Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Weiteres von Frankfurt. Gespräch mit Melanchthon. Geldnot.

Da ich fürchtete, längeres Warten auf einen Brief von mir möchte dich verdrießen, wollte ich neulich lieber einen abgebrochenen Brief vorausschicken, als dich auf die Ankunft Michels vertrösten. Jetzt will ich also das übrige weiterspinnen. Bevor ich zu meinem Gespräch mit Philippus komme, will ich dir in Kürze darlegen, welche Fortschritte bisher erreicht worden sind im Stand der Dinge. Der kaiserliche Gesandte wagte solange nicht, so ungünstige Bedingungen anzunehmen, dass nur noch wenig fehlte, so wäre die Sache wieder der Entscheidung durchs Schwert überlassen worden. Der Gesandte wollte, die Unseren sollten sich von den Sakramentierern trennen. Sieh die Kunststücke Satans! Danach greift er, um nicht nur altem Hass, den er einst gesät hat, neue Nahrung zu geben, sondern auch, damit neue Beleidigungen als entzündete Brandfackeln hülfen größern Zwist zu erregen. Die Unsern aber anerkannten niemand als Sakramentierer und wollen in Verbindung stehen mit den Schweizer Kirchen. Schließlich wurde vom Kaiser die Bedingung preisgegeben und erreicht, dass sich die Stimmung zum Abschluss eines Waffenstillstands geneigt zeigte. Möge er der Kirche Christi nützlich sein. Mir verspricht es nichts Gutes. Das sieht auch der Kurfürst von Sachsen ein, der, obschon man ihn bisher für einen Zauderer hielt, meinte, ein Krieg sei für uns eine Notwendigkeit. Wider alles Erwarten riet der Landgraf vom Kriege ab. Obwohl er sich nicht weigerte, mitzuziehen, wenn der Bund anders beschlösse, so entmutigte er doch die Stimmung der Leute, die gerade auf seinen frischen Mut die größte Hoffnung gesetzt hatten. So nimmt die Sache jetzt die Wendung zum Waffenstillstand, während dessen beide Parteien auf Herstellung der Eintracht sinnen sollen. Die Gegner aber werden an nichts anderes denken, als an günstige Gelegenheit zum Krieg. Der Sachse wird nach dem Frankfurter Konvent mit dem Herzog von Jülich-Cleve zusammentreffen, dessen Schwester er zur Frau hat. Wenn er den dazu bringen kann, den Glauben anzunehmen, wäre es ein großer Zuwachs für das Reich Christi. Denn Niederdeutschland hat heute keinen mächtigeren Fürsten als ihn, und der über ein größeres Gebiet herrschte, auch Oberdeutschland nicht, ausgenommen allein Ferdinand [von Österreich], der ihn aber nur an Ausdehnung seines Landes [nicht an Macht] übertrifft. Über die Gesandtschaft an den König [von Frankreich], der Rettung unserer Brüder wegen und um ihm die Sache der Religion zu empfehlen, war noch nichts beschlossen, als Butzer das letzte Mal schrieb. Über Gesandtschaften wird nämlich erst zuletzt verhandelt, weil sie dann je nach der Lage ihrer eignen Angelegenheiten besser beraten können, wie und worum sie bitten dürfen. So müssen wir also bis dann uns gedulden. Mit Philippus habe ich über Vielerlei gesprochen. Der Einigung in der Abendmahlsfrage wegen hatte ich ihm schon früher geschrieben, damit wir allen guten Leuten über ihre Meinung sicheres Zeugnis ablegen könnten. Ich hatte ihm deshalb einige Artikel gesandt, in denen ich die Hauptsachen kurz andeutete. Denen stimmt er selbst ohne Widerspruch bei, aber er gesteht, sie hätten in ihrer Partei einige Leute, die etwas Handfesteres verlangten, und zwar das so lebhaft, ja gebieterisch, dass lange Zeit die Gefahr bestanden habe, sie hielten ihn für einen beinahe von seiner eignen Anschauung Abgefallenen. Obwohl er nun glaubt, eine wirkliche Übereinstimmung bestehe nicht, so wünscht er doch, dass diese Einigung, wie sie sei, begünstigt werde, bis der Herr beide Parteien zur Einheit in seiner Wahrheit führen wird. An ihm selbst darfst du nicht zweifeln, dass er innerlich durchaus unserer Meinung ist. Was wir über andere Dinge für Gespräche führten, wäre zu lang zu erzählen, aber das soll einmal Stoff zu einem angenehmen Gespräch unter uns geben. Als wir auf die Kirchenzucht zu reden kamen, seufzte er über die Sitten der Anderen; denn in dieser Sache darf man die elende Lage der Kirche mehr nur beklagen als bessern, damit du nicht meinst, Ihr hättet allein solche Not. Alle Tage gibt’s hier oder dort Beispiele, die uns alle mit Recht veranlassen, um Besserung zu beten. Vor noch nicht langer Zeit ist in Ulm ein rechtschaffener, gelehrter Mann mit Schimpf und Schande verjagt worden, weil er nicht mehr mit dem Laster Nachsicht üben wollte. Von allen seinen Kollegen, vor allem von Frecht, wurde er mit ehrender Empfehlung entlassen. Nicht erfreulicher ist, was von Augsburg gemeldet wird. Es wird bald nur noch ein Spiel sein, Pfarrer ihres Amtes zu entsetzen und ins Exil zu jagen. Und das Übel kann nicht gebessert werden, weil weder Volk noch Fürst das Joch Christi von der Tyrannei des Papstes unterscheiden. Philippus hält also dafür, es sei nichts besser, als in so stürmischer Zeit den widrigen Winden etwas nachzugeben, und er hegt die Hoffnung, dass, wenn man einmal von den äußeren Feinden mehr Ruhe habe, man dann auch Gelegenheit finden werde, sein Augenmerk auf die Abstellung der innern Übelstände zu richten. Capito dagegen beschwört jetzt Gott und Menschen, die Kirche sei verloren, wenn man nicht schleunigst in diesen betrübenden Zuständen Änderung schaffe; gegenwärtig betet er um seinen Tod, weil er keinen Fortschritt sieht. Ich aber finde: sind wir vom Herrn berufen, woran wir doch nicht zweifeln, so wird der Herr seinen Segen geben, auch wo Alles widerstrebt. So wollen wir alle Hilfsmittel versuchen; helfen sie nichts, so wollen wir weiterkämpfen bis zum letzten Atemzug.

Da ich sehe, wie betrübt du bist, möchte ich zuweilen bei dir sein, um dich etwas zu trösten. Dann wieder fällt mir ein, dass ich dir nichts bringen könnte als den Anlass zu noch größerer Feindschaft; dann bin ich gerne fern, damit du, der es schon schwer genug hat, nicht noch meinetwegen bedrückt werdest. Die böhmischen Brüder gaben mir eine Krone wieder, die ich zur Hälfte ihnen geliehen hatte; eine halbe hatte ich in Sauniers Auftrag dem Boten mitgegeben, der mit dem Bruder gekommen war. Ich gab ihnen den Auftrag, dir diese Krone zu bringen. Wenn du sie erhältst, behalte sie, damit sich soviel an meinen Schulden abgetragen habe. Was noch übrig bleibt, werde ich zahlen, sobald ich kann. Denn gegenwärtig ist meine Lage so, dass ich keinen Heller von mir zahlen kann. Es ist wunderlich, wie viel Geld mir entrollt für unvorgesehene Ausgaben, und außerdem muss ich von meinem Geld leben, wenn ich den Brüdern nicht zur Last fallen will. Meine Gesundheit, die du mir in deiner großen Liebe so anempfiehlst, kann ich so leicht nicht pflegen. Aber ich werde zu ausführlich, damit tue ich so eiligen Boten Unrecht. Lebwohl geliebter Bruder. Der Herr stärke dich durch die Kraft seines Geistes, die Last aller Widerwärtigkeiten zu tragen.

Geschrieben im März 1539.
Dein Calvin.

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