Calvin, Jean – An Jakob Andreä in Tübingen (530)

Calvin, Jean – An Jakob Andreä in Tübingen (530)

Nr. 530 (C. R. – 2674)

Der württembergische Theologe Andreä (vgl. 512) hatte Calvin seine Schrift über die Abendmahlsfrage gesandt.

Vom Streit mit den Lutheranern.

Dein Brief, trefflicher Mann und von Herzen verehrter Bruder, war mir schon darum recht angenehm, weil er mir zeigte, dass in all den unglückseligen, traurigen Kämpfen, mit denen ich heimgesucht werde, du mir stets gleich wohlgesinnt bist. Wenn nur Westphal mirs zugelassen hätte, mich auch weiter so maßvoll, wie ich es anfangs tat, um die Schlichtung der Streitigkeiten zu bemühen; nun haben aber einige sächsische Theologen seinen Fanatismus noch übertroffen und rühmen sich vor aller Welt, bloß das habe sie aufgebracht, dass ich sie freundschaftlicher, als sie gewollt hätten, angeredet habe. Nun, da mir ihre Unverschämtheit jede Freundlichkeit untersagt, muss ich wohl gröber mit ihnen umgehen. Aber der heftige Ton soll mich nicht hindern, mich eifrig anzuschließen, wenn es einigen wirklich am Herzen liegt, dass Friede wird. Je heftiger die Feuersbrunst aufflammt, umso eifriger müssen alle, die bisher noch der Ruhe genießen durften, herbeieilen, sie zu löschen. Dein Buch habe ich einem Freunde zu lesen gegeben, da ich selbst nicht Deutsch kann; er wird mir dann den Hauptinhalt berichten. So viel ich sehe, verteidigst du ohne Bitterkeit und ohne jemand zu schmähen, was ich bekämpfe. Wenn ich nun auch deine Mäßigung mit Freuden begrüße und lobe, so tut es mir doch nicht wenig leid, dass zwischen uns eine größere Meinungsverschiedenheit besteht, als ich glaubte. Übrigens, wenn sich diese Meinungsverschiedenheit nur nicht zu persönlichem Hass auswächst, so wird uns Gott schließlich schon offenbaren, was jetzt noch verborgen ist. Meine Ansicht vom unterschiedslosen Essen [des Leibes Christi durch Gläubige und Ungläubige] habe ich früher schon deutlich auseinandergesetzt und in meinem letzten Werk öfters wiederholt, und weit entfernt davon, dass deine Gründe mich überzeugten, wundert es mich vielmehr, dass dir nicht in den Sinn gekommen ist, dass die Gottlosen ja eigentlich durch das Zurückweisen des Leibes Christi sich noch viel größeres Verderben zuziehen als durch sein Genießen. Weil du aber von mir manches noch ausführlicher dargestellt haben willst bei deiner Erwägung meiner Gründe, so gib mir Bescheid, was du an meiner Lehre missbilligst. Das Wormser Religionsgespräch wird vermutlich nicht anders ausgehen, als dass die Papisten durch Vertrödelung der kostbaren Zeit mit den fürstlichen Schirmherren des wahren Glaubens ihren Spott treiben. Lebwohl, hochberühmter Mann und verehrter Bruder. An Herrn Brenz viele Grüße. Der Herr leite dich auch fernerhin mit seinem Geiste, rüste dich aus mit seiner Kraft und lasse dich reich werden an seinen Segnungen.

Genf, 1. August 1557.
Dein
Johannes Calvin.

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