Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (382)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (382)

Nr. 382 (C. R. – 1838)

Die Gutachten der schweizerischen Kirchen fielen alle zu ungunsten Servets aus. Über das Weitere vgl. 377. Pfarrer Gwalther scheint über die Vorgänge am 3. September in Zürich berichtet zu haben, Calvin wolle Genf verlassen.

Aufklärung über die Genfer Verhältnisse. Dank für das Gutachten gegen Servet.

Ich sehe aus deinem Brief, verehrter Bruder, dass dir unsere schlimmen Zustände, über die ich mich bei dir beklagt hatte, nicht genügend bekannt sind. Weil die Bösen wissen, dass ich reizbar bin, so versuchen sie, meine Geduld auf die Probe zu stellen dadurch, dass sie mir oft und in mancherlei Weise Ärger machen. So schwer auch für mich das Ringen war, so haben sie doch nie erreicht, was sie wollten, nämlich, dass ich vom rechten Wege abwiche. Und gegen alle ihre Stiche bin ich schon längst abgehärtet. Denn der Herr hat mich in kurzer Zeit unter diesem Volk so in die Schule genommen, dass ich durch manche Erfahrung gelernt habe, wie viel ein Diener Christi aushalten muss. Der, der mich bisher aufrechterhalten hat, wird mich auch fernerhin mit nicht weniger Stärke ausrüsten. Deshalb werde ich, im Vertrauen auf seine Hilfe, den Posten, auf den er mich gestellt hat, niemals freiwillig verlassen. Auch habe ich mich, als neulich Herr Gwalther hier war, durchaus nicht, von irgendwelcher Schmähung oder Beschimpfung im Widerstand gebrochen, zum Weichen gerüstet, sondern weil die Bösen ein Vorgehen wählten, das mich wider meinen Willen vertreiben musste. Ein gewisser Mensch, der wegen seiner ungezügelten Leidenschaft und manches Frevels vom Abendmahl ausgeschlossen war, bis er Reue zeigte, verlangte trotzdem zugelassen zu werden, unter Verachtung des Urteils der Kirche, und obgleich er durch seinen Trotz offen das Recht des Konsistoriums umstürzte, so wurde ihm doch vom Rat bewilligt, was ich ihm verweigern musste. Übrigens da mir die eiserne Stirn dieses Gesellen bekannt genug war und die Bösen ihn mir absichtlich entgegenstellten, damit er durch seine Frechheit mich besiege oder einen Aufruhr errege, so hatte ich den Rat darauf aufmerksam gemacht, was ich tun werde. Doch trug die Partei der Schlechten den Sieg davon, und ich erreichte nichts. Am folgenden Tag war ja dann unser Bruder, Herr Gwalther, hier, als ich in der Predigt sagte, hundertmal lieber wollte ich sterben, als das heilige Brot des Herrn vor die Hunde werfen, die eingestandener Maßen, und nicht ohne freche Verhöhnung des Evangeliums, die Kirchenordnung mit Füßen zu treten beschlossen hätten. Was ich dann nachmittags sprach, das siehst du besser aus der Predigt selbst, die unser lieber Beza übersetzen ließ. Und halte nichts für nachträglich geändert; ich habe sie nicht mehr durchgesehen, sondern sie ist genau so, wie sie mir aus dem Munde floss, nachgeschrieben worden. Nachher wurde die Angelegenheit nochmals im Rat verhandelt. Da nun die gute Sache hier sich überlegen erwies, so gaben sie, die eine Verwirrung der Verhältnisse wünschen, allmählich klein bei, bis sie eine geeignetere Zeit finden, Lärm zu schlagen. Es steht nämlich der feierliche Wahltag bevor, an dem sie zweifellos etwas probieren werden. Doch der Herr wird dafür sorgen, dass ihre bösen Pläne zunichte werden. Ich will lieber die Kirchenordnung, die durch Beschluss von Rat und Volk in Genf angenommen ist, mit dem Tod besiegeln, als dulden, dass sie vor meinen Augen umgestürzt wird. Wenn man mich in meiner Amtspflicht hindert, so will ich lieber, dadurch gezwungen, weggehen, als auf die Freiheit verzichten, ohne die mein Amt in sich zusammensänke. Doch bin ich nicht so eiserner Art, dass mich nicht die furchtbare Zerstreuung meiner Herde, die ich dann voraussehe, quälte; wenn ich aber bedenke, was mein Gewissen mir erlaubt, so bestärkt mich das nur in meinem Entschluss. Du fahre fort, wie bisher, uns mit deinem Gebet zu unterstützen, dass Christus sich diese Herde erhalte.

Es sind nun schon acht Tage, seit der Bote von Euch wieder gekommen ist. Wie viel Dank unsere Kirche Euch für Eure treue Hilfe und Eure mutige Antwort schuldet, kann ich gar nicht sagen. Schon dafür, dass Ihr von mir und meinen Kollegen zur Empfehlung unserer Lehre so liebenswürdig und ehrenvoll sprecht, fühlen wir uns Euch persönlich sehr verbunden und sagen Euch warmen Dank. Hätten wir doch einmal Gelegenheit, in einem Gegendienst mit Euch zu wetteifern! Aber wir wissen, Ihr seid mit unserer Gesinnung zufrieden. Was mit Servet geschieht, weiß man noch nicht. Soviel ich aber vermuten kann, wird morgen im Rathaus das Urteil gefällt werden und übermorgen die Hinrichtung stattfinden.

In Frankreich stehts nicht besser als gewöhnlich. Wo Grund zur Verfolgung da ist, wird das Blut nicht geschont. In Dijon werden in Bälde drei verbrannt werden, wenn es nicht schon geschehen ist. Es besteht Gefahr, dass die schottischen Unruhen den Brand noch vermehren. Ich schreibe das deshalb, damit die armen Brüder Euch empfohlen seien. Denn es wird berichtet, in Nimes lägen wieder sieben oder acht in Ketten; in andern französischen Städten noch mehr. Lebwohl, hochberühmter Mann und sehr verehrter Bruder. Grüße deine Kollegen, deine Frau, deine Schwiegersöhne und Töchter angelegentlich von mir. Der Herr sei stets mit Euch und leite Euch mit seinem Geiste. Meine Kollegen lassen dich vielmals grüßen.

Genf, 25. Oktober 1553.

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