Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Calvin, Jean – An Francois Daniel in Orleans.

Nr. 606 (C. R. – 3089)

Francois Daniel, Calvins Jugendfreund (vgl. Nr. 2, 4, 5, 6, 7, 8, 11) war Vermögensverwalter eines geistlichen Stiftes, also jedenfalls katholisch geblieben; sein Sohn aber war, wenn nicht ohne Wissen, so doch wider den Willen des Vaters, nach Genf gezogen.

Fürbitte für den Sohn des Jugendfreundes.

Sehr lieber Herr und Bruder, ich habe es bis jetzt aufgeschoben, Ihnen von Ihrem Sohne zu schreiben, weil ich es mir besser überlegen wollte, was ich Ihnen von ihm sagen könne, und dann auch, weil mir ein guter, sicherer Bote mangelte. Ich bin überzeugt, die Abreise Ihres Sohnes hat Sie betrübt; denn sie machte ja einen Strich durch Ihre Pläne und Absichten über die Laufbahn, die Sie ihn einschlagen lassen wollten. Aber ich bitte Sie, lassen Sie ihren Gefühlen nicht so sehr den Zügel schießen, dass Sie nicht mehr billig urteilen, ob sein Tun nicht gut war, wenn es von Gott kam. Hätten Sie den Mut gehabt, den man von Ihnen in der Erfüllung Ihrer Gewissenspflicht verlangen durfte, so hätten Sie selbst ihm schon längst diesen Weg gewiesen. Da Sie aber so kalt sind und zu träge, aus dem dunklen Abgrund herauszukommen, in dem Sie stecken, so tragen Sie es wenigstens Ihren Kindern nicht nach, wenn Gott sie daraus befreit. Vielmehr soll ihr Beispiel ein Anstoß sein, der auch Sie dazu treibt, mit allen Kräften sich loszumachen. So viel ich bemerkt habe, scheint mir Ihr Sohn durchaus nicht von Leichtsinn getrieben und geführt worden zu sein, vielmehr hat ihn die Gottesfurcht gezwungen, sich zurückzuziehen von dem Aberglauben, der Gott beleidigt. Das darf Sie nicht erzürnen, dass er Gottes Befehl höher geachtet hat als Ihre Zufriedenheit. Was mich zu dem Urteil bringt, dass der junge Mann nichts anderes im Auge gehabt hat, als in reiner Weise Gott zu dienen, ist, dass er sich hier sehr bescheiden benimmt, und dass man an ihm nichts anderes bemerkt als aufrichtige Christlichkeit. Von mir hat er noch keine Unterstützung erhalten, wiewohl es mir nicht schwer fällt, sie ihm von ganzem Herzen anzubieten. Auch bin ich stets bereit, aus Liebe zu Ihnen ihm zu helfen, soweit es mein bescheidenes Vermögen erlaubt. Doch vor allem ist es mein Wunsch, dass Sie sich mit ihm aussöhnen; er hat Sie ja doch nicht verlassen wie ein ungeratener Bursche; sondern, da er es getan hat in seinem Eifer, Gott zu folgen, so haben Sie allen Grund, damit nur zufrieden zu sein, und darum bitte ich Sie recht herzlich. Ich hoffe, Sie antworten mir etwas; dann werde ich auch mehr schreiben.

So empfehle ich mich nun von ganzem Herzen Ihnen, Ihrer Frau Mutter und Ihrer Frau und bitte den lieben Gott, er wolle Sie in seiner Hut halten, Sie leiten mit seinem Geiste und Sie wachsen lassen in allem Glücke.

15. Juli 1559.
Ihr ergebener Bruder und treuer Freund
Charles d´ Espeville.

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