Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (529).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (529).

Nr. 529 (C. R. – 2673)

Christophe Fabri hatte Calvin eingeladen, nach Neuchatel zu kommen. Was Calvin eben in Genf festhielt, ist nicht ganz durchsichtig, wahrscheinlich die politische Lage, die infolge des von den Verbannten gegen Genf geübten Faustrechts noch sehr misslich war; der Rat bat Calvin, nicht zu reisen. Jacqueline de Rohan, Marquise de Rothelin, beanspruchte für ihren Sohn die Grafschaft Neuchatel gegen Jacques de Savoie, Herzog de Nemours; die Sache sollte durch ein Berner Schiedsgericht entschieden werden.

Ablehnung einer Einladung. Von der Polemik gegen Westphal.

Als ich den Brief unseres lieben Christophe gelesen, hätte ich nicht gezögert, Eurem Wunsche nachzukommen, wenn mich nicht etwas anderes festgehalten hätte. Als ich aber sah, dass meine Reise einigen Leuten, denen ich gern einen Gefallen tue, unlieb wäre, zog ich es vor, sie noch ein wenig aufzuschieben, bis nicht mehr so viele Genfer Nöte meine Hilfe in Anspruch nehmen. Ich schreibe dir von unseren Verhältnissen nichts, damit du dir nicht unnötig Sorgen machst; mündlich kann ich dir dann auch offener berichten, was doch nicht in einem Brief geht, sobald die Unmenschlichkeit der Feinde, die alles versuchen, uns zu Grunde zu richten, etwas nachlässt. Schreibe mir doch, wie lange die Mutter Eures Fürsten noch in Neuchatel ist; hat sie etwa im Sinne, bald abzureisen, was ich aber nicht glaube, so werde ich mich umso mehr beeilen.

Westphal und Konsorten gegenüber wäre es mir schwer gewesen, mich zu mäßigen, wie du mir rietest. Du sagst, sie seien doch unsere Brüder; aber wenn wir ihnen den Brudernamen anbieten, so weisen sie es nicht nur zurück, sondern fluchen uns noch dafür, und wie lächerlich machten wir uns, wenn wir mit der Bezeichnung Brüder groß täten vor Leuten, denen wir als die schlimmsten Ketzer gelten! Aber selbst wenn es nicht schwer gewesen wäre, deinen und anderer Leute Mahnungen hierin zu folgen, – meine Art ist einmal anders. Das Buch ist schon zur Hälfte gedruckt; wenn in sechs Tagen jemand nach Neuchatel reist, kann ers dir hoffentlich ganz bringen; denn es wird gleichzeitig mit zwei Pressen gedruckt. Lebwohl, bester trefflicher Bruder samt Christophe und den übrigen Brüdern. Der Herr leite, behüte und segne Euch auch fernerhin. Grüße die Bürgermeister und den Landvogt von mir. Die Freunde lassen dich vielmals grüßen.

Genf, 1. August 1557.
Dein
Johannes Calvin.

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