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Schlagwort: Zurkinden Nikolaus

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Nr. 597 (C. R. – 3023)

An Stelle des in Lausanne abgesetzten Viret war von den Bernern Castellio in Aussicht genommen, und Zurkinden hatte offenbar bei Calvin angeklopft, ob er das wohl leiden würde. Weggelassen sind Bemerkungen über eine uns undurchsichtige Angelegenheit und über die politische Spannung zwischen Bern und Genf. Die im Waadtland und Savoyen abgesetzten Pfarrer standen vor der Frage, ob sie weichen oder es auf eine gewaltsame Vertreibung ankommen lassen sollten; es sollte die Frage auf einer Synode behandelt werden, davon scheint man von Zürich aus abgeraten zu haben. Der Schluss des Briefes fehlt.

Von der Feindschaft gegen Castellio und den Verhältnissen in Lausanne.

Dein Brief, trefflicher Mann, war mir nicht nur deshalb lieb, weil er mir ein Zeugnis deiner Liebe zu mir persönlich ist, sondern auch einen ungewöhnlichen Eifer verrät, Frieden und Eintracht in der Kirche zu wahren. Wenn zwischen uns beiden der Briefverkehr lange unterblieben ist, so ist das wohl mir zuzuschreiben, und ich will nicht leugnen, dass ich gern geschwiegen habe, um mich nicht selbst zu unnützen Zusammenstößen mit dir zu reizen. Obwohl wir zum selben Ziele streben, sind wir doch in Naturanlage und Charakter verschiedener, als ich möchte. Was du von mir hältst und zuweilen auch sagst, weiß ich wohl und bin nicht so von mir eingenommen, dass mir ein paar Fehler, die du an mir rügst, nicht auch missfielen; dafür habe ich manchen guten Zeugen; aber einiges möchte ich doch auch nicht anders haben an mir. Freilich sind wir nicht nur verschiedener Natur, sondern absichtlich schlage ich Wege ein, die deiner Art nicht entsprechen. Dich freut vor allem die Milde; auch ich bin solchem Sinne nicht fremd. Wenn ich dir allzu streng erscheine, so, glaube mirs, habe ich diese Rolle nur übernommen, weil ich musste. Dabei erwägst du gar nicht, wie sehr der Kirche deine milde Freundlichkeit schadet, die den Bösen alles ungestraft durchgehen lässt, die Tugend und Laster verwechselt und schwarz und weiß nicht unterscheidet. Als Beispiel diene Castellio, den du an der Spitze der Lausanner Kirche sehen möchtest, wenn du nicht befürchtetest, es möchte Unruhen geben wegen der Zänkereien, die ich früher mit ihm hatte. Dies Wort verletzt nicht sowohl mich, als vielmehr Gottes heiligen Namen; seine Wahrheit, alle Religion wird damit schmählich beschimpft. Wenn dieser gute Mann die Hauptsache unserer Heilslehre [die Prädestination] ins Wanken zu bringen sucht, wenn er sich nicht schämt, in so abscheuliche Lästerung auszubrechen wie: „Calvins Gott ist ein Lügner, zwiespältiger Heuchler, Anstifter aller Verbrechen, Feind alles Guten und Ehrbaren, schlimmer als der Teufel“, darf ich da nicht klagen, dass du doch gar zu unfreundlich von meinem Vorgehen in dieser Sache sprichst? Ich weiß wohl, du hast nicht vor, den stinkenden, abscheulichen Kot dieses unzüchtigen Hundes zu loben; aber tausendmal lieber soll mich die Erde verschlingen, als dass ich nicht darauf höre, was mir Gottes Geist sagt und befiehlt durch den Mund des Propheten, nämlich dass Schmähungen, die Gott verletzen, auf mein Haupt fallen sollen [Psalm 69, 10]. Und wenn ich nun nach meiner Glaubenspflicht die Sache verteidige, die ich nicht im Stich lassen durfte, ohne ein treuloser Verräter zu sein, so nennst du das, ich zanke mit ihm? Wäre dir doch das unbedachte Wort, dessen ich mich für dich schäme, so schlecht steht es einem Christenmenschen an, nie entfahren! Haben wir nur einen Funken Frömmigkeit in uns, so muss uns eine Lästerung wie die Castellios zu höchstem Zorn entflammen; ich persönlich will da lieber toben vor Wut, als nicht zornig werden. Du siehe zu, wie du einst vor deinem höchsten Richter dafür wirst Rechenschaft ablegen können. Mit umso mehr Recht und umso besserem Gewissen bringe ich diese Klage gegen dich offen vor dich, als du vor zwei Jahren, vor andern mich durchhechelnd, im Scherz sagtest, ich sei eher ein Jünger Ciceros als Christi. – –

– – – Vom Ratschlag der Zürcher kann ich, da ich ihn nicht kenne, weder billigend noch verwerfend etwas sagen. Wer aber dafür ist, keine Synode einzuberufen, der richtet mit seiner Weisheit die Kirche im Waadtland und in Savoyen zu Grunde, wenn überhaupt nach dieser Katastrophe noch von einer Kirche gesprochen werden kann. Es ist beschämend, aber es ist wirklich nicht mehr Gemeinschaft unter uns als zwischen Juden und Samaritern. Aber was soll ich tun? Ihr wollt ja mit mir weniger zu schaffen haben als mit dem heillosesten Türken. Als Viret noch unentschlossen schwankte, was er tun solle, bekam er von mir den von ihm gewünschten Rat, von Lausanne zu weichen, nicht zu hören, und doch war seine Lage anders als die der Mehrzahl seiner Kollegen, die die vielen freien Stellen in Frankreich geradezu zum Weggehen reizen. Ich sage ihnen allen frei heraus, dass es mir sehr wundert, woher sie mit einem Mal das gute Gewissen haben, von dem sie reden; noch vor kurzem hätten sie sich ihren Gemeinden verpflichtet gehalten, nun achteten sie ihren Eid mit einem Mal gar nicht mehr; diese neue Ansicht sei nicht nur verdächtig, sondern lächerlich. So haben wir bisher noch keinen in Genf zugelassen als die, die schon vorher vom Berner Rat ihren Abschied erhalten hatten, der sich darin allerdings zugänglicher erwiesen hat, als ich wollte.

Ich sehe eben, wie bitter der Brief geworden ist, und wenig fehlt, so risse ich ihn in hundert Stücke; aber es ist nicht meine Art, zu verhehlen, was mein Herz so schwer drückt, und du wolltest ja auch gar nicht, dass ich so wenig Vertrauen zu dir hätte. Ich hätte sonst gar nicht schreiben dürfen; denn schmeichlerisch zu lügen, dazu bringt man mich nicht. Dazu kommt, dass mich eine Unmasse von Geschäften noch mehr geärgert hatte. Umso mehr fürchte ich, dass ich dir, der du unter der Qual der Sorgen und Arbeiten auch fast erstickst, zur unrechten Zeit lästig falle. – – –

[Februar 1559.]

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Nr. 570 (C. R. – 2908)

Stadtschreiber Zurkinden hatte sich wegen seiner Toleranz verteidigt und auch Calvin dazu ermahnt, speziell gegenüber den Antitrinitariern Gribaldo (vgl. 524) und Giorgio Blandrata, einem italienischen Arzt in Genf. Der erste Abschnitt von Calvins Antwort bezieht sich auf einen Prozess, den Antoine Calvin gegen Perrin in Bern verloren hatte (vgl. 517). Über die Prädestinationslehre hatte Zurkinden geschrieben, der Widerspruch dagegen scheine geradezu in der Luft zu liegen, da er so allgemein sei. Über den Streit mit Zebedee und um die Kreuzesnot Jesu (Matth. 27, 46) vgl. 445, 447, 448. Der auch deswegen in Bern verklagte Überbringer des Briefes war Pfarrer in Ferney. Ein neuer politischer Konflikt zwischen Genf und Bern war durch die Hinrichtung eines der Verbannten in der Genfer Enklave Celigny entstanden, weil dabei Genfer Beamte in die Berner Gerichtsbarkeit eingegriffen haben sollten.

Von Ketzern, die keine Toleranz verdienen.

Deinen Brief hat mir ein Rechtsagent, der sich einen Freund unseres Nachbars Dumont nannte, volle dreizehn Tage, nachdem du ihn abgesandt hattest, schließlich gebracht. Seinen Inhalt habe ich vor Augen; aber was du damit willst, verstehe ich nicht. Ich will aber lieber mein Urteil darüber aufschieben, als durch eine falsche Lösung des Rätsels mir unnötige Mühe machen. Hattest du im Sinn, unsere Freundschaft, die dir ins Wanken geraten schien, neu zu festigen, so müsste man mich ja mit Recht unanständig und grob schelten, wenn mich dein Eifer nicht freute, und ich will es lieber so auslegen, als allerlei Ungünstigeres vermuten, was ich nicht glauben könnte. Doch musst du, hochgeehrter Herr, mir verzeihen, wenn du mich nicht überzeugen kannst, dass Leute, die durch offenkundige Förderung meiner Feinde mir zu schaden suchen, meine Freunde seien. Dass ich mich im Prozess meines Bruders persönlich von dir verletzt fühlte, davon will ich jetzt nicht reden. Wenn er unter dem Hass der Richter zu leiden hatte, weil er meinen Namen trägt, so schreibe ich freilich das nicht dir zu. Es stand dir frei, stillschweigend dem zuzuschauen, was laut deinem Brief damals geschehen ist. Aber da es mir schon schwer genug sein musste, dass mein Bruder, obwohl er sicher im Recht war, um seine Sache kam, wars da noch nötig, eine Schmach beizufügen, die mich noch schärfer verletzen musste? Ihr pflegt ja wohl, vermute ich, gewöhnlich zu schreiben, es sei nach einem guten Urteil [der ersten Instanz] unrichtig appelliert worden. Um mich als einen, der schwer von Begriff sei, noch schärfer zu treffen, hast du sogar die beiden Ausdrücke [„gut“ und „unrichtig“] in den Superlativ gesetzt. Doch hörte ich nicht auf, dich lieb zu haben, obschon ich das nicht für einen Freundschaftsbeweis ansehen konnte. Als mir deshalb kurz nachher jemand sagte, du seiest mein bester Freund, antwortete ich lächelnd, ich wolle das gerne glauben, wenn ich es erfahre.

Doch ich hätte davon nie ein Wort gesagt, wenn mich nicht dein Brief dazu getrieben hätte. Ja, da ich doch die schwersten Bedingungen, die mir meine Feinde absichtlich antaten, bisher immer verziehen habe, sollte ich nicht einem Freunde, der ein Mann von erprobter Rechtlichkeit ist, ein leichtes Vergehen ohne Schwierigkeit vergeben können? Ich kann mich sogar mit Recht rühmen, dass ich, den die Bösen unversöhnlich schelten, nie einem Menschen um einer persönlichen Beleidigung willen Feind gewesen bin. Ich gebe zu, reizbar bin ich, und da mir dieser Fehler nicht gefällt, so habe ich nicht das Gefühl, in seiner Überwindung soweit gekommen zu sein, wie ich möchte. Aber während mich viele, trotzdem ich unschuldig war, ja sogar ihnen Gutes getan hatte, ungerechter Weise angriffen, in ganz perfider Weise gegen mich intrigierten und mich grausam quälten, so ist doch keiner zu finden, dem ich mit gleichem hätte vergelten wollen, obwohl ich dazu Gelegenheit und Macht gehabt hätte. Ich will nicht wiedergeben, mit welch harten Worten du mich früher einmal verurteilt hast; jetzt, wo du dich mäßigst, nennst du mich immerhin noch maßlos hart. Wenn du aber meinst, die Milde, nach der du strebst, finde allgemeinen Beifall, so täuschest du dich sehr. Es gibt ernste, maßvolle Männer, die sich beklagen, du seiest zu weich und nachsichtig, und die es schwer empfinden, dass auf deiner sonst hervorragenden Tüchtigkeit dieser Makel sitzt. Auch du gibst zu, es sei, weil wir einmal nicht alle gleich geartet seien, billig, dass wir in gegenseitiger Verträglichkeit unsere Freundschaft suchen müssten. Dabei aber gibst du mir allen Grund zu dem Vorwurf, dass jeder, der mich der Strenge bezichtigt, bei dir ohne Ausnahme gewonnenes Spiel hat und als unschuldig gilt, und obwohl du siehst, dass meine Gegner auch nicht ohne Schuld sind, so gewährst du ihnen doch Schutz. Du nennst jetzt zwar nur drei Namen; als ob nicht in Eurem Bernbiet zahllose tolle Hunde wären, die mich unaufhörlich und auf jede Weise zu bekämpfen trachten! Ich weiß, du hast zuweilen die Verleumdungen einiger von ihnen zurückgewiesen, aber stets so, dass du damit doch den Stachel des Vorwurfs gegen mich verbandest.

Sieh, da kommt jetzt z. B. Giorgio Blandrata zu dir. Die Angeberei dieses dir unbekannten Menschen wird gleich zu einem neuen Vorwurf gegen mich. Forsche doch etwas genauer nach, und du wirst selbst sehen, ob deine Leichtgläubigkeit gerechtfertigt ist. Du rühmst dich deiner Milde und Freundlichkeit, da du meinen Eifer, – Gott ist mein Zeuge, dass es ein frommer und gerechter ist, – so rasch verurteilst; da musst du dir schon jemand anders suchen, den du überzeugst, dass du wirklich so bist. Dieser Narr Blandrata fällt mir nun schon ein ganzes Jahr zur Last, und obwohl er mich durch seine wahnwitzigen, gottlosen Ideen, von denen ich ihn abzubringen suchte, nicht so sehr verletzte wie durch seine Unredlichkeit, so habe ich ihn doch stets persönlich angehört und mit ihm gesprochen; ich habe oft mehrere Stunden nacheinander und noch mehr darauf verwandt, ihn zu beruhigen, und nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich suchte ich ihn zu belehren. Weil er sein Gift heimlich unter seinen Landsleuten ausbreitete, konnten schließlich Pfarrer und Presbyterium dies nicht mehr länger ertragen; so legte auch ich mich ins Mittel und nahm seine Bosheit so ruhig hin, dass ich ihm sogar schändliche Verleumdungen vergab, deren er vor der ganzen italienischen Gemeinde offenkundig überführt wurde. Ich weiß, dass meine Nachsicht von meinen Kollegen und fast allen Italienern nicht gebilligt wurde; obwohl ich ihm aber gesagt hatte, er könne guten Mutes und ruhig sein und ihm sogar fest versprochen hatte, ich wolle dafür sorgen, dass man ihn in Ruhe lasse, so trieb ihn doch sein böses Gewissen unaufhörlich um und brachte ihn schließlich zu Fall. Es kam einmal einer der Syndics, ein Jurist, den du vielleicht in Bern einmal gesehen hast, in die Vorlesung, wie gewöhnlich begleitet von einem Amtsdiener. Da ergriff den Blandrata irgendein böser Verdacht und er machte sich eilends davon. Ich kanns vor Gott bezeugen, er hatte keinen Grund, misstrauisch zu sein, als dass eben der Henker, der in seinem Herzen saß, ihm, der sich selbst seiner Bosheit bewusst war, den Verstand raubte.

Was nun Gribaldo angeht, so hat er mir im Ratshaus vorgeworfen, er wundere sich über meinen Hochmut, in dem ich ihm, den Kaiser und Könige freundlich empfangen hätten, (das war nämlich der Hauptstolz des windigen Gesellen), ein Gespräch verweigert habe. Ich antwortete ganz kurz, es sei meine Gewohnheit, selbst die geringsten und verachtetsten Leute aus dem Volk anzuhören, dem berühmten Juristen aber habe ich diese Freundlichkeit verweigert, weil ich aus Erfahrung wusste, dass er ein treuloser Intrigant sei. Denn hätte er sich offen als Anhänger Servets bekannt, so hätte ich ihm Gehör gegeben; weil aber bereits seine Verstellung entdeckt war, so sagte ich, ich habe mit ihm nichts zu schaffen. Nachher willigte ich aber doch in ein Gespräch, um vor Zeugen seiner Verdrehtheit und Unverschämtheit entgegenzutreten. Weil ich ihm aber nicht gleich beim Eintreten die Hand geben wollte, sondern sagte, in einer so ernsten Sache sei es verkehrt, mit solchen falschen Förmlichkeiten zu beginnen, ging er, obwohl ich es im Ton ruhiger Entschuldigung vorbrachte, vor Wut zitternd und zähneknirschend hinaus. Und nun erreichen es diese ganz schlechten Menschen durch ihre Berichte, dass ich nicht nur ein Blutmensch gescholten werde, sondern dass du ihre Sache, sei sie, wie sie wolle, ohne Kritik auf dich nimmst. Du wisst ihrer schonen; wie fürchte ich, dass Gott deiner nicht schonen wird, der Gott, dem das Wohlergehen seiner Kirche, die, wie du wohl weißt, von diesen giftigen Bestien verderbt wird, am Herzen liegt. Wenn ein Dieb dein Haus ausplündert, wolltest du ihn wohl ungestraft laufen lassen? Und nun wird Gottes Ehre zunichte gemacht, die Wahrheit geschändet, die Glaubenseinheit verletzt, die Eintracht in der Gemeinde zerrissen, der Friede gestört, und dabei soll ich ruhig schlafen? Ich habe gelernt, auf meinen Meister zu hören, der mich anders tun heißt. Dass du über die ewige Prädestination Gottes anderer Ansicht bist als ich, (um es offen zu sagen, wie es ist), das hat, soviel ich sehe, seinen Grund darin, dass du die Schrift nicht genug beachtest, sondern dich zu sehr auf dein eigenes Urteil verlässest. Bewiese ich aus undeutlichen, dunkeln Schriftstellen irgendeine Spitzfindigkeit, so wäre es übertriebene Strenge, andere zur Zustimmung zu zwingen; aber da mir die Schriftautorität unbedingt feststeht, so habe ich kein Recht, von ihr zu weichen, was dir auch dagegen in der Luft zu liegen scheint, und gewiss sollte unter uns die Ehrfurcht vor der göttlichen Lehre stärker sein, als dass jeder sich von seiner Meinung leiten lässt, was jetzt – leider Gottes – nur allzu sehr Brauch ist, wie ich sehe. Die übrigen freilich, mit denen ich dich durchaus nicht zusammen rechne, bekämpfen sicher diesen Hauptpunkt der Lehre nur so heftig, weil sie mich persönlich hassen. Vorher dachte niemand an diesen Streit; ja einige von denen, die mich jetzt deswegen gehässig beschuldigen, z. B. Zebedee, warfen früher mit besonders derben Formulierungen dieser Lehre, die ich zu mildern suchte, mit Vorliebe um sich; in Eurer Berner Taufliturgie wird sogar die Prädestinationslehre aufgeführt, wo sie gar nicht hinpasst. Nur wegen des Namens Calvin sind einige Leute nun über diese Lehre so wütend. Es scheint ihnen eben wirksamer zu sein, mich, den sie früher einen Dieb, Kirchenräuber, Ehebrecher und Spieler schalten, jetzt mit dem Schlagwort Ketzer zu bekämpfen. Fällt dieser Vorwand einmal dahin, so werden sie gleich einen neuen haben. Ja, sie fabrizieren schon tagtäglich neue, z. B. die Frage wegen der Angst Christi am Kreuz; denn weil ich sage, er habe nicht nur die Schauer des Todes empfunden, sondern sich auch, weil er beladen mit aller Welt Schuld vor den Richterstuhl Gottes trat, vor Gottes Zorn gefürchtet, so ist, wie du weißt, darüber ein neuer Streit entbrannt. Ich wies vor dem Berner Rat nach, dass der Hämling, mit dem ich mich damals streiten musste, wenn er diese Lehre anfechte, die Grundlagen aller Frömmigkeit zerstöre; meine Verteidigung wurde für nichts geachtet, und so oft nun ein gelehrter, rechtschaffener Mann für den Kirchendienst examiniert wird, so ist seine Abweisung eine ausgemachte Sache, wenn man merkt, dass er damit mit mir übereinstimmt. Als der Überbringer dieses Briefes, über solch ein schmähliches Verfahren ergrimmt, sich dagegen auflehnte, wurde er unter Drohungen deswegen nach Bern gezogen, und wenn ihn auch das Chorgericht frei sprach, so haben doch einige Leute, die zwar die Mönchskutte abgeworfen, aber das Herz noch voll von hundert Mönchspraktiken haben, es mit ihren Ränken durchgesetzt, dass ihn der Landvogt, der ihm schon früher immer feind und aufsässig war, von neuem vor Gericht zog. Da bietet dir nun Gott einmal einen sehr guten Anlass, deine Milde zu zeigen und einem Unschuldigen zu helfen zum Beweis, dass dir die Grausamkeit nicht gefällt. Ich schäme mich zwar fast, dass ich mir darum Sorge mache, er könne in einer so guten Sache unterliegen. Auch mag ich ihn fast nicht zur Belassung im Amt empfehlen; eigentlich verdient er es nicht, dass er noch länger in so schmutziger Gesellschaft bleibt; denn unter den Pfarrern, deren Kollege er ist, verraten sich die, die bisher als die besten galten, durch ihre Gleichgültigkeit und ihr serviles Schweigen in dieser Sache als schnöde Mietlinge. Ich will nicht mehr schreiben, als dass du ihn nach seiner Frömmigkeit, Billigkeit und Klugheit beraten, unterstützen und fördern mögest, wie es dir gut scheint. Wenn jemand mich lobt und dabei das rechte Maß überschreitet, so will ich dich gern als Tadler dulden, nur musst du dich dann auch maßvoll zeigen in der Verurteilung meiner Fehler. Aber überlege dir auch, ob es freundlich ist, mich mit falschen Spötteleien nicht etwa nur obenhin zu treffen, sondern geradezu herunterzumachen, weil ich, von einer großen Menge frech herausgefordert, die Feinde der Wahrheit leidenschaftlich widerlege; auch darfst du dich nicht wundern, dass, wer das Herz voll Bitterkeit hat, nicht Süßigkeit ausströmen lassen kann, als ob er ganz ohne allen Ärger wäre. Freilich bin ich auch nicht so eigensinnig, dass ich zornig werde, wenn die Schärfe meiner Polemik, zu der ich, das muss ich sagen, nur wider Willen gekommen bin, keinen Beifall findet. Aber ich glaube, verzeihen muss man es mir doch, wenn ich, zur Verteidigung der reinen Lehre genötigt, etwas scharf dreinfahre gegen verstockte Menschen, mit denen, soviel ich sehe, Propheten und Apostel nicht schonender umgegangen sind. Dass ich bei politischen Konflikten unbeteiligt bin, brauche ich das zu entschuldigen? Ich habe ja früher auch nichts damit ausgerichtet. Wer meine jetzige schwache Gesundheit und nur die Hälfte meiner Arbeitslast kennt, versteht, dass mir dazu keine Zeit bleibt. So weit es aber meine amtliche Arbeit erlaubt und die Not fordert, werde ich mir auch jetzt kein Gewissensbedenken daraus machen, etwa einen heilsamen, guten Rat zu erteilen; auch reut es mich nicht, dass bisher durch mein Eingreifen schwere, gefährliche Unruhen gestillt worden sind; denn dass auf mein Betreiben hin je auch nur der kleinste Streit begonnen worden sei, kann niemand sagen. Wenn du allerlei Angebern mehr glauben willst als mir, – ich werde schweigen. Lebwohl, hochberühmter Mann und von Herzen verehrter und geachteter Bruder. Der Herr sei stets mit dir; er leite dich mit seinem Geiste, unterstütze dich mit seiner Kraft und segne dich samt deiner Frau und deinem ganzen Hause.

Genf, 4. Juli 1558.

Es mag dir als Zeichen meines Wohlwollens gelten, dass ich im Vertrauen auf deine Lauterkeit, was mich drückte, ganz unbedenklich dir anvertraut habe.

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Nr. 485 (C. R. – 2395)

Zurkinden, der bernische Stadtschreiber, war einer der ganz wenigen Freunde, die Calvin in Bern hatte; er hatte diesen in einem Briefe ersucht, in Genf für Erneuerung des Burgrechts tätig zu sein. Einen Hauptgegenstand bildeten wieder im Streit die Güter der Abtei St. Victor mit ihren Regalen, Jagdrechten usw., über die einst das Basler Schiedsgericht (vgl. 45) gesprochen hatte. Zurkinden schlug zur Regelung dieser Frage einen Umtausch bernischen und genferischen Gebietes vor. Zur Nachschrift vgl. 239.

Calvins Anteil an der Genfer Politik.

Nichts konnte mir gelegener kommen als dein Brief und nichts sich besser eignen, meine Schmerzen zu erleichtern. Denn welche tiefe und schmerzliche Wunde es mir geschlagen hat, dass man auf eine Erneuerung des Burgrechts nicht mehr glaubte hoffen zu dürfen, das brauche ich gar nicht zu sagen. Zwar behaupten viele in Bern, um mich verhasst zu machen, fälschlicherweise, sie seien vom Gegenteil überzeugt, aber wer nachforschen wollte, wie ernsthaft mein ganzes Bestreben darauf ausging, die Vereinigung der zwei Städte aufrecht zu erhalten, der müsste, wenn er auch noch so parteilich wäre, anerkennen, dass ich nichts so ängstlich befürchtet habe, als dass unsere Hartnäckigkeit uns in solche Nöte bringen könnte. Anfangs, als man über die aufzustellenden Bedingungen verhandelte, wurde ich vom Rate beigezogen. Du wirst fragen, warum ich mich in solche Geschäfte mische, die mir nicht zukämen und mir bei vielen Leuten großen Hass zuzögen. Obwohl ich solche politische Fragen nur selten berühre und nur widerwillig mich damit befassen muss, lasse ich mich doch zuweilen hereinziehen, wenn es die Notwendigkeit erheischt. Gewiss habe ich darin bisher solches Maß gehalten, dass es mich nicht reuen muss. Du weißt, was die Bösen sagen; aber auf die leitende Stellung, die ich nach ihrer Behauptung so gierig an mich zu reißen suche, verzichte ich tatsächlich so sehr, dass ich wie ein Fremder in dieser Stadt bin; tagtäglich höre ich irgendwelche Leute aus dem Volk über Dinge politisieren, von denen ich gar nichts weiß. Der Rat aber beruft mich nur, wenn er in großen Fragen sich nicht zu raten weiß; sei es, weil er merkt, dass es sonst unpassend wäre, sei es, weil er überhaupt nicht gerne fremde Hilfe beansprucht, sei es schließlich, weil er sieht, dass ich selbst dem gerne auswiche. Könnte ich doch um Befreiung von dieser Pflicht bitten! Seit ich aber vor fünfzehn Jahren hierher zurückgekehrt bin, als Gottes Hand mich hierher wies, und die Menschen fast zudringlich mich haben wollten, so dass ich keinen rechten Grund hatte, es abzulehnen, da wollte ich lieber mich um die Herstellung des Friedens in allerlei Unruhen bemühen, als ein müßiger Zuschauer sein. Um von früherem ganz zu schweigen – wie hätten diese neuen Verhandlungen begonnen, wenn nicht jemand die erste Leidenschaft beschwichtigt hätte? Die Genfer sind nicht so töricht, dass sie nicht bemerkt hätten, wie drückend manche Punkte des Burgrechts für sie waren. So war die allgemeine Stimmung für Aufstellung neuer Bedingungen. Dass sie dann doch den bisherigen Wortlaut ruhig [als Grundlage zur Erneuerung] annahmen, das hat, nicht ohne lange, heiße Kämpfe, einer durchgesetzt, der, als man ihn um seine Meinung fragte, Genf nicht durch sein Stillschweigen zu Grunde richten wollte. Ich war dabei und wundere mich, dass das erreicht worden ist, was du siehst. Denn sowie einer recht keck redet, so gewinnt und begeistert er die unerfahrenen Leute leicht, wenn er auch das Törichteste vorbringt, das uns ruinieren müsste, dabei aber doch den Schein für sich hat, mutiger als die übrigen die Rechte Genfs zu verfechten. So musste mancher Feuerbrand gedämpft werden, damit eine ruhige, sachliche Antwort nach Bern kommen konnte. Ich muss zugeben, dass auch in unserm freundschaftlichen Schreiben noch einige Funken sprühten; man musste eben dem gerechten Schmerz etwas nachgeben, bis sich allmählich die Stimmung besänftigt hatte. Nichts aber hat die ganze Verhandlung so gestört, wie Eure knappe Schärfe im Nein sagen. Die Stimmung in Genf war schon dadurch verbittert, dass man sah, wie Ihr unseren Feinden Schutz botet. Auch kamen von Bern drohende und spitze Schreiben, aus denen man entnehmen konnte, dass man gerne jeden Anlass ergriff, uns zu beleidigen. Auch war es verletzend, dass bösen, von uns offen verurteilten Menschen soviel Freiheit gelassen wurde zum Lästern, da doch die eigentlich die Bundespflicht uns hier wie dort zum gegenseitigen Schutz der Staatsehre verpflichtete. Als Ihr schließlich unser Angebot, in einigem nachzugeben, abwieset in einem deutschen Schreiben, wie das vorher nie vorgekommen war, da schien es eben, Ihr wollet uns Eure Verachtung zeigen. Wer an Kraft geringer ist, der ist eben meistens sehr argwöhnisch. Du kennst das Wort des Terenz: Wer im Unglück ist, empfindet alles als Schmähung. Und doch siehst du: unsre Obrigkeit hat, obwohl sie nach ihrem Urteil sehr unfreundlich behandelt worden ist, nichts Feindseliges in ihrem Interesse unternommen, vielmehr, wie du es wünschest, eine Vermittlung durch gemeinsame Freunde gesucht. Ich möchte nicht, dass Genf dabei hartnäckig um Jagdrechte und derartige Kleinigkeiten stritte, und man ist auch bereit zu hören, was Ihr davon abgezogen haben wollt. Im Übrigen, glaube ich, nähmen es die Genfer übel, wenn ihnen Gerichtsbarkeiten, die sie bisher inne hatten, genommen würden, und so wäre ein Tausch das bequemste Auskunftsmittel, zu dem ich auch stets nach Kräften geraten habe. In dieser Hauptfrage, um die sich jetzt alles dreht, wirst du ohne Zweifel das Vorgehen, das deinen Wünschen entspricht, auf jede Weise zu fördern suchen. Denn dein Brief bezeugt, dass dir aus deinem brennenden Wunsche ein Hoffnungsstrahl aufgeleuchtet ist, der dich heißt, alles zu versuchen; so brauche ich dich, da du schon von selbst läufst, nicht noch mit Ermahnungen anzutreiben. Auch ich will hier in meinem Lauf nicht innehalten, damit du schließlich merkst, dass mir mein Leben nicht lieber ist als das heilige Freundschaftsband, an dem das Wohl Genfs hängt. Was mich bisher zögern ließ, dir zu schreiben, errätst du zur Genüge. Nämlich der Zugang zu dir war mir abgeschnitten. Zu all den andern Qualen, die mich mehr als recht peinigten, kam als der Gipfel des Schmerzes, dass ich hörte, du habest mich nicht nur in bösem Verdacht, sondern du habest sogar gehässige Reden über mich geführt, die deutlich eine Entfremdung bewiesen hätten. Ich will sie nicht wiederholen, um dich nicht zu kränken, während ich mir Glück wünsche, [dass das nicht wahr ist]. Lebwohl, trefflicher Mann und verehrter Bruder. Der Herr sei stets mit dir, er leite dich mit seinem Geiste und rüste dich aus mit seiner Kraft.

Genf, 21. Februar 1556.

Da du weißt, dass böswillige Menschen schon versucht haben, mir durch meine Briefe zu schaden, so wird es klug und billig von dir sein, diesen gleich zu vernichten, in dem ich dir, wie du siehst, recht freimütig mein Herz ausgeschüttet habe.