Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Nr. 597 (C. R. – 3023)

An Stelle des in Lausanne abgesetzten Viret war von den Bernern Castellio in Aussicht genommen, und Zurkinden hatte offenbar bei Calvin angeklopft, ob er das wohl leiden würde. Weggelassen sind Bemerkungen über eine uns undurchsichtige Angelegenheit und über die politische Spannung zwischen Bern und Genf. Die im Waadtland und Savoyen abgesetzten Pfarrer standen vor der Frage, ob sie weichen oder es auf eine gewaltsame Vertreibung ankommen lassen sollten; es sollte die Frage auf einer Synode behandelt werden, davon scheint man von Zürich aus abgeraten zu haben. Der Schluss des Briefes fehlt.

Von der Feindschaft gegen Castellio und den Verhältnissen in Lausanne.

Dein Brief, trefflicher Mann, war mir nicht nur deshalb lieb, weil er mir ein Zeugnis deiner Liebe zu mir persönlich ist, sondern auch einen ungewöhnlichen Eifer verrät, Frieden und Eintracht in der Kirche zu wahren. Wenn zwischen uns beiden der Briefverkehr lange unterblieben ist, so ist das wohl mir zuzuschreiben, und ich will nicht leugnen, dass ich gern geschwiegen habe, um mich nicht selbst zu unnützen Zusammenstößen mit dir zu reizen. Obwohl wir zum selben Ziele streben, sind wir doch in Naturanlage und Charakter verschiedener, als ich möchte. Was du von mir hältst und zuweilen auch sagst, weiß ich wohl und bin nicht so von mir eingenommen, dass mir ein paar Fehler, die du an mir rügst, nicht auch missfielen; dafür habe ich manchen guten Zeugen; aber einiges möchte ich doch auch nicht anders haben an mir. Freilich sind wir nicht nur verschiedener Natur, sondern absichtlich schlage ich Wege ein, die deiner Art nicht entsprechen. Dich freut vor allem die Milde; auch ich bin solchem Sinne nicht fremd. Wenn ich dir allzu streng erscheine, so, glaube mirs, habe ich diese Rolle nur übernommen, weil ich musste. Dabei erwägst du gar nicht, wie sehr der Kirche deine milde Freundlichkeit schadet, die den Bösen alles ungestraft durchgehen lässt, die Tugend und Laster verwechselt und schwarz und weiß nicht unterscheidet. Als Beispiel diene Castellio, den du an der Spitze der Lausanner Kirche sehen möchtest, wenn du nicht befürchtetest, es möchte Unruhen geben wegen der Zänkereien, die ich früher mit ihm hatte. Dies Wort verletzt nicht sowohl mich, als vielmehr Gottes heiligen Namen; seine Wahrheit, alle Religion wird damit schmählich beschimpft. Wenn dieser gute Mann die Hauptsache unserer Heilslehre [die Prädestination] ins Wanken zu bringen sucht, wenn er sich nicht schämt, in so abscheuliche Lästerung auszubrechen wie: „Calvins Gott ist ein Lügner, zwiespältiger Heuchler, Anstifter aller Verbrechen, Feind alles Guten und Ehrbaren, schlimmer als der Teufel“, darf ich da nicht klagen, dass du doch gar zu unfreundlich von meinem Vorgehen in dieser Sache sprichst? Ich weiß wohl, du hast nicht vor, den stinkenden, abscheulichen Kot dieses unzüchtigen Hundes zu loben; aber tausendmal lieber soll mich die Erde verschlingen, als dass ich nicht darauf höre, was mir Gottes Geist sagt und befiehlt durch den Mund des Propheten, nämlich dass Schmähungen, die Gott verletzen, auf mein Haupt fallen sollen [Psalm 69, 10]. Und wenn ich nun nach meiner Glaubenspflicht die Sache verteidige, die ich nicht im Stich lassen durfte, ohne ein treuloser Verräter zu sein, so nennst du das, ich zanke mit ihm? Wäre dir doch das unbedachte Wort, dessen ich mich für dich schäme, so schlecht steht es einem Christenmenschen an, nie entfahren! Haben wir nur einen Funken Frömmigkeit in uns, so muss uns eine Lästerung wie die Castellios zu höchstem Zorn entflammen; ich persönlich will da lieber toben vor Wut, als nicht zornig werden. Du siehe zu, wie du einst vor deinem höchsten Richter dafür wirst Rechenschaft ablegen können. Mit umso mehr Recht und umso besserem Gewissen bringe ich diese Klage gegen dich offen vor dich, als du vor zwei Jahren, vor andern mich durchhechelnd, im Scherz sagtest, ich sei eher ein Jünger Ciceros als Christi. – –

– – – Vom Ratschlag der Zürcher kann ich, da ich ihn nicht kenne, weder billigend noch verwerfend etwas sagen. Wer aber dafür ist, keine Synode einzuberufen, der richtet mit seiner Weisheit die Kirche im Waadtland und in Savoyen zu Grunde, wenn überhaupt nach dieser Katastrophe noch von einer Kirche gesprochen werden kann. Es ist beschämend, aber es ist wirklich nicht mehr Gemeinschaft unter uns als zwischen Juden und Samaritern. Aber was soll ich tun? Ihr wollt ja mit mir weniger zu schaffen haben als mit dem heillosesten Türken. Als Viret noch unentschlossen schwankte, was er tun solle, bekam er von mir den von ihm gewünschten Rat, von Lausanne zu weichen, nicht zu hören, und doch war seine Lage anders als die der Mehrzahl seiner Kollegen, die die vielen freien Stellen in Frankreich geradezu zum Weggehen reizen. Ich sage ihnen allen frei heraus, dass es mir sehr wundert, woher sie mit einem Mal das gute Gewissen haben, von dem sie reden; noch vor kurzem hätten sie sich ihren Gemeinden verpflichtet gehalten, nun achteten sie ihren Eid mit einem Mal gar nicht mehr; diese neue Ansicht sei nicht nur verdächtig, sondern lächerlich. So haben wir bisher noch keinen in Genf zugelassen als die, die schon vorher vom Berner Rat ihren Abschied erhalten hatten, der sich darin allerdings zugänglicher erwiesen hat, als ich wollte.

Ich sehe eben, wie bitter der Brief geworden ist, und wenig fehlt, so risse ich ihn in hundert Stücke; aber es ist nicht meine Art, zu verhehlen, was mein Herz so schwer drückt, und du wolltest ja auch gar nicht, dass ich so wenig Vertrauen zu dir hätte. Ich hätte sonst gar nicht schreiben dürfen; denn schmeichlerisch zu lügen, dazu bringt man mich nicht. Dazu kommt, dass mich eine Unmasse von Geschäften noch mehr geärgert hatte. Umso mehr fürchte ich, dass ich dir, der du unter der Qual der Sorgen und Arbeiten auch fast erstickst, zur unrechten Zeit lästig falle. – – –

[Februar 1559.]

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