Calvin, Jean – An Antoine de Bourbon, König von Navarra, in Paris.

Calvin, Jean – An Antoine de Bourbon, König von Navarra, in Paris.

Nr. 663 (C. R. – 3393)

Der König von Navarra hatte sich am Hof in ein Fräulein der Königin-Mutter, Mademoiselle du Rouet, verliebt, und Katharina begünstigte nun dieses Liebeshandel, um ihn von der Politik abzuziehen. Vgl. Nr. 664.

Ernster Mahnbrief über des Königs leichtfertiges Leben.

Sire, obwohl Sie durch den Brief, den Sie neulich mir zu schreiben geruht haben, mir die Erlaubnis und die Kühnheit gaben, fortzufahren mit Ermahnungen, wie es die Notwendigkeit fordere, so hätte ich doch gewünscht, nicht auf eine Sache eingehen zu müssen, die Ihnen möglicherweise auf den ersten Blick nicht sehr angenehm ist. Aber ich bitte Sie, Sire, daran zu denken, was St. Paulus sagt, dass wir etwa gezwungen sind, die zu betrüben, die wir erfreuen möchten [2. Kor. 7, 8, 9], und dass das, – selbst wenn Sie einige Zeit erzürnt sind, – nur geschieht, um Ihnen hundertmal mehr Befriedigung zu schenken, als wenn man Sie in Ruhe und damit in tödlichen Schlaf sinken ließe. Tatsächlich, Sire, werden Sie nach Ihrer Klugheit selbst einsehen, dass es Verrat und Untreue wäre, wenn ich, redend im Namen Gottes, der auch die Könige nicht zu schonen befiehlt, Ihnen nicht freimütig zeigte, was nicht verhehlt werden kann und darf. Ich weiß wohl, wie viel Takt und Vorsicht man braucht, um nicht frech und willkürlich in Dinge vorzudringen, die uns unbekannt sein sollten. Die Mahnung aber, die ich an Sie zu richten habe, bezieht sich auf etwas, was nur zu verbreitet ist, mehr als ich wünschte. St. Ambrosius beklagt sich irgendwo mit Recht, die Leute duldeten es, dass die Kinder hören und sehen und reden, während sie die Diener Gottes gerne taub, blind und stumm hätten, obwohl diesen doch die besondere Aufgabe anvertraut ist, aufzumerken, zu wachen, anzuklagen und wie mit Trompetenton zu rufen. Ich hoffe, Sire, und bin überzeugt, dass Sie nicht zu diesen Leuten gehören; vielmehr werden Sie es merken, dass ich nicht leichtsinnig bewogen worden bin, Ihnen zu zeigen, welche Angst mich erfasste bei der Kunde, Sie seien durch ein sehr schlechtes Mittel gewonnen worden, vielen Dingen zuzustimmen, denen Sie steif und fest hätten widerstehen müssen. Ich schreibe Ihnen, Sire, nur das allgemeine Gerücht, aber zu einer zu großen Zahl von Menschen ist es gekommen. Man munkelt nämlich davon, dass tolle Liebesgeschichten Sie hindern oder wenigstens kühl machen für Ihre Pflichten, und dass der Teufel Helfershelfer hat, die weder Ihr Wohl noch Ihre Ehre im Auge haben, sondern die Sie durch solche Verlockungen an sich zu fesseln suchen oder doch Sie zahm machen wollen, um sich Ihrer in aller Ruhe zu ihren Ränken und Listen bedienen zu können. Wenn Sie erzürnt sind, Sire, dass man solches von Ihnen glaube, so bitte ich Sie, an viele Jugendtorheiten zu denken, die dazu den Anlass bieten. Ich bitte Sie immer wieder, Sire, wohl zu merken, was St. Petrus sagt: „Es ist genug, dass wir in der vergangenen Zeit unseres Lebens wandelten in Begierden, Lüsten und Unzucht der Ungläubigen“ [1. Petr. 4, 3]; denn, Sire, wenn Sie nicht mehr darin befleckt sein werden, so wird das nicht allein begraben sein vor Gott und seinen Engeln, sondern auch in Vergessenheit geraten vor der Welt. Umgekehrt aber lässt Gott zu, dass, wenn man zurückfällt ins Böse, auch schon Abgetanes wieder auflebt bei den Menschen, und er vor allem bringt es wieder ins Gericht. Ich bitte Sie also, Sire, im Namen Gottes, aufzuwachen zu klarem Erkennen, und zu wissen, dass die größte Tapferkeit, sie Sie haben können, die ist, zu kämpfen gegen Ihre Neigungen, die weltlichen Vergnügungen sich zu versagen, die Begierden zu bändigen, die Sie zu Beleidigung Gottes verführen, unter den Fuß zu treten die Eitelkeiten, die uns irreführen, ehe wir es uns versehen. Denn wie schwer es sein mag, sich bei dieser Stellung auf königlicher Höhe im Zaum zu halten, so ist doch die Freiheit, die die Großen in Anspruch nehmen, desto weniger zu entschuldigen, da Gott sie umso mehr verpflichtet hat. Es muss das Wort unseres Herrn Jesu gelten, dass die Rechenschaft von einem jeden gefordert wird nach dem, was ihm anvertraut ist [Matth. 25, 14]. Ja, ich bitte Sie, Sire, dies jetzt wohl anzuwenden zu Ihrer Belehrung; denn außer den andern so außerordentlichen Gnaden, die Ihnen früher zuteil geworden sind, sind Sie von neuem zu einer Stellung gekommen, die Sie mehr als je bestimmen muss, mit größter Sorgfalt auf der Hut zu sein. Denn nicht nur haben Sie Ihre Aufgabe im Staatswesen zu wahren, sondern Gott hat Sie eingesetzt wie einen Vater, alle armen Gläubigen zu trösten und ihnen zu helfen, dass sie in Freiheit ihm dienen und ihn rein verehren können; ja er hat Sie, was noch mehr ist, gemacht zum Anwalt seiner Wahrheit, der reinen, wahren Religion, des höchsten Rechts, das ihm zukommt, nämlich dass man ihm gehorche und nach seinem Willen lebe. Das ist schon eine so schwere Last, dass kein Geschöpf ist, das sie ohne Beschwerde trägt, und der Teufel macht noch soviel Schwierigkeiten, dass einer schon von der besonderen Gnade Gottes unterstützt sein muss, um durchzukommen. Umso mehr ziemt es sich für Sie, Sire, sich anzustrengen, damit Sie alle innern Hindernisse loswerden und so freier sind zur Ausführung eines so heiligen, großen Auftrags, damit Sie nicht nur von den Guten gelobt, sondern auch unsträflich erfunden werden vor dem himmlischen Richter, zu empfangen die Krone der Herrlichkeit und des ewigen Lebens, die kostbarer ist als alle Reiche der Welt. Unterdessen, Sire, obwohl ich nicht zweifle, dass Sie die Hinterhalte sehen, die man Ihnen legt, und die Netze, die gespannt sind, Sie zu fangen und zu umgarnen, und die Ränke, die man spinnt, um die Verwirrung wieder anzurichten, aus der wir entronnen zu sein glaubten, so zwingt mich doch meine Pflicht, Sie zu bitten, wachsam und bereit zum Widerstand zu sein. Sire, mich ergebenst Ihrer Gnade empfehlend, bitte ich den Herrn, Sie zu beschützen, Sie zu führen in klugem Geist, Geradheit, Standhaftigkeit, und Sie wachsen zu lassen an allem Glück zur Ehre seines Namens.

[Mai 1561.]

J. C.

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