Calvin, Jean – An Pfarrer Marbach in Straßburg (409).

Calvin, Jean – An Pfarrer Marbach in Straßburg (409).

Johann Marbach war als extrem lutherischer Theologe ein Hauptgegner der französischen reformierten Gemeinde in Straßburg. Deren Pfarrer, Jean Garnier, wurde von fünf Gemeindgliedern bei den lutherischen Pfarrern und Magistraten wegen seiner calvinistischen Abendmahlslehre verklagt; der Rat, in dem bereits von seiner Absetzung die Rede war, begnügte sich, eine Kommission zur Schlichtung des Handels einzusetzen.

Verteidigung des französischen Pfarrers in Straßburg.

Seit beinahe anderthalb Jahren muss ich zu meinem großen Schmerz viel von Zwistigkeiten in der französischen Gemeinde in Straßburg hören. Denn da einige schlimm gesinnte, freche Leute unserm Bruder Garnier Schwierigkeiten bereiten wollten, ist es durch ihre Zuchtlosigkeit soweit gekommen, dass das Gemeindlein, dem Gott bei Euch ein ruhiges Asyl gegönnt hat, nun von bösen Händeln heimgesucht ist. Dass das für mich traurige, bittere Kunde war, ist nicht zu verwundern; denn die Zerspaltung der Herde, die Gott einst durch mein Wirken entstehen und zeitweilig gepflegt werden ließ, berührt mich so sehr, als würde mein Herz zerrissen. Ich hätte nun freilich große Lust gehabt, schon früher irgendwie helfend einzugreifen, aber weil ich hoffte, die entstandenen Unruhen könnten durch dein und unserer Brüder kluges, maßvolles Handeln leicht gestillt werden, so hielt ich es für besser, ruhig zu bleiben, um Euch nicht umsonst zur Last zu fallen, oder den Schein zu wecken, ich traue Eurer Billigkeit nicht. Als es aber hieß, die Sache werde täglich schlimmer, beschloss ich doch, etwas zu schreiben. Denn länger ließ mich der Schmerz nicht mehr schweigen. Während ich das bei mir bedenke, kommt die erfreuliche Kunde, der hochweise Rat habe beschlossen, dafür zu sorgen, dass die fünf windigen Gesellen im Zaum gehalten würden, und nun seien die Unruhen soweit gestillt, dass die Lage wenigstens erträglich sei. Wenn nur alles so nach Wunsch geordnet wäre, dass mir nichts übrig bliebe, als Glück zu wünschen, und das ehrlich und von Herzen! Weil aber doch für die Zukunft ein betrübender Verdacht und allerlei Befürchtungen übrig bleiben, so will ich suchen, dies Übel auszufegen. Zwei Ursachen hatte, soviel ich höre, die ganze schlimme Geschichte. Zuerst wurde Garnier angeklagt, er denke und lehre vom Abendmahl anders als Ihr. Ich will nicht sagen, von wem und in welcher Absicht das geschah. Es galt nur, über die Übereinstimmung Rechenschaft abzulegen; die Untersuchung wurde aufgenommen. Wäre man aber dabei in guten Treuen vorgegangen, so hätte die Sache bereits erledigt sein müssen; der Angeklagte hatte ja schon früher ein Bekenntnis seines Glaubens veröffentlicht; ich will gar nicht betonen, wie wahrhaftig, klar und vollständig es war. Es genügt mir das eine, dass es nicht missbilligt wurde. So wäre also, wie ich mir vorher gedacht hatte, die Lehrmeinung Eures Bruders und Kollegen Garnier, durch Euer Stillschweigen, wenn auch nicht gerade gebilligt, so doch als erträglich beurteilt worden. Dass Ihr indessen heimlich gegen ihn intrigiert hättet, daran darf man ja gar nicht denken; was bleibt also anderes übrig, als dass nach meiner Meinung den fünf windigen Gesellen viel mehr Recht zugestanden wurde als sich ziemte, die Kirche zu verwirren? Denn das musste von Euch allen doch ordentlich erwogen werden, ob es erlaubt sei und sich zieme, ob es recht und anständig sei, fünf unruhige Köpfe, die offen von der ganzen Gemeinde abwichen, im Kampf gegen ihren Pfarrer zu schützen. Doch da dies ja nun gebessert ist, so komme ich auf das erste zurück. Was von Garnier noch mehr verlangt wird, als was er [in seinem Bekenntnis] bereits geleistet hat, habe ich nicht zur Genüge erfahren; Ihr müsst aber acht geben, dass er nicht zu scharf bedrängt wird. Lebte der treffliche Knecht Gottes und treue Lehrer der Kirche, Dr. Luther, heute noch, er wäre nicht so herb und unversöhnlich, Garniers Bekenntnis nicht gerne zuzulassen, nämlich das im Sakrament Dargestellte werde uns auch wirklich geboten, so dass wir z. B. beim Abendmahl teilhaft würden des Leibes und Blutes Christi. Denn wie oft hat er bekannt, um nichts anderes kämpfe er, als dass festgestellt werde, das erfülle sich auch an unsern Herzen, so dass Symbol und Wirkung eng verbunden seien. Darüber seid Ihr [in Straßburg], wenn ich mich nicht arg täusche, ja übereingekommen, das Abendmahl Christi sei keine theatralische Darstellung einer geistlichen Speisung, sondern es geschehe tatsächlich, was dargestellt werde, nämlich die frommen Seelen werden dabei gespeist mit Christi Fleisch und Blut. Freilich will ich auch hier lieber nur bitten als mahnen; aber das muss frei herausgesagt werden: zu eigensinnig wäre, wer, mit so maßvoller Lehre unzufrieden, einen Bruder seines Amtes entsetzen wollte. Rechne noch dazu, welch schmähliches Beispiel das wäre, wenn ein rechtlich und ordentlich zum Pfarramt Berufener, ohne gesetzliches Urteil der Kirche, allein auf einen Wink des Rats abgesetzt würde. Zwar hat das schon überall begonnen, aber ich habe schon öfters erlebt, dass solcher mit Wissen und Willen am Recht der Kirche begangene Verrat auf deren Haupt zurückfiel, die ihn begingen. Damit du noch besser merkst, wie wenig dir dies anstünde, so achte auf die Männer, deren Nachfolger du bist. Das Gedächtnis Capitos und Butzers, das bei allen Frommen noch lebendig ist und es hoffentlich noch lange bleibt, muss dir heilig sein. Ihre Treue, Klugheit, Bildung und Herzensreinheit waren ja so deutlich zu erkennen und leuchten so wie ein helles Licht über Straßburg, dass sie allbekannt und als Beispiel beachtenswert sind für Euch, was Ihr in den beiden Punkte auch unternehmen mögt. Bei ihrer Gewissenhaftigkeit in der Wahrung kirchlicher Ordnung wären sie sicher zehnmal lieber gestorben, als dass sie die gewaltsame Absetzung eines Pfarrers, ich will nicht sagen mit ihrer Zustimmung, sondern auch nur mit Stillschweigen, zugelassen hätten. Meinst du und deine Kollegen, es sei der Mühe wert, dass ich [nach Straßburg] komme, so will ich mich der Mühe nicht entziehen. Ja, ich käme umso lieber zu Euch, als ich sehe, dass auch ich in den Streit hineingezogen werde. Es ist mir auch sehr schmerzlich, dass die Lehrart, die ich einst zu Straßburg in Schule und Kirche frei vertreten habe, nun als falsch abgewiesen wird. Damit ich aber nicht aufdringlich scheine, will ich nun nicht weitergehen, als dem frommen Bruder wie dem armen Gemeindlein für Ruhe zu sorgen, indem ich dich bitte und mahne, beschwöre und ermuntere. Wenn ich hören darf, dass ich erreicht habe, was ich sehnlichst wünsche, so habe ich Grund, uns allen Glück zu wünschen. Lebwohl, trefflicher Mann, samt deinen Kollegen, meinen liebsten Brüdern, die mit dir die Straßburger Kirche leiten. Der Brief soll ihnen allen gelten, wenn du es für gut hältst. Der Herr behüte Euch alle mit seinem Schutze; er lenke Euch mit dem Geist der Klugheit, Rechtschaffenheit, Billigkeit und Standhaftigkeit und segne Euer Wirken. Amen.

[Genf, 25. August 1554].

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