Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

1539 fand in Frankfurt ein Konvent deutscher Reichsstände statt. Zwei Pfarrer, Le Comte von Grandson und Genan, waren nach Genf gereist, um zwischen den Genfern und den Vertriebenen zu vermitteln. Weggelassen längere undurchsichtige Abschnitte über Unbekannte und ein Bericht über die Verschwörung des Kardinals Pole in England.

Rückkehr nach Genf ist unmöglich. Vom Frankfurter Konvent.

Am Tag, nachdem ich deinen vorletzten Brief erhalten, begab ich mich auf den Weg nach Frankfurt. Der Aufbruch geschah so plötzlich, dass ich nicht mehr Zeit hatte, dir zu antworten. Das kommt ja bei so raschen Entschlüssen öfters vor. Die Reise zu unternehmen, war mir nie in den Sinn gekommen bis am Tag vor der Ausführung. Als ich aber einen Brief Butzers bekam, in dem er schrieb, er habe in der Sache der Brüder [in Frankreich] nichts tun können, bekam ich plötzlich Lust auch hinzureisen, teils damit die Angelegenheit nicht, wie es ja bei solcher Fülle von Traktanden leicht geschieht, nur nachlässig behandelt werde, teils um mit Philippus Melanchthon über Religion und Kirche sprechen zu können. Beides scheinen dir wohl genügende Gründe. Dazu kam noch, dass Capito uns alle aufforderte, und die Gelegenheit guter Begleitung. Denn Sturm und andere treffliche Männer gesellten sich als Begleiter zu mir. – – – Von der Reise Le Comptes und Genans konnte man nichts anderes erwarten, als dass sie erzürnt heimkehren mussten. Ich bezweifle, ob diesen Brüdern soviel Klugheit innewohnte, als sie zweifellos Mut besaßen. – – Wir wollen sie Alles probieren lassen, damit es nicht scheint, etwas, das zur Besserung der kirchlichen Verhältnisse diene, sei durch uns aufgehalten worden. Von dir können sie gewiss nicht mit Recht verlangen, dass du das kirchliche Amt von Leuten anerkennst, die, wie jedermann sieht, der Kirchenzucht zu überweisen wären. Aber es ist ganz wahr, was du sagst; alle, die sich selbst einer Schuld bewusst sind, wünschten nichts mehr, als dass alles Geschehene im Dunkel der Vergessenheit versunken läge, damit auch ihr eigener Schmutz nicht aufgedeckt werde. In solcher Verhüllung aber müssen wir beobachten, was wir sehen können, das Übrige aber dem Herrn überlassen. Es wäre ja auch mein Wunsch, dass die Erinnerung an all das Böse begraben würde, an das man ohne Schaden nicht mehr denken kann. Aber was nützte es, wenn Hass, Zwist in Lehre und Gesinnung, Missgunst und all die andern Übel der Kirche unsichtbar im Blute lägen und schließlich doch wie das böseste Geschwür ausbrächen? Da ists noch eher zu wünschen, dass sie mit einiger Schärfer ausgekämpft werden, wenn es nicht anders geht. Aber könnte man nicht einen Mittelweg innehalten: unserm Amt seine Ehre wiedergeben, der armen, verlorenen Kirche ein Heilmittel finden, aufzuheben, was anstößig ist unter Brüdern, und nur die Übel zu verbergen und [in Erinnerung] zu unterdrücken, bei denen es nicht nötig ist, von neuem sich aufzuregen? Denn es gibt Wunden, die durch jede Berührung wieder schlimmer werden, durch ruhiges Vergessen aber heilen. Ich bitte dich, was wollen die gute Leute, denen es in den Sinn kommt, ich, der ich mir dir vertrieben worden bin, solle ohne dich zurückkehren? Ich soll mit denen Hand anlegen zu gemeinsamer Arbeit, denen ich ganz fremd sein will, bis sie der Kirche Genugtuung geleistet haben? Denn sie wollen es so einrichten, dass von den vier Pfarrern zwei mit uns bleiben sollen, damit ich, nicht durch ein Urteil der Kirche, sondern sozusagen aus Gnade wieder eingesetzt, ganz machtlos in meiner Stellung sei. Was tun? Wo anfangen, um die verwirrten Verhältnisse wiederherzustellen? Sage ich nur ein Wort, das ihnen missfällt, so werden sie mir gleich Schweigen gebieten. Ich brauche dir solche und ähnliche Dinge nicht zu schreiben, die du selbst dir besser vorstellst, als ich sie beschreiben kann. Wiederum, wenn das einträte, so könnte ich den Zank der Brüder kaum aushalten; denn sie werden meinen, durch meine Rückkehr allein müsse dann Alles vollendet sein. Deshalb wollte ich, die Leute, die diesen Stein ins Rollen zu bringen suchen, täten lieber, was sie sonst wollten; denn mir machen sie nichts als viel Beschwer, und das ganz umsonst.

In Frankfurt trafen wir folgende Sachlage an. Es waren da aus dem Haus Sachsen der Kurfürst, sein Bruder und ein Neffe, ein Sohn Heinrichs mit Namen Moritz. Die drei hatten in ihrem Gefolge vierhundert Reiter; der Landgraf [von Hessen] brachte ebensoviel Pferde mit sich, der Lüneburger ein kleineres Gefolge. Ferner waren da von Brandenburg der jüngere Bruder des Kurfürsten, der jüngere Braunschweiger und drei andere, deren Namen ich nicht behalten habe. Sie alle Bundesmitglieder; die Andern, die im Bunde sind, hatten Gesandte geschickt, der König der Dänemark, der Herzog von Preußen und einige andere. Bei ihnen schien es nicht verwunderlich, dass sie zu Hause geblieben waren, denn in so zweifelhafter und gefährlicher Lage ist es nicht gut, ferne zu sein. Dagegen waren alle entrüstet, dass der Württemberger, der doch nur zwei Tagereisen entfernt wohnt, lieber der Jagdlust und ich weiß nicht welchen andern vergnüglichen Spielen frönen wollte, als einer Versammlung beizuwohnen, in der es sich um sein Land und vielleicht um seinen Kopf handelt. Die ihn entschuldigen wollten, sagten, er habe vertrauensvoll die Sorge den Übrigen überlassen, von denen er wisse, wie sehr ihnen die Sache am Herzen liege. Von den Städten waren die vornehmsten Männer gesandt worden. In den ersten Beratungen wurde einstimmig Krieg beschlossen, bis dann zwei Kurfürsten, der Pfälzer und Joachim von Brandenburg, vermittelten durch ein kaiserliches Schreiben und einen spanischen Bischof als Gesandten. Sie legten zuerst den Auftrag des Kaisers dar, der sie bevollmächtigte, Frieden und Waffenstillstand mit den Evangelischen zu schließen, wie ihnen Verhältnisse und Bedingungen am besten schienen. Dann suchten sie in langer Rede und mit guten Gründen die Stimmung für den Frieden zu gewinnen; besonders legten sie darauf Gewicht, dass der Türke nicht ruhig bleiben werde, wenn er Deutschland in Krieg im Innern verwickelt sehe. Der Zugang steht ihm schon offen, denn die Walachei hält er besetzt und von Polen hat er durch ein Bündnis freien Durchmarsch erwirkt. So droht er also jetzt schon Deutschland. Die Vermittler wollten, die Unsern sollten die Friedensbedingungen festsetzen; wenn kein Friede möglich sei, so solle man sich doch zu einem Waffenstillstand herbeilassen. Die Treue und Ehrlichkeit der Beiden ist den Unsern wohlbekannt; denn Joachim neigt selbst stark zur Sache des Evangeliums; der Pfalzgraf ist ihr nicht Feind. Da aber Aufträge, die von Spanien kommen, wenig Vertrauen erwecken, hätte man lieber gehabt, die Sache wäre von allen Kurfürsten, bei denen die höchste Gewalt im Reiche steht, geregelt worden. Das wurde aber dadurch unmöglich gemacht, dass der Mainzer aus vielen Ursachen vom Sachsen zurückgewiesen wurde, Joachim aber nicht einer Kurfürstenversammlung zuzustimmen wagte, von der sein Oheim ausgeschlossen war. So stellten die Unsern Artikel auf, in denen sie zeigten, wie sie nur wider ihren Willen auf Kriegsgedanken gekommen seien, legten aber auch das erlittene Unrecht dar, das sie zu solchem Plan getrieben hatte. Als Friedensbedingung verlangten sie, es sollte ihnen erlaubt sein, ihre Landeskirchen selbst zu verwalten, unter welcher Verwaltung sie auch die Verwendung des Kirchenguts verstanden wissen wollten. Ferner behielten sie sich vor, in ihr Bündnis aufzunehmen, wer sich ihnen anschließen wolle. Als die Artikel vorgelegt waren, verließen wir die Versammlung. Butzer meinte nachher, die beiden Kurfürsten würden eher etwas zugestehen als der kaiserliche Gesandte. Der Grund ist der: weil der Kaiser unserer Feinde Hilfe gegen die Türken ebenso braucht wie die unsrige, wünscht er jeder Partei einen Gefallen zu tun, aber ohne die andere zu beleidigen. Der Hauptinhalt seiner Forderung ist, es sollten ohne Änderung des gegenwärtigen Zustands gelehrte, bewährte und friedfertige Männer zusammenkommen, um über die strittigen Punkte der Religion zu verhandeln; dann sollte die Sache dem Reichstag vorgelegt werden, damit nach der Entscheidung aller Stände eine Reformation der deutschen Kirche zustande komme. Zu diesen Verhandlungen wurde ein Waffenstillstand auf ein Jahr geschlossen; die Unsern sind aber mit einer so kurzen Zeit nicht einverstanden und verlangen, dass ihnen Sichereres geboten wird. So ist alles noch in der Schwebe, und wir sind noch nicht außer Kriegsgefahr, wenn der Kaiser nicht weitere Zugeständnisse macht. Der Herzog von Jülich, der neulich seinen Vater verloren hat, schickte Gesandte mit dem Auftrag, er habe vom Herzogtum Geldern, dessen rechtmäßiger Herr er sei, durch Gottes Gnade Besitz genommen; nun entstehe ihm deshalb Feindschaft sowohl vom Kaiser, als auch vom Lothringer, ohne irgendwelchen ausreichend guten Grund. Denn der Lothringer könne keinen andern Rechtstitel geltend machen, als dass er der Erbe des letzten Herzogs sei. Der aber habe bloß durch Gewalt wider Recht und Gerechtigkeit das Herzogtum besessen, das durch kaiserlichen Entscheid dem Hause Jülich zugesprochen sei. Der Kaiser aber schütze einen Kaufbrief vor, der entweder als ganz erfunden oder doch als früh gefälscht deutlich zu erkennen sei, da der Preis 50 000 Kronen betrage, wie hoch schon die Stadt Geldern allein geschätzt werden könne; sicher sei diese Summe geringer als die Jahreseinkünfte aus diesem Lande. Er bat also die Unsern, sie möchten beim Kaiser vorstellig werden, dass er einen Reichsfürsten nicht ohne Grund herausfordere. Wolle der Kaiser sich auf ihre Bitten hin nicht zufrieden geben, so rufe er ihre Hilfe zum Schutz der gemeinsamen Sache der Freiheit an. Er hat noch keine Antwort erhalten. Sie werden es nötig finden, eine Entscheidung zu treffen, je nach der Wendung, die ihre eigene Sache nimmt. Vom Eintritt in den Bund ist aber nicht die Rede, trotzdem er unserer Religion nicht fremd ist. Vom Engländer liegt ein Bittschreiben vor, man möge eine neue Gesandtschaft zu ihm senden, der sich Philippus anschließen solle, damit er jemand habe, dessen Rat er brauchen könnte bei der Einrichtung der Kirche. Es ist zweifellos, dass die Fürsten die Gesandtschaft schicken werden. Melanchthon mitzuschicken, fand dagegen keine Zustimmung, weil seine Nachgiebigkeit ihnen verdächtig ist. Er selbst ist über die Meinung, die man von ihm hat, durchaus nicht im Unklaren und tut auch nicht dergleichen, es zu sein; jedoch hat er mir mit den heiligsten Eiden geschworen, die Befürchtung sei grundlos. Und sicherlich, wie ich seine Gesinnung zu durchschauen glaube, würde ichs wagen, auf ihn kein geringeres Vertrauen zu setzen als auf Butzer, wenn er mit solchen zu verhandeln hat, die wünschen, dass man ihnen etwas nachsieht. Denn Butzer brennt von solchem Eifer, das Evangelium auszubreiten, dass er zufrieden ist, wenn er die Hauptsachen erreicht hat, während er dann billigerweise milder ist, die Dinge zuzugestehen, die er für ganz geringfügig hält, die aber eben doch auch ihr Gewicht haben. Der König selbst ist kaum halb zur Einsicht gekommen. Priestern und Bischöfen verbietet er unter den strengsten gesetzlichen Bestimmungen (Amtsentsetzung ist nicht das Einzige) die Ehe. Die tägliche Messe hält er aufrecht. Sieben Sakramente will er gewahrt wissen. So hat er das Evangelium zerstümmelt und halb zerrissen, die Kirche aber noch voll von vielen Torheiten. Ja, er will die Schrift in der Landessprache in seinem Reiche nicht dulden, woran doch jeder sehen kann, dass das nicht aus einem gesunden Hirn stammt. Er hat sogar kürzlich ein neues Verbot erlassen, um das Volk vom Bibellesen abzuhalten. Ja, damit du siehst, dass er nicht zum Scherz solche Verrücktheiten begeht; – er ließ einen tüchtigen, gelehrten Mann verbrennen, weil er die Gegenwart des Fleisches Christi im Abendmahlbrot geleugnet hat; sein Tod wird von allen frommen und gelehrten Leuten sehr bedauert. Obwohl die Unsern durch Frevel dieser Art schwer beleidigt werden, geben sie es nicht auf, seinem Reiche Rechnung zu tragen. Während des Frankfurter Konvents ist unerwartet der Sohn Georgs [von Sachsen] gestorben, der wegen seiner Geisteskrankheit gefesselt bewacht wurde. Hätte er den Vater überlebt, so hätte die Vormundschaft Anlass zu neuen Unruhen geben können. Nun wird zweifellos jener Moritz, der Sohn Herzog Heinrichs, sein Nachfolger, den ich oben unter den Bundesgenossen erwähnt habe. So ist gute Hoffnung, dass das Gebiet, das jetzt Georg im Besitz hat, dann sofort auch zur Herde Christi kommt. Denn Georg ist über das Alter hinaus, das noch Nachkommenschaft erwarten ließe. Auch daran siehst du, wie noch alles in der Schwebe ist, was die Hauptsache angeht, und noch keine sichere Wendung der Dinge eingetreten ist. Umso mehr müssen wir Gott bitten, dass er so schwierigen Verhältnissen einen glücklichen Ausgang gebe. Was ich für Fortschritte in der Sache der Brüder [in Frankreich] gemacht habe und wie und wovon ich mit Philippus sprach, wirst du durch Michel erfahren, der schon in neun Tagen abzureisen beschlossen hat. Ich muss jetzt wegen der Eile des Boten einen halbfertigen Brief absenden. Die andere Hälfte bekommst du dann. Lebwohl, liebster Bruder. Grüße mir Thomas und alle andern Brüder. Capito und Sturm lassen dich tausendmal grüßen. Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit dir.

Straßburg, 16. März 1539.
Dein Calvin.

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