Luther, Martin – An Johann Bercken, Augustiner-Prior in Mainz

Luther, Martin – An Johann Bercken, Augustiner-Prior in Mainz

(Dresden, 1. Mai 1516)

Heil im Herrn! Ehrwürdiger und bester Vater Prior! ich habe ungern gehört, es sei bei Euch einer meiner flüchtigen Brüder, Georg Baumgartner, aus unserem Dresdner Convent, der zu Euch leider aus schändlichen Ursachen und auf dergleichen Art gekommen ist. Ich danke aber deiner Treue und willigen Dienstfertigkeit, daß du ihn aufnahmst, damit der Schande ein Ende würde. Es ist mein verlorenes Schaf: es gehört mir, ich muß es, da es verirret, suchen und wiederbringen, wenn es dem Herrn Jesu so gefällt. Ich bitte dich demnach, bei dem geimeinsamen Glauben an Christum und dem Orden St. Augustinus, deine dienstwillige Liebe wolle, so viel sie kann, ihn an mich entweder nach Dresden oder nach Wittenberg schicken, oder ihm zureden durch freundliche und gütige Vorstellungen, daß er selber komme. Ich will ihn freudig aufnehmen, er soll nur kommen, er darf sich nicht fürchten, weil er mich beleidigt hat.

Ich weiß, ich weiß, daß Aergernisse kommen müssen, und es ist kein Wunder, wenn ein Mensch fällt, aber ein Wunder ist’s, wenn er wieder aufsteht und stehen bleibt. Petrus fiel, damit er wußte, daß er ein Mensch sei: so fallen auch heutigen Tags noch die Cedern von Libanon, welche mit ihrem geraden Gipfel fast bis an Himmel reichen. Ja es fiel selbst ein Engel im Himmel (was über alle Wunder ist) und adam im Paradies. Was Wunder also, wenn das Rohr vom Sturmwind bewegt wird, und der glimmende Docht auslöscht? Der Herr Jesus lehre dich, und thue und vollbringe mit dir das gute Werk. Amen. Lebe wohl.

Aus unserem Convent zu Dresden, am Tage Philippi und Jakobi, 1516. Bruder M. Luther, Professor der heiligen Theologie und Vicarius in Meißen und Thüringen, der Eremiten St. Augustins.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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