Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Verhandlungen wegen der Rückkehr.

Wenn du an meinem Platze währest, bester Farel, so würde dir wohl schon ein Teil der zweifelnden Ungewissheit, die mich heftig plagt, rechte Sorge machen. Denn nicht ich allein bin in Unruhe; auch die mit mir leiden, haben dazu wahrlich Grund genug; denn es sind keine Leute, die sich um nichts aufzuregen pflegen. Ihr allein verkündet ohne Besinnen, was ich tun soll. Da ich selbst aber noch ziemlich schwanke und alle andern unsicher sehe, so kann ich noch nichts Bestimmtes beschließen; es sei denn, dass ich bereit bin, in allem dem Ruf des Herrn zu folgen, sobald er mir deutlich geworden ist. Als die [Genfer] Gesandten ihr Schreiben dem [Straßburger] Rat übergeben hatten, gab man ihnen die Antwort, ich sei abwesend, und ohne meine Zustimmung könne man nichts versprechen. Sie antworteten, sie wollten gerne nach Worms gehen, um meine Meinung zu erfahren. Es wurde ein Eilbote zu Pferd voraus gesandt, sie uns anzumelden. Er kam zwei Tage vor ihnen. Der Rat aber gab seinen Gesandten hier die Weisung, sie sollten dafür sorgen, dass ich nichts verspreche. Ich hätte nie geglaubt, dass ich bei unserm Rat soviel gelte. Der Brief wurde nicht ohne Verwunderung aller Anwesenden vorgelesen, weil Leute, denen ich kaum bekannt zu sein schien, so besorgt waren, mich [in Straßburg] fest zu halten. Aber vielleicht haben sie es eben getan, weil sie mich nicht genügend kannten. Denn was habe ich an mir, das mich ihnen so empfehlenswert macht? Wie es auch sei, die Gesandten ermahnten mich, bevor sie mir den Brief vorlasen, bei mir zu erwägen, was wohl nach meiner Meinung am meisten zu Christi Ruhm diene, zeigten aber freilich dabei schon genügend, was sie im Sinn hatten. Es wurde eine Besprechung festgesetzt. Ich zog gleich die Brüder zu Rate. Es wurde etwas verhandelt. Doch hielten wirs für besser, uns alles vorzubehalten, bis die Genfer kämen; damit wir, im klaren über den Zustand ihrer Stadt, sicherer urteilen könnten in der ganzen Angelegenheit. Als das verhandelt war, legte ich deinen und Virets Brief vor und bat wieder um ihren Rat. Wie ich sprach, brauche ich nicht zu sagen. Ich beschwor sie auf alle Weise, nicht auf mich Rücksicht zu nehmen. Wie ernst es mir mit dieser Rede war, konnten sie daran sehen, dass ich mehr Tränen als Worte vorbrachte. Zweimal unterbrach das Weinen meine Rede so, dass ich hinausgehen musste. Ich will nicht fortfahren. Nur das versichere ich dir, ich bin mir wohl bewusst, durchaus aufrichtig zu sein. Schließlich kams dahin, dass ich mich momentan nicht verpflichtete, sondern den Genfern nur gute Hoffnung machte. Ich erreichte aber, dass die Unsern erklärten, sie würden meinem Weggang nach Genf nach Beendigung des Wormser Gesprächs kein Hindernis in den Weg legen, wenn die Berner antworteten, sie seien nicht wider diesen Plan. Der Rat freilich entlässt mich, wie ich sehe, nur sehr ungern. Die Gesandten, die hier sind, werden kaum ihre Zustimmung geben. Auch Capito ist ihrer Meinung. Butzer aber wird’s durchsetzen, dass ich nicht festgehalten werde; wenn nur kein widriger Wind von Euch her bläst. Bestärke du sie in dem, was man jetzt wohl hoffen darf, und setze mir unterdessen sorgfältig auseinander, was du für uns nützlich hältst. Wenn wir zurückkehren, dann wird es Zeit sein, auf meine Entlassung zu dringen, wenn es überhaupt gut ist, dass ich nach Genf gehe. Du wirst mit deinen Briefen mehr erreichen als irgendjemand sonst. Aber davon, wenn die rechte Zeit kommt. Was von diesem Religionsgespräch zu hoffen ist, habe ich kurz zusammengefasst auf einem Blatt, das dir die Brüder zeigen werden. Ich habe es dir ja auch vor kurzem schon dargelegt. Mehr, wenn ich mehr Muße haben werde. Grüße Viret aufs freundlichste, entschuldige mich angelegentlich, dass ich ihm nicht antworte und bitte ihn, sich mit diesem Brief auch zufrieden zu geben. Lebwohl, bester, liebster Bruder. Der Herr behüte Euch alle.

Worms, 13. November 1540.

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