Brenz, Johannes – Brief an Bernhard Griebler

Brenz, Johannes – Brief an Bernhard Griebler

Febr. 1526

Liber maister Bernhart Ich hab den briff von dem Ernverten Hartmut von Cronberg euch zugeschickt gelesen, darin sein Cristenlicher verstand und glauben von dem nachtmal Cristi vernomen. Lass mirs sunderlich gefallen, das got unser Herr sein gnad so reylich aussgossen hat uber dissen man. Wer kan got gnugk darumb dancken? Ich find auch in dem glauben von gottlicher vorsehung kein Irrung, dan allein, das die red und bekantnus desselbigen glauben zu hart und zu hoch gesetzt ist. Wil Ich euch derhalben meynung auss der geschrift gesogen von der gotlichen fursehung antzaigen.

Gott unser Herr ist der allergerechtest, weyshest und allein almechtig nit allein der vermuglichait nach, sundern nach der that. Ich gemeins also: Got vermag nit allein alle ding, sunder er thut, schaft, würckt auch alle ding, guts und boss. Aber das boss nit seinethalb, sondern des bossen werckzeugks halb, der jm in seiner almehctigen wirckung zu handen stosst. Gleych als ein guter Zimmerman beheudt das holtz eben oder schartig: Darnach jm ein axt zuhanden stosst; Ist der werckzeug gut und eben, so wurt das werk eben, ist er schartig, so wurt das werck auch schertig: Also auch got, so jm in seiner stetten almechtigen wurckung ein guter werckzeugk zuhanden stosst, wirckt er ein gut werck, stosst jm aber an die handt ein bosser werckzeug, wurckt er ein boss werck, nit seinethalben, sonder des werckzeugs halben, Wie es geschriben ist psal. 18: Bey dem hailigen wurdestu hailig sein, bei den unwandeln wurdestu unwandel sein, by den reinen wurdestu rein sein und by den verkerten wurdestu verkert sein.

Nu dieweyl Got der allerweysest ist, so kan und mag in seins furnemens, radts und willens ein mal furgenomen nimer gerewen, 1 Samu. 15: Der held in ISrael wurt nit felen und sich nit gerewen lassen. Dieweyl er auch der allergewaltigst und allein almechtig ist, so kan und mag sein Rat, willen und furnemen niemandt hindern, Esa. 14: Das bestimpt furnemen gottes mag niemant schwechen. Dartzu dieweyl er aller gerechtest ist, mag niemant mit der wahrheitbeclagen, jm geschehe unrecht, es gee jm gleich wie es wol. Hierauss muss gewisslich folgen, das alle ding im himel und auff erden auss not des zwingenden almechtigen, Oder so Ich deutlicher reden sol, althetlichen willen gottis, und nit auss aigner chur oder freyhait geschehen. Es muss auch alles gegen got zu rechnen, nit gegen dem Instrument oder werckzeug, weysslich, wol undgerecht gethon sein, Ob wol unser verstand die weysshait und gerechtigkait gotlicher handlung nit erlangt,

Nach disser weys und form wurt under andern gotlichen thaten auch die ewig fursehung zur selikait oder verdamnus verordnet, ee und die welt erschaffen ist worden. Das gibt paulus Ga. 9. zu versten, als er von Jacob und Esau redt, sprechende: Ehe die kinder geporn waren und weder guts noch boss thon heten, auff das der fursatz bestund nach der wale, wart gesagt, nicht auss verdienst der werck, sonder auss genad des beruffens. Also der grosser sol dienstbar werden dem cleinen, wie geschriben ist: Jacob hab Ich geliept, Esau hab Ich gehasset. Darumb ligt es nun nicht an ymandts wollen oder lauffen, sonder an gottes erbarmen. Aber Er erbarmt sich welchs er wil, keins verdienst oder unverdienst angesehen, sonder allein seinen willen. Des er sich nun erbarmt vor gelegtem grund der welt, sundt, todt, Hell, noch alle teuffel. Herwiderumb den er verwurfft oder verstopft, der mag nit bekert zur selickait werden, wan im all creaturen beystendig wern. Ursach: Gots furnemen mag niemants schwechen. Es gerewet Got seins willens nicht. Wie aber solichs alles zugee und was die ursach sey des willen gottes, warumb er das oder jens also und nit anders schaff und wirck, ist keinem menschen muglich, zugedencken oder zureden, Sonder solche heimliche verborgne ding meher gehorsamlich anzubeten und als gerecht und weys zu glauben, dan sorgfeltiglich zu forschen. Ich nenne dies stuck meiner gewohnhait nach die heimlich gotlich Cantzlei. Dan gleych wie es in eins fursten hoff zuget, was heimlich sachen sein, werden auch heimlich ernstlich verborgenlich mit beslossnen thur geratslagt und gehandelt, darnach wurt einer, zwen oder meher auss den Reten herauss geschickt, die handlung der landtschaft antzusagen, welche alsdan nit alles, so im verborgen radt gehandelt, sonder als vil der landtschaft not und nutz zuwussen ist antzaigen. Es begibt sich auch dergleychen in kreigsleuffen, das der houptman sampt seinen retten offt etwas ernstlichs besliessen, dasselbig auch dem Here lassen ansagen, doch nit gentzlich nach jrm verborgen besluss, sonder als vil dem here nutz zuwussen ist: Also auch hat Got der vater sampt seinem Son und hailigen gaist vor der erschaffung der welt ein heimlichen Rat besessen und uber all menschen beslossen, Ein parthey zur sleikait verordnet, die ander zuverdamnus, und wie es darin verordnet ist, also muss es von not wegen furtgeen, da beyst jm kein mauss kein faden ab. Wir sein aber des Rats unser verstentnus nach nit vehig. Dartzu furt got in seinem ratslag ein sprach, ain red, die uns zu fremd und seltzam ist, sollen wir die sprach des Ratslags versten, so muss sie in unser mutersprach transferirt und verendert sein. Eben als ainer der Griechischen und Hebraischen sprach unkundig nit mag begreyffen den Inhalt derselbigen red, man transferir oder verender sie dan in sein bekante oder angeborne sprach: Also auch die menschen sein gotlicher sprach und red unwissend, sollen sie aber doch ein clains darvon begreyffen, so muss sie in unser muttersprach gezogen sein. Demnach hat got der vater seinen son, das Wort, welchs auch endtlich ainen menschen hat angestraift, herfur uss der haimlichen Cantzleistuben geschickt, mit uns nach unser bekanter sprach zureden und mit dem hailigen gaist versiegelt den Ratslag gottes unser weys nach uns, die wir herauss vor der Cantzlei eins beschaids warten der selikait oder verdamnus halben, seins willens zu verstendigen. Steht nu hie offentlich, sagt uns an die meynung und ordnung gottes, nach dem wir es begreyffen megen und horen, sprechend: Were glaußt, der wurt selig, Wer nit glaußt, der wurt verdampt. Wiltu eingen ins leben, so halt die gebot gottes. Item: Wan ich sprich zum gerechten, Du wurst leben, und er vertrost sich uff sein gerechtikait, thut ubels, so werden sein gerechtikait vergessen und wurt in seiner bosshait sterben. Sag Ich aber zum Gottlossen: Du musst sterben, und er thut buss, So wurt er leben und nit sterben. Item: Ein igklicher zweyg, der in mir keine frucht bringt, wurt abgeschnitten und ins fewer geworffen. Item: Die handt des Herrn ist nit gekurzt, das er nit mag erlossen oder seligen den Jenigen, so vorhin verworffen ist. Wan er sich nu furthin zu dem Herrn bekert. Item Augustinus sagt: Bistu nit erwelt zur selikait, so verschaf mit rechtem leben, das du erwult werdest. Was ist das anderst gesagt dan eben, wie Etzechielis 33. steet: Sag Ich zum Gotlosse, du must sterben, und er thut buss, lebt recht, so wurt er leben und nit sterben. Und der glychen beschaid ist die gantz schrift vol. Wie reumt es sich aber mit der ewigen unwandelbaren fursehung gottes fast wol? Dan die gotlich fursehung jr art nach kan mit eusserlichen menschlichen worten nit erlangt werden, sonder wil geglaußt und angebetet sein. Darumb ist der beschaid derselbigen fursehung in bekante art der red verfasst, gleych als man sunst von got schreypt: Es rewet mich, das Ich menschen erschaffen hab. Item: Der Herr hat sein handt ausgestreckt. Item: O Herr naig dein or zu mir etc. Ist alles vast wol unser art nach geredt. Es were aber ubel glaupt, wan einer glauben wolt, Es gerew got, Er het hand, fuss, nass und orn, wie ein ander mensch, daher die kezer komen, so man anthropomorphitas nennet, welche achten, got hab ain menschengestalt. Also auch ist es fast wol geredt: Bistu nit fursehen, so halt dich dermassen so glaubig und fruntlich, das du fursehen werdest. Und gibt doch der hailig gaist dem glauben under disen worten unser art nach geredt sein verstand gnug an. Er lasst die sprach pleyben in ir weys und art, lert aber darunder zuglauben und anzubeten den unwandelbarlichen willen gottes, der mit vernufft nit mag erlangt noch mit menschlicher red gefasst werden. Wie paulus sagt: Ich ken ein menschen, der ward entzuckt in das paradeys und hort unausssprechliche wort, welche kein mensch sagen kan. Dan als wenig die Juden mochten horn die stim gottes, da er das gesatz gab, sie musten ein mitler, nemlich Moisen haben: Als wenig mogen wir horn die stim von der ewigen fursehung, wir mussen ein mittel haben, das ist die sprach unserm verstand gemess. Man kann wol sagen: Got versicht disen oder Ihenen zu der Hell; Ist auch die warhait, es laut aber nichtz vor menschlichen orn, So ist es auch nit wol mit menschliechen wortern zureden oder zuerlangen; das alsbald gehort wurt Gottes fursehung ordnet zur Hel oder Himel, fert der verstand menschlicher vernufft daher, spricht: So lig nichts daran, man sunde oder thue recht, Und als Ro. 9. stet: wer mag seinem willen oder fursehung widersten? Was clagt got uber uns, Er clag uber in, das er uns nit besser mach! Dem zu weren, so get der hailig gaist in der geschrift mit uns kindisch umb und fasst gemeinlich den unwandelbarlichen Rat gottes in art der red unserm verstand gemess: spricht: Glaub, so wurstu selig! Thu guts, so wurstu behalten! Glaubstu nit, so wurstu verdampt! Die handt des Herrn ist nit gekurtzt: Er mag noch seligen, den er zuvor verstossen hat, So mag er auch verstossen, den er zuvor erwelt hat, Wie von dem Saul geschriben ist 1 Sam. 15: Dieweyl du des Herrn wort verworffen hast, hat er dich auch verworffen, das du nit konig seyest. Es ist geschriben von den Juden: Israhel ist mein erstgeborner Sun und das erwelt hailig volck, und ist doch zur zeyt Christi verstossen worden. Die Haiden waren vor zeytten von Got verworffen, seyn doch, nach dem sie das Evangelium annamen, erwelt worden. Osea spricht: Der Herr sagt: Ich wil zu dem Volck, das nit mein Volck ist, sprechen: Du bist mein Volck. Was nu von aim gantzen volck wurt gesagt, das mag auch geteut werden uff ein igklichen insonderhait, als Cristus spricht: Ein igklicher reben an mir, der nicht frucht bringt, wurt abgeschnitten und ins fewer geworffen. Es scheint wol wider einander sein: An Christo besten, das ist erwelt zusein, und darnach abgeschnitten zuwerden, gleych als solt die Cur und fursehung gottes verendert mogen werden, bleipt es doch als baid war, ein igklichs seiner weys nach gezelt, Nemlich das die ewig fursehung geglaupt sol werden, aber die red von derselben unser weys und art nach lauten sol, als man glaußt, Got hab kein handt. Wan man aber von jm reden wil, so sagen wir: Got hat sein handt aussgestreckt, Got hat sein or zu mir genaigt. Wie sol der hailig gaist in der geschrift anderst mit uns umbgeen, dan nach unser aigen art. Hirumb so man spricht: David hat nit uffgehort zuglauben, da er Cristum verleugnet hat, Paulus ist nit Gotloss gewesen, (dieweyl er von Muter leiß an zu dem predig ampt, ja von ewikait zu der selikait verordnet gewesen ist), da er die Cristen verfolgt: Ist der ewigen fursehung nach zuglauben die warhait, ist ja wol geglaubt, aber zu hart geredt. Dan wan wir under den menschen von der fursehung reden wollen, mussen wir jr kindischen art nach reden, under welcher der hailig gaist sein aigentlich verstandt den glaubigen gnugsam angibt. Summa Summarum: Was Got in seiner heimlichen Cantzlei besleusst, das mogen und kunden wir in diser zeit nit begreyffen, wans uns schon an wurt gesagt. Er hat aber zu uns geschickt herauss sein botschaft, unsern Hern Jesum Christum mit dem hailigen gayst versigelt, der gibt uns ain beschaid, das wer da glaußt und sich dem glauben enlich halte, werd selig, Wer aber nit glaub und sundige, der werd verdampt. Der glaub ist ainig die gerechtikait, so vor got gilt, der unglaub ist ainig die sunde, die verdampt. Aber sie haben baide jre frucht: der glaub gute frucht, der unglaub bosse. Derhalben muss David, als er sein eebruch und mordt volnbracht, ubel und auss dem unglauben gehandelt haben, so man die that ansicht. Aber so man die ewigen fursehung ansicht, ist er bliben in gottes huld. Wie aber das zugee, ist uns, die wir allein nach der that urtailn mogen, verborgen. Also auch paulus, da er die Cristen verfolgt, nach der gotlichen fursehung ist nichts deste weniger in dem erwelten gunst gottes bliben, welchs uns ungruntlich ist; Aber der that nach hat Er bubisch unglaubig uncristenlich gehandelt. Petrus ist auch in seiner verleuknus der fursehung nach nit von got und seinem Sun Cristo gewichen, welches bass geglaupt dan geredt wurdt. Aber der that nach hat er bosslich und unglaubig gnug ghandelt.

Wolan so die Gotlich ewig fursehung bass glaubt dan geredt oder erforscht wurt, wie get es dan zu, das die geschrifft offt bemeldt, das gottes bestimpter radt nit hinder sich gee, Und das wir vor dem gesetzten grund der welt durch Jesum cristum erwelt seyen? Antwort: Es geschicht nit der meynung von dem hailigen gaist, dass er darmit der vernufft locken wol die ewigen fursehung gottes zuergrunden und nachzuforschen. Sonder es geschicht den glaubigen zugut, uff das sie in den hochsten anstossen ein unbeweglichen felsen haben, daruff sie fussen. Dan wan all hilff, trost und zuversicht hinweg ist und allein Sund, tod und Hell under augen stet, So ist der ewig unwandelbarlich radt gottes aller erst die recht bequem zuflucht, Nemlich das der glaub by jm selbs anslecht: Es gehe wie es wol, die sunde sey gleych zornig, der tod mur nur serhe und vast, die Hel sey wie haiss sie wol: So wurt mich der handt gottes, darin er mich ewiglich gefasst und durch das wort des Evangeliums geoffenbart, niemant mogen entziehen, wie es geschriben ist Ro. 8: Ich bins gewiss, das weder todt noch leben noch engel noch furstenthumb noch gewalt noch gegenwurtigs noch zukunfftigs noch hochs noch tieffs noch kein ander creatur mag uns schaiden von der lieb gottes, die da ist in Jesu Cristo unserm Herrn. Hiemit seyt Got bevolhen, liber maister Bernhart. Bittent Got fur mich. Amen.

Quelle:
Anecdota Brentiana Ungedruckte Briefe und Bedenken von Johannes Brenz. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Th. Pressel, Archidiaconus in Tübingen. Tübingen, 1868. Verlag von J.J. Heckenhauer.

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