Calvin, Jean – An Beza in Nerac (636)

Calvin, Jean – An Beza in Nerac (636)

Nr. 636 (C. R. – 3243)

Auf was sich der absichtlich unklar gehaltene Brief eigentlich bezieht, ist nicht ganz ersichtlich; vielleicht handelt es sich um in Lyon (bei den „Nachbarn“) aufzubringende Gelder für den König von Navarra, den die Evangelischen als „Führer und Bannerherrn“ gewinnen wollten. Mit Fervidus (Hitzkopf) meint Calvin möglicherweise den jungen Edelmann Ferrieres de Maligny, der versuchte, Lyon in die Gewalt der Evangelischen zu bekommen, so dass sich das Ganze auch auf dieses Unternehmen beziehen könnte. Die „wilden Tiere“ sind die Guisen, mit denen die Bourbons sich nicht verbinden sollen. Makropolis (Großstadt) ist Paris. „Unsere hohe Schule“ bezeichnet wohl ironisch die Pariser Sorbonne, den Hauptherd der Hugenottenfeindschaft, wie „unsere Herren Magister“ stehender Ausdruck für die katholischen Theologen ist.

Vorbereitung der politischen Aktion der Hugenotten.

Weil mein Brief, in dem ich dir schon einmal angab, was ich dir jetzt schreiben will, wohl verloren gegangen ist, so muss ich es jetzt wiederholen. Unser Fervidus war rechtzeitig auf die Änderung des Plans aufmerksam gemacht worden, und schon vorher hatte sich ihm mit guten Gründen klar gemacht, man dürfe nichts unternehmen, bis man von Euch Bericht habe. So hat er mit seiner Eile schwer gefehlt. Übrigens traf es sich sehr ungeschickt, dass dein Brief vom 25. August fast vier Tage von irgendeinem Maultiertreiber zurückbehalten wurde, der versprochen hatte, ihn in fünf Stunden abzuliefern. Ich hatte mich eben aufs Bett geworfen, zurückgekehrt von einem überaus traurigen Gange, nämlich der Beerdigung unseres guten Bruders Macard, die ich gehalten hatte. Obwohl ich von der Trauerwoche ganz erschöpft war, stand ich sofort wieder auf und beschwor Fervidus, das Bereitliegende entweder an die in deinem Brief genannte Stelle zu übermitteln oder es selbst hinzubringen. Indessen hat er, um seine allzu große Raschheit zu entschuldigen, mir den Überbringer dieses Briefes mit einem Schreiben geschickt, aus dem zu entnehmen war, dass er keine Mäßigung gelten lässt. So kann der Bote selbst, der damals auch von seiner Ansicht eingenommen war, dir die ganze Sache besser berichten. Ich habe ihn als den allerpassendsten ausgewählt; denn keiner eignet sich besser zur Überwindung aller Schwierigkeiten als er. Wie schmählich dann der Misserfolg dieses Hitzkopfes war, der sich durch keinen guten Rat leiten lässt, brauche ich dir jetzt nicht zu erzählen; davon dann mündlich. Damit nun dieser widrige Wind unsern Führer und Bannerherrn nicht wankend mache, habe ich sofort jemand zu ihm zu senden beschlossen, um ihm zu berichten, was geschehen war. Außerdem sollten sie auch erfahren, dass wir das Versprochene treulich besorgt hatten. Ich will mit dem nächsten anfangen; unsere Nachbarn hätten ihr Versprechen gebrochen oder wären in völlige Mutlosigkeit verfallen, wenn ich sie nicht recht heftig davon zurückgebracht hätte. Sie hatten ganz mutig geschienen, als der bei ihnen war, der meinem Schelten sein Bitten und Drohen hinzufügte. Drei Tage darauf hörten wir, sie seien wieder ganz umgefallen. Ein anderer musste hin. Die Summe lag bereit; aber wir sollten uns dafür verbürgen. Ob nun auch diesmal wieder irgendein Sturm unsere Fahrt stört, weiß ich nicht; tatsächlich war das Geschäft in guten Treuen abgeschlossen. Davon suche den Führer und Bannerherrn zu überzeugen, dass wir eifrig genug waren, die Sache rasch zu erledigen, dass aber die Langsamkeit der andern die Verzögerung verursachte. Da dein Kommen allen Übeln am besten abhülfe, so schadete es uns sehr, dass nichts von Euch kam. Denn dadurch geschah es, dass der, der dann bei seinem eitlen Vorgehen so kläglich zusammenbrach, sich soviel erlaubte, und die andern so wankelmütig waren, weil sie sich verraten glaubten. Daher dann das Unglück, das aber eher aufmerksam machen soll, statt uns zu entmutigen. Anderswo mache ich mehr Hoffnung, weil energische Geldeintreiber mit meinen Aufträgen nach Makropolis, in die Nachbarstädte und die Provinz an der See verreist sind und keine Mühe sparen. Was bleibt nun noch anderes übrig, als dass der Führer so schnell wie möglich Streitkräfte rüstet, die ihm niemals zuströmen, wenn er ruhig sitzen bleibt? Wenn er klagt, es fehle ihm dazu die Kraft, so wird er viele finden, die alle ihre Kräfte anspannen werden. Er hätte nur schon etwas versuchen sollen, dann hätte er erfahren, welche Kraft in einer zuversichtlichen Energie ruht, und nun berät er sich ergebnislos, während die Gegenpartei handelt und eifrig ihre Zurüstungen trifft, ihn zu überwältigen. Es geht das Gerücht, man wolle ihn mit falschen Schmeicheleien gewinnen, um ihn nachgiebig zu machen; das scheint mir doch recht unwahrscheinlich, da der Hader nun doch soweit gekommen ist, dass eine Aussöhnung nicht mehr möglich ist. Sollte der Führer leichtgläubiger sein, als recht wäre und als ich fürchte, so soll er sich hüten, nicht bald und doch zu spät zu erkennen, dass der Honig mit Gift vermischt war. Selbst angenommen, er könnte ganz ohne Gefahr zurückweichen, was ja eine ganz törichte Hoffnung wäre, gäbe es eine schimpflichere Feigheit, als solchen wilden Tieren die Hand zu bieten, ja ihnen das Gesicht hinzuhalten, dass sie drein speien können, und sich so einen unauslöschlichen Schandfleck zuzuziehen? Aber selbst wenn sich der übermütige Feind offener Schmähungen enthielte, so bliebe, wer solches täte und nicht hundertmal lieber stürbe, ewiger Verachtung anheim gefallen. Dabei ist ja offenbar, dass die Gegner, wenn sie siegten, sich nicht mit bloßen Schmähungen begnügten; bis zum Mord werden sie ihren Triumph treiben. Wenns ihm kein Bedenken macht, seinen Hals zu riskieren, so sollte ihn doch wenigstens die Ehrfurcht vor der Sache rühren, die, wie er weiß, Gottes Billigung und aller Guten Zustimmung für sich hat.

Weil uns unbekannt ist, wie es bei Euch steht, so wage ich nichts weiter zu sagen, als dass du hauptsächlich darauf scharf dringen und das beständig betonen musst, dass es weder nützlich, noch ehrenhaft, noch ungefährlich ist, noch überhaupt erlaubt, irgendetwas unberücksichtigt zu lassen, sondern dass mit handgreiflicher Gewissheit Gefahr für Ehre und Leben ist, wenn nur ein bisschen etwas vernachlässigt wird. Zwar sehe ich wohl, dass wir noch nicht mit den rechten Hilfsmitteln ausgerüstet sind; aber es würde uns erst recht schlimm gehen, wenn wir den um seine Ehre betrögen, in dessen Hand Erfolg oder Misserfolg liegt. Als alles noch beim alten war, schonte ich unsere Nachbarn nicht, sondern ließ alle Zurüstungen auflösen; denn ich sah, was geschehen konnte. Ihre Klagen erwog ich wohl. Ich sagt zu unsern Freunden, unter andern zu dem, dessen wir jetzt beraubt worden sind, Unkundige würden mich der höchsten Grausamkeit beschuldigen, weil ich die Brüder geradezu der Hinschlachtung aussetze und sie aller Hilfe beraube. Aber ich machte mich hart gegen solche Vorwürfe, um dem Gesetz zu gehorchen. Jetzt aber, da ich sie vielem Unrecht ausgesetzt sehe, übermannt mich das Erbarmen, und ich kann mich des bittersten Schmerzes nicht erwehren, sie so verlassen zu sehen. Deshalb ist es deine Pflicht, selbst wenn du zudringlich scheinst, die Ohren derer zu bestürmen, die träge sind oder von bösen Hindernissen umgeben. Könnte ich dich doch dabei sekundieren; aber es ist mir sogar die Gelegenheit benommen, die Faulen mit Briefen aufzustacheln. Richte ihnen also nicht nur aus, was du in diesem Briefe liesest, sondern entlehne auch noch aus „unserer hohen Schule“ allerlei Spitzen; denn du weißt, wie hitzig „unsere Herren Magister“ werden können, wo es not tut. Ich glaube, es ist besser, dich als Dolmetscher meiner Gedanken zu brauchen, als diesen Boten mit verschiedenen Briefen zu belasten, die ihm vielleicht nur Schwierigkeiten machten. Grüße also du die Bewussten ehrerbietig von mir und lebwohl, bester Bruder. Der Herr sei mit Euch allen; er leite, unterstütze und behüte Euch.

10. September 1560.

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