Melanchthon, Philipp – Dem Hochgebornen, edlen Grafen Johann von Weda rc. rc.

Melanchthon, Philipp – Dem Hochgebornen, edlen Grafen Johann von Weda rc. rc.

Großes Vergnügen hat mir die Rede des Peter Medmann gewährt, indem sie mir Deinen edlen Charakter, Deinen wissenschaftlichen Eifer und Deine rühmlichen Bestrebungen verkündigte. Denn was ist auch mehr zu wünschen, als daß der Adel, der berufen ist, die Ruder des Staats zu führen, sowohl durch natürliche Güte sich auszeichne, als auch einen solchen Grad wissenschaftlicher Bildung erstrebe, um seinen Beruf wahrhaft verstehen und desselben treulich wahrnehmen zu können?

Als wir daher über die wissenschaftliche Bildung des Adels und andere Theile des Staatswesens sprachen, und Peter meinte, es würde Dir ein Brief von mir nicht unangenehm sein, brachte er mich leicht dazu, Dir zu schreiben. Ich vertraue aber Deiner Humanität, daß Du meinen Brief sowohl, als auch die Freundschaftsbeweise meines Standes nicht verschmähen werdest. Stets aber ist es meine Ueberzeugung gewesen, die Natur erweise sich in dm edlen Heldengeschlechtern ausgezeichneter, als in der übrigen Menge. Denn da der Unterschied der Stände eine göttliche Anordnung ist, und Gott das Heldengeschlecht über die Uebrigen gesetzt hat; so hat Er demselben auch, wie Plato mit Recht behauptet, lebendigere, edlere und glücklichere Empfindungen zugetheilt. Wenn dem aber wirklich also ist, so muß man wahrlich beklagen, daß diese herrliche Kraft der Natur so oft, entweder durch Trägheit ertödtet, oder durch schlechte Beispiele verdorben wird. Ich ermahne Dich darum zuerst, daß Du oft und mit Ernst erwägest, wie reich Gott die edlen Geschlechter ausgestattet; dann daß Du die von Gott Dir verliehenen Vorzüge durch Gelehrsamkeit, Sittlichkeit und vertraute Bekanntschaft mit Kunst und Wissenschaft zu erhöhen Dich bemühest. In dieser Beziehung sind, wie in der heiligen Schrift, so auch anderwärts in Schriften ausgezeichneter Staatsmänner vortreffliche Ermahnungen zu finden. In der Voraussetzung aber, daß Du solche täglich in den Händen habest, hielt ich es nicht für nöthig, darüber weitläuftig zu sprechen.

Da ich nun aber einmal auf diese Erinnerung eingegangen bin, konnte ich nicht unterlassen, eine in einem Gedichte befindliche kurze Erzählung hinzu zu fügen, welche zwar keinen historischen Werth hat, jedoch an sich anziehend, und sehr geschickt angelegt ist, die Jugend zu erinnern, daß sie bedenke: es sei, einmal, der Unterschied der Stände eine göttliche Einrichtung; es sei aber auch Jeder verpflichtet, dahin zu streben, daß er seine Würde durch Tugend behaupte. Und wenn Plato in die ernstesten Untersuchungen bisweilen auch eine erdichtete Erzählung einstreuen durfte, so hoffe auch ich gerechtfertigt zu sein, wenn ich in diesem Briefe, der fast ganz den Charakter einer freundschaftlichen Unterredung hat, eines Lehrbildes mich bediene.

Es ist aber die Erzählung folgende:

Lange Zeit nach der Schöpfung des Adam und der Eva, als die ersten Aeltern schon Familie hatten, gefiel es Gott, einmal hervor zu treten und Sich ihnen zu offenbaren, um sie, die in ihrem einsamen Zustande in der Welt mit täglichen Mühen zu kämpfen hatten, zu trösten. Als nun Eva zufällig durch das Fenster blickte, sah sie Gott den Schöpfer im Gefolge Seiner Engel kommen. Und da der nächste Tag ein Feiertag sein sollte, hatte sie eben angefangen, die Kinder zu waschen, damit sie dem Opfer und der Predigt des Vaters beiwohnen könnten. Weil sie aber noch nicht alle gewaschen waren, und sie sich scheute, die schmutzigen und ungesäuberten Gott vor die Augen zu bringen, hieß sie dieselben sich in dem Heu und Stroh verbergen, welches zum Bedarf des Viehes in der Nähe lag. Den übrigen geputzten aber befahl sie, in eine Reihe gestellt, den lieben Gott im Vorhause zu erwarten, und wenn Er würde hinein gegangen, und von der Mutter begrüßt worden sein, sollten sie auf Ihn zu gehen, Ihm die rechte Hand geben, ihre Kniee ein wenig beugen, einen Gruß Ihm sagen, und dann ein jedes still an seinen Ort sich stellen. Als sie ihnen nun dieses gesagt hatte, trat Gott in das Vorhaus. Die liebliche Mutter, auf deren Gesicht Scham und Verlegenheit sich ausdrückt, geht Ihm entgegen und empfängt Ihn mit einer ehrerbietigen Umarmung. Gott redet sie freundlich an und heißt sie gutes Muthes sein; Er sei der Vater der Elenden, und werde niemals Sich von Denen abziehen, welchen Er Leben und Vernunft und das Bild Seiner Gottheit mitgetheilt habe. Darauf kamen die Kinder der Reihe nach herein, wie ihnen die Mutter befohlen hatte, gaben Ihm die Hände, grüßten Ihn, und traten dann ganz still wieder ab.

Da lobte Gott die sorgliche Mutter, daß sie ihre Kinder nicht nur zierlich angethan, sondern auch zur Artigkeit im äußern Benehmen sie gewöhne. Aber diese äußerliche Artigkeit, sprach Er, ist nur der Anfang zur Erziehung; eine andere wichtigere Unterweisung muß dazu kommen, daß sie wissen, sie seien vor Allem dazu geboren, um Gott zu erkennen, um seine Kenntniß weiter zu verbreiten, um die Euch gegebene Verheißung zu bewahren, um Gehorsam gegen Gott zu üben. Auch befahl Er, dieselben über die Unsterblichkeit und die ewigen Strafen der Gottlosen zu belehren.

Die Mutter antwortete, das werde ihnen von beiden Aeltern sorgfältig eingeprägt, und fügte mit Thränen hinzu: „Wir gedenken oft unsers beklagenswerthen Falles, und mit wie viel Gnade Du uns wieder angenommen hast; und unser ganzes Streben geht dahin, das unsere Kinder möchten bei ihrer Pflicht bleiben, damit wir uns nicht noch ärger gegen Dich vergehen. Wir kennen ja die schwere Strafe, welche unsern Nachkommen bevor steht, wenn sie sich von Dir abwenden sollten. Darum ist es unsre vorzüglichste Sorge, daß wir Dich, den Schöpfer, ihnen zeigen, und sie lehren, welche Pflichten Du forderst, und welche selige Hoffnung Du uns gegeben hast. Aber vielleicht willst Du sie hören, um selbst zu verbessern, wenn sie Etwas nicht recht erkannt haben sollten.“ Und nun hieß sie den Abel, der oben an stand, her sagen, was ihn die Aeltern gelehrt hatten, erinnerte ihn auch, deutlich und mit gesammeltem Geiste zu sprechen.

Der Knabe begann:

Ich glaube, daß es Einen Gott gibt, den allmächtigen, weisen, gerechten und gütigen Schöpfer der ganzen Welt, der in dieser unermeßlichen Schöpfung eine bewunderungswürdige Mannichfaltigkeit seiner Werke, eine feste, unwandelbare Ordnung in der Bewegung des Himmels, Abwechselung der Zeiten, Gesetze und Kräfte zur Fortpflanzung der Dinge aufgestellt hat, damit dieses Alles bezeuge, die Welt sei nicht durch Zufall entstanden, sondern von der ewigen Weisheit gegründet. Uns Menschen aber hat Er eine vernünftige Sele gegeben, in der nach seinem Willen die Kenntniß Gottes wie in einem Abbilde leuchten sollte; außerdem hat Er uns den Verstand verliehen, der unsere Pflichten erforschen und zum Gehorsam uns antreiben sollte. Dazu fügte Er auch ein Gebot für die Aeltern, damit sie zeigen könnten, daß sie ihrem Schöpfer gern folgsam sein wollten, und sich verpflichtet achten möchten, Ihm zu gehorchen. Wären sie nun gehorsam gewesen, so würde das Menschengeschlecht ohne Sünde und ohne den Tod gelebt haben; eine viel hellere Erkenntniß Gottes würde das Leben erhellt, in unserm Herzen würde eine mächtige Liebe zu Gott geflammt haben, und wir würden, ohne böse Begierden, Gott gehorsam gewesen sein.

Aber der Teufel täuschte aus Haß gegen Gott, um sein göttliches Werk zu schänden, unsre Aeltern, indem er ihnen betrüglichen Wahn vorhielt, hüllte er ihre Selen in Finsterniß, damit sie nicht daran denken sollten, wie viel sie Gott verdankten, und wie ernstlich Gott fordere, daß wir von Seinem Worte nicht abweichen sollen. Aus diesem Antriebe stürzte er sie ins Verderben, indem sie das Gesetz übertraten und Gott erzürnten. Weil nun Alles, was Gott geschaffen, gut war, so ist die Sünde nicht von Gott, sondern vom Teufel und dem Willen des Menschen ausgegangen. Daraus folgte denn der Tod und die Herrschaft der Schlange, welche feindselig gegen das menschliche Geschlecht wüthet, und über die Menschen alles Elend häuft.

Damit jedoch Verehrer Gottes und Verkündiger Seines Namens in der Welt übrig bleiben möchten, wollte Er das Menschengeschlecht nicht ganz untergehen lassen; darum verhieß Er, nach Seiner wundervollen Erbarmung unsrer Mutter einen Nachkommen, um welches willen Er der Menschheit verzeihen, uns erhören und beglücken, uns ewiges Leben, Licht, Weisheit und Gerechtigkeit wieder verleihen wolle. Gegen diesen Nachkommen aber wird sich vorzüglich die Schlange mit furchtbarer Feindschaft erheben; sie wird ihre Zähne in seine Ferse schlagen, und Alle, die Ihm angehören, grausam zerfleischen. Doch wird das Haupt dieser Schlange von jenem Nachkommen zertreten werden; denn in Ihm wird eine göttliche Natur wohnen. Darum wird Er auch den Tod vernichten und die tyrannische Schlange in furchtbare Qualen hinab stürzen.

Auch glaube ich, daß die Opfer, welche ich den Vater verrichten sehe, Zeichen sind des Opfers, welches jener Nachkomme für uns zur Versöhnung Gottes darbringen wird. Denn auf diese Weise eben wird uns Gott gnädig, wenn wir glauben, daß Er nicht wegen unsrer Opfer, sondern um jenes Nachkommens willen uns verzeihen, erhören und selig machen wolle. Und obgleich dieses sterbliche Leben mit der Sünde, dem Tode und andern Uebeln behaftet bleiben wird, so beginnt doch Gott neues Licht und Leben in denen, welche solches glauben; diese nämlich genießen das Wohlgefallen Gottes um jenes Nachkommens willen, und beginnen nun, Ihm gehorsam zu sein. Auch wird derselbe kommen, um über die Welt Gericht zu halten, und denen, die an Ihn glauben, das ewige Leben zu geben, den Teufel aber, und Alle, die den verheißenen Nachkommen verachten werden, in ewige Strafe hin zu geben.

Ich glaube, daß zu dieser Gottesverehrung vorzüglich alle Menschen berufen sind, daß sie die wundervollen Werke Gottes und Seine Wohlthaten preisen, daß der Zorn Gottes und Seine Erbarmung kund werde, damit Gott gefürchtet und verherrlicht, und Viele selig werden. Es soll sich auch der Mensch durch keine Gefahren abschrecken lassen, diese Verehrung Ihm darzubringen. Denn es wird stets eine Gemeinschaft Derer vorhanden sein, die den Herrn verkündigen, wenn sie auch die furchtbarste Wuth der Schlange und der Verächter Gottes bis zum Gericht verfolgen wird; dann aber wird die unvergängliche Herrlichkeit der Frommen offenbar werden, und ob sie auch schwach sind – sie werden in ihren Kämpfen von Gott unterstützt und erhalten werden. Diesen unsern Gott und Schöpfer nun, welcher uns um Seines Verheißenen willen die Seligkeit zusichert, fürchte ich; Diesen rufe ich an, Ihn bete ich an, Ihm übergebe ich mich zu eigen; Ihn bitte ich, daß Er mir um des Verheißenen willen gnädig sei, mich durch Sein Wort regiere, mich gegen die Gewalt der Schlange in Schutz nehme, daß Er in mich Sein Licht gebe und fromme Gesinnungen; und ich glaube, daß ich um Seines Verheißenen willen gewiß Erhörung und Gnade finden werde. Ich bitte ferner, Er wolle die wahre Kenntniß Seines Zornes, Seiner Erbarmung und des verheißenen Retters unter uns erhalten und vermehren, und Seine wahre Verehrung nicht durch die Arglist der Schlange verdunkeln lassen; Er wolle auch mein Betragen also lenken, daß ich nicht gegen Ihn sündige, und. mein Beispiel Andern nicht schädlich werde. Und da Er selbst uns das Leben gegeben hat, und die Erbe fruchtbar macht, damit sie uns nähre, so bitte ich Ihn, daß Er uns Unterhalt für unsern Leib gewähren und uns gesund erhalten wolle; auch wolle Er unsere Aeltern erhalten, damit es uns nie an Unterweisung und Leitung Mangele; Er erhalte und regiere auch meine Brüder und Schwestern, damit sie fromm und glücklich leben, und Seine Herrlichkeit preisen.

Als Abel aufgehört hatte zu sprechen, wurden die Uebrigen, Seth und die Schwestern, aufgefordert, und sagten dasselbe her. Da lobte Gott nicht nur ihren Fleiß und ihre fromme Gesinnung, sondern auch den Einklang und die Uebereinstimmung der Worte mit dem Inhalt, und ermahnte sie, solchen in ihren Herzen unerschütterlich fest zu halten und zu bekennen; auch sollten sie fleißig auf den Unterricht der Aeltern achten, und diese himmlische Lehre nicht durch falsche Meinungen entstellen lassen. Er befahl ihnen, den Aeltern ferner gehorsam zu sein, und versicherte, solche Verehrung gefalle Ihm wohl, versprach auch, daß Er ihnen in allen Gefahren beistehen wolle. Dann wendete Er sich zu der Mutter, lobte die Sorgsamkeit der Aeltern, und hieß mich die übrigen Kinder, Kain, den Ältesten, und die übrigen Schwestern herbei holen. Der Eva gab Er einen Verweis, daß sie gemeint, Er sehe die versteckten Kinder nicht eben so gut, als ob sie zugegen wären.

Die Schwester holte indeß die Uebrigen. Da kam Kain herein und stellte sich zu seinen Brüdern. Unbiegsam und ungeschlachtet stand er da; aus seinem finstern Blicke sprach ein trotziges, wildes Gemüth; Strohhalme und Heugestrüppe hingen in seinen Haaren; weder mit einer Miene, noch mit einem Laute grüßte er Gott. Aufgefordert, Das herzusagen, was ihn die Aeltern gelehrt hätten, fing er an, folgende verstümmelte und verfälschte Lection her zu sagen:

Ich glaube, daß ein Gott sei, ein allmächtiger Schöpfer der ganzen Welt, und daß man Ihn durch Opfer verehren müsse, um welcher willen Er auch unsere Aecker befruchtet. Ob Er aber Die erhöre, so Ihn anrufen, ob Er die Sünde vergebe, darüber bin ich zweifelhaft. Um die Unsterblichkeit werde ich mich dann bekümmern, wenn ich dieses Leben werde verlassen haben. Ich halte aber dafür, man müsse sich guter Sitten befleißigen, um ein geruhiges Leben zu führen.

Nachdem er dieses mit starrem Trotze hergesagt hatte, schalt ihn Gott, daß er die Verheißung vergessen und auch die Lehre vom Glauben nicht inne hätte, und hieß ihn hinaus gehen auf die Straße, um die göttliche Lehre vollständig zu lernen.

Und Gott sprach ferner: „Da ihr einst die Aeltern des menschlichen Geschlechts sein werdet, so möget ihr durch Lehre, Frömmigkeit und Tugend euern Nachkommen voran leuchten. Wohl wird Euch die mächtige Schlange eben so nachstellen, wie sie euern Aeltern nachgestellt hat. Aber Denen, so Meine Verheißung bewahren werden, wird der verheißene Held Beistand leisten, ihr zu widerstehen. Und da Ich will, daß das menschliche Geschlecht durch das Wort Gottes geleitet und durch gesetzliche Zucht in Schranken gehalten werde, so will Ich aus eurer Mitte die dazu auswählen, welche tauglich sind.“

„So tritt denn du, Abel, zu Mir, daß Ich Meine Hand auf dein Haupt lege, dich weihe, und dir Meinen Geist verleihe, damit du Mein Priester seist. Dein Amt soll sein, die euch von Gott gegebene Lehre allen Uebrigen mitzutheilen, die von Gott euch gelehrten Opfer zu verrichten, und ihre Bedeutung richtig zu erklären. Scheue die Gefahren nicht, welche dir dieser dein Beruf bringen wird; denn deine Kämpfe werden Zeugniß geben, daß die Mühen und Schmerzen der Frommen Mir der wertheste Gottesdienst seien, und hindeuten auf die Beschaffenheit des zukünftigen Opfers des Verheißenen!“

„Dich, Seth, aber setze ich über die Uebrigen als König; wisse aber, daß auch dein Amt ein zweifaches ist. Zuerst sollst du die Lehre, die dein Bruder bekannt hat, mit allen Kräften schützen, sodann die Bösen, welche Gott schmähen und lästern, bestrafen und ausrotten, auch alle Uebrigen sollst du zur Strafe ziehen, welche den Frieden eurer Gesellschaft stören werden. Euch Beiden wird die Nachkommenschaft gehorchen; diesen rohen Kain aber, der wie er äußerlich schmutzig und ungeschlacht, eben so von rohen, wilden Sitten ist, erkläre ich zum Knechte; durch die Furcht des Gesetzes und der Strafe soll er gebändigt werden, damit er weder die Religion schmähe, noch den Frieden eurer Gesellschaft störe.“

Nachdem Gott die Stände also vertheilt hatte, wendete Er sich wieder zu Eva, und empfahl ihr die Pflicht, für die Erziehung und den Unterricht der Kinder Sorge zu tragen. Weinend versicherte diese, sie würde von einer unablässigen schmerzlichen Trauer verzehrt, welche ihr die Erinnerung an den schrecklichen Fall verursache. „So hat mich denn endlich die Erfahrung gelehrt,“ sprach sie, „daß die göttliche Drohung, welche uns den Tod ankündigte, keine leere Drohung ist; denn ich trage immerwährend den Tod in mir. So oft ich meine Kinder anblicke, und vorzüglich diesen starrsinnigen Sohn, und so oft ich die kommenden Uebel alle mir vergegenwärtige, so ergreift mich rief Schauder und Todesangst. Darum bitte ich Dich nochmals um Vergebung meines so schweren Vergehens, und flehe um Milderung unsers Elendes.“ Gott versicherte, daß Er ihr verzeihe, und erinnerte sie, obgleich Er das Menschengeschlecht durch Schmerz und Ungemach üben wolle, dennoch abermals an den verheißenen Nachkommen. „Dieser Held,“ sprach er, „wird sich derer annehmen, die ihn anrufen, und ihnen einst himmlisches Leben und Herrlichkeit geben.“

Als Gott durch diese tröstliche Versicherung ihre Betrübniß etwas gemildert hatte, reichte Er dem Knaben zum Abschied die Hand; die Mutter begleitete Ihn beim Hinausgehen, und da sie, in der Begeisterung für Seine so süße Rede, und von Liebe zu ihrem Schöpfer entflammt, eine weite Strecke von ihrem Hause gegangen war, umarmte sie Gott, hieß sie zu ihren Kindern zurück gehen, und verhieß ihr und ihrem Gatten Seine Hilfe; auch sagte Er ihr, diese seine Begleiter, die Engel, waren die Beschützer ihrer Familie, und sie führten mit der Schlange einen ewigen, unversöhnlichen Krieg. Er ermunterte sie, ihre Einsamkeit darum getrost zu ertragen, und verhieß, es würde einst ein vertrauterer Umgang zwischen den Engeln und der ganzen Familie Statt finden, um das Unangenehme ihrer Einsamkeit zu vermindern. Als Er das gesagt hatte, kehrte Er, von einer Wolke verhüllt, in den Himmel zurück.

Hier hast Du die Erzählung, welche, wiewohl sie nicht geschichtlich begründet ist, doch große Wahrheiten andeutet. Zuerst zeigt sie, was auch die nachdrücklichsten Aussprüche der heiligen Schrift als wahr bezeugen, daß die Unterscheidung der Stande von Gott getroffen worden sei. Du siehst zugleich, wie diejenigen mit ehrenvollen Aemtern geschmückt wurden, welche durch Charaktergüte, Kenntnisse, anständiges Betragen und fromme Gesinnung sich auszeichneten, um anzudeuten, welche Vorzüge Euch schmücken müssen, die Ihr durch äußere Würden über den Uebrigen steht. Aber es entspricht das Betragen Vieler ihrer Abkunft und Geburt so wenig, daß sie vielmehr von jenem ungeschlachten, rauhen Sohne der Eva, als von den Uebrigen abzustammen scheinen. Es ist dieß jedoch nicht die Schuld ihrer Abkunft, sondern sie regen die von den Vorfahren überkommenen Keime der Tugend nicht durch Kenntnisse und Wissenschaft an, oder ersticken sie auch wohl durch hinzukommende schlechte Sitten. Möchten doch alle edle Jünglinge recht ernstlich bedenken, wie vielfach solche sich versündigen. Denn einmal: wie der treulose Flüchtling seinen Feldherrn beschimpft, so beweisen auch die, welche von Gott zur Leitung der menschlichen Angelegenheiten berufen sind, Verachtung gegen Gott, welche, obgleich Er ihnen gleich als in einer Schlachtordnung ihren Posten zugetheilt, doch ihrer Pflicht nicht wahrnehmen, noch sich um die Erwerbung der Fertigkeiten bemühen, ohne welche sie doch ihren Posten durchaus nicht behaupten können. Sodann verletzen sie auch das allgemeine Recht der menschlichen Gesellschaft, indem sie die ihr schuldigen Dienste zu leisten nicht im Stande sind. Und wenn sie meinen, nur um ihrer selbst willen geboren zu sein, um sich gütlich zu thun, und zügellos allen Genüssen sich hinzugeben, kann man sie dann für Etwas mehr, als für ein gigantisches Geschlecht halten? Ganz anders dachte Achill, der auf die Frage des Ajax, welches die schwersten und mühevollsten Arbeiten waren, denen er sich je unterzogen, antwortete, die, welchen er für seine Freunde sich unterzogen hätte. Und als Ajax ferner fragte, welche unter allen, die er je übernommen, die angenehmsten gewesen, antwortete Achill: dieselben; und wollte damit ausdrücken, wie der wahre Held von einem unbegränzten Eifer brennt, dem Staate nützlich zu sein, und angespornt von demselben, den beschwerlichsten Unternehmungen sich unterzieht, nicht um seine eigenen, sondern die Vortheile des Gemeinwesens zu fördern. Von solcher Begeisterung fortgerissen, ist ihm denn Nichts süßer, als die schwierigsten Geschäfte sogar, wofern sie nur dem allgemeinen Besten dienen, auszuführen, gleich wie einem Musiker die schwierigsten Partieen seiner Kunst das meiste Vergnügen gewähren. Achill hat ein vortreffliches Wort gesprochen, und mag auch nicht in Allen eine ähnliche Lebhaftigkeit des Geistes sich finden, so liegt es doch Allen, die einst Andern vorstehen wollen, wesentlich ob, Liebe zum Staate in sich zu tragen, und eifrigst dahin zu streben, um einst, mit den ausgezeichnetsten Fertigkeiten ausgerüstet, dem Staatsdienste sich widmen zu können. Denn oft nehmen auch die lebendigern Neigungen in edlen Naturen, wofern sie nicht durch wissenschaftliche Bildung geregelt worden, eine falsche Richtung. Wie außerordentlich daher auch die Geisteskraft des Herkules war, so wurde er doch Lehrern übergeben. Denn es ist ein Gedicht Theokrits vorhanden, welches sechs Lehrer desselben aufzählt:

„wissenschaftliche Bildung erhielt der Knabe vom greisen Linus.“

Aber nicht nur als Jüngling erlernte er die Wissenschaften, sondern genoß noch als Greis den Unterricht des Atlas über die Bewegung der Gestirne. Wie unterrichtet und gebildet Achill gewesen, erzählt Homer, indem er ihn den Ruhm gefeierter Helden zur Kythara singen läßt, woraus hervor geht, daß er sowohl die Geschichte, als auch die übrigen Wissenschaften seiner Zeit, so wie die Musik, erlernt hatte. Wie hätte er auch sonst auf sein Schild die Ordnung des Himmels und der Elemente und die Gestirne malen lassen, welche Norden und Süden theilen, wenn er Nichts mehr als ein roher geistloser Krieger gewesen wäre! Doch das sei genug aus der Dichtung. Alexander, ohne Zweifel der talentvollste unter allen Königen, hatte nicht nur die hauptsächlichsten Wissenschaften, sondern auch die ganze Philosophie und die Heilkunde erlernt. Und gesetzt auch, daß der Krieger solche Wissenschaften, welche sich mehr auf friedliche, bürgerliche Verfassung beziehen, nicht nöthig hätte, so spricht doch die Sache selbst dafür, daß der, welcher in Friedenszeiten Regierungsgeschäften sich widmen, und bei öffentlichen Berathungen gebraucht werden soll, jeden Falls in allen Fächern der Wissenschaft Kenntnisse besitzen muß. Denn auch Augustus hätte wahrend seiner friedlichen Regierung weder die Gesetze verbessern, noch Rechtspflege begründen und leiten können, hatte er nicht vielfache Kenntnisse besessen, und die gelehrtesten Männer, als einen Trebatius, Capito, Asinius u. A. m. zu Rathe gezogen.

Wollte ich die übrigen griechischen und römischen Fürsten alle aufzählen, welche sich durch Gelehrsamkeit ausgezeichnet, welch‘ ein langes Verzeichnis würde das werden? Und doch sprach ich bis jetzt von solchen Fürsten, welchen die wahre Religion unbekannt war. Eine wie viel größere Verbindlichkeit haben nun die auf sich, welche nicht nur über die Erhaltung der bürgerlichen Ordnung wachen, sondern auch auf die Religion ihre Regentenpflicht übertragen sollen? Denn allen Denen, welche den Uebrigen vorgesetzt sind, hat Gott als hauptsächlichste Verpflichtung die aufgelegt, darauf zu sehen, daß die Menschen über Gott richtigen Unterricht erhalten. Denn wie der vorzüglichste Grund, warum die Menschen bestimmt sind, in geselligen Vereinen zu leben, der ist, daß ein Theil von ihnen die Uebrigen über Gott und Seinen Willen belehren könnte, so sollen die Schiedsrichter in dieser hochwichtigen Angelegenheit vor Allem die Obrigkeiten sein.

Wie können aber diese ohne einen großen Vorrath von Kenntnissen die Religionsangelegenheiten leiten? Oder ist etwa anzunehmen, Constantin würde, wofern er nicht mit seiner Frömmigkeit zugleich große Gelehrsamkeit verbunden hätte, die von Arius erregten Streitigkeiten haben verstehen, oder darin entscheiden können? Er war aber wahrlich in der Versammlung keine stumme Figur, sondern widerlegte nicht nur wahrend der Unterhandlungen den Arius in einer Rede kräftig, in welcher er die Zeugnisse der Apostel und bewährter Schriftsteller gesammelt hatte, sondern schlichtete auch mit ungemeiner Milde in gelehrten Vortragen sehr viele andere Streitigkeiten der Bischöfe.

Aber es sind in der Geschichte auch sehr viele Beispiele von Manchen unsrer Fürsten vorhanden, welche, ungeachtet auch sie aus dieser ungebildetem Nation entsprossen waren, dennoch mitten in Kriegsunruhen und Waffenlärm auch einige Zeit der Beschäftigung mit den edlen Wissenschaften widmeten, um sowohl in Bezug auf viele andere Lebensverhältnisse, als vorzüglich auf die Kenntniß der christlichen Lehre und die Leitung des Religionswesens tüchtig unterrichtet zu sein. Denn wie oft treten in den Staaten Zeiten ein, welche nicht nur fromme, sondern auch unterrichtete Fürsten erheischen? Ist nicht gerade in den öffentlichen Spaltungen unserer Zeit Gelehrsamkeit edler, gebildeter Männer ein wesentliches Bedürfniß? Aristoteles erklärt die Obrigkeit mit diesen Worten: „Die Obrigkeit ist die Wächterin über das Gesetz.“ Eine kurze, aber wahre Erklärung, einem Orakelausspruche gleich, wenn man ihren Inhalt entwickelt. Denn stelle Dir einmal vor, es stände eine Obrigkeit vor Dir, der Gott beide Tafeln der zehn Gebote übergäbe, mit dem Befehl, die Aufsicht und Obhut über dieselben zu führen! Fühlst Du wohl, welche wichtige Sache ihr anvertraut ward? Die treue Sorge für Religion und bürgerliche Verfassung, und deren Beschützung übernimmt sie. Wie mag sie aber diese Sorgfalt üben, das heißt, dieselben leiten, erhalten, verfechten, wenn sie nur eine oberflächliche Kenntniß derselben hat? Kann ja doch der Mensch, was er nicht kennt, gar nicht einmal lieben! Und es ist ein wahres Wort: „Was man nicht kennt, nach dem verlangt man nicht.“ Was ist es also Anderes, die Leitung und Verwaltung der wichtigsten Angelegenheiten unwissenden Menschen übergeben, als die Gesetztafeln an einem Baumstamm, oder einer Wand aufhängen? Ich rede jetzt nicht etwa von Tyrannen, welche diese Tafeln frech herabschleudern, zerschellen und zertrümmern; nur von den Unwissenden rede ich, obgleich die Unwissenheit auch eine furchtbare Tyrannei ist. Nur von den bessern und mittelmäßigen Köpfen sprech‘ ich jetzt, und diese, meine ich, müssen durch die Wissenschaften gebildet werden.

Bei unserm jetzigen sittlichen Verderbniß halten es die Hofleute für hinreichend, wenn man zu der Geschäftsverwaltung nur einigen Witz, Gewandtheit oder schlaue Klugheit mitbringe, was vielleicht ausreichen möchte, wenn die, welche durch ihre Berathung den Gang der wichtigsten Angelegenheiten leiten, gar nicht verschieden wären von den Sclaven in der Komödie. Ganz andere Fertigkeiten aber erfordern die Staatsgeschäfte.

Andere, wenn sie auch vielleicht mit den Wissenschaften sich beschäftigen, zeigen doch eine stolze Geringschätzung religiöser Kenntnisse. Und wie ehemals die Meinung herrschte, die Philosophie sei denen hinderlich, welche zum Regieren berufen waren, so ist es auch jetzt Grundsatz des Adels, die ernste Beschäftigung mit den Religionslehren müsse man den Mönchen, dem geringen, niedern Pöbel überlassen. Welchen verderblichen Einfluß dieser Wahn auf die Kirche nicht nur, sondern auf das Leben der Menschen überhaupt habe, das beweisen die vielen Wunden des Staats. Ist die Obrigkeit Wächterin über die Gesetze, wie mit Recht behauptet worden, so muß sie vor Allem über die göttlichen Gesetze wachen, in Betreff derer die heftigsten Streitigkeiten unter den Menschen vorfallen. Und Niemand kann darin ohne einen reichen Schatz gelehrter Kenntnisse Schiedsrichter sein, so wenig als ein Tauber über Fehler in einer Musik urtheilen kann.

Ich erinnere mich, von einem Fremden gehört zu haben, der König von Spanien, Alfons, habe nach der Weise der Fürsten sein Lieblingssymbol gehabt; denn er malte hin und wieder einen Pelikan, der sich mit dem Schnabel die Brust aufhackt, und zur Aetzung seiner Jungen das Blut heraus leitet. Solchen Gemälden pflegte er die Ueberschrift beizufügen: „Für das Gesetz und für die Herde!“ um auszudrücken, es müsse ein Fürst sowohl zu Gunsten der Religion, als auch zum Schutze seines Volkes allen Gefahren sich unterziehen. Weise sah Alfons, es sei der höhern Stände wesentlichste Obliegenheit: Eifer für die Religion, ihre Erhaltung und Ausbreitung. Wenn denn nun alle Menschen zu dieser Pflicht von Gott aufgefordert werden, daß ein Jeder an seinem Platze zur Verherrlichung der Ehre Gottes mitwirken soll, so können wahrlich die obern Stände nicht meinen, diese Pflicht gehe sie Nichts an!

Daß Du nun eine tiefere Einsicht in die christliche Lehre hoch schätzest, und selbst Dich derselben befleißigst, und dabei der Leitung frommer gelehrter Männer Dich bedienst, wegen dieser Denkungsweise wünsche ich Dir und dem Staate außerordentlich Glück, und ermahne Dich: Laß von dieser betretenen Bahn durch alberne Urtheile unwissender Menschen Dich nicht abbringen!

Es ist keine andere Verehrung Gott gefälliger, als wenn wir die von Ihm uns geschenkte Lehre zu erkennen uns bestreben, und zu ihrer Verherrlichung auch unsere Bemühung beitragen. Und Gott vergilt reichlich solchen Dienst, wie Er ja spricht: „Die Mich verherrlichen, will Ich verherrlichen.“ Glücklicher wird Deine Bahn, wie im Leben überhaupt, so in den öffentlichen Geschäften sich gestalten, wenn Du gelehrte Kenntniß der wahren Religion auch ferner hoch schätzen, und sie zu befördern Dich bestreben wirst.

Verbinde aber, wie Du jetzt thust, ferner auch andere Studien damit, welche entweder selbst auch der Religion dienen, oder sonst für verschiedene Lebensverhältnisse ersprießlich sind. Ich höre, daß Du Dich jetzt mit dem ehrwürdigsten Geschichtschreiber, Thukydides, beschäftigst, der allerdings auf gar Vieles den Leser aufmerksam machen kann: auf die Verschiedenheit der Fürsten hinsichtlich ihrer geistigen Vorzüge und Gesinnungen; auf den Ausgang stürmischer, aufrührischer Bürger; auf die Bestrebungen und das Ende der Patrioten; auf die Ursachen, welche Staatsumwälzungen herbei zu führen pflegen. Sehr wahr sagt Plutarch: „So wie ein Musiker seine Instrumente kennen muß, so muß auch, wer Staatsgeschäfte verwaltet, sorgfältig sich bemühen, daß er die Gesinnung der Fürsten und des Volks verstehen“ und dazu sind die Charakterschilderungen in der Geschichte von außerordentlichem Nutzen. Merke denn im Thukydides auf die Charaktere großer Männer, zugleich aber auch auf die Verschiedenheit eines Themistokles, Perikles, Kleon, Alkibiades, Niklas, Brasides, Theramenes; ferner welche mannichfaltigen Veränderungen in dem einzigen Staate Attika auf einander folgten, seitdem ein nichtiger Grund den Kampf zwischen den griechischen Staaten erregt hatte; dann, wie oft und leichtsinnig man, bald um des Interesse einiger Weniger willen, bald aus ungegründetem Mißtrauen gegen Mächtigere, Bündnisse gebrochen, und vieles Andere noch.

Indem Thukydides im Eingange seines Werks angibt, welcher Nutzen aus der Geschichte zu gewinnen sei, erinnert er zwar, man müsse die Geschichte aller Zeiten kennen lernen. Für Dich aber ist die heilige Geschichte zunächst ein nothwendiger Gegenstand Deines Studiums; lies auch zugleich die Begebenheiten des deutschen Reichs; sie werden Dir viele Winke über die Veränderungen in der Kirche geben, deren Kenntniß für jeden Edlen von hohem Interesse sein muß. Erwäge denn also, wie viele Hilfsmittel für das Privatleben sowohl, als für die öffentlichen Geschäfte Dir zu Gebote stehen werden, wenn Du mit tüchtiger Kenntniß der Religion, der Geschichte und der menschlichen Kultur überhaupt ausgerüstet sein wirst. In welche Wissenschaften und Schriftsteller Du aber vorzugsweise eindringen, zu welchen Zwecken Du jede insbesondere Dir zu eigen machen, mit welcher Beschränkung Du eine jede studiren müssest, damit nicht Verwirrung und Unordnung das Urtheil verkümmere, wenn zur Unzeit das Heilige mit dem Profanen vermischt wird, darüber brauche ich Nichts hinzuzufügen. Du hast ja einen beständigen Rathgeber an dem durch seine Einsicht und treue Anhänglichkeit gleich schätzenswerthen Medmann, der gewiß eben so tüchtig die Principien der Wissenschaften Dir beibringen, als über ihre Anwendung im Leben Dich unterrichten wird. Wiewohl nun auch dieser Dich fleißig daran erinnern wird, welche Ursachen den wissenschaftlichen Eifer in Eurem Stande anregen sollten, und welche Kenntnisse Euch insbesondere Noth thun, so ergriff ich doch, als mich die rühmliche Erwähnung Deines Charakters und Deiner Bildung so begeistert hatte, daß ich es mir nicht versagen konnte, einen Brief an Dich zu richten, gerade dieses als Stoff, um Dich zu überzeugen, daß mit Medmanns Urtheil auch die Ansicht Anderer übereinstimme.

Zuletzt empfehle ich Dir noch die Angelegenheiten des öffentlichen Unterrichts; denn die Wissenschaften leiten den Gang des Menschenlebens in vieler Hinsicht; sie begreifen die Religionslehre, Gesetze, alle Pflichten der gesellschaftlichen Menschenverhältnisse und überhaupt viele Hilfsmittel des Lebens in sich. Daher haben von jeher weise Staatsmänner es als ihre wesentliche Obliegenheit betrachtet, Wissenschaft und Gelehrsamkeit, welche bei der so großen Schwachheit, Unzuverlässigkeit und Verkehrtheit des menschlichen Geistes auf vielfache Weise gefährdet sind, anzuregen und zu fördern.

In der vergangenen Zeit hatte die Barbarei, wie die übrigen Wissenschaften, so vorzüglich die Quelle der christlichen Religion auf eine schimpfliche Weise verunreinigt. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß in jedem Fache, sobald einmal das gründliche, einfache Wissen untergegangen ist, Sophistik und endlose Meinungsverwirrnng eintritt. Und das eben bereitete eine dichte Nacht über das Gebiet der Wissenschaften. Die darauf folgende neuere Zeit begann die Wissenschaften zu läutern, und dem Forschungstriebe die Quellen wieder zugänglich zu machen. Es war auch allerdings der Anfang gar nicht unerfreulich, und gab nicht nur den Wissenschaften überhaupt, sondern namentlich auch der Religionslehre Licht und Aufklärung. Aber von einem gewaltigen Schlage plötzlich erschüttert, begann dieser edlere Eifer wieder zu erschlaffen, weil er den Mächtigen verhaßt war. Da nun aber das menschliche Leben überhaupt, und die Kirche die Wissenschaften durchaus nicht entbehren kann, so mußt Du, so müssen Alle, die mit Dir auf gleicher Stufe stehen, alle Kräfte und Anstrengungen dahin vereinigen, daß Ihr in dieser Beziehung den Wissenschaften und der Kirche zu Hilfe kommt.

Jede Zeit hat ihr besonderes Ungemach, welchem abzuhelfen vorzugsweise Denen obliegt, die am meisten Ansehen und Einfluß besitzen, und es ist ganz wahr, was Virgil sagt: Das menschliche Leben sei einer Schifffahrt gleich, die stroman gehe, wo, sobald die Ruderer nur ein Wenig feiern, sogleich der Andrang des Stromes das Fahrzeug zurück drängt. Du kennst ja die Worte:

So eilt nach dem Schicksal
Alles zum Schlechteren hin, fortwährend sich neigend zum Rückfall.
Wie wenn der Schiffer den reißenden Wellen entgegen den Nachen
Treibet mit Ruderschlag; kaum sinken ein Wenig die Arme,
Abwärts schleudert ihn eilends des Flusses gewaltige Strömung.

Aber Euch liegt es ob, mit unablässiger Anstrengung und allen Kräften gegen die Schwachheit anzukämpfen, und Trotz der mächtigsten Schwierigkeiten doch die gute Sache zu fördern. Das ist wahrhaft heldenwürdig. So wirst Du denn, so viel nur möglich, Dich bemühen, daß die edlen Wissenschaften nicht untergehen, sondern uns erhalten werden. Glaube mir, die Fürsten erwerben sich das herrlichste Verdienst um die ganze Kirche, welche ihre Macht und Ansehen zur Aufrechthaltung der Wissenschaften verwenden, und kein Triumph bietet mehr wahren Ruhm.

Lebe wohl. Den 23. März 1539.

Quelle:
Philipp Melanchthon's Werke, in einer auf den allgemeinen Gebrauch berechneten Auswahl. Herausgegeben von Dr. Friedrich August Koethe Fünfter Theil Leipzig: F.A. Brockhaus 1830

Kommentare sind geschlossen.