Calvin, Jean – An Johannes von Laski in Emden (400)

Calvin, Jean – An Johannes von Laski in Emden (400)

Joh. von Laski (vgl. 345), mit seiner Gemeinde aus London flüchtig, aus Dänemark von den Lutheranern vertrieben, hatte endlich in seiner früheren Gemeinde Emden unter der Gräfin Anna von Ostfriesland Ruhe gefunden. Er hatte Calvin von der Verfolgung durch die Lutheraner berichtet und ihm die Schrift Westphals gesandt. De Sechelles war ein französischer Refugiant in Frankfurt a. M.; John Cheke (vgl. 356) der frühere Lehrer Eduard VI. und Morrison der englische Gesandte am kaiserlichen Hof; bei längerem Aufenthalt in Genf waren ihre Güter in England konfisziert worden.

Teilnahme am Los der aus England vertriebenen Refugianten.

Dass ich dir später antworte, als du vielleicht erwartest hast, trefflichster Mann und von Herzen verehrter Bruder, liegt daran, dass ich dachte, es liege kein Nachteil in meinem Säumen. Denn wenn auch seither ein junger Friese von hier nach Emden abgereist ist, so wollte ich, weil ich kaum hoffen durfte, er komme bald an, ihm keinen Brief mitgeben, damit er ihn auf weiten Umwegen herum trage. Ihm folgte bald darauf ein zweiter, der aber einen ebenso weit abweichenden Reiseweg im Sinn hatte. Denn dein Bote, Herr de Sechelles, ist rasch von hier abgereist, und ließ als meine Gäste die Herren Cheke und Morrison hier, die sich dann nach Italien zurückziehen mussten. So kams, dass ich ihn leer abziehen ließ, und er wäre doch der vor allem passende Bote gewesen, der dir wenigstens mein Schreiben sicher und treu hätte zukommen lassen.

Wenn du nun erwartest, ich werde mein langes Zögern durch einen inhaltreichen Brief wieder gut machen, täuschest du dich. Ich glaube auch, du erwartest diese Art Liebesdienst gar nicht von mir, die dich doch nur ohne Nutzen aufhielte. Denn es liegt mir nichts so Wichtiges vor, wie das, was du erzähltest. Es war zwar nicht erfreulich zu lesen, aber doch uns lieb und nützlich. Denn die Kunde von Eurer Wanderung hat meinem Herzen solchen Schmerz und solche Traurigkeit bereitet, dass ich die wirklich der Erinnerung werten Ereignisse gerne genauer kennen lernte. Ohne Zweifel wird auch manches andere Herz dadurch gerührt. Deshalb war es meines Erachtens der Mühe wohl wert, aufgeschrieben zu werden, und es wäre vielleicht gut, wenn es noch weiterhin veröffentlicht würde. Bei mir persönlich hat es bereits eine Frucht gezeitigt, die mich nicht reut. Übrigens, von der Grausamkeit der Dänen zu erfahren, war mir sehr schmerzlich und bitter. Guter Gott, kann in einem christlichen Volk solcher Barbarensinn walten, der die Wildheit des Meeres übertrifft? Als sich das Gerücht verbreitete, den armen Brüdern, die, aus England vertrieben, neue Gastfreundschaft suchten, habe der König von Dänemark ein Hoffnungszeichen gegeben, da erhob sich gleich ein solches Loben, dass diese eine Tat genügt hätte, ihm unsterblichen Ruhm zu erwerben. Jetzt aber wird er sich, fürchte ich, eine nicht weniger furchtbare Strafe Gottes zuziehen, als er sich gewaltige Verachtung bei allen Guten erworben hat. Und je mehr gerade von mir, ja durch mein Lobgerede, seine edle Menschlichkeit gefeiert worden ist, umso herber empfinde ichs, dass nun seine milde Art von ungeschickten Hetzern verderbt worden ist. Die Treulosigkeit der Leute aber, die ihn sogar hätten besänftigen müssen, wenn er feindselig gesinnt gewesen wäre, ist so abscheulich, wie ihre Grausamkeit. Aber soviel sehe ich, hat eine teuflische Wut jenen ganzen Küstenstrich erfasst. Auch Sachsen und die umliegenden Länder sind davon angesteckt, dass sie ohne Maß noch Scham wider uns toben. Für die Papisten ists ein lustiges, liebliches Schauspiel! Umso mehr müssen wir uns Mühe geben, still hinunterzuwürgen, was nicht ohne Schande für das Evangelium in die Öffentlichkeit gebracht werden darf.

Da ich aber nicht daran zweifelte, gelehrten, maßvollen Leuten sei ein so maßloser Angriff verhasst, so hielt ich dafür, ganz dürfe man nicht schweigen; gewiss, an mir lag es nicht, dass nicht am ersten Tag Maßregeln ergriffen wurden, ihn zurückzuweisen. Unser bester Bruder Bullinger war andrer Meinung; er sah im Schweigen und Dulden den Sieg. So gab ichs auf, etwas zu tun, damit mein Eifer nicht Verdacht erwecke. Neulich aber hat Bullinger seinen Sinn geändert, und, vermutlich angeekelt von der Unverschämtheit [unserer Gegner], mich von selbst aufgefordert, ihre stinkenden Verleumdungen in einem kurzen Schriftchen zu widerlegen, und ich habe versprochen, es zu tun. Da mich aber bis zur Büchermesse der Kommentar zur Genesis festhält, und die neue Schrift, die gemeinsame Unterschrift der [Schweizer Theologen], die ich verteidige, erfordert, so habe ich noch nicht angefangen. Habe ich erst einmal begonnen, so wird es hoffentlich eine Arbeit für kurze Zeit sein.

Doch um auf dich, verehrter Bruder, zurückzukommen, – dass du und deine Genossen mit ebenso maßvoller Ruhe als entschlossenem Ernst gegen die ungeheuerliche Wut und den Hochmut der Bestie gekämpft habt, dass Ihr dabei stets den gleichen maßvollen Ton festhieltet, so oft andere mit derselben Heftigkeit Euch angriffen, ist schon ein zweifach löbliches Beispiel. Dass aber Eure Verteidigung der Wahrheit so echt war, dass Ihr, obwohl schon zu Land und Meer hart hergenommen, eine zweite Auswanderung nicht scheutet, in solcher Standhaftigkeit habt Ihr ein Gott wohlgefälliges Opfer gebracht und allen Frommen ein gutes Beispiel gegeben. Ich freue mich, dass Gott endlich ein Einsehen mit Euch gehabt hat, so dass sich Euch ein ruhiger Hafen auftat, in dem Ihr nun nicht nur ausruhen dürft, sondern auch für Gott und seine Kirche fruchtbringende Arbeit tun könnt. Gott verleihe der erlauchten Fürstin, die Euch so freundlich und gütig ihre mütterliche Hand bot, aller Art Segen.

[Ende Mai oder Anfang Juni 1554.]

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