Calvin, Jean – An Nicolaus Radziwil, Pfalzgrafen von Wilna.

Nr. 687 (C. R. – 3565)

Für die Widmung des Kommentars zur Apostelgeschichte (vgl. 634) sandte Fürst Radziwil Calvin einen Pelzmantel und ein linnenes Handtuch, eine Arbeit aus dem Frauengemach der Fürstin; dabei aber verteidigte er den angegriffenen Blandrata warm und bat Calvin, sich mit ihm auszusöhnen. Der Brief ist einer der wenigen lateinischen, in denen der Adressat nicht mit du angeredet ist.

Rechtfertigung des Angriffs auf Blandrata.

Wenn es mir auch als Zeugnis Ihres Wohlwollens, Durchlaucht, nicht anders als lieb sein kann, dass Sie mir so freundlich zu schreiben geruhten, so wäre mir doch Ihr Brief noch weit angenehmer gewesen, wenn Sie mir darin kundgetan hätten, meine durch die Widmung ausgedrückte Ergebenheit habe Ihnen gefallen, als nun, da ich aus Ihrer Antwort merke, dass meine Widmung in Ihrer Erinnerung zur schweren Beleidigung geworden ist. Sie werfen mir vor, dass ich Ihren ausgezeichneten Freund und allerliebsten Gevatter, Giorgio Blandrata, etwas hart drannahm; für diesen persönlichen Verstoß könnte ich mich ja leicht und gut damit entschuldigen, dass ich von einer solchen Freundschaft nichts ahnte. Ich hätte sicher nie gedacht, dass ein nichtswürdiger Mensch bei Ihnen so hoch im Ansehen stünde, und da es mein Wunsch ist, dass Sie ebenso sehr durch herrlichen Ruhm als an Macht und Würden groß wären, so tut es mir nicht wenig leid, dass er sich auf ungeraden Wegen in Ihre Gunst eingeschlichen hat. Hätte ich glauben können, dass ein Mensch, dessen Gottlosigkeit mir bekannt ist, Ihr Vertrauter sei, so hätte ich mich sicher mit einer nichtöffentlichen Mahnung begnügt und sie an Ihre Person allein gerichtet. Aber um der andern willen glaubte ich ihn vielmehr öffentlich drannehmen zu müssen, damit sich alle vor dieser gefährlichen Pest hüteten. So fällt der Hauptgrund Ihrer Entrüstung dahin; denn nichts hatte ich weniger im Sinn, als indirekt Ihren guten Ruf zu verletzen; denn ich glaubte von einem Mann zu reden, der Ihnen ganz unbekannt, oder doch wenigstens durch kein Freundschafts- und Verwandtschaftsband mit Ihnen verknüpft sei. Nun ist er aber Ihr Freund. Aber doch wohl nicht mehr, als Judas es Christo war? Wenn wir nun den Jünger Christi nicht schonen, sondern ihn wegen seiner Treulosigkeit allen als abschreckendes Beispiel hinstellen, so verdienen doch die Freunde der Fürsten nicht mehr Nachsicht. Damit aber nicht ein zu langer Brief Sie verdrieße, habe ich einen kurzen Abriss der Geschichte Blandratas verfasst, aus dem Ihre Hoheit leicht erkennen kann, ob ich mit Recht oder Unrecht sein verborgenes Gift aufdeckte, damit er sich nicht noch länger heimlich ausbreite und viele in Polen anstecke. Weder persönlicher Hass, noch Neid, noch Eifersucht haben mich getrieben, die Schande eines dunkeln Gesellen aufzudecken, sondern ich tat es nur, weil ichs für Unrecht hielt, meine lieben Brüder durch mein Schweigen zu verraten. Zeigt er Reue, so solls nicht an mir liegen, wenn nicht sofort die Erinnerung an alles Frühere begraben wird; wenn er aber hartnäckig weiter behauptet, ihm sei Unrecht geschehen, was bleibt mir dann anderes übrig, als ihn für einen verstockten Ketzer zu halten? So wünschenswert es mir auch bei meiner Ergebenheit gegen Sie wäre, Ihnen willfahren zu können, so möchte ich doch Ihre Exzellenz gebeten haben, sich vor allem zu hüten, dass nicht durch Ihr Ansehen dieser Blandrata sich den Zutritt in Polen erzwinge. Ein anderes Mittel sehe ich nicht, aber vielleicht verdrießt es Sie nicht, Ihre Ansicht über ihn zu ändern, wenn Sie über den ganzen Zusammenhang unterrichtet sind. Wollen Sie mir keinen Glauben schenken, so verdient doch das Zeugnis der hiesigen italienischen Gemeinde und das des Herrn Pietro Martire solchen.

Doch genug davon. Ganz Polen und besonders Litauen gratuliere ich dazu, dass der reine Glaube immer größere Fortschritte macht und das Reich Christi durch neuen Zuwachs sich in jeder Richtung ausbreitet. Auch das ist eine nicht zu verachtende Mehrung meiner Freude, dass ich höre, mit dem Bekenntnis des Evangeliums werde auch die Kirchenzucht verbunden. Nicht umsonst pflege ich die Kirchenzucht die Muskulatur der Kirche zu nennen; denn da der menschliche Charakter nur allzu sehr zu Leichtsinn, Wollust und Frechheit neigt, so wird die Menge, wenn sie nicht im Zaum gehalten wird, üppig und unbändig. Eins wünsche ich noch: in Zukunft sollte dafür gesorgt werden, dass die Gemeinden nicht ihrer Pfarrer beraubt und entblößt bleiben und so rasch zu Grunde gehen. Schulen sind nun einmal die Pflanzstätten für Pfarrer und werden mit Recht für Schatzkammern der himmlischen Lehre gehalten. Umso mehr muss man sich mühen, dass möglichst viele junge Leute sowohl in der Theologie als auch in aller guten Wissenschaft unterwiesen werden, und es wäre für Ihre Freigebigkeit die edelste Aufgabe, durch Ihr Beispiel auch andere anzuspornen. Für Ihr Geschenk danke ich Ihnen bestens; ich wollte es in mehr Worten tun, wenn ich nicht dächte, Sie begnügten sich mit meiner aufrichtigen Gesinnung. Um nun zu schließen, bitte ich Gott inständig, er wolle Ihre Hoheit mit seinem Geiste lenken, gesund erhalten und mehr und mehr mit seinen Geistesgaben erleuchten und bereichern. Auch Ihrer Durchlaucht der Fürstin lasse ich mich ergebenst empfehlen.

Genf, 9. Oktober 1561.

Calvin, Jean – An Nikolaus Radziwil, Pfalzgrafen zu Wilna.

Nr. 634 (C. R. – 3232)

Die erste, von zwei Teilen erschienene Auflage des Kommentars zur Apostelgeschichte hatte Calvin dem König und dem Kronprinzen von Dänemark gewidmet (vgl. 337 und 390), doch hatten diese unter dem Einfluss lutherischer Theologen die Widmung nicht angenommen; die zweite Auflage des Werkes widmete Calvin deshalb dem Führer der polnischen Reformierten (vgl. 437); das Widmungsschreiben ist aus Partien der beiden alten Widmungen zusammengesetzt und es seien deshalb hier nur die neu hinzugekommenen Abschnitte übersetzt.

Von den Pflichten des christlichen Adels polnischer Nation.

Die Streichung der Namen der beiden Könige, denen ich diesen Kommentar zuerst gewidmet hatte, nötigt mich, kurz Rechenschaft darüber abzulegen, damit die Änderung mich nicht bei Unkundigen in den Verdacht des Leichtsinns bringe. Denn obwohl ich den seither verstorbenen Vater in dem ehrfürchtigen Andenken behalte, das er verdient, und auch dem Sohne den schuldigen Respekt erweise, so zwingt mich doch zur Tilgung ihrer Namen aus dieser zweiten Auflage die Schroffheit gewisser Theologen, die in ihrem verrückten Hass gegen mich fürchten, das Ansehen der Könige möge meinen Schriften Gunst erwerben, und deshalb behaupten, es habe diesen sehr missfallen, dass ihr Name mit einer von ihnen missbilligten Sakramentslehre in Verbindung gebracht worden sei. Ob das wahr ist oder nicht, will ich jetzt unentschieden lassen; es interessiert mich auch gar nicht, da ich für mich persönlich weder nach Gewinn noch Gunst geizte. Weil es mir aber unanständig und gering erschiene, Schriften, die willige Leser genug finden, solchen aufzudrängen, die nichts davon wollen, so halte ich es für der Mühe wert, öffentlich kund zu tun, dass ich nichts weniger wollte als das, aber doch auf mehr Freundlichkeit gehofft hatte, als ich nun erfahren musste. Darin kann doch sicher keine Beleidigung liegen, dass ich mich dem Hohn derer, die meine Dienstwilligkeit verachten, entziehe und sie den Genüssen, die sie begehren und die ihnen Vergnügen machen, überlasse.

Dich aber, erlauchtester Fürst, habe ich nicht ohne Grund gewählt als Ersatz für die beiden Könige. Denn ich erachte dich dessen sehr würdig, dass dein Name bei der geistlichen Erbauung des Tempels Christi deutlich genannt werde, und befürchte auch nicht, du könntest meinem Werke das Wohlwollen entziehen, das du mir persönlich in überaus freundlichen Briefen zu bezeugen geruhtest. Doch ganz abgesehen von persönlichem Wohlwollen will ich bei etwas weiterem verweilen; ich kann ja das, was ich früher den andern sagte, mit bestem Recht auf dich anwenden. Ich will auch deine herrlichen Tugenden, durch die du dir das höchste Ansehen und außerordentliche Gunst beim allergnädigsten König von Polen erworben hast, hier nicht besonders preisen. Eher hätte ich Lust zu einer Ermahnung, die dahin ginge, du möchtest doch in derselben Freudigkeit, mit der du gleich anfangs die reine, evangelische Lehre annahmst, in demselben energischen hochgemuten Sinn, mit dem du bisher den reinen Gottesdienst festzuhalten wagtest, in derselben Standhaftigkeit auf dem betretenen Wege fortfahren. Eine seltene Tapferkeit hast du bewiesen; denn obwohl du wusstest, dass bei vielen nichts so verhasst ist wie ein offenes Bekenntnis zur Frömmigkeit und ein freimütiger Eifer darin, so hast du doch nicht gezögert, sobald dir die Wahrheit des Evangeliums Christi aufleuchtete, ihr die Ehre zu geben und damit den Hass dieser Leute auf dich zu lenken. Nicht geringes Lob verdient es auch, dass du nicht aufhörtest, zur Mehrung und Stärkung der neu entstehenden Kirche gute Dienste zu leisten, auch als dir dieser Eifer von manchen Vornehmen eine ganz unverständliche Feindschaft zuzog. Da dir aber nicht geringere Schwierigkeiten noch bevorstehen, so ists der Mühe wert, zuweilen wieder frischen Mut zu fassen zu ihrer Überwindung, bis auch das Letzte erfüllt ist; und das umso ernstlicher, weil viele Fürsten trotz ihrer Einsicht in die schändlich korrupten kirchlichen Verhältnisse es doch nicht wagen, Abhilfe zu schaffen, weil sie sich vor einer Neuerung fürchten, die alt eingesessenen Übelstände zu Leibe geht, und sich dadurch in ihrer Pflicht aufhalten und verzögern lassen. Andere halten es für unsinnig und töricht, an unheilbare Schäden überhaupt rühren zu wollen; wieder andere fliehen und verabscheuen jede Reform in einer mir unverständlichen Verkehrtheit. Doch von den Hindernissen, die dich umgeben, vor dir zu reden, der du sie gut genug kennst, dürfte wohl überflüssig sein. Welche Angriffe der Satan aber auch auf dich richten mag, mit welchen Kämpfen und Händeln er dich auch noch heimsuchen wird, so wäre es Unrecht, in diesem heiligen Kriegsdienst, zu dem du Christo den Fahneneid geleistet hast, je müde zu werden. ————————————————-

Dich aber, erlauchtester Fürst, muss ich nochmals bitten, ja beschwören, dich sowohl persönlich dem Gebote Christi unterzuordnen, wie du es bereits mit Erfolg begonnen hast, als auch den vielen Edelleuten, die der Adel ihrer Geschlechter und ihre persönliche Tüchtigkeit gleich empfiehlt, nicht nur ein treuer und unermüdlicher Helfer, sondern auch Bannerträger zu sein in der Förderung des Reiches Gottes. Eines einzigartigen Ehrenvorrechtes hat Gott das polnische Reich gewürdigt, indem die Mehrheit des Adels den gottlosen, abergläubischen Bräuchen, die ebenso viele Verderbnisse und Verunreinigungen des wahren Gottesdienstes sind, den Abschied gegeben hat und einmütig eine rechte evangelische Frömmigkeit und eine richtige Kirchenordnung begehrt. Dass sie dabei an deinem Ansehen einen mächtigen Halt hatten, ist bekannt genug. Aber dir und ihnen bleiben noch Kämpfe genug, so dass Ihr Euch noch nicht wie ausgediente Soldaten der müßigen Ruhe überlassen dürft. Erstens, wenn Euch auch kein Feind von außen belästigt, habt Ihr doch mit Übelständen im Innern noch genug und übergenug zu tun. Ihr habt ja auch schon erfahren, wie mit mancherlei Ränken der Satan ausgerüstet ist, um durch seine Tücke die brüderliche Eintracht, auf der das Wohl der Kirche beruht, ins Wanken zu bringen. Es kommt auch bei Euch wie überall vor, dass, solange die Verhältnisse noch nicht geordnet sind, sich unruhige Köpfe vordrängen, die wohl sehen, dass noch Wenige und Schwache von einer zahllosen Menge bedrängt werden und die von krassen Verleumdungen umnebelte Wahrheit kaum zu verteidigen vermögen; und darum können sie sich nun sozusagen unterirdisch einschleichen. Durch solche List will der Anstifter alles Betruges die Kirche zerstören, nicht nur, indem er die Glaubenseinheit zerspaltet und zerreißt, sondern auch, indem er den Namen Christi falschem Verdachte aussetzt; denn die evangelischen Gemeinden, unter die sich diese unredlichen Schwindler mischen, erscheinen dann sozusagen als Sammelbecken und Kloaken alles Schmutzes. So hat z. B. Stancaro, ein Mensch unruhvollen Wesens, in seinem ihn fast verzehrenden Ehrgeiz, bei Euch seine Wahnideen verbreitet, und es ist daraus ein Zank entstanden, der zu einer Spaltung zu führen droht, und Ihr seid dadurch den Vorwürfen vieler Menschen ausgesetzt worden; denn man glaubte, seine Sekte habe schon weit um sich gegriffen. Andrerseits ist da ein Arzt, ein gewisser Giorgio Blandrata, weit schlimmer als Stancaro; denn er ist von viel abscheulicherer Irrlehre durchtränkt und trägt mehr verborgenes Gift in seinem Innern. Deshalb verdient auch der Leichtsinn der Leute viel schärferen Tadel, bei denen diese servetische Gottlosigkeit mit einem Male so in Gunst gekommen ist. Denn obwohl ich überzeugt bin, dass sie seinen verkehrten, gotteslästerlichen Ansichten fern stehen, so hätten sie doch vorsichtiger sein sollen, damit dieser Fuchs sich nicht in ihren vertrauten Umgang hätte einschleichen können. Weil solche Pestbeulen nie fehlen werden und der Satan es nie lassen wird, ihm ergebene Kämpfer zur Zerstörung des aufkeimenden Evangeliums ins Feld zu führen, so müsst Ihr unablässig in Kampfbereitschaft stehen, und um schweren Übeln zu begegnen, müsst Ihr eine rechte gute Kirchenordnung aufstellen, die ein guter Schutz des heiligen Friedens ist. Denn wie die reine Lehre die Seele der Kirche ist, so kann man die Kirchenzucht mit Recht mit den Sehnen vergleichen, durch deren Verknüpfung und Verbindung der Körper erst seine Festigkeit erhält.


Es wäre zwar wünschenswert, dass in erster Linie der allergnädigste König, der in seiner Klugheit die Ränke der römischen Kurie längst kennt, die inhaltslosen Bullen, in denen der Papst von ferne ein allgemeines Konzil zeigt, schweigen hieße und freimütig eine ernstliche, vollständige Reformation der Kirche vornähme. Doch darf auch Euch kein Zögern aufhalten, sondern jeder von Euch soll sich bemühen, nach Kräften auszubreiten, was so erfolgreich begonnen sich zu erheben anfängt.

Lebwohl, edelster Herr, erlauchter Fürst. Der Herr leite dich mit seinem Geiste; er mache deine Ehrwürden reich an allem Guten und segne all dein frommes Unternehmen bis ans Ende. Amen.

Genf, 11. August 1560.

Calvin, Jean – An den Fürsten Radziwil in Krakau.

Nr. 563 (C. R. – 2876)

 

Lelio Sozzinis Vater war 1556 zu Bologna gestorben; um sein Vermögen, das die Inquisition beschlagnahmt, wieder zu bekommen, suchte Sozzini den Schutz Maximilians II. von Österreich und Sigismund Augusts von Polen; an den Kanzler des Polenkönigs gab ihm deshalb Calvin folgendes Schreiben mit.

Empfehlung des Lelio Sozzini und seiner Sache.

Der Überbringer dieses Briefes, Hoheit, hätte von mir, obwohl ich seinen Geist, frommen Eifer und andere Tugenden an ihm wohl zu schätzen weiß, doch die erbetene Empfehlung kaum erhalten, wenn nicht mit seiner persönlichen Angelegenheit die Sache des Evangeliums verbunden wäre, die zu schützen ich mich ebenso wenig verdrießen lassen darf, als Ew. Hoheit abgeneigt sein wird, ihr bereitwillig Schutz angedeihen zu lassen. Der ist aus Siena und entstammt einer wohlhabenden Familie. Sein Vater, ein berühmter Rechtsgelehrter, liebte ihn zwar als seinen Sohn, hat ihn aber doch wegen seines offenen Abfalls vom Papsttum und seines Übertritts zu uns enterbt. Aber indem er dadurch allzu sehr für sich sorgen und sich schützen wollte, schädigte er alle seine Angehörigen, und es ist wahrscheinlich, dass nur seine Ängstlichkeit den Feinden Mut machte, das ganze hinterlassene Vermögen mit Beschlag zu belegen. Denn obwohl die übrigen Brüder, die der Vater als Erben eingesetzt hatte, zu Hause blieben, so erschienen sie doch dem Volke durch allerlei Anzeichen verdächtig, als ob auch sie von der reinen Lehre erfasst wären. Da also der Haupterbe ausgeschlossen war, fiel man über das Vermögen wie über herrenloses Gut her, und es besteht Gefahr, dass alle miteinander hinausgeworfen, aller ihrer Güter beraubt und in klägliche Not gebracht werden, wenn ihnen nicht anderswoher Hilfe kommt. So hofft nun der gute Mann, wenn Seine königliche Majestät geruhen, beim Herzog von Florenz, unter dessen Herrschaft Siena jetzt steht, für ihn einzutreten, so würde das das beste und leichteste Mittel sein, dem Übel abzuhelfen. Ich habe die ganze Sache in Kürze dargelegt, damit Ew. Hoheit nach eigenem Ermessen beurteile, ob meine Empfehlung billig und recht sei, weil ich nichts von Ew. Hoheit erbitten möchte, von dessen Berechtigung ich nicht ganz überzeugt wäre. Auch weiß ich, dass weder die außerordentliche Begabung des Empfohlenen, noch seine gute Sache vieler Worte bedarf, und ebenso dass Ew. Hoheit so gesinnt ist, dass es auch nicht viele Mahnungen braucht, damit Ew. Hoheit sich einer Sache annehme, die sich schon von selbst genug und übergenug empfiehlt. Wenn mich meine Fürsorge für einen Freund doch weiter treibt, als nötig wäre, so wird eine Mahnung des heiligen Geistes zweifellos bei Ew. Hoheit mehr bewirken, als noch so viele von mir in Worte gefasste Bitten. Da wir nun in der Schrift lesen, dass, wer den um des Evangeliums willen Unterdrückten und Verfolgten hilfreiche Hand bietet, dem Gott der Wahrheit selber hilft [Matth. 25, 40], so möge dieser eine Spruch statt eines langen, eingehenden Bittgesuches dienen, weil Ew. Hoheit bei Seiner königlichen Majestät dies ohne Mühe erwirken kann und sich gerne einer Aufgabe, die gar nicht lästig ist, widmen wird. Ich schließe, um nicht durch Ausführlichkeit lästig zu fallen. Durchlauchtigster Fürst, der Herr erhalte Ew. Hoheit gesund; er leite Sie mit seinem Geiste und mache Sie reich an Segen aller Art.

Genf, 24. Mai 1558.
Ew. Hoheit ergebenster
Johannes Calvin.

Calvin, Jean – An den Fürsten Nikolaus Radziwil in Wilna.

Vgl. 437. Auf diesen ersten Brief hatte der Fürst Calvin sehr freundlich geantwortet.

Bereitwilligkeit, am Reformationswerk in Polen mitzuwirken.

Deine außerordentliche Freundlichkeit, erlauchtester Herr und edelster Mann, lässt es mich wahrhaftig nicht bereuen, dass ich dem Rat und den Bitten unseres Bruders Lismanino gewillfahrt habe. Denn ich muss gestehen, dass ich nur zögernd daran ging, wie er mir riet, dir zuerst einen Brief zu schreiben, der nun von deiner Hoheit so gütig und freundlich aufgenommen worden ist, wie ich sehe. Nun hat deine großmütige Antwort mich für die Zukunft aller Bedenklichkeit enthoben. Es freut mich sehr und ich beglückwünsche mich, dass es mir durch das Eingreifen Lismaninos gelungen ist, deinem Wunsch, mich zu deinen Freunden zählen zu können, zuvorzukommen. Aber wenn mich auch dies dein Wohlwollen gegen mich dir in ungewöhnlicher Weise verpflichtet, so ist doch ein noch heiligeres Band dazu gekommen: dein freimütiges Glaubensbekenntnis. Tatsächlich stammt ja auch deine persönliche Liebe zu mir nirgends anders her als aus deiner wahren Anhänglichkeit an Gott. Umso mehr werde ich mich bemühen, da du mir unter den Knechten Christi nicht den hintersten Platz zuerkennst, deiner Erwartung und deinem Wunsch zu entsprechen. Da ich das bei der großen Entfernung unserer Wohnsitze nicht besser bezeugen kann als durch fromme Aufmunterungsbriefe, so verspreche ich nach deinem Wunsch, dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit tun zu wollen. Lismanino meinte, es entspräche nichts mehr deinem Wunsche, als dass ich mein Interesse an der Wiedergeburt der Kirche Polens durch eine öffentliche Schrift kundtue. Auch darin würde ich dir gerne willfahren, hielte mich nicht die unklare Stellung der königlichen Regierung noch zurück. Denn wenn ich auch sehe, dass der allergnädigste König der reinen Lehre des Evangeliums günstig gesinnt ist und eine heilige Reformation wünscht, so weiß ich doch, weil er es noch nicht wagt, einen Finger zu rühren, um sich offen als Schutzherr des reinen Glaubens zu erklären, nicht recht, wie viel man nach seinem Willen von ihm sagen dürfte. Ihn gar nicht zu erwähnen, wäre widersinnig und unmöglich. Da du nun weißt, hochgeachteter Herr, für wie gefährlich ich dieses Schwanken im Ungewissen halte, so schreibe mir nur vor, was du für das Richtige hältst. Was du mir als dir einleuchtend darstellst, verspreche ich zu tun. Wenns nötig ist, mag unser Lismanino noch als Bürge für mich eintreten, dessen Kommen wohl ebenso nützlich als allen Frommen angenehm sein wird. Denn er ist nicht nur untadelig, sondern auch von solcher Mäßigung, dass man von ihm auch bei noch ungeordneten Verhältnissen kein unüberlegtes Handeln zu befürchten hat; und doch ist er wieder auch nicht so nachgiebig, dass er nicht auch zu energischem Kämpfen bereit nach Polen zurückkehrt. Und nun, erlauchtester Herr, bleibt nur noch übrig, dass du bis aufs Äußerste ein unermüdlicher Streiter Christi bleibst. Die Verhältnisse Polens durchschaust du in deiner Klugheit wohl. Tatsächlich ist es nun zu dem Punkt gekommen, wo Gott jeden einzelnen ausdrücklich aufzufordern scheint, dass er sich bewähre. Da gilts an das zu denken, was im 110. Psalm steht: Voll Willigkeit wird dir das Volk sein am Tage deiner Heerschau. Wenn das von den Gemeinden gilt, wie viel mehr wäre es für die vornehmsten Führer, deren Aufgabe es ist, den andern den Weg zu zeigen, eine Schande, umzukehren im Lauf oder durch ihr Zögern die andern aufzuhalten. Doch diese Worte wollen nichts anderes, als dich in der freiwilligen Bereitschaft, von der du, wie ich höre, bereits eine schöne Probe abgelegt hast, mehr und mehr bestärken. Denn nichts vermag uns so zu unbesiegbarer Beharrlichkeit zu entflammen, als wenn uns der Herr schmückt mit seinen Zeichen, die die zu seinem Hause Gehörigen von denen draußen scheiden. Lebwohl, erlauchtester Herr, der Ewige mache dich von Tag zu Tag reicher an seinen Gaben; er rüste dich aus mit Kraft und leite dich mit seinem Geiste.

Genf [29. Dezember 1555].

Calvin, Jean – An den Fürsten Nikolaus Radziwil in Wilna.

Nikolaus Radziwil, Pfalzgraf von Wilna, Großkanzler des Königreichs Polen war ein Hauptförderer der Reformation unter dem polnischen Adel. Er ließ die Bibel ins Polnische übersetzen und berief evangelische Prediger aus Deutschland in sein Gebiet.

Von der Pflicht, die Reformation in Polen zu fördern.

Dass dich, erlauchtester Fürst, der du auf so hohem Ehrenposten stehst, ein Mann ohne Adel und fast auch ohne Wert für die Welt, wie ich es bin, mit einem Briefe angeht, das ist – ich weiß es wohl – eine Kühnheit von mir. Weil ich aber nicht nur auf deine Freundlichkeit, sondern vor allem auf deine Frömmigkeit das Vertrauen setze, du werdest es mir erlauben, so will ich dich nicht mit viel Aufwand an Worten bitten, es zu tun. Denn so gering und dunkel auch meine Stellung ist, so wird mir hoffentlich doch, weil du mich als einen Diener Christi erkennst, um deiner Ehrfurcht vor diesem Herrn willen der Zutritt zu deiner Hoheit offen stehen. Ja, mein Bemühen, das mit deinen frommen Wünschen übereinstimmt, wird, glaube ich, so sehr deine Billigung finden, dass es mir auch ohne weitere Empfehlung deine Gunst zur Genüge verschafft. Denn wenn ich auch wünsche, dass das Reich Christi überall aufblühe, so beschäftigt mich doch mir Recht Polen eben ganz besonders. Denn seitdem dort das Licht der reinen Lehre aufzuleuchten begann, hat dieser gute Anfang mit der Hoffnung auf einen noch bessern Fortgang auch den Wunsch danach entflammt. Wenn du nun nur die Macht hättest, den wahren Glauben zu fördern, wie du es tust, so hätte ich guten Grund, dich zu mahnen und anzutreiben, dass du dich deiner Pflicht vor Gott nicht entziehest und deinen hohen Beruf nicht versäumest. Da du nun aber schon ehrlich gewillt bist, den wahren Glauben zu beschirmen, ja, in heldenhafter Geistesgröße zeigst, wie ernst und treu du dieses Schirmamt übernommen hast, so veranlasst mich dein edles Tun mit Recht, dir zu danken, und gibt mir Grund, dir noch Größeres zuzutrauen. Deshalb bitte ich dich nicht einfach, dass du fortan dir selber gleich bleiben mögest, sondern auch, dass du, mit dir selbst wetteifernd, nach dem allerherrlichsten Siege strebst. Vielfache Erfahrung lässt mich daran nicht zweifeln, dass auch du auch tagtäglich merkst, eine solche Mahnung wie die meine sei durchaus nicht überflüssig. Ohne Zweifel siehst du wohl, wie ungeheuer groß die Aufgabe ist, das himmlische Reich Gottes auf Erden aufzurichten. Du siehst auch, mit wie viel Hemmnissen der Satan es zu hindern und aufzuhalten sucht, ja mit wie vielen listigen Mitteln er zuweilen versucht, heimlich ins Wanken zu bringen oder offen umzustürzen, was von diesem heiligen Bau schon begonnen ist. Du siehst schließlich, wie kühl diese Sache betrieben wird, die nicht nur unsere erste Sorge sein sollte, sondern unser ganzes Sinnen und Denken in Anspruch nehmen müsste. Dieser letzte Fehler kommt daher, dass fast alle, in der Meinung, was man Christo tue, sei sozusagen aus Gnaden und umsonst getan, sich mehr dem zuwenden, was Hoffnung auf Gewinn gibt und Lohn und Preis der Mühe zeigt. Deiner Klugheit aber, erlauchtester Fürst, steht es wohl an, in erster Linie daran zu denken, dass du ja Gott nichts tun kannst, als war er mit Recht als deine Schuldigkeit von dir fordern kann, nicht nur weil du [wie jeder andere] ganz in seiner Schuld stehst, sondern auch, weil er dich durch die hohe Stellung, zu der er dich erhoben, sich noch besonders verpflichtet hat. Bedenke dann auch, welcher außerordentliche Siegespreis dir winkt in dem Worte des Herrn: wer mich ehret, den will ich auch ehren [1. Sam. 2, 30]. Damit er also dein Haus stark und dauernd erhalte, bestrebe dich nach Kräften, sein Reich zu fördern. Obwohl ich weiß, dass Euer allergnädigster König recht guten Willens ist, so ist doch dir, wenn du ihn in schwierigen Verhältnissen nicht die rechten Fortschritte machen siehst, von Gott die Pflicht auferlegt, und du sollst es nicht vergessen, nicht nur Seiner Majestät Begleiter und Helfer zu sein, sondern auch den Zögernden anzutreiben, ja wenn es sein muss, ihm voranzugehen. Ich glaube, er wird es auch nicht übel nehmen, wenn er im Streben nach seinem Ziel vom Eifer anderer ermutigt wird. Lebwohl, erlauchtester, in Hochachtung verehrter Fürst. Der Herr leite dich mit seinem Geiste, helfe dir mit seiner Kraft und erhalte deine hohe Stellung fest auf lange.

Genf, 13. Februar 1555.
Deiner Hoheit ganz ergebener
Johannes Calvin.