Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Dieser im vorhergehenden Brief verheißene Bericht bezieht sich auf folgende Umstände: Marguerite de Valois, Königin von Navarra, die Schwester König Franz I., und ihr Beichtvater M. Gerard Roussel (M. G.) neigten zur evangelischen Frömmigkeit hin und wurden deshalb von den Anhängern des Alten angefochten, vom König aber noch beschützt.

Skandale in Paris gegen Marguerite de Valois.

Obwohl ein ganzer Wald von Ereignissen vor mir steht, aus dem ich mir Stoff zu einem Briefe holen könnte, will ich doch meine Feder zügeln, so dass du nur kurze Angaben statt ausführlicher Erzählung bekommst. Gäbe ich nach, mein Brief schwölle zum richtigen Buch an. Am ersten Oktober, zur Zeit, da die Knaben, die aus der Grammatikklasse in die der Dialektik vorrücken, Theaterstücke zu spielen pflegen, wurde im Navarra-Gymnasium eine Komödie gespielt, die nach einem Dichterwort mit Galle und schärfstem Essig besprengt war. Es trat auf eine Königin, nach Frauenart mit Spinnen beschäftigt, und an nichts denkend, als an Rocken und Spindel. Dann kam eine Megäre (es war eine Anspielung auf M. G.), die ihr die Fackel vorhielt, dass sie Rocken und Spindel fallen ließ. Sie wich ein wenig zurück, wehrte sich ein wenig, dann aber, als sie der Furie nachgab, bekam sie ein Evangelienbuch in die Hand, über das sie alle ihre früheren Gewohnheiten, ja fast sich selbst, vergaß; zuletzt erhob sie sich zu wilder Tyrannei und plagte arme Unschuldige mit allerlei Bosheit. Viele ähnliche Erfindungen waren noch beigefügt, die wahrhaftig die Frau nicht verdiente, die sie hier nicht etwa nur bildlich und versteckt mit ihrem Spott herunterrissen. Einige Tage wurde die Sache unterdrückt, dann aber (die Zeit gebiert ja die Wahrheit!) wurde sie der Königin hinterbracht. Man fand, es sei für die Lust der Leute, die nach neuen Dingen gelüstet, ein zu böses Beispiel, wenn eine solche Frechheit ungestraft bliebe. Ein Richter begleitet von 100 Knechten zog zum Gymnasium und ließ seine Leute das Haus umstellen, damit keiner entwische. Er selbst ging mit wenigen Leuten hinein, fand aber den Komödiendichter nicht. Es hieß, dieser habe keineswegs etwas geahnt, sondern habe nur zufällig vom Schlafzimmer eines Freundes aus den Lärm gehört, ehe man ihn selbst sah, und habe dann rasch einen Schlupfwinkel aufgesucht, um bei Gelegenheit daraus zu entweichen. Der Richter nahm dann die Knaben fest, die in dem Stück gespielt hatten. Als der Schulleiter dies hindern wollte, kams zum Wortwechsel, und von einigen Jungen wurden Steine geworfen. Trotzdem ließ er sie festhalten und nochmals aufsagen, was sie auf der Bühne gesprochen hatten. Alles wurde aufgeschrieben. Da man den Anstifter des Frevels nicht erwischen konnte, wars das Nächste, von denen Rechenschaft zu fordern, die zugelassen und dann noch länger mit Schweigen gedeckt hatten, was sie hätten hindern können. Der Eine, der durch Namen und Ansehen sich auszeichnet, (es ist der berühmte Magister Loret) bewirkte, dass er statt des Gefängnisses weniger schimpfliche Haft im Hause eines so genannten Kommissars erhielt, der Andere, Morin, nach ihm der Zweite erhielt Hausarrest bis zu näherer Untersuchung. Was man bis jetzt erfahren hat, weiß ich nicht. Wie ich weiß, ist er aber schon auf übermorgen vorgeladen. Soviel von den Komödien. Einen andern gleich boshaften, wenn auch nicht so frechen Streich, haben ein paar herrschsüchtige Theologen begangen. Bei der Untersuchung der Buchhandlungen trugen sie ein französisches Buch, betitelt Spiegel der sündigen Seele, in die Liste der zu verbietenden Bücher ein. Als die Königin dies erfuhr, beklagte sie sich beim König, ihrem Bruder, und bekannte, sie sei die Verfasserin. Der befahl schriftlich den Professoren der Universität Paris, zu erklären, ob sie das Buch wirklich auf die Liste der Bücher unerlaubten religiösen Inhalts gesetzt hätten. Wenn es sich so verhalte, so sollten sie ihr Urteil vor ihm rechtfertigen. Darüber berichtet der gegenwärtige Rektor, der Mediziner Nicolas Cop an die vier Fakultäten der Medizin, Philosophie, Theologie und des kanonischen Rechts. Bei den Magistern der freien Künste, vor denen er zuerst redete, zog er in langer heftiger Rede gegen die her, die so frech seien, sich ein solches Recht gegen die Königin herauszunehmen. Er riet ihnen, wenn sei nicht den Zorn des Königs spüren wollten, so sollten sie sich nicht in die Gefahr begeben, der Königin, einer Mutter aller Tugend und edlen Wissenschaft, den Krieg zu erklären. Wenn sie das aber auf sich nehmen wollten, so sollten sie doch damit nicht die Frechheit derer stärken, die jederzeit zu jedem beliebigen Skandal bereit seien, mit dem Vorwande, es handle so die Universität, wenn sie selbst ganz gegen den Willen der Universität vorgingen. Man beschloss zu beschwören, man stehe der Sache ganz fern. Denselben Beschluss fassten auch die Theologen, die Kanonisten, die Mediziner. Der Rektor verkündete seinen Fakultätsbeschluss, dann der Dekan der Mediziner, dann ein Doktor des kanonischen Rechts, dann ein Theologe. Zuletzt sprach Le Clerc, der Pfarrer von St. Andre, auf den alle Schuld zu fallen schien, da alle anderen sie von sich abwälzten. Zuerst rühmte er mit großartigen Worten die Orthodoxie des Königs, der sich bisher immer als mutigen Beschützer des Glaubens bewiesen habe. Nun gebe es aber feindselige Menschen, die dieser vortreffliche Gesinnung zu verderben wagten, die sogar zum Untergang der heiligen theologischen Fakultät sich verschworen hätten. Er hoffe aber, sie würden nichts erreichen bei der Glaubenstreue, die er am König kenne. Was die vorliegende Sache betreffe, so sei er zwar durch Universitätsbeschluss zur Zensur der Bücher abgeordnet, aber nichts habe ihm ferner gelegen, als etwas gegen die Königin zu unternehmen, eine Frau von heiligem Wandel und reinem Glauben, wofür die Leichenfeier zeuge, die sie beim Tod ihrer Mutter habe halten lassen. Für verbotene Bücher halte er nur die unsittlichen, wie z. B. Pantagruel, Das Lustwäldchen und Schriften ähnlichen Kalibers. Vorliegendes Buch sei nur deshalb auf die Liste der zu beanstandenden Bücher gesetzt worden, weil es ohne Bewilligung der Fakultät erschienen sei, unter der Umgehung des Verbotes, irgendetwas auf die Religion Bezügliches ohne Erlaubnis der Fakultät herauszugeben. Schließlich stütze er sich darauf, dass im Auftrag der Fakultät geschehen sei, was jetzt zur Untersuchung komme. Liege eine Schuld vor, so seien sie alle beteiligt, auch wenn sie es jetzt ableugneten. Das sagte er alles auf Französisch, damit sie alle einsähen, ob er die Wahrheit gesprochen. Es flüsterten sich aber alle zu, er zeige damit bloß seine Dummheit. Es waren auch Petit, der Bischof von Senlis, d l´Estoile und ein höherer Beamter des königlichen Hofes anwesend. Als Le Clerc schloss, sagte Petit, er habe das Buch gelesen und nichts gefunden, was Korrektur verdiene, er müsste denn seine Theologie ganz vergessen haben; er beantrage, dem König durch Veröffentlichung eines Beschlusses Genugtuung zu leisten. Cop als Rektor verkündete hierauf, die Universität anerkenne die Zensur nicht, sie möge im Einzelnen sein, wie sie wolle, durch die die Schrift zu den verbotenen oder beanstandeten Büchern gerechnet worden sei, billige sie nicht und nehme sie nicht auf sich. Die Zensoren möchten selber sehen, wie sie sich verteidigten. Es solle darüber ein Dokument abgefasst werden, in dem die Universität sich beim König entschuldige und ihm danke, dass er sie so mild und väterlich zur Rede gestellt habe. Es wurde auch eine königliche Urkunde vorgelegt, durch die der Bischof von Paris das Recht erhält, in den einzelnen Gemeinden Prediger einzusetzen, die früher nach Willkür jener Theologen gewählt worden waren, je nachdem einer ein Schreihals war und von der dummen Wut beseelt, die sie frommen Eifer nennen, während doch Elias nie so wutentbrannt war, als er um das Haus Gottes eiferte.

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