Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (642)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (642)

Nr. 642 (C. R. – 3268)

Der Glarner Handel spitzte sich mehr und mehr zu und die fünf Orte, sowie Bern und Zürich, rüsteten zum Krieg; doch wurde zur Schlichtung des Handels nochmals eine Tagsatzung einberufen. Um den nach Hofe ziehenden König von Navarra scharte sich der hugenottische Adel und wünschte von ihm eine deutliche Erklärung seiner Stellung.

Kriegsgefahr in der Schweiz und in Frankreich.

Dass die Fünförtigen in ihrem blinden Fanatismus Truppen sammeln, um das Ansehen der Schweiz zu vernichten, ängstigt uns sehr. Da sie sich aber schändlich erkaufen lassen, Unschuldige anzugreifen, so wird der Herr hoffentlich den Schaden auf ihr Haupt zurückfallen lassen. Doch zeigt sich ja noch einige Hoffnung, wenn auf den 28. dieses Monats eine Tagsatzung angesagt ist. Freilich, Eure Behörden müssen doch auf der Hut sein; denn ich bin überzeugt, die Feinde denken daran, Euch unvorbereitet zu überfallen. Ich habe nämlich durch einen Brief erfahren, dass dieser Plan unter ihnen verhandelt wird. Wie energisch unsere Nachbarn in Bern in dieser Sache rüsten, weiß man nicht. Entweder verdecken sie ihre Rüstungen mit großer Kunst, oder sie wollen durch Nachgeben der Gefahr ausweichen. Besser ists jedenfalls, sie machen Ausflüchte, als dass sie wie früher die Bundesgenossen mitten in der Gefahr im Stich lassen. Wir erwarten noch Bericht darüber, was in der letzten Zusammenkunft verhandelt worden ist.

Indessen ist Dijon den Büchsenreitern, die man in Frankreich Pistoliers nennt, als Garnison angewiesen worden, damit sie von hier aus sofort dahin eilen können, wohin sie kommandiert werden. Es sind etwas fünfhundert; doch sammeln sich dort auch Panzerreiter von der gewöhnlichen Kavallerie. Einige meinen, das sei ein dem Papst zu lieb unternommenes Manöver, um Euch durch Einschüchterung zu schmählichen Bedingungen zu zwingen. Andere vermuten mit mehr Wahrscheinlichkeit, man plane damit das Verderben Genfs. Wir sind gewarnt. Aber mit aller Behutsamkeit erreichen wir nichts, wenn Gott uns nicht wunderbar bewahrt. Doch verlassen wir uns darauf: durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein [Jes. 30, 15].

In Frankreich ists überall unruhig und steht auf dem äußersten Punkte. Wo Beza ist und was er tut, ist mir unbekannt. Von König von Navarra gehen verschiedene Gerüchte. Ich denke, er wird sich zurückgezogen haben, als er sah, mit welchen Truppenmassen er zu kämpfen hätte. So ist also nun Bürgerkrieg in Frankreich. Der Adel der Bretagne (die alten Aremoriker, jetzt Bretonen genannt) steht zu ihm. Anjou kommt dazu, auch aus Poitou ein guter Teil. Aus der Gascogne strömen viele zusammen. Es ist eine klägliche, jammervolle Spaltung des Reichs! König Franz ist jetzt in Orleans, wo die Mehrheit der Ratsherrn hingerichtet worden seien, wie es heißt; doch kann ichs noch nicht glauben. Zwar ist noch nirgends der Aufruhr losgebrochen; aber die Gottlosen schlagen Lärm, seis, dass sie sich fürchten, ohne dass sie jemand verfolgt, seis dass sie Furcht heucheln, um alles durcheinander zu bringen.

Ich hätte mehr von den Unruhen in Frankreich geschrieben, wenn ich zur Zeit von der Ankunft unseres Bruders unterrichtet worden wäre; aber es traf sich, dass wir eben im Konsistorium waren, als er in mein Haus kam, und so traf er niemand, mit dem er hätte reden können. Als ich vom Nachtessen heimkam, erfuhr ich erst spät, dass er andern Morgen früh reisen werde. Mein Brief wäre längst bereit gewesen, hätte ich nicht jeden Tag auf neue Nachricht gehofft, die mir Stoff zum Schreiben geben sollte; deshalb schob ich es auf.

Tilemanns wegen habe ich mich noch nicht entschlossen; ich will bei nächster Gelegenheit schreiben, was mir das Beste scheint. Auch hat die Sache ja keine Eile. Lebwohl, berühmter Mann, verehrter Bruder. Deinen Kollegen und deinem ganzen Haus viele Grüße. Ich schreibe diesen Brief, ohne dass ich den Bruder, der ihn dir bringen soll, noch gesehen habe. Ich wollte, deine und Herrn Vermiglis Empfehlung hätte ihm mehr genutzt; aber welcher Getreidemangel bei uns herrscht, hat er zum Teil selbst erfahren, und der Savoyer ist entschlossen, uns durch Mangel an allen Lebensmitteln zu Grunde zu richten. Meine Kollegen lassen dich vielmals grüßen.

Genf, 1. November 1560.
Dein
Johannes Calvin.

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