Calvin, Jean – An Christophe Fabri in Bole.

Calvin, Jean – An Christophe Fabri in Bole.

Christophe Fabri, genannt Libertetus, von Vienne war zuerst Mediziner, dann Pfarrer in Neuchatel, Boudry und Bole, dann in Thonon (Savoyen), später wieder in Neuchatel. Pierre Robert, genannt Olivetanus, ließ Juni 1535 eine französische Bibelübersetzung mit einer Vorrede Calvins erscheinen; zu einer Sonderausgabe des Neuen Testaments hatte Calvin seine Korrektur versprochen.
Das Pseudonym LVCANIVS ist zusammengestellt aus den Buchstaben CALVINVS. Die Nachschrift ist um eine unverständliche Notiz gekürzt.

Arbeit an Olivetanus Bibelübersetzung. Über Calvins Traktat von der Unsterblichkeit der Seele.

Als mir Olivetanus kurz vor seiner Abreise schrieb, er habe den Plan einer Sonderausgabe des Neuen Testaments aufgeschoben, schien es mir, ich könne auch die Korrektur, die ich ihm versprochen, zu anderer Zeit in Gemächlichkeit vornehmen. Sicher in diesem Gedanken habe ich mich unterdessen andern Arbeiten hingegeben, oder eher, habe ich ruhig in meiner bisherigen Untätigkeit gelebt. Jedenfalls habe ich noch nicht Hand an das Werk gelegt. Ja sogar der Band, den ich zur Vergleichung brauche, ist noch nicht einmal gebunden, obwohl ich ihn schon vor einem Vierteljahr erhielt. Das liegt freilich nicht daran, dass es mir unwichtig wäre, sondern teils an der Faulheit des Buchbinders, den ich unaufhörlich Tag für Tag mahne, teils auch daran, dass, als ich das Buch bekam, sechs Blätter fehlten, die nicht sogleich ergänzt werden konnten. Künftig werde ich aber dafür sorgen, mir jeden Tag eine Stunde abzuschneiden, die dieser Arbeit gewidmet sein soll. Meine Bemerkungen, wenn ich solche zu machen habe, werde ich niemand als dir anvertrauen, wenn dir nicht Olivetanus selbst durch seine Rückkehr zuvorkommt.

Neulich wurde mir, ich weiß nicht mehr von wem, in deinem Auftrag gesagt, in meinem Büchlein von der Unsterblichkeit der Seele gefalle dir Einiges nicht ganz. Weit entfernt, durch dein Urteil beleidigt zu sein, freue ich mich vielmehr über diese aufrichtige Ehrlichkeit. Denn ich bin nicht so eigensinnig, dass ich mir ein freies Urteil gestatte und es andern nicht erlauben wollte. Damit du dich aber nicht umsonst plagst, so wisse, dass ich das Buch fast vollständig umgearbeitet habe. Freilich nicht durch viele Zutaten oder Streichungen, sondern durch gerade umgekehrte Anordnung des Stoffes, obschon ich auch etwas Weniges wegließ, Anderes zufügte und Einiges änderte. Denn die Abhandlung, die ich Olivetanus zu lesen gab, enthielt meine Gedanken mehr nur im Konzept angehäuft, als in bestimmter klarer Ordnung verteilt, wenn auch eine gewisse formelle Ordnung da war. Das neue Buch (so darf mans nennen) hätte ich dir schon geschickt, wenn ich es selbst schon überlesen hätte. Aber ich habe es, seit Gaspard es abgeschrieben hat, noch nicht angesehen. Lebwohl. Der Herr behüte dich und mache dich reich durch seine Geistesgaben.

Basel, den 11. September.

Dein Martianus Lucanius.

Ich weiß nicht, wie mir beim Schreiben entfiel, was ich besonders sagen wollte, nämlich dich und deine Kollegen mit wenig Worten, aber von ganzem Herzen zu mahnen, nach Frieden zu streben. Je mehr Satan darauf passt, ihn zu stören, umso eifriger müsst ihr danach ringen, ihn festzuhalten. – – – Fehle du hier an deinem Teil nur nicht. Dass du das von dir aus nicht tust, traue ich dir zu, aber ich wollte dich doch auch noch drum bitten.

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