Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (641)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (641)

Nr. 641 (C. R. – 3260)

Bullinger hatte gemeldet, dass die fünf Orte, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden und Zug, das in seiner Mehrheit reformierte Glarus nötigen wollten, der römischen Kirche mehrere Pfründen abzutreten, und mit Krieg drohten. Gleichzeitig sollte dann, um Bern anderweitig zu beschäftigen, der Herzog von Savoyen Genf bedrohen. Über die Lyoner Unruhen vgl. 636.

Bourbonen und Guisen. Savoyen und die fünf Orte verbündet.

Ein fürchterliches Kopfweh, das mich schon seit zwei Tagen unbarmherzig quält, lässt mich dir nicht so ausführlich antworten, verehrter Bruder. Was du mir von Eurem Glarner Nachbarn schreibst, hatte mir schon vorher Steiger, der Berner Stadtseckelmeister, erzählt. Dass die fünf Orte absichtlich einen Kriegsgrund suchen, scheint mir wahrscheinlich und ebenso, dass sie es nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf fremde Anstiftung hin tun. Der Herr bändige und zähme ihren wilden Sinn und trete zugleich ihren bösen Plänen entgegen! Dass der König von Frankreich Geld und Soldaten von Euch will, habe ich auch schon gehört. Im Vertrauen auf Eure Klugheit hielt ich es für unnötig, dich aufmerksam zu machen, worauf das abgesehen ist.

Von den Unruhen in Lyon habe ich dir neulich geschrieben. Es wurde tatsächlich von einigen agitiert, aber nur von ganz wenigen; sie wollten damit den König von Navarra aufstacheln, aber in ganz verkehrter Weise. Ich wusste, dass das zu seiner Art gar nicht passte und kannte seine Gesinnung, so suchte ich das Unternehmen zu verhindern. Doch waren sie schon zu weit gegangen, und so wurde die Verschwörung zum Teil entdeckt. Doch wurde nichts Schlimmeres gefunden, als dass sie dem Evangelium freie Bahn machen wollten; gegen den König und seine Regierung war nichts gerichtet. Was die Guisen mit ihrer neuen Forderung wollen, geht schon aus dem Edikt klar genug hervor, in dem sie sich im Namen des Königs beklagen, man sammle überall angeblich um der Religion willen Geld und Mannschaften; deshalb werde nun bei Todesstrafe verboten, den Prinzen oder anderen Herren von hohem Adel Geld vorzustrecken, und noch vieles im gleichen Sinn. Der König von Navarra ist an den Hof berufen und eben unterwegs. Seinen Bruder, de Conde, führt er mit; doch wirst du bald hören, dass sich der davon gemacht hat. Gib aber acht, dass es niemand vor der Zeit erfährt. Die Schwadronen der französischen Reiterei sind so verteilt, dass sie den König von Navarra von allen Seiten umgehen können. Der Ausgang ist in Gottes Hand, der vielleicht bald zunichte machen wird, was sie so schlau ersonnen zu haben glauben. Sie versprechen sich nämlich, wenn erst das eine Haupt abgeschlagen sei, so werde es nicht mehr schwer sein, alle andern zu besiegen. Rebellen nennt man sie ja bereits, wie der König selbst auf der Notabelnversammlung es offen bezeugt hat, nämlich alle die, die einen anderen Glauben haben wollen. Denn da in der Bittschrift, die der Admiral überreichte, gesagt war, sie wollten ruhige, friedliche Leute und dem König allzeit zu Willen sein, sagte er: Das sind mir gute, willfährige Untertanen, die nicht mit der Staatsreligion zufrieden sind und ihrem König Vorschriften machen wollen, und dergleichen noch manches! Glaub´ mir, ich kann es dir gewiss versichern, Aufruhrgefahr besteht von unsrer Seite nicht; denn es wird sich niemand rühren, wenn nicht etwa der König von Navarra offen angegriffen wird; zu seiner Verteidigung allerdings würden sich, hoffe ich, viele erheben. Er hat beschlossen, sein Recht, im königlichen Rate zu sein, sich wieder zu erobern, aber ohne Waffengewalt. Da ich ihn aber als weich und nachgiebig kenne, habe ich wieder jemand zu ihm gesandt, um ihn zu stärken. Beza nämlich hat sich von dannen gemacht, und man weiß im Allgemeinen nicht, wohin er sich gewendet hat. Jener Bruder aber weiß, wo er erwartet wird.

Aus Spanien kam eine Gesandtschaft, um das französische Nationalkonzil zu hintertreiben; doch ist dieses überhaupt nur Trug und Heuchelei. Es ist den Bischöfen nichts weiter gestattet worden, als vorzuberaten, was dem ökumenischen Konzil vorgelegt werden soll.

Du weißt ohne Zweifel schon, was wir nicht für möglich hielten, nämlich dass Luzern und die fünf Orte samt Solothurn mit Savoyen über ein Bündnis verhandelt haben, wobei es uns dann schlimm gehen kann, wenn Euch nicht endlich Sorge und Mitleid für uns rührt.

Herrn Piertro Martire konnte ich wegen der Eile des Boten nicht schreiben; es soll bei nächster Gelegenheit geschehen. Indessen grüße ihn und die andern Kollegen von mir. Der Herr behüte und leite Euch und mache Euch reich an seinen Gaben.

Genf, 14. Oktober 1560.
Lebwohl, hochberühmter Mann, liebster, verehrter Bruder.
Dein
Johannes Calvin.

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