Luther, Martin – Brief an seine Frau. 1546

Luther, Martin – Brief an seine Frau. 1546

1)

Gnad und Fried in Christo. Allerheiligste Frau Doctorin, wir bedanken uns gar freundlich für Eure große Sorge, dafür Ihr nicht schlafen könnet; denn seit der Zeit Ihr für uns gesorget habt, wollt uns das Feuer verzehrt haben in unserer Herberg, hart vor meiner Stubenthür, und gestern, ohn Zweifel aus Kraft Eurer Sorge, hat uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen und zerquetscht wie in einer Mausfallen. Denn es in unserm Gemach wohl zween Tage über unsern kopf rieselt Kalch und Leimen, bis wir Leute dazu nahmen, die den Stein anrührten mit zwey Fingern; da fiel er herab so groß als ein lang Eisen, und einer großen Hand breit, der hatte im Sinn, Eurer heiligen Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel nicht gehütet hätten. Ich sorge, wo Du nicht aufhörest zu sorgen, es möchte uns zuletzt die Erde verschlingen und alle Element verfolgen! Lehrest Du also den Katechismum 2) und den Glauben? Bete Du, und laß Gott sorgen. Es heißt: wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget für dich. Ps. 55, und an viel mehr Orten.

Wir sind Gottlob frisch und gesund, ohne daß uns die Sachen Unlust machen, und Doctor Jonas wollte gern einen bösen Schenkel haben, daß er sich an eine Laden ohngefähr gestossen; so groß ist der Neid in den Leuten, daß er mir nicht wollte gönnen allein einen bösen Schenkel zu haben. Hiermit Gott befohlen. Wir wollten nun fort gerne los seyn, und heimfahren, wenns Gott wollte, Amen, Amen, Amen. Am tag Scholastica 1546 (d. 10. Februar)

1) von Eisleben, wohin er zur Beilegung einiger Streitigkeiten zwischen den Grafen von Mansfeld gereiset war, wo er auch (in seiner Geburtsstadt) den 18. Febr. starb
2) Luther schrieb Kattegisseman, wie seine Frau zu schreiben pflegte
Quelle:
Reliquien alter Zeiten, Sitten und Meinungen Vierter Theil, enthaltend Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der Reformation Herausgegeben von Johann Georg Müller Leipzig, bei Johann Friedrich Hartknoch 1806
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