Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (664)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (664)

Nr. 664 (C. R. – 3397)

Der französische Gesandte bei der Eidgenossenschaft, Matthieu Coignet, war Calvin wohl von der Jugendzeit her befreundet. Vergerios Neffe, Lodovico, war Rat des Herzogs Albert von Preußen und als Gesandter nach Frankreich geschickt. Bullinger scheint sich vor antitrinitarischen Umtrieben durch ihn gefürchtet zu haben. Über Navarra vgl. 663. In Beauvais war Odet de Chatillon, Colignys Bruder, der selbst bald zum Protestantismus übertrat, Bischof. In Paris wurde das Haus des Hugenotten de Longemeau vom Pöbel gestürmt.

Von Navarra und Coligny. Nicht genug Pfarrer für Frankreich.

Wenn ich dir nur selten schreibe, hochberühmter Mann und bester Bruder, so geschieht es zwar zuweilen aus Nachlässigkeit, das will ich nicht leugnen. Aber doch darf ich dir versichern, dass kaum drei Tage vergehen, in denen ich dir nicht gern etwas schriebe, wenn ich einen Boten zur Hand hätte. Aber seit faste einem Monat ist niemand nach Zürich gereist. Der königliche Gesandte hat mir zwar unserer alten Freundschaft wegen seine Dienste freigebig angeboten; aber ich wage es kaum, mich ihm anzuvertrauen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Wiewohl er ein durchaus ehrenhafter Mensch ist, zwingt ihn doch oft die Stellung, die er bekleidet, seine Christenpflicht zu vergessen. Ich hätte jetzt, da unser Leyner mein Bote sein will, ausführlich schreiben können, wenn es meine Gesundheit zuließe; aber ein Schmerz in der Hüfte greift mich zu heftig an, als dass ich zu dieser Arbeit noch fähig wäre. Wenn Vergerio um des Gewinnes willen für seine Neffen einen Gesandtschaftsposten erworben hat und dadurch einige Unordnung stiftet, so möchte ich, du lachtest ganz ruhig mit mir über diesen unverschämten Intriganten. Wenn in Frankreich überhaupt die Religion schon Bestand hat, so wird trotz ihm die Hauptlehre unversehrt bleiben. Könnte man nur im Ganzen so zuversichtlich sein! Der König von Navarra ist nicht weniger träg und wetterwendisch als bisher; freigebig in Versprechungen, aber ohne Treue noch Festigkeit. Obwohl er zuweilen nicht nur Funken von Männlichkeit sprüht, sondern in hellen Flammen auflodert, so erlischt das gleich wieder. Sobald das geschieht, ist er zu fürchten wie ein pflichtvergessener, verräterischer Sachwalter. Dazu kommt, dass er durch und durch verbuhlt ist. Die in solchen Künsten erfahrene Königin-Mutter hat aus ihrem Frauenzimmer hervorgeführt, was sein Herz verlocken kann. Die Geschichte ist bereits in aller Kinder Mund. Ich habe ihn so offen und streng ausgescholten, wie irgendeinen aus meiner Gemeinde. Beza hat ihn auch nicht milder behandelt; aber wenn er unsere Scheltreden geduldig hinnimmt, ohne aufzubrausen, so glaubt er schon, seine Pflicht getan zu haben. Einzig auf den Admiral können wir uns fest verlassen. Auch der arbeitet der Kollege, den ich ihm gesandt habe, eifrig daran, ihn zu ermutigen. Ich habe ihn hingeschickt, ohne jemand zu Rat zu ziehen, damit nicht wieder ein Teil der Gehässigkeit auf den Genfer Rat fällt. Nicht weit vom königlichen Palast predigt er öffentlich vor einer sehr großen Zuhörerschaft; alle Gegner schreien darüber als über eine unerträgliche Frechheit. Die Königin-Mutter bat freundlich, aber erfolglos, man möge es lassen. Er will eher alles versuchen, als weichen; ja er hat sich nicht gescheut, der Königin-Mutter zu sagen, alle Hilfsmittel werden unnütz sein, wenn man nicht mich hin berufe. Es ist ganz unglaublich, wie hitzig die Unsern stets weiter dringen wollen. Von allen Seiten verlangt man Pfarrer von uns, nicht minder eifrig, als man bei den Papisten nach Pfründen strebt. Die Leute, die sie holen wollen, belagern meine Tür, und als ob man mir nach höfischem Brauch bittend nahen müsste, streiten sie untereinander in frommem Wetteifer [um den Vortritt]; das alles, wie wenn sie das Reich Christi schon sicher im Besitz hätten! Wir möchten nun zwar gern ihrem Wunsch entsprechen, aber wir sind ganz ausverkauft. Wir haben schon längst sogar aus den Handwerkerstuben den letzten Mann aufbieten müssen, der auch nur ein wenig literarisch und theologisch gebildet erfunden wurde. Zwar missfällt uns dieses Drängen, aber es ist schwer, im Einhalt zu tun. In vielen Städten haben sie Kirchen in Besitz genommen, weil Privathäuser die Menge nicht mehr zu fassen vermochten, und obwohl man nun in der Gascogne überall predigt, ohne dass es Unruhe gäbe, möchten wir doch, sie hätten lieber das getan, was uns immer besser schien. Sie lassen sich auch durch das harte Edikt des Königs nicht abschrecken, in dem er befiehlt, alle Gebäude, in denen Zusammenkünfte stattgefunden haben, bis auf den Grund zu zerstören und alle, die zusammengekommen sind, als Aufrührer zu behandeln. Doch herrscht in der Gascogne größere Freiheit. Das Pariser Parlament, das dieses letzte Edikt erpresst hat, schleudert in fürchterlicher Heftigkeit seine Blitze gegen die Unsern. In etwa zwanzig Städten wurden Evangelische vom Pöbel ermordet, und doch wurde gegen die Mörder nirgends Untersuchung eingeleitet als in Beauvais. Aber als zu Paris der Pöbel das Haus eines beherzten Edelmanns gewalttätig angriff und er mit Hilfe seiner Freunde den Sturm abschlug, wobei es zwölf Tote und vierzig Verwundete gab, da ist gleich beschlossen worden, er müsse vorgeladen und, wenn er sich nicht in siebzehn Tagen stelle, als Abwesender verurteilt werden. Nun ists, wenn je, so jetzt die Zeit, Gott zu bitten, er möge seiner armen Herde gedenken und rasch und wunderbar zur Stillung dieser Stürme herbeieilen. Vielleicht wird bald eine Wendung zum Bessern gemeldet. Kommts aber so, dann ist es als ein Wunder anzuerkennen; unterdessen müssen wir bereit sein, auch noch Schlimmeres zu ertragen.

Lebwohl usw.

[24. Mai 1561.]

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