Luther, Martin – An Georg Spenlein, Augustiner in Memmingen

Luther, Martin – An Georg Spenlein, Augustiner in Memmingen

Wittenberg, den 7. April 1516

Dem andächtigen und aufrichtigen Bruder Georg Spenlein, Augustinermönch im Kloster Memmingen, den ich im Herrn zu lieben habe.

Jesus Christus!

Gnade und Friede in Gott dem Vater und dem Herrn Jesu Christo! Theuerster Bruder Georg, ich will dir zu wissen thun, daß ich aus deinen verkauften Sachen 2 1/2 Gulden zusammengebracht habe, nehmlich 1 fl. für das Brüssel’sche Gewand, 1/2 fl. für das größere Eisenach’sche Werk und 1 fl. für die Kutte und einige Andere. Es ist nun noch etwas mehr da, z. B. die Eclogae Baptistae und deine Sammlungen, die du zu deinem Schaden liegen lassen mußt, denn wir konnten sie bisher noch nicht los werden. Wir haben daher dem ehrwürdigen Pater Vicarius die 2 1/2 fl. für dich angewiesen: wegen des andern halben Gulden, den du ihm noch schuldig bist, wirst du entweder sehen, daß du ihn bezahlst, oder um Erlassung der Schuld bitten. Denn ich merkte, daß der hochwürdige Vater dir ganz geneigt ist, und so das Uebrige leicht erlassen dürfte.

Im Uebrigen möchte ich gerne wissen, wie es um deine Seele steht, ob sie einmal ihrer eigenen Gerechtigkeit satt habe, und in der Gerechtigkeit Christi fröhlich und getrost zu sein begehre (lerne). Denn heutzutage geht die Versuchung der Vermessenheit in Vielen stark um und besonders in denen, welche aus allen Kräften gerecht und fromm sein wollen, und die Gerechtigkeit Gottes nicht kennen, die uns in Christo auf’s Reichlichste und umsonst geschenkt ist, folglich in sich selbst so lange Gutes zu thun suchen, bis sie Zuversicht gewinnen, vor Gott zu bestehen, als Leute, die nun mit Tugenden und Verdiensten recht geschmückt wären, was doch unmöglich geschehen kann. Du bist bei uns in dieser Meinung, ja Irrthum gewesen, ich auch: ich streite aber auch noch wider diesen Irrthum, doch habe ich ihn noch nicht überwunden. Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten; lerne ihm lobsingen und an dir ganz verzweifeln, zu ihm aber sagen: Du, mein Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber deine Sünde: Du hast die meinige angenommen, und mir die deinige gegeben. Du hast angenommen, was du nicht warest, und mir gegeben, was ich nicht war. Hüte dich, je nach einer so großen Reinigkeit zu trachten, darin du nicht mehr dir ein Sünder scheinen, ja sein wollest. Denn Christus wohnt nur in Sündern. Darum ist er ja vom Himmel herabgekommen, wo er in den Gerechten wohnte, daß er auch in den Sündern wohnte. Solcher seiner Liebe denke nach, so wirst du seinen süßesten Trost sehen. Denn wenn wir durch eigene Mühen und Plagen zur Ruhe des Gewissens gelangen müssen, wozu ist er dann gestorben? Du wirst also nur in ihm durch getroste Verzweiflung an dir selbst und deinen Werken Frieden finden. Lerne auch von ihm, daß, wie er selbst dich angenommen und aus deinen Sünden die seinen gemacht, und seine Gerechtigkeit zu der deinigen, also auch du ihm das fest glaubest, wie sich’s gebührt, denn verflucht ist, wer das nicht glaubt. So nimm auch die unordentlichen und noch irrenden Brüder auf und trage sie mit Geduld, und mache aus ihren Sünden die deinen, und wenn du etwas Gutes hast, so laß es ihrer sein. Wie der Apostel lehrt: nehmet euch unter einander auf, wie auch Christus euch aufgenommen hat zur Ehre Gottes; und abermals: seid in euch gesinnt, wie Jesus Christus auch war, welcher, da er in göttlicher Gestalt war, erniedrigte er sich selbst rc. Also auch du, wenn du dich für besser hältst, so achte es für keinen Raub, als wenn es nur dein eigen wäre, sondern äußere dich selbst und vergiß wer du bist, und sei wie einer von ihnen, daß du ihn tragest.

Denn das ist eine unglückselige Gerechtigkeit, wenn man Andere mit sich vergleicht und als schlimmer nicht tragen will, und auf Flucht und Einsamkeit denkt, da man doch mit Geduld, Gebet und Beispiel ihnen gegenwärtig nützen sollte: das heißt das Pfund des Herrn vergraben, und den Mitknechten nicht ihren Theil geben. Wenn du nun eine Lilie und Rose Christi bist, so wisse, daß dein Wandel unter Dornen sein muß: siehe aber nur zu, daß nicht du durch Ungeduld und unbesonnenes Urtheil oder heimlichen Stolz ein Dorn werdest. Das Reich Christi ist mitten unter seinen Feinden, wie der Psalm sagt.

Was dichtest du also eine Mitte der Freunde? Was dir demnach fehlt, das suche und erbitte auf deinen Knieen von dem Herrn Jesu. Er wird dich Alles lehren: beachte nur, was er für dich und Alle gethan, daß du auch lernest, was du für Andere thun mußt. Hätte er nur unter Frommen leben und für Freunde sterben wollen, für welche wäre er doch gestorben? oder mit wem hätte er je gelebt? Thue denn also, mein Bruder, und bete für mich, der Herr aber sei mit dir! Lebe wohl im Herrn. Aus Wittenberg Mittwochs nach Misericord. Dom. 1516.

Dein Bruder M. Luther, Augustiner.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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