Beza, Theodor von – An den Berner Rath

Beza, Theodor von – An den Berner Rath

Im Mai 1555

Was uns betrifft, so sei es fern, daß wir uns durch Calvins oder irgend eines andern Menschen Ansehen etwas sollten vorschreiben lassen, wenn es auf den christlichen Glauben ankommt. Nur damit uns nicht das Urtheil Christi treffe, daß die sollen wieder verachtet werden, die seine Diener verachten, müssen wir bekennen, daß wir, nachdem wir Calvins Unterricht im Christenthum und sonstige Erklärungen der h. Schrift gelesen, nach unserem Gewissen und mit uns gewiß ein großer Theil der Christenheit bekennen müssen, daß diese Lehre mit der h. Schrift ganz übereinstimmt, und daß wir darüber nicht schweigen können, ohne eine der Hauptgrundfesten der Reformation Eurer Kirchen zu erschüttern; da diese Reformation doch durchaus bis auf den heutigen Tag bewahrt wurde, und wir sie mit Gottes Hülfe bis auf den letzten Blutstropfen noch ferner zu bewahren entschlossen sind. Darum, wenn Euch Gottes Wahrheit, der Friede der Kirche, die Ruhe der Gewissen immer theuer gewesen, so bewirket, wenn dieß nicht zu viel verlangt scheint, daß die erwähnte Lehre nicht mehr als eine Erfindung Calvins erscheine, sondern als Lehre des lebendigen Gottes, und daß sie, die von einigen eher getadelt, als verstanden ist, aufrecht erhalten werde. Wenn es Euch etwa gefällig wäre, über diese Sachen noch ferner das Urtheil der Kirchen zu vernehmen (obgleich uns das nicht nöthig scheint wegen der beständigen Uebereinstimmung der Lehrer hierüber), so sind wir auch stets bereit, Rechenschaft von unsrem Glauben und Zeugniß der Wahrheit abzulegen. Deßhalb bitten wir Euch, damit Euren Untergebenen die Wahrheit nicht etwa zweifelhaft werde oder bleibe, die Predigt der Lehre, welche uns anvertraut worden, nicht in engere Grenzen, als recht ist, einzuschließen, da es uns nach Gottes Wort erlaubt sein muß, über die Geheimnisse des Glaubens, sofern die Schrift darüber handelt, klar zu sprechen, wie wir es bis dahin mit gutem Gewissen zu thun uns bemühten. Da wir nun an Eurem guten Willen gegen die Kirche keineswegs zweifeln, so bitten wir Euch bei dem Sohne Gottes, der diese Geheimnisse uns zu unsrem Troste eröffnet hat, demüthig, daß Ihr euch deutlich erklären möget, damit denen das Maul gestopft werde, welche behaupten, daß man Gottes Heiligthum weder betreten, noch seine Geheimnisse erörtern müsse, und dadurch die Lehre der Wahrheit verläumden und den Sturz Eurer Kirchen beabsichtigen.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’S Verlag.) 1862

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