Luther, Martin – An Georg Leiffer (1516)

Luther, Martin – An Georg Leiffer (1516)

Heil im Herrn und seinem Tröster! Liebwerthester Vater und freundlichster Bruder im Herrn. – Ich höre, daß eure brüderliche Liebe von gewaltigen Stürmen angefochten und mit mannigfaltigen Fluthen beunruhigt werde. Aber gelobt sei Gott, der Vater der Barmherzigkeit und alles Trostes, der euch den beßten Tröster und Beistand, so unter Menschen zu finden ist, den ehrwürdigen Pater Mag. Bartholomäum bestellt hat. Sehet nur zu, daß ihr euren Sinn und Gedanken verläugnet und seinem Wort in eurem Herzen Raum gebt. Denn ich bin gewiß sowohl aus meiner als eurer, ja aller, die ich unruhig gesehen, Erfahrung und weiß, daß blos die Klugheit unsres Sinnes die Ursache und Wurzel aller unserer Unruhe ist. Denn unser Auge ist ein Schalk und daß ich von mir rede, o weh, mit was für Jammer hat er mich geplagt, ja bis aufs äußerste plagt er mich. Das Kreuz Christi ist in der ganzen Welt ausgetheilt, ein jeder bekommt immer sein Theil davon. Das werft nicht weg, sondern nehmt es auf als heilige Reliquie, nicht in güldenen oder silbernen Schrein, sondern in ein güldenes, das ist, mit sanfter Liebe geweihtes Herz. Denn wie das Holz vom Kreuz durch das Berühren des Fleisches und Blutes Christi so geheiligt ist, daß die Reliquien davon für höchst kostbar gelten, wie viel mehr wird Unrecht, Verfolgung, Leiden und Haß der Menschen, es seien gerechte oder ungerechte, heilige Reliquien sein, welche nicht durch Anrühren des Fleisches, sondern seines allerliebreichsten Herzens und seines göttlichen Willens in Liebe umfaßt, geküßt und gebenedeit und durchaus geheiligt sind? Denn der Fluch ist verwandelt in Segen, das Unrecht in Billigkeit, das Leiden in Ehre und das Kreuz in Freude.

Gehabt euch wohl, liebster Freund und Bruder, und bittet für mich.

Wittenberg, den 15. April im Jahr 1516.

Bruder Martin Luther, Augustiner.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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