Blaurer, Ambrosius – Brief an seine Base Barbara Blaurer

Blaurer, Ambrosius – Brief an seine Base Barbara Blaurer

Mein sonder lieb Bäslein.

Dein Geschrift hab ich mit christlichem brüderlichen Mitleiden gelesen, bitt Gott von ganzen Begierden meines Herzens, wölle dich nach der Fülle seiner Gnad und Barmherzigkeit seines Trosts wiederum empfinden lassen und dichs sehen lassen, wie ers so inniglich herzlich und väterlich gegen dir meint, der festen getrosten Hoffnung, er werde das ängstig Mordgeschrei deines Gemüths, auch mein und ander frommer Leut Bitt bald erhören. Harr, wart, leid dich, halt still, gewiß sollst du erfahren die Wunder Gottes, wie seine Hand nicht allein mächtig ist in die Höll zu stoßen, sondern auch wieder herauszuziehen wider und über dein und aller Menschen Vermuthen. Nicht möglich ists, daß der treu mild gnädig Gott und Vater in die Harr sich verbergen werde dem Herzen, das nach ihm und seinem trostreichen Angesicht als schmerzlich sehnet und Durst hat. Den Durst, so er selbst in dir nach seinem Wohlgefallen angezündet, wird er selbst mit ihm selbst wiederum löschen.

O mein geliebtes Bäslein! Es sind eitel gulden Anfechtungen, die uns mit der Zeit süß lieblich Frucht, d.i. Erkenntniß unser selbst und Gottes Gnaden bringen werden. Selig sind alle die, so Gott der Herr also heimsucht. Er nennet selig hie in Zeit, selig, so euch die Menschen hassen und fluchen und alles Uebel wider euch reden werden, spricht unser Herr; noch viel seliger, so uns nicht allein andere Menschen, sondern auch unser eigen Blut und Fleisch sammt all unserem Vermögen uns verfolget, will uns nichts Guts an unserem Gott empfinden lassen. Denn gleichwie in anderem äußerlichen Verfolgen nach Blut und Fleisch warlich keine Süßigkeit, sondern Angst und Noth ist dermaßen, daß der ganze Mensch oft darob erbebt und nicht weiß, wo er daran ist: also noch viel mehr, so wir unserem eigenen Hausfeind zu Theil werden, daß er sich nicht sehen lassen kann, muß groß Jammer und Noth sein, noch dennoch ist der Herr der treu gütig Gott an der Hand, sieht dem Kampf zu, läßt uns hart umgetrieben und auch zerzauset werden und aber nicht gar darniederliegen, wie heftig wir auch angefochten sind. Darum ist die Seligkeit auch außerhalb des Empfindens; es vomet auch das Wort Gottes bewahrt und behalten außerhalb des Trosts und Süßigkeit hie in Zeit, daß gleichwohl wahr bleibt: Selig sind die, so das Wort Gottes hören und behalten; ja viel sicherer und baß wird es behalten in der Schwachheit Bluts und Fleischs, und so wir des großen Sturms daneben inne werden, denn so es uns ohne die Säure wohl ausging und süß wäre. Es gilt hie nicht des süßen, sondern des sauren Senfs; das Fleisch muß mit Feuer, d.i. mit der Trübseligkeit gesalzen werden, sonst erstinkt es in der Fülle und wird zunichte. Dort sollen wir erst verklärt und in ein neu Herz und Haut gestoßen werden; mittlerzeit müssen wir uns drucken und schmiegen und berrügen lassen, daß uns Gott also reit mit den Sporen seiner Züchtigung, daß wir nicht fallen in die Stricke dieser Welt und nicht mithafften sind der Gottlosen, so dem Herrn entgegen sind und wandeln nach ihren Gelüsten.

Mein Bäslein hab Geduld.

Das Empfinden der Armuth des Gemüths und Herzens, ja der Armuth Gottes, als du schreibst, ist warlich groß Reichthum vor ihm, der auch seinen geliebten Sohn ein wenig hat mangeln lassen an Gott, aber nachmals wiederum mit Ehren und Schmuck gekrönet. Wer Trost hat nach dem Fleisch in allen Creaturen und Gottes mangelt, ist zu viel arm, ob er seine Armuth gleich nicht empfindet und sich reich bedünkt. Der nicht Freud, Trost und Ergötzlichkeit hat in den Creaturen und Gott allein hat, der ist über all König und Kaiser reich und herrlich, ob er gleich seines Reichthums d.i. Gottes auch nicht empfindet. Hab ich einen verborgenen Schatz im Haus, der mir aber mit der Zeit werden soll, so bin ich reich in der Wahrheit, wiewohl ichs jetzumb nicht weiß noch empfind; also ist allen angefochtenen Kindern Gottes. Die haben den verborgenen Schatz der Gnaden und Reichthum Gottes bei ihnen; er will ihnen wohl, derhalben sie reich sind, wiewohl sie es dieser Zeit nicht merken noch verstehen in der Notz. Darum sei unerschrocken in der Hartseligkeit; Geduld ist uns Noth, sagt Paulus, wirf die Hoffnung nicht ab dir; den Tag Christi wirst du gewißlich sehen und mit Freueden erleben. Deß halt dich steif.

Quelle:
Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche. Herausgegeben von Dr. J.W. Baum, Professor in Straßburg, R. Christoffel, Pfarrer in Wintersingen, Dr. K.R. Hagenbach, Professor in Basel, Dr. H. Heppe, Professor in Marburg, K. Pestalozzi, Pfarrer in Zürich, Dr. C. Schmidt, Professor in Straßburg, Lic. E. Stähelin, Pfarrer in Basel, Lic. K. Sudhoff, Pfarrer in Frankfurt a.M., u. A. Eingeleitet vpm Dr. K. R. Hagenbach. IX. (Supplement=)Theil: J. a Lasco, L. Judä, F. Lambert, W. Farel und P. Viret, J. Vadian, B. Haller, A. Blaurer Elberfeld Verlag von R. L. Friderichs 1861

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