Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (635)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (635)

Nr. 635 (C. R. – 3242)

Beza reiste im Auftrage Calvins nach Nerac zum König von Navarra.

Von den Vorgängen in Frankreich, den Genfer Stipendiaten und dem Tode Macards.

Wäre ich zur Zeit auf die Abreise dieses Boten aufmerksam gemacht worden, so könnte ich dir einen längern Brief schreiben; aber da ich müde von der Tagesarbeit nach dem Nachtessen schreibe, so musst du mir verzeihen, wenn ich mich kurz fasse, besonders da ich mich noch auf die morgige Predigt vorbereiten muss. Von den Unruhen in Frankreich sind jedenfalls bei Euch wie überall viele verschiedene Gerüchte verbreitet worden. Was die Mehrheit im Sinne hat, weiß ich nicht; was viele hoffen, will ich gar nicht schreiben, um mich nicht mit in ihre Torheit hineinziehen zu lassen. Beza hat auf meine Bitte eine beschwerliche, gefahrvolle und mit mancherlei Schwierigkeiten verbundene Reise angetreten; doch reut es mich nicht, ihn gesandt zu haben. Hätte ich mich nicht ins Mittel gelegt, so stünden nun weite Gegenden in wildem Feuer. Segnet Gott unsern Plan, so haben sie allen Grund, uns reichlich Glück zu wünschen. Was auch kommen mag, – alle Guten werden, wenn sie die Lage kennen, darin einig sein, dass wir nichts unüberlegt versucht haben. Unser Bestreben geht dahin, dass die Unsern keinen Tumult machen. Bisher haben wir schon viel erreicht, die Zukunft liegt in Gottes Hand. Indessen reißt allzu großes Selbstvertrauen die Unsern mit sich fort; denn sie besetzen, obwohl wir es immer verboten haben, Kirchen oder predigen auf öffentlichen Plätzen. Die Brüder, die wir ihnen sandten, entschuldigen sich damit, sie würden wider ihren Willen mitgerissen, oder auch, die Notwendigkeit zwinge sie dazu; denn für Gemeinden von 4000 Seelen genüge ein Privathaus nicht. Doch da ich keine Zeit mehr habe, bald mehr darüber!

Unser Rat hat mich beauftragt, an dich und die andern Brüder in einer sehr guten und Euch nicht unlieben Sache mit einer Bitte zu gelangen. Es ist nämlich beschlossen worden, auf Staatskosten vier Knaben nach Zürich zu schicken, damit sie dort dem Studium der freien Künste obliegen und Deutsch lernen sollen. Nach dem Zeugnis der Schulmeister sind die hoffnungsvollsten Schüler ausgewählt worden, und nun bitte ich Euch im Namen des Rats um die Gefälligkeit, ihnen Quartiere zu verschaffen, wo sie in frommer, ehrbarer Weise erzogen würden. Ich will aber nicht Euch damit zur Last fallen; nur weil ich mich fest darauf verließ, Ihr wäret wohl zu diesem Dienst geneigt, so trug ich keine Bedenken, von Euch, so weit es Euch passt, das zu verlangen, was Ihr wohl von selbst schon getan hättet. Ich möchte einmal recht ausführlich mit dir und den andern Brüdern allerlei verhandeln; aber ich muss es auf ein andermal verschieben, da ich durch anderes abgezogen wurde. Lebwohl, trefflicher Mann und von Herzen verehrter Bruder, samt den lieben Kollegen. Der Herr behüte Euch alle; er leite, bewahre und unterstütze Euch bis ans Ende. Ich kann von niemand Grüße beifügen, weil niemand weiß, dass ich schreiben wollte.

Genf, 6. September, einen Tag vor Abgang des Boten.
Dein Johannes Calvin.

Ich bin von großem Leid bedrückt durch den kürzlich eingetretenen Tod unseres sehr lieben Bruders Macard. Die Kirche ist eines treuen Pfarrers, wie eines sehr lieben Kollegen beraubt; ich persönlich habe den besten Bruder und fast mein halbes Selbst verloren; die ganze Stadt trauert; die tiefer Empfindenden hält schweres Leid befangen.

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