Calvin, Jean – An den Berner Rat.

Calvin, Jean – An den Berner Rat.

Im April 1538 wurden die drei Pfarrer Farel, Calvin und der blinde Couraut aus Genf verbannt, weil sie sich geweigert hatten, das Osterabendmahl auszuteilen. Den äußerlichen Grund zum Streit bildete die Frage, ob nach Berner Ritus Hostien oder nach bisherigem Genfer Brauch Brot ausgeteilt werden sollte. Nach ihrer Vertreibung reichten Farel und Calvin folgende Klageschrift an den Berner Rat, die nur in abrupter Form erhalten ist.

Beschwerde über die Vertreibung aus Genf.

Erstens wollten sie Couraut vom Dienst am Wort vertreiben, ohne bestimmtes Zeugnis gefunden zu haben, dass er in seinem Amt gefehlt, vielmehr bloß auf den Verdacht nach falschem Bericht hin. Weiter, weil er nach einem an ihn ergangenen Verbot doch gepredigt hat, wurde er in so strenge Haft getan, dass niemand mit ihm reden durfte, und nicht einmal dem Führer, den er gewöhnt ist, erlaubt wurde, ihm vorzulesen oder zu ihm zu kommen. Diese Haft war ein Unrecht, weil er nichts gegen Gesetz und Ordnung getan hatte. Er hatte vielmehr Appellation eingelegt gegen den Spruch des Rats der Zweihundert und verlangt, seine Amtspflicht zu erfüllen, bis die Appellation zur Entscheidung gekommen sei. Ferner, als man ihnen hundert Bürger als Geißeln stellte, Leib für Leib, Gut für Gut, wollten sie ihn gegen keine Bürgschaft loslassen, mit der Erklärung, er werde nur in Haft gehalten, weil er durch sein Predigen wider ihr Gebot gefehlt habe! ein leichtfertiger Grund! Was uns zwei betrifft, so hat man uns zwar nicht gesagt, warum wir aus der Stadt vertrieben wurden, doch hörten wir, dass zwei Gründe vorgeschoben wurden, nämlich dass wir uns gegen ihr Gebot aufgelehnt hätten, und dass wir uns geweigert hätten, in der Zeremonienfrage mit dem gnädigen Herrn von Bern uns zu einigen. Beide sind falsch. Denn wir haben getan, was an uns lag, ihnen gehorsam zu sein, und haben die Einigung nie schlechthin zurückgewiesen, sondern im Gegenteil erklärt, in Betracht ziehen zu wollen, wie die Sache zur Erbauung der Kirche am besten behandelt würde.

Dass das leere Ausflüchte sind, tritt schon darin zutage, dass sie bereit waren, auf eine Verschiebung dieser Frage bis zur Versammlung in Zürich einzutreten, wenn wir andrerseits zugäben, dass unser Kollege vom Predigtamt abgesetzt werde. Als wir darein nach ausdrücklichem Verbot der heiligen Schrift nicht willigten, begannen sie erst aus Rache wieder fester auf uns einzudringen [in der Zeremonienfrage]. Als wir das Osterabendmahl nicht austeilten, erklärten wir öffentlich vor allem Volk, es geschähe nicht der Brotfrage wegen, die wir als unwichtige Sache der kirchlichen Freiheit überlassen, sondern weil ein schwerwiegender Grund uns dazu bewege, nämlich, dass wir das heilige Sakrament entweiht hätten, wenn das Volk nicht würdiger dazu sei. Wir wiesen hin auf die Unordnungen und Sünden, die in der Stadt herrschen, in freventlichen Lästerungen und Spottreden gegen Gott und sein Evangelium, wie auch in Unruhen, Parteien und Spaltungen. Denn öffentlich ohne Bestrafung kamen tausende von Spöttereien gegen Gottes Wort und selbst das Abendmahl vor. Auch wenn sie irgendeinen Grund vorbringen könnten, so können sie doch nicht leugnen, dass sie gegen alles Recht und Gerechtigkeit mit uns verfahren sind. Denn sie wollten nie zulassen, dass wir unsere Gründe darlegten, sondern ohne uns gehört zu haben, beriefen sie gegen uns die Zweihundert und das Volk zusammen und beschuldigten uns mit Anklagen, die weder vor Gott noch vor den Menschen sich als wahr erweisen lassen.

Durch solches Vorgehen bewiesen sie zur Genüge, dass sie nichts anderes wollen, als das Evangelium durch Lärm und Ärgernis in Verruf zu bringen. Tatsächlich ging schon vor einem halben Jahr in Lyon und andern französischen Städten ein solches Gerücht, dass sogar einige Kaufleute Waren verkaufen wollten, deren hoher Preis zahlbar sein sollte nach unsrer Vertreibung. Daraus ist zu ersehen, dass es sich um geheime Intrigen von lange her handelt. Sie haben sich auch nicht begnügt, uns zu schmähen, sondern mehrmals wurde der Ruf laut, man solle uns in die Rhone werfen.

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