Beza, Theodor von – An den Berner Rath

Im Mai 1555

Was uns betrifft, so sei es fern, daß wir uns durch Calvins oder irgend eines andern Menschen Ansehen etwas sollten vorschreiben lassen, wenn es auf den christlichen Glauben ankommt. Nur damit uns nicht das Urtheil Christi treffe, daß die sollen wieder verachtet werden, die seine Diener verachten, müssen wir bekennen, daß wir, nachdem wir Calvins Unterricht im Christenthum und sonstige Erklärungen der h. Schrift gelesen, nach unserem Gewissen und mit uns gewiß ein großer Theil der Christenheit bekennen müssen, daß diese Lehre mit der h. Schrift ganz übereinstimmt, und daß wir darüber nicht schweigen können, ohne eine der Hauptgrundfesten der Reformation Eurer Kirchen zu erschüttern; da diese Reformation doch durchaus bis auf den heutigen Tag bewahrt wurde, und wir sie mit Gottes Hülfe bis auf den letzten Blutstropfen noch ferner zu bewahren entschlossen sind. Darum, wenn Euch Gottes Wahrheit, der Friede der Kirche, die Ruhe der Gewissen immer theuer gewesen, so bewirket, wenn dieß nicht zu viel verlangt scheint, daß die erwähnte Lehre nicht mehr als eine Erfindung Calvins erscheine, sondern als Lehre des lebendigen Gottes, und daß sie, die von einigen eher getadelt, als verstanden ist, aufrecht erhalten werde. Wenn es Euch etwa gefällig wäre, über diese Sachen noch ferner das Urtheil der Kirchen zu vernehmen (obgleich uns das nicht nöthig scheint wegen der beständigen Uebereinstimmung der Lehrer hierüber), so sind wir auch stets bereit, Rechenschaft von unsrem Glauben und Zeugniß der Wahrheit abzulegen. Deßhalb bitten wir Euch, damit Euren Untergebenen die Wahrheit nicht etwa zweifelhaft werde oder bleibe, die Predigt der Lehre, welche uns anvertraut worden, nicht in engere Grenzen, als recht ist, einzuschließen, da es uns nach Gottes Wort erlaubt sein muß, über die Geheimnisse des Glaubens, sofern die Schrift darüber handelt, klar zu sprechen, wie wir es bis dahin mit gutem Gewissen zu thun uns bemühten. Da wir nun an Eurem guten Willen gegen die Kirche keineswegs zweifeln, so bitten wir Euch bei dem Sohne Gottes, der diese Geheimnisse uns zu unsrem Troste eröffnet hat, demüthig, daß Ihr euch deutlich erklären möget, damit denen das Maul gestopft werde, welche behaupten, daß man Gottes Heiligthum weder betreten, noch seine Geheimnisse erörtern müsse, und dadurch die Lehre der Wahrheit verläumden und den Sturz Eurer Kirchen beabsichtigen.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’S Verlag.) 1862

Calvin, Jean – An den Berner Rat.

Da der erste Protest in Bern (Nr. 445) trotz mündlicher Versprechungen nicht viel Wirkung hatte, erneuert ihn Calvin von Genf aus. Die Reformation war in Bern nach den Ergebnissen eines Reformationsgesprächs von 1528 eingeführt worden, worauf sich jetzt der Berner Rat berief. Der erwähnte Louis Corbeil war mit den fünf Studenten (vgl. 340) in Lyon gefangen gewesen und durch Calvins Vermittlung von Bern als sein Untertan frei gebeten worden.

Nochmalige Beschwerde über das Urteil des Berner Rats.

Hohe, verehrte Herren, Sie wissen, als ich neulich in Ihrer Stadt war, um Sie um Abstellung der Unruhen und Ärgernisse zu bitten, die der Satan uns hier durch gewisse Leute angestiftet hat, da legte ich, obwohl gesandt von meinen Herren und Oberen, doch gegen einige mich in Ihrem Beschluss persönlich treffende Vorwürfe auch in meinem Namen und persönlich Verwahrung ein, um mich nicht dem Schein auszusetzen, ich wolle mich mit meiner öffentlichen Stellung als Gesandter decken, und bat Sie, sich die Sache näher zu betrachten und ihr einen bessern Ausgang zu geben, nicht sowohl im Blick auf mich, sondern um der Ehre Gottes und des Evangeliums willen, zur Erbauung der christlichen Kirche und zum Heil Ihrer Untertanen, ja um der Ruhe Ihres Staates willen, die von diesen Fragen nicht getrennt werden kann und darf. Mir nun, hohe Herren, könnte es vielleicht genügen, damit für einmal mein Gewissen entlastet zu haben, wie ichs getan habe, wenn ich nicht geradezu genötigt wäre, dem wachsenden Übel durch ein Gegenmittel zu begegnen, so gut ichs kann, oder wenigstens zu erklären, dass ich nichts an meiner Pflicht versäumte, wenn die Sachen nicht besser stehen. Ein doppelter Grund zwingt mich sogar, Sie von neuem zu belästigen. Denn nach der letzten Antwort, die ich auf meinen schriftlichen und mündlichen Protest hin erhielt, hegte ich die Hoffnung, Sie würden nun durch ein Schreiben Ihre Pfarrer veranlassen, Frieden und brüderlichen Verkehr mit uns zu halten, da wir doch verbunden und geeint sind in der Lehre. Nun merke ich aber, ohne viel danach fragen zu müssen, dass die allgemeine Meinung die ist, die Lehre, die wir in der Kirche von Genf verkünden, sei für verurteilt anzusehen. Ich bin sicher, dass das Ihre Absicht nicht war; aber wenn Sie erklärt haben, wie es in der vorletzten Antwort, die wir in Ihrer Stadt erhielten, geschehen ist, die von uns über die Geheimnisse Gottes erschienen Schriften seien mehr niederreißend als aufbauend, so müssen Sie in Ihrer Klugheit wohl sehen, dass ich damit indirekt verurteilt bin, und nicht nur ich, sondern die ganze Genfer Kirche, denn das in Frage stehende Buch ist eine von uns allen gemeinsam beschlossene Bekenntnisschrift. Trotzdem handelt es sich auch nicht nur allein um uns; denn Gott sei Dank stimmen wir darin auch mit Ihren Pfarrern, sowohl denen der Stadt, als denen Ihres Landes, überein, so dass unsere Sache nicht verurteilt werden kann, es sei denn, dass dies auch den Glauben treffe, der Ihnen und Ihren Untertanen gepredigt wird. Ich war deshalb überrascht, dass Sie sich in dieser Frage auf Ihr Disputations- und Reformations-Protokoll berufen, als ob daran etwas geändert werden sollte. Und doch habe ich Ihnen schon erklärt, dass das Gegenteil der Fall ist, und es wird sich als wahr erweisen, dass meine Lehre, die man ungerechter Weise verleumdet, durchaus mit dem Ergebnis Ihres Religionsgespräches übereinstimmt. Hingegen muss ich Ihnen doch noch bemerken, dass an Ihrem Religionsgespräch nicht alle Glaubensartikel behandelt wurden. Wie Sie deshalb auch nicht unter dem Vorwand, es stehe davon nichts in Ihrem Disputationsprotokoll, verwerfen, was alle Christen von der Dreieinigkeit oder der Auferstehung der Toten annehmen, so wäre es auch nicht vernünftig, andere Glaubensartikel außer acht zu lassen, soweit ihrer darin nicht Erwähnung getan wird. Denn die Absicht derer, die an dieser Bekenntnisschrift mitwirkten, war die, zu zeigen, dass die Reformation, die sie den Papisten gegenüber ins Werk setzten, recht und fromm sei. So geht das gar nicht wider uns. Wenn Sie im übrigen sagen, es Ihres Erachtens unnötig, Bücher zu schreiben, die die Geheimnisse Gottes erforschten, so bitte ich Sie, zu bedenken, wo das hinführen müsste, und darüber braucht man gar nicht mehr lang zu reden. Denn in Ihrem Gebiet lästern ja schon mehrere gegen die heilige Prädestination und den ewigen Ratschluss Gottes, mehr als man es im Papsttum zu tun wagen dürfte. Ich anerkenne gern, dass wir diesem hohen, unfassbaren Mysterium gegenüber nüchtern und demütig sein sollen, und hätten sie das Buch gelesen, das vor Ihren Exzellenzen fälschlich getadelt worden ist, so hätten Sie gefunden, dass es nichts anderes bezweckt, als den Übermut der Menschen abzutöten und zu bändigen, und sie dafür lehren will, in aller Furcht die Majestät Gottes anzubeten, ohne ihrer Neugier die Zügel schießen zu lassen. Will man aber diese Lehre ohne Unterschied und Rücksicht wegleugnen, so versucht man damit nur, den heiligen Geist zu korrigieren, und muss, um konsequent zu sein, alles aus der heiligen Schrift tilgen, was uns in ihr darüber offenbart wird. Ja, es überrascht mich, dass man mich allein deshalb angreift, da doch ich, wenn man vergleicht, eine viel gemäßigtere Lehrart darin festgehalten habe, als es viele der gelehrtesten Leute Deutschlands getan haben, die zu unsern Zeiten das Evangelium wieder ans Licht gebracht haben. Deshalb bitte ich Sie, nach einem Worte unseres Herrn Jesu: richtet nicht nach dem Ansehen, sondern richtet ein gerecht Gericht [Joh. 7, 12]; denn würden mit meinem Namen auch meine Brüder begraben, so bleiben doch die Propheten und Apostel, aus denen ich die getadelte Lehre geschöpft und gezogen habe, ganz bestehen.

Ich darf, hohe Herren, Ihnen auch meine Befürchtung nicht verschweigen, da sie keine leere ist, dass, wenn Sie angesichts der Übereinstimmung, die Gott aus Gnaden und unendlicher Güte unter Ihren Pfarrern zustande gebracht hat, nicht einen guten Entschluss fassen, die nur allzu sehr angefachten Unruhen zu stillen, große Gefahr besteht, dass alles in die ärgste Verwirrung gerät. Ich war neulich schon gezwungen, Ihnen zu sagen, was wahr ist; halten Sie diese Sache in der Schwebe, so bedecken Sie nur ein Feuer, das zu löschen weder Ihnen noch irgendeinem Geschöpf auf Erden möglich sein wird. Deshalb bitte ich Sie, hohe Herren, nicht um meinetwillen, sondern um Ihres Wohlseins und Heils willen, beachten Sie wohl, was von Gott und aus seinem Worte ist, damit es ohne Widerspruch angenommen und bestätigt wird in aller Ehrfurcht.

Noch mehr, nicht nur Ihre Pfarrer, sondern auch mehrere Ihrer andern Untertanen sind davon unterrichtet, dass Jean Lange meine Lehre gar nicht wegen der Prädestination angegriffen hat, wie man Ihnen weitläufig berichtete, sondern um eines ganz anderen Punktes willen. Es gibt auch keinen Prediger des Evangeliums, der nicht das verurteilt und verwirft als unerträglichen Irrtum, der unsere ganze Hoffnung auf Seligkeit umstieße, was Lange in der Kongregation vorbrachte; ohne mich weiter darauf einzulassen, sage ich nur das: er schämte sich nicht, mir vorzuwerfen, ich mache Jesum Christum zu sehr zum Menschen; worauf ich antwortete, wäre er nicht voller Gott und voller Mensch, so wäre er nicht unser Erlöser. Aber solche Leute sind nicht zufrieden, wenn sie mich nicht herunterreißen können. Ebenso sehen Sie, dass Zebedee es in Ihrer Gegenwart nicht leugnen könnte, zu Gunsten des schändlichen Ketzers Servet geschrieben zu haben, das Feuer Gottes werde das französische Feuer verzehren, wie das französische Feuer das spanische Feuer verzehrt habe. Damit hat er unverhohlen auf die gnädigen Herrn von Genf, Ihre Burgrechtsgenossen, gescholten, ein Rechtsurteil tadelnd, das sie gefällt haben und das von aller Welt gelobt wurde. Muss man sich aber nicht wundern, dass er in Ihrer Gegenwart diesen Tadel auszusprechen wagte, der sich doch mit seiner beleidigenden Ehrverletzung gegen Sie richtete, die unsere Herren und Oberen brieflich ermuntert hatten, die Welt von einer solchen Gefahr [wie Servet] zu befreien?

Aber ich will nicht weiter mich über die Leute beklagen, die mich ungerecht beleidigt haben, sondern die Schmach geduldig hinnehmen, von der Gott mich, wie ich hoffe, freisprechen wird. Denn meine Absicht ist nur die, zur Vermeidung von Zank und Streit mich an Sie zu wenden, als an eine christliche Obrigkeit, die die Pflicht hätte, die zu beschützen, die Gott treulich dienen und für seine Wahrheit kämpfen, und Sie wiederum zu bitten, Sie möchten doch, wenn Sie finden, dass ich nur reine, gute Lehre verkündet habe, nicht dulden, dass ich in Ihrem Gebiet ärger verlästert werde als unter den Papisten. Ich will Ihnen gar nicht davon reden, dass der Schneider von Rolle, über den Sie eine Ehrverlustsbuße verhängt haben, sich seither gerühmt hat, er habe mich vor Ihnen als Ketzer überführt. Aber schlimmer ist, dass Jerome, Ihr Prädikant zu Cervens, mit dem ich nie irgendwelchen Streit hatte, und Corbeil, der Diakon von Morges, für den ich mich verwandt hatte, als er im Gefängnis lag, vor guten Zeugen auf offener Straße gesagt haben, Sie hätten mich als Ketzer verurteilt, und nun ist Ihr Gebiet so erfüllt von dieser Fabel, dass man davon mehr spricht als vom Evangelium. Ich sage Ihnen nichts, als was ich sicher beweisen kann. Ich glaube nun, dass es nicht recht ist, wenn ich Tag und Nacht im Dienst der Kirche arbeite an der Erhaltung des Glaubens, der uns gemeinsam ist, und es wird mir dann so elendiglich vergolten. Freilich werde ich wegen der Undankbarkeit der Welt nie aufhören zu tun, was mir Gott befiehlt; aber an Ihnen ists, zu hindern, dass ich so zu Unrecht angefochten werde, da doch mein Wirken eher Aufmunterung verdient.

Im Übrigen werde ich, falls solche Verwirrung stiftende Frechheit ihren Lauf weiter nimmt, sich so feige sein, meine Sache nicht durchzuführen, da ich weiß, sie ist von Gott. Da es jedoch stets mein Wunsch war, auch Ihren Kirchen zu dienen und in ihnen die evangelische Lehre blühen zu sehen, so bitte ich Sie, dafür zu sorgen, dass nicht der Glaube, der Ihnen tagtäglich gepredigt wird, verhöhnt und verspottet wird unter meinem Namen. Denn wenn das erlaubt ist, so wird ohne Zweifel in kurzem der Herr eine entsetzliche Zerstreuung der Kirche senden, deren Anfänge schon jetzt nur zu deutlich sich zeigen.

Was die Vorwürfe wegen meiner Brief betrifft, so sehe ich, dass es unnötig ist, noch mehr Entschuldigungen vorzubringen, als ich bereits schriftlich und mündlich getan, da Sie nicht geruhten, mir nähere Erklärungen zu geben, als ich mich zur Rechtfertigung anerbot.

So will ich Sie, hohe, mächtige, sehr geachtete Herren, nicht mehr weiter belästigen und bitte unsern lieben Gott, Sie zu leiten durch seinen Geist in aller Klugheit und Rechtlichkeit, Sie in seiner heiligen Hut zu halten und Sie zunehmen zu lassen an allem Guten.

Genf, 4. Mai 1555.

Calvin, Jean – An den Rat in Bern.

Die Klage gegen die ihn verketzernden Waadtländer Pfarrer Zebedee und Lange hatte Calvin, unterstützt von einer Gesandtschaft des Genfer Rats, in Bern erneuert; das Urteil fiel aber so ungünstig für Calvin aus, dass er gegen einzelne Punkte Protest einlegt. Eine Stelle in einer seiner Schriften von Christi Verzweiflung am Kreuz bot Calvins Gegnern Anlass, ihm allzu menschliche Darstellung Christi vorzuwerfen; Calvin schob die Schuld auf Missverständnis infolge eines Druckfehlers, worauf der Berner Rat antwortete, in einer so wichtigen Frage wäre genaue Korrektur vor dem Druck am Platz gewesen. Zum Brief an Zebedee über Zwinglis Lehre vgl. 36.

Protest gegen das Urteil des Berner Rats.

Hohe, mächtige, sehr geachtete Herren, wiewohl Johannes Calvin, Pfarrer der Genfer Kirche, von seinen Herren und Oberen mit andern Beauftragten gesandt, in Bern gewesen ist, so erscheint er doch, weil in Ihrer Antwort mehrere Punkte ihn persönlich treffen, nochmals vor Ihnen, um im einzelnen Ihnen auseinander zu setzen, was er für seine Pflicht und eine Entlastung seines Gewissens hält.

Erstens, wenn Sie sagen, es komme Ihnen nicht zu, seine Lehre zu bestätigen oder zu verwerfen, so bittet Besagter Sie, wohl zu bedenken, ob das nicht viel eher Ihnen zum Nachteil gereicht, als ihm persönlich zum Nutzen. Denn es handelt sich hier nicht um eine Lehre, die er privatim für sich hat, sondern um eine, die die Pfarrer Ihrer Stadt mit ihm gemein haben, nach ihren Aussagen vor Ihnen. So setzen Sie also den Glauben in Zweifel, der Ihnen tagtäglich gepredigt wird.

Doch ein andrer Punkt ist noch drückender, nämlich Ihre Mahnung an die gnädigen Herren von Genf, sie sollten den Druck von Büchern über die in Frage stehende Prädestinationslehre nicht dulden, weil das zu hoch und zu tief sei. Damit verurteilen sie, scheint es, indirekt, was besagter Verfasser dieser Erklärung getan hat. Seine Absicht war nun aber die Erbauung der Kirche Gottes, und er zweifelt gar nicht daran, dass Gott sein Werk allen denen hat zum Heile dienen lassen, die es verstehen, Nutzen daraus zu ziehen.

Was den Fehler angeht, der, wie jedermann sieht, ein Druckfehler ist, so fühlt sich Beklagter schwer gekränkt, dass er ihm angerechnet wird, als wäre er Druckerei-Korrektor; das ist aber sein Handwerk nicht. Auch ist der Fehler gar nicht so wichtig, da ja der ungebildetste Mensch, ja ein Kind, es merken muss, dass der ganze Zusammenhang nicht in dieser Linie läuft. Ferner enthält Ihre Antwort, hohe Herren, auch die Drohung, Bücher, die Ihren Reformationsgrundlagen zuwider liefen, sollten verbrannt werden, wenn sich solche vorfänden. Nun glaubt Besagter, weder Ihnen noch irgendeiner andern christlichen Obrigkeit Anlass zu solcher Drohung gegeben zu haben. Denn bisher hat er durch Gottes Gnade treulich gearbeitet für die ganze Christenheit und hofft, desgleichen zu tun ohne Unterbrechung bis an sein Ende. Deshalb hat er eine solche Entmutigung nicht verdient, besonders da er heutzutage von den Feinden des Glaubens gehasst und angefochten wird wie kein anderer. Es wäre eher die Pflicht jeder christlichen Obrigkeit, ihn zu unterstützen und ihm Handreichung zu tun, als ihn stille sein zu heißen. Tatsächlich konnte man den Papisten kein größeres Vergnügen machen, als seine Schriften zu tadeln oder zu brandmarken. Was den Brief angeht, den Sie ihm vorwerfen, worin er die Lehre Zwinglis verurteilt haben soll, so wundert er sich, dass ihm das nicht vorgelegt worden ist, so dass er sich davon hätte reinigen können, wie es vernünftig gewesen wäre. Da es aber nicht geschehen ist, so bittet er Sie, dass es wenigstens jetzt noch geschieht. Denn wenn er erfährt, worum es sich eigentlich handelt, so hofft er, Ihnen sofort und ohne Aufschub eine so gute hinreichende Entschuldigung geben zu können, dass Sie, wills Gott, damit zufrieden sein können. Noch mehr, die Zürcher Pfarrer, die dieser Fall doch näher anginge, sind gegen besagten Verfasser dieser Erklärung so wenig erzürnt, dass sie in Privatbriefen wie in Druckschriften erklärt haben, sie hielten ihn für einen guten, aufrichtigen Verteidiger des Glaubens der Schweizer Kirchen, besonders in der Sakramentslehre.

Im übrigen, hohe Herren, wenn Sie seine Forderung nicht unvernünftig finden, so bittet er Sie ergebenst, Sie möchten doch gnädigst allen Lästerern die Türe schließen und dafür sorgen, dass der Lauf des Evangeliums nicht gehindert wird, besonders, dass nicht die Bösen sich unter Berufung auf Ihr Vorgehen veranlasst sehen, niederzureißen, was Gott täglich aufbaut durch besagten Verfasser dieser Erklärung.

[Bern, April 1555.]

Calvin, Jean – An den Rat in Bern

Nr. 417 (C. R. – 2020)

Vgl. 416.

Anklage gegen Zebedee, Bolsec und Lange.

Hochedle, mächtige und sehr achtbare Herren, mit ergebenster Empfehlung und Angebot unserer Dienste bitten wir um Entschuldigung, wenn wir zu Ihnen unsere Zuflucht nehmen, um uns über das schmählich maßlose Gerede zu beklagen, das in Ihrem Land gegen uns geführt wird, nicht so sehr, weil wir persönlich verleumdet werden, sondern weil dadurch das Evangelium, ja das ganze Christentum, der Schmach und dem Spott ausgesetzt wird. Sie wissen, gnädige Herren, dass wir Sie bisher nie mit Klagen bedrängt und belästigt haben, nicht sowohl, weil wir nicht oft guten Grund gehabt hätten, Sie auf die zu Unrecht über uns ausgestreuten Verleumdungen aufmerksam zu machen, als weil wir lieber schwiegen, als Ihren gnädigen Herrschaften Mühe und Verdruss zu machen. Nun, da uns die Not zwingt, den Mund aufzutun, hoffen wir umso freundlicheres und leichteres Gehör zu finden, wie auch, dass Ihre Gnaden uns nicht nur willig Ihr Ohr leihen, sondern auch dem Übel steuern, das Ihnen vorzubringen wir für gut befinden.

Es handelt sich hierbei nicht um unsere Personen; denn wären wir unrechter Weise geschmäht worden, so stünden uns wie jedem in Ihrem ganzen Lande die Gerichte offen. Weil aber die Leute, über die wir zu klagen haben, sich ausdrücklich gegen die von uns vertretene Lehre wenden, die ja nicht in weltlichem Prozess und Gerichtsverfahren verhandelt werden darf, so haben wir gedacht, es sei das Beste, zu Ihren Exzellenzen unsere Zuflucht zu nehmen. Es ist ja unnötig, hochedle Herren, Ihnen nachzuweisen, welche Schmach und Schande auf das heilige Evangelium fällt, wenn Prädikanten und andere Untertanen des Standes Bern die Prädikanten von Genf Ketzer schelten, denn Sie sehen das zur Genüge in Ihrer Klugheit. Bestände tatsächlich ein Unterschied in der Lehre, so müsste man im Blick darauf, wie wir von den Feinden des Glaubens belauert und angebellt werden, Vorsicht und Mäßigung walten lassen, um ihnen das Maul zu stopfen. Da uns aber Gott die Gnade erwiesen hat, dass wir, hier wie dort, vereint sind in guter Übereinstimmung, so zeigen die paar Leute, die gegen uns schreien und wettern, nicht nur, dass sie nichts wollen als Verwirrung und Ärgernis, sondern dass sie geradezu Brandstifter sind zur Zerstörung der heiligen Eintracht, die Gott unter uns geweckt hat. Ihre Prädikanten [der Stadt Bern] sind durch Gottes Gnade einig untereinander. Erkundigen Sie sich bei ihnen, wie sie es mit uns sind; denn wenn sie Ihnen nicht erklären, dass eine aufrichtige Bruderliebe und eine so friedliche Übereinstimmung, wie man nur wünschen kann, unter uns herrsche, so wollen wir nicht verlangen, die Gunst Ihrer Exzellenzen zu erhalten. Erklären sie Ihnen aber (und wir sind sicher, sie werden es tun), dass unter uns kein Span noch Widerspruch ist, so kann Ihnen das ein deutlicher Beweis sein, dass unsere Verleumder nicht Ihrer Exzellenzen Ehre, Nutzen und Ruhe suchen. Unsererseits dürfen wir behaupten, dass wir stets gesucht haben, nach der Wahrheit Gottes mit allen Ihren Pfarrern einig zu sein, so dass wir mit der Bitte, unsere Sache in die Hand zu nehmen, nichts fordern, als dass Sie die Ehre Gottes und ebenso Ihre eigene Ehre wahren.

Der Fall, in dem wir Sie einzugreifen bitten, ist folgender. In einer Versammlung der Pfarrklasse von Morges hat einer in Gegenwart vieler Leute unsern Bruder, Mag. Johannes Calvin, so verleumdet, dass ein allgemeines Gerede im Land ist, Calvin sei als Ketzer verurteilt, wie auch dieser Ausdruck damals mehrfach gebraucht wurde. Ferner hat der Prädikant von Nyon, Zebedee, bei Anlass der Doppelhochzeit des Sohns und der Tochter des Herrn de Crans von der Lehre gesprochen, die wir vertreten und bereit sind, mit unserm Blute zu versiegeln, und hat in seiner Predigt gesagt, sie sei eine Ketzerei, schlimmer als das ganze Papsttum; die, die sie predigen, seien Teufel, und es wäre besser, an ihrer Stelle die Messe zu behalten. Unterdessen schilt ein gewisser Jerome [Bolsec], der, wie Sie wissen, seiner Irrlehren wegen aus der Stadt Genf verbannt ist, unsern genannten Bruder Calvin unbedenklich einen Ketzer und Antichristen. Erwägen Sie, hochedle Herren, ob wir solche Dinge mit Stillschweigen übergehen dürfen, ohne Verräter an Gott zu werden, der uns, wie St. Paulus sagt, geboten hat, nicht nur die zu ermahnen, die sich lehren lassen, sondern auch die Widersprecher zu strafen [Tit. 1, 9]. Deshalb hoffen wir, dass Sie als treue, christliche Obrigkeit uns in solcher Sache die Hand bieten und nicht zulassen, dass die Kirche Gottes unter Ihrem Schutz zerstört und das Evangelium darob geschmäht werde. Ja, da wir uns wohl hüteten, Unruhe und Aufregung zu stiften, sondern uns friedlich an Sie wendeten, so wird schon der Blick auf diese Tatsache Sie dazu bringen, dem Übelstand zu abzuhelfen, dass Gott dadurch gepriesen, das Ärgernis gehoben, die Frechheit derer, die nichts wollen als alles durcheinander bringen, unterdrückt wird.

Dann werden wir, durch Ihre Gerechtigkeit und gute Justiz erfreut, uns umso mehr verpflichtet fühlen, für Ihre Wohlfahrt Gott zu bitten, wie wir jetzt schon ihn anflehen, er möge Sie in seiner heiligen Hut halten, Sie leiten durch seinen heiligen Geist in aller Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit, so dass die Macht, die er Ihnen gegeben, zu seiner Ehre diene.

Genf, 4. Oktober 1554.

Wenn Sie, hochedle Herren, geruhen, zu näherer Erläuterung der Tatsachen Befehl zu geben, so sind wir bereit, alles hier Geschriebene zu beweisen, wiewohl gar keine Untersuchung nötig sein wird, da das Gerücht davon sich überall verbreitet.

Ihre untertänigen Diener, die Diener am Wort Gottes in der Genfer Kirche

Johannes Calvin. Michel Cop.
Abel Poupin. De St.-André.
Francois Bourgoing. Jean Fabri.
Raymond Chauvet.

Calvin, Jean – An den Berner Rat.

Im April 1538 wurden die drei Pfarrer Farel, Calvin und der blinde Couraut aus Genf verbannt, weil sie sich geweigert hatten, das Osterabendmahl auszuteilen. Den äußerlichen Grund zum Streit bildete die Frage, ob nach Berner Ritus Hostien oder nach bisherigem Genfer Brauch Brot ausgeteilt werden sollte. Nach ihrer Vertreibung reichten Farel und Calvin folgende Klageschrift an den Berner Rat, die nur in abrupter Form erhalten ist.

Beschwerde über die Vertreibung aus Genf.

Erstens wollten sie Couraut vom Dienst am Wort vertreiben, ohne bestimmtes Zeugnis gefunden zu haben, dass er in seinem Amt gefehlt, vielmehr bloß auf den Verdacht nach falschem Bericht hin. Weiter, weil er nach einem an ihn ergangenen Verbot doch gepredigt hat, wurde er in so strenge Haft getan, dass niemand mit ihm reden durfte, und nicht einmal dem Führer, den er gewöhnt ist, erlaubt wurde, ihm vorzulesen oder zu ihm zu kommen. Diese Haft war ein Unrecht, weil er nichts gegen Gesetz und Ordnung getan hatte. Er hatte vielmehr Appellation eingelegt gegen den Spruch des Rats der Zweihundert und verlangt, seine Amtspflicht zu erfüllen, bis die Appellation zur Entscheidung gekommen sei. Ferner, als man ihnen hundert Bürger als Geißeln stellte, Leib für Leib, Gut für Gut, wollten sie ihn gegen keine Bürgschaft loslassen, mit der Erklärung, er werde nur in Haft gehalten, weil er durch sein Predigen wider ihr Gebot gefehlt habe! ein leichtfertiger Grund! Was uns zwei betrifft, so hat man uns zwar nicht gesagt, warum wir aus der Stadt vertrieben wurden, doch hörten wir, dass zwei Gründe vorgeschoben wurden, nämlich dass wir uns gegen ihr Gebot aufgelehnt hätten, und dass wir uns geweigert hätten, in der Zeremonienfrage mit dem gnädigen Herrn von Bern uns zu einigen. Beide sind falsch. Denn wir haben getan, was an uns lag, ihnen gehorsam zu sein, und haben die Einigung nie schlechthin zurückgewiesen, sondern im Gegenteil erklärt, in Betracht ziehen zu wollen, wie die Sache zur Erbauung der Kirche am besten behandelt würde.

Dass das leere Ausflüchte sind, tritt schon darin zutage, dass sie bereit waren, auf eine Verschiebung dieser Frage bis zur Versammlung in Zürich einzutreten, wenn wir andrerseits zugäben, dass unser Kollege vom Predigtamt abgesetzt werde. Als wir darein nach ausdrücklichem Verbot der heiligen Schrift nicht willigten, begannen sie erst aus Rache wieder fester auf uns einzudringen [in der Zeremonienfrage]. Als wir das Osterabendmahl nicht austeilten, erklärten wir öffentlich vor allem Volk, es geschähe nicht der Brotfrage wegen, die wir als unwichtige Sache der kirchlichen Freiheit überlassen, sondern weil ein schwerwiegender Grund uns dazu bewege, nämlich, dass wir das heilige Sakrament entweiht hätten, wenn das Volk nicht würdiger dazu sei. Wir wiesen hin auf die Unordnungen und Sünden, die in der Stadt herrschen, in freventlichen Lästerungen und Spottreden gegen Gott und sein Evangelium, wie auch in Unruhen, Parteien und Spaltungen. Denn öffentlich ohne Bestrafung kamen tausende von Spöttereien gegen Gottes Wort und selbst das Abendmahl vor. Auch wenn sie irgendeinen Grund vorbringen könnten, so können sie doch nicht leugnen, dass sie gegen alles Recht und Gerechtigkeit mit uns verfahren sind. Denn sie wollten nie zulassen, dass wir unsere Gründe darlegten, sondern ohne uns gehört zu haben, beriefen sie gegen uns die Zweihundert und das Volk zusammen und beschuldigten uns mit Anklagen, die weder vor Gott noch vor den Menschen sich als wahr erweisen lassen.

Durch solches Vorgehen bewiesen sie zur Genüge, dass sie nichts anderes wollen, als das Evangelium durch Lärm und Ärgernis in Verruf zu bringen. Tatsächlich ging schon vor einem halben Jahr in Lyon und andern französischen Städten ein solches Gerücht, dass sogar einige Kaufleute Waren verkaufen wollten, deren hoher Preis zahlbar sein sollte nach unsrer Vertreibung. Daraus ist zu ersehen, dass es sich um geheime Intrigen von lange her handelt. Sie haben sich auch nicht begnügt, uns zu schmähen, sondern mehrmals wurde der Ruf laut, man solle uns in die Rhone werfen.