leidenschaft bewegen, der sie nicht gehorchen kann, wie sie es tut, ohne mit Gott in Konflikt zu geraten. Ich sage Ihnen frei heraus, was jedermann weiß, damit Sie in Ihrer Klugheit auf ein gutes Mittel sinnen, das sie davon abbringt, sich mit denen zu verschwören, die nichts anderes wollen, als die Vernichtung des reinen Glaubens, und sich in Dinge zu mengen, die nur ein schlechtes Ende nehmen können, da sie wider Gott sind.

Indem ich mich, Madame, untertänigst Ihrer Gewogenheit empfehle, bitte ich den Vater im Himmel, Sie in seiner Hut zu halten, Sie zu stärken in seiner Kraft und Sie zunehmen zu lassen in allem Guten und Glücklichen.

Genf [März 1562].

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Nr. 651 (C. R. – 3316)

Vgl. 633. Renata war die Schwiegermutter des Herzogs Francois de Guise, so dass man von ihrem Einfluss eine Linderung der Verfolgung erwartete.

Zur Rückkehr der Herzogin nach Frankreich.

Madame, wiewohl ich Grund habe, Gott zu danken, dass er Sie auch weiterhin in Gottesfurcht und Gehorsam erhält, so lehrt Sie doch die Erfahrung, wie notwendig weitere Fortschritte und größere Festigkeit sind, und ich hoffe, Sie sind mir stets gewogen, wenn ich sowohl aus der Ehrfurcht, die ich vor Ihnen hege, und aus dem warmen Wunsch für Ihr Seelenheil heraus, als auch für die wachsende Verherrlichung des Namens Gottes durch Sie, mich bemühe, Ihnen dabei nach Möglichkeit zu helfen. Denn ich weiß, Sie haben es gerne, wenn man Sie belehrt, ja selbst an Ihre Pflicht mahnt, und sind gelehrig und geduldig, alles anzunehmen, was, wie Sie wissen, von Gott kommt. Nun, Madame, haben Sie früher gehört, dass man, um auf rechtem Wege zu wandeln, alle Rücksicht auf die Welt vergessen müsse, so gilts zu dieser Stunde, das Gehörte in die Tat umzusetzen. Ich brauche die Schwierigkeiten nicht aufzuzählen, die Sie hindern oder hemmen könnten, Gottes Ehre recht zu dienen, denn Sie spüren sie selbst nur zu gut. Aber umso mehr müssen Sie sich stärken, alles zu überwinden in der Hoffnung, dass der, der es so wohl begonnen hat, es auch vollenden wird. Wappnen Sie sich nur mit seinen Verheißungen und nehmen Sie Ihre Zuflucht zur Kraft seines Geistes, die stark genug ist, Ihnen den Sieg in allen Kämpfen zu geben. Indessen, Madame, bitte ich Sie, ein solches Beispiel zu geben, wie es Gott, – das wissen Sie wohl, – bei der hohen Stellung, zu der er Sie erhoben hat, fordert, damit die Guten Mut fassen und die Bösen sich schämen müssen. Denn es muss diese ja fast umbringen, wenn Sie Gott die Ehre antun, ihm zu Dienst und zu Gefallen die Feinde zu verachten.

Zum Zweiten bitte ich Sie, Madame, wie Sie bisher so schön begonnen haben, so auch weiterhin die armen Glieder Jesu Christi zu unterstützen und für die Ruhe der Kirche zu sorgen. Denn ganz abgesehen davon, dass das, wie Sie wissen, ein Gott wohlgefälliger Dienst, ein Opfer süßen Geruches ist, sollte uns auch das dazu antreiben, dass es in der Schrift heißt, wer die armen Glieder Jesu Christi aufnehme und ihnen helfe, sei ein Gehilfe der Wahrheit Gottes [3. Joh. 8]; und das ist solch ein Ehrentitel, dass uns nichts zu viel sein darf, ihn zu erlangen. Wie die Wanderer sich beeilen, wenn sie die Nacht hereinbrechen sehen, so muss auch Sie, Madame, Ihr Alter mahnen, sich recht anzustrengen, dass Sie ein gutes Zeugnis hinterlassen in dieser Welt und es auch mitnehmen vor Gott und seine Engel, nämlich dass Sie sich die Gemeinde unseres Herrn Jesu Christi mehr angelegen sein ließen als alle irdischen Güter und Ehren. Wenn Sie, Madame, Mut fassen, wie sichs gehört, so hoffe ich, Gott werde Ihre hochgemute Festigkeit so wirken lassen, dass alle Gläubigen mit lautem Mund und einmütig Ihre Rückkehr nach Frankreich segnen und bekennen werden, dass Gott durch Sie sich ihrer erbarmt hat und ihnen die Hand reicht, dadurch, dass er Sie in Ihrem Alter in die Heimat zurückgeführt hat. Da das aber eine Wirksamkeit ist, die menschliche Fähigkeiten übersteigt, so bitte ich Sie, sich täglich dazu anzutreiben und zu ermuntern durch die heiligen Ermahnungen, die uns in der Schrift gegeben sind.

Damit empfehle ich mich usw.

[16. Januar 1561].

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Nr. 633 (C. R. – 3228)

Oktober 1559 war der Herzog Ercole von Ferrara gestorben und hatte seiner Gemahlin auf dem Sterbebette den Eid abgenommen, mit Calvin nicht mehr zu korrespondieren; der neue Herzog Alfonso stellte seine Mutter vor die Wahl, als Katholikin in Ferrara zu bleiben oder nach Frankreich zurückzukehren; sie wählte letzteres, ließ es Calvin melden und bat ihn um einen evangelischen Prediger.

Vom unrechten Eid der Herzogin und ihrem Plan nach Frankreich zu ziehen.

Madame, trotz häufiger Aufforderung von Ihrer Seite konnte ich mich bisher nicht entschließen, Ihnen den verlangten Mann zu senden, da ich stets fürchtete, diejenigen, die mir davon sprachen, möchten in ihrem Eifer weitergehen, als Sie es wollten. Denn ich hatte keinen Brief von Ihnen, der mir Gewissheit gab, ob es so gemeint war oder nicht, und auch jetzt, Madame, hätte ich lieber größere Sicherheit gehabt, um Ihnen deutlicher schreiben zu können. Nicht dass ich dem Überbringer dieses Briefes misstraute, der mir so sichere Kennzeichen der Sendung von Ihnen brachte; aber Sie wissen, Madame, wie leicht Leute aufgestiftet werden könnten, um von mir allerlei zu erhalten, was Ihnen dann Anlass zu größerer Betrübnis und großem Bedauern werden könnte.

Was den Eid betrifft, den zu schwören man Sie gezwungen hat, so war es ein Fehltritt und eine Beleidigung Gottes, dass Sie ihn abgelegt haben; so sind Sie auch nicht verpflichtet, ihn zu halten, ebenso wenig wie ein abergläubisches Gelübde. Sie wissen, Madame, dass Herodes nicht allein nicht gelobt wird, weil er den leichtsinnig geschworenen Eid allzu gut hielt, sondern dass ihm das sogar zur doppelten Verdammnis gerechnet wurde [Mark. 6, 21 ff.]. Ich sage das nicht, um Sie zu drängen, als müssten Sie mir schreiben, sondern nur, damit Sie sich keine Gewissensbedenken machen in einer Sache, in der Ihnen Gott Freiheit lässt und Sie von aller Schuld los spricht. Ich will es dabei bewenden lassen, Sie darauf aufmerksam gemacht zu haben, Madame.

Nun muss ich Ihnen der Reise wegen, Madame, die Sie sich vorgenommen haben, doch erklären, dass Sie, so hart und erbarmungswürdig die Gefangenschaft auch ist, in der Sie noch schmachten und schon so lange geschmachtet haben, doch nicht viel gewinnen, wenn Sie aus einem Abgrund herauskommen und in einen andern geraten; denn ich sehe nicht, wieso diese Veränderung Ihre Lage verbessern könnte. Die Regierungsgeschäfte, in die man Sie hineinziehen will, sind heutzutage so verworren, dass jedermann deswegen um Hilfe schreit. Wären Sie dabei und man hörte auf Sie, so glaube ich wohl, Madame, es ginge nicht so schlecht; aber das will man in Frankreich gar nicht; man will sich nur mit Ihrem Namen decken, um einen Übelstand zu halten, der nicht mehr länger dauern darf. Wenn Sie nun hingehen und sich in dieses Durcheinander begeben, so heißt das offenkundig Gott versuchen. Mir liegt Ihr Glück am Herzen, Madame; wenn aber, was in der Welt hoch und groß ist, Sie hindert, Gott nahe zu kommen, so müsste ich ja ein Verräter an Ihnen sein, wenn ich Sie glauben machen wollte, schwarz sei weiß. Wären Sie fest entschlossen, sich freimütig zu halten und hochgemuter als bisher, so wollte ich Gott bitten, Sie bald dahin zu bringen, noch rascher, als man es Ihnen anbietet. Ists aber nur das, dass Sie dann Ja und Amen sagen zu allem, was vor Gott und Menschen verwerflich ist, so kann ich nichts anderes sagen als: Hüten Sie sich, vom Regen in die Traufe zu kommen. Freilich will ich Ihnen damit nicht sagen, Madame, mein Rat sei, in Ihrer bisherigen Knechtschaft zu bleiben und darin einzuschlafen; denn es ist übergenug mit dem, was bisher geschah; sondern ich will Sie nur bitten, Ihren Wohnsitz so zu wechseln, dass Sie dann auch Gott mit gutem Gewissen dienen können, und dem rechten Ziel nachzustreben, ohne sich von Neuem von Netzen umgarnen zu lassen, die schwer zu zerreißen wären, und in denen Sie ebenso eng oder noch enger gehalten wären als bisher. Sei dem wie ihm wolle, – Sie haben schon zu lange gelitten, Madame, und wenn Sie nun nicht sich Ihrer selbst erbarmen, so ist zu befürchten, dass die Hilfe für Ihr Übel zu spät kommt. Ganz abgesehen von dem, was Ihnen Gott seit langem schon durch sein Wort gezeigt hat, mahnt Sie nun auch bereits Ihr Alter, daran zu denken, dass unser Erbe und unsre ewige Ruhe nicht hienieden sind. Jesus Christus ist es wert, dass Sie seinetwegen sowohl Frankreich als Ferrara vergessen; auch hat Sie Gott durch Ihre Witwenschaft freier und selbständiger gemacht, um Sie umso mehr an sich zu fesseln. Ich wollte, ich hätte Gelegenheit, Ihnen diese Dinge mündlich vollständiger auseinander zu setzen, nicht auf einmal, sondern einen Tag nach dem andern. Doch ich will Ihnen darüber noch Ihrer Klugheit entsprechend allerlei zum Bedenken überlassen, was ich nicht geschrieben habe.

Indem ich mich, Madame, Ihrer Wohlgewogenheit empfehle, bitte ich unsern lieben Gott, er wolle Sie in seiner Hut halten, Sie leiten mit seinem Geiste und Sie zunehmen lassen in allem Guten.

Den 5. Juli 1560.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Nr. 572 (C. R. – 2920)

Vgl. 435. Renata war seit 1554 infolge der Teilnahme an einer katholischen Kommunion wieder aus der Klosterhaft entlassen; innerlich hielt sie jedoch am evangelischen Glauben fest. Auf Wunsch Calvins hatte der Marchese di Vico sie besucht und ihrer Überzeugung bestärkt; er ist es auch, von dem Calvin im Schlussabschnitt berichtet; er hatte von der venezianischen Obrigkeit die Erlaubnis zu einer Zusammenkunft mit seiner Frau auf dem Gebiet der Republik erwirkt.

Aufforderung zur Treue und allerlei Ratschläge.

Madame, ich danke Gott, dass der Mann, den ich zu Ihnen sandte, seine Aufgabe zu Ihrer Zufriedenheit erledigt hat, und so darf ich wohl auch hoffen, dass seine Wirksamkeit Sie auf dem Weg zur Seligkeit fördern wird. Da aber Gott nicht erlaubt hat, dass er jetzt gleich Ihnen seinen Dienst länger erweisen konnte, so bitte ich Sie, Madame, auf jeden Fall weiter lernen zu wollen in der Schule unseres Herrn Jesu Christi; Sie sehen ja wohl, ohne dass man es Ihnen zu sagen braucht, genügend ein, wie nötig Ihnen das ist, besonders da der Teufel alle möglichen Streiche anstellt, um Sie zum Abfall zu bringen. Aber wie Sie allen Ränken zu widerstehen haben, die der Todfeind unseres Seelenheils gegen Sie plant, so müssen Sie auch daran denken, dass Gott diese Mittel braucht zur Prüfung Ihres Glaubens. Scheint Ihnen solche Prüfung hart und schwer, so denken Sie an das Wort St. Petri: Auf dass Euer Glaube rechtschaffen und viel köstlicher erfunden werde denn das vergängliche Gold, das durchs Feuer bewähret wird [1. Petr. 1, 7]. Fühlen Sie in sich größerer Schwäche, als zu wünschen wäre, so nehmen Sie Ihre Zuflucht zu dem, der verheißen hat, dass, wer sich auf ihn verlässt, der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzet und am Bach gewurzelt; denn obgleich eine Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün [Jer. 17, 8]. Denn das ist gewiss, Gott wird uns nicht versucht werden lassen über unsere Kraft, und wenn er dem Satan die Zügel schießen lässt, so wird er auch je und je in uns die Kraft mehren, alles zu überwinden. Es ist gut und nützlich, unsere eigene Schwachheit zu prüfen, nicht damit wir dadurch in Verzweiflung versinken, sondern damit wir lernen, die rechte Hilfe suchen. Deshalb, Madame, verlassen Sie sich darauf, die Feinde, die vor Wut schäumen, werden trotz aller Anstrengung nichts ausrichten, was ihnen nicht der höchste Herr erlaubt. Werden Sie nicht müde, zu kämpfen gegen alle Versuchungen, und je nötiger Sie dazu Waffen brauchen, umso mehr üben Sie sich in frommen Betrachtungen, sich wendend an den, der Macht hat, auch Sie zu stärken, und, wie gesagt, hüten Sie sich, das Mittel gering zu achten, das Sie ja bisher bereits als sehr nützlich erprobt haben, nämlich jemand bei Ihnen zu haben, der Sie täglich ermahnt. Ich hoffe, unsere Freunde werden das nicht unterlassen, und sobald Sie geruhen, mir den Auftrag zu geben, eine geeignete Persönlichkeit ausfindig zu machen, werde ich mich gerne darum bemühen. Nur, Madame, fassen Sie Mut und lassen Sie dem Satan den Vorteil nicht, nach dem er strebt, nämlich Sie unvorbereitet überfallen zu können, und wenn Sie etwa meinen, durch Verstellung dem Kampf entgehen zu können, so nehmen Sie sich wohl in acht, dass nicht gerade diese Ängstlichkeit dem Feind den begehrten Sieg verschafft; denn wir müssen seine Schlauheit kennen, um ihr entgegentreten zu können. Selbst wenn die Lage der Kinder Gottes eine noch hundertmal härtere wäre, dürfte es nicht in Frage kommen, das Gut im Stich zu lassen, zu dem Gott Sie in seiner unendlichen Güte berufen hat.

Ich habe ferner gehört, Madame, dass Sie auch an Ihrem Hof nicht ohne Dornen durchkommen; Sie müssen eben diesen Übelstand mit den andern überwinden, und wiewohl die Gefahr offenkundig ist, dass solche Leute, die Sie entlassen müssen, weil sie sich in ihrer Verstocktheit nicht fügen wollen, sich dann durch üble Nachrede und Verleumdung rächen werden, so ist es doch besser, es einmal plötzlich zu probieren, als immerfort so zu leiden; aber die Hauptsache ist, dass Sie Ihr Haus rein halten nach Gottes Gebot und Davids Beispiel im Psalm 101. Wenn Sie sich mühen, Ihr Haus rein und unbefleckt Gott als einem guten König zu weihen, so wird er es auch beschützen. Freilich wird es trotz aller Ihrer Mühe stets noch Unvollkommenheiten geben, aber umso mehr müssen Sie sich anstrengen, Ihre Pflicht wenigstens teilweise zu erfüllen, und wir haben ja das Vorrecht, dass Gott, wenn wir nach dem Ziele streben, das Wollen für das Vollbringen annimmt.

Ich habe Ihnen, Madame, noch ein Wort zu sagen wegen ihres Bedenkens über Ihr Präsentationsrecht auf Pfründen. Wenn Sie keinen bessern Ausweg wissen, so belasten Sie sich nicht allzu sehr mit diesen Geschichten, umso mehr, als das Vermögen ja nicht Ihnen gehört, sondern übertragen Sie es, je bälder, je besser, dem guten Abbe, der Sie recht gerne davon befreien wird. In der Vollmacht, die Sie ihm darüber geben, können Sie ja, ohne dass man Sie deswegen tadeln kann, gut die Klausel einfügen, dass Sie ihm die Sache zuweisen, um Ihr Gewissen zu entlasten und sich nicht in die Verhältnisse der Kirche einmischen zu müssen. Denn dass Sie von Ihrem Recht einen guten Gebrauch machen könnten, halte ich nicht für möglich. Übrigens bitte ich Sie, Madame, werden Sie hart gegen Vorwürfe, die Sie treffen, wenn Sie Gutes tun; denn das ist der Lohn, der uns von oben verheißen ist. Was die Drohungen betrifft, die etwas schärfer klingen, so kämpfen Sie gegen alle Schwachheit; denn sobald Sie ihr Nahrung geben, kommen Sie nicht vorwärts, sondern zurück. Regt sich Ihnen selbst Widerspruch, so wundern Sie sich nicht darüber. Denn ein so tapferer Streiter St. Petrus auch war, so heißt es selbst von ihm: Man wird dich führen, wo du nicht hin willst [Joh. 21, 18]. Darin ist uns gezeigt, dass wir Gott nie ganz ohne innern Widerspruch dienen; denn unser Fleisch flieht den Kampf.

Der gute Herr, von dem etwas zu erfahren Sie gewiss interessiert, ist Ende Mai über Meer gefahren und hatte vor Mitte Juni bereits feste Versprechungen, man wolle einige Galeeren senden zur Abholung seiner Gemahlin; denn es ist nur eine kurze Überfahrt und er hat beim Capitano Gunst gefunden, der ihm dies ohne Schwierigkeit gewähren konnte. Doch denke ich, er wird bald wieder zurückkehren, Gott müsste denn das Herz seiner Frau wunderbar umgewandelt haben, die ihren Gatten nur so liebt, dass sie ihn gerne mit sich ins Verderben zöge. Jedenfalls hat er nun seine Pflicht genügend getan und kann vor Gott und Menschen als entschuldigt gelten.

Madame, indem ich mich Ihrer Gewogenheit ergebenst empfehle, bitte ich unsern lieben Gott, er wolle Sie allezeit leiten durch seinen Geist, Sie stärken in seiner Kraft, Sie in seiner Hut halten und Sie zunehmen lassen an allem Guten.

26. Juli 1558.
Ihr sehr ergebener Diener
Charles d´ Espeville.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Vgl. 421. Die Herzogin war nach ihrem Abfall aus ihrer Haft befreit und vom Herzog wieder im Palast aufgenommen worden.

Nach ihrem Abfall vom evangelischen Glauben.

Madame, da ich seit der Zeit, da es Gott gefallen hat, Ihren Glauben zu prüfen, von Ihnen nur durch das allgemeine Gerede Nachricht erhielt, so weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen schreiben soll. Doch wollte ich die gute Gelegenheit, die mir durch den Überbringer dieses Briefes geboten wurde, nicht unbenützt vorbeigehen lassen. Ja, es hat mir sehr leid getan, dass kürzlich hier jemand durchreiste, ohne mich zu sprechen, der Ihnen einen Brief hätte sicher übermitteln können. Denn seit der Trübsal, die über Sie gekommen ist, hatte ich niemand, dem ich vertrauen konnte, und obwohl ich, ungewiss über den Ausgang Ihrer Heimsuchung, nicht so genau wusste, was schreiben, wie ich gewollt hätte, so war es mir doch sehr unlieb, Ihnen gar nicht schreiben zu können. Obwohl ich auch heute noch nicht gewiss weiß, wie es um Sie steht, so muss ich Ihnen doch das sagen: Ich nehme an, dass Sie vom rechten Weg gewichen sein müssen, der Welt zulieb. Denn es ist ein schlechtes Zeichen, dass die Leute, die Sie bisher so scharf bekämpft haben, um Sie vom Dienste Gottes abwendig zu machen, Sie jetzt ganz in Frieden lassen. Darüber hat auch tatsächlich der Teufel ein solches Triumphgeschrei erhoben, dass wir seufzen und den Kopf hängen lassen mussten, ohne uns mehr dagegen wehren zu können. Übrigens, Madame, da unser guter Gott stets bereit ist, uns wieder in Gnaden anzunehmen, und uns, wenn wir gefallen sind, doch seine Hand wieder hinhält, dass unser Fall nicht tödlich werde, so bitte ich Sie, fassen Sie wieder Mut. Und wenn der Feind für einmal infolge Ihrer Schwachheit einen Vorteil über Sie errungen hat, so soll er damit ganz und gar noch nicht gesiegt haben, sondern merken, dass die, die Gott wieder aufrichtet, doppelt stark sind, alle Kämpfe auszuhalten. Wenn Sie das wohl bedenken, Madame, dass Gott die Seinen wohl demütigt, aber sie nicht für immer beschämen will, so wird Ihnen das wieder Hoffnung auf ihn geben, so dass Sie umso tapferer werden für die Zukunft. Ich weiß wohl, dieselben Angriffe, die Sie jetzt zum Weichen gebracht haben, werden auch dann wieder unaufhörlich gegen Sie gerichtet werden. Aber ich bitte Sie, denken Sie daran, wie viel Sie dem schuldig sind, der Sie teuer erkauft hat, und der Sie täglich einladet zu seinem Erbteil im Himmel. Das ist kein Herr, in dessen Dienst man zu nichts kommt, besonders wenn wir auf den Ausgang sehen, den alles nimmt, was wir um seines Namens willen an Schmach und Anfechtung erdulden können. Rufen Sie ihn also an, und verlassen Sie sich darauf, dass er stark genug ist, unserer Gebrechlichkeit auszuhelfen, und denken Sie an die schönen Verheißungen, die dazu da sind, uns zu erheben zur Hoffnung auf die himmlische Herrlichkeit. Schon der Vorgeschmack davon soll uns die Welt vergessen und unter unsre Füße treten lassen. Um nun zu zeigen, dass der Wunsch, Gott Ehre zu erweisen, in Ihnen gewachsen, keinesfalls abgestorben ist, so achten Sie, Madame, im Namen Gottes darauf, nicht allein in Ihrer Person Zeugnis abzulegen, sondern auch Ihr Haus so in Ordnung zu halten, dass allen Verleumdern der Mund gestopft wird. Ich denke, Sie werden nicht vergessen haben, was ich früher schon Ihnen darüber sagen musste, zu meinem großen Leidwesen, aber um der Ehrerbietung willen, die ich Ihnen gegenüber hege, und um der Sorge willen, die ich mir um Ihr Seelenheil mache. Freilich, das möchte ich Ihnen auch bemerken, dass ich nie irgendeinem Menschen den Auftrag gab, vor Ihnen darüber ein Wort laut werden zu lassen. Ja noch mehr, ich habe mich wohl gehütet, auch nur im Geringsten zu zeigen, dass ich den Berichten, die ich hören musste, Glauben schenkte. Damit der Mensch, der Sie ohne Anlass aufgeregt hat, nicht mehr dazu komme, weiteres Feuer anzulegen, habe ich, ums Ihnen zu sagen, mir viele Mühe gegeben, seine Torheit zu dämpfen, konnte aber nie damit zu Ende kommen. Vielmehr wurde er zornig über mich, weil ich versucht hatte, seine Torheit zu verhindern. Es ist ein Italiener, Namens Marco. Im Übrigen, Madame, bitte ich Sie, wie es auch sei, wachen Sie sorgfältig darüber, solchen Verleumdungen jeden Grund zu nehmen.

Indem ich mich, Madame, Ihrer Wohlgewogenheit ergebenst empfehle, bitte ich den lieben Gott, Sie in seine Hut zu nehmen, Ihnen seine starke Hand zu bieten, seine Geistesgaben an Ihnen zu mehren und Sie seiner Ehre dienen zu lassen.

Den 2. Februar 1555.
Ihr ganz ergebener Diener
Charles d´ Espeville.