Calvin, Jean – An Christian III., König von Dänemark.

Calvin, Jean – An Christian III., König von Dänemark.

Widmungsbrief des Kommentars zur Apostelgeschichte.

Die Apostelgeschichte als Kritik des Papismus.

Wenn einst den zum Krieg ausziehenden Juden nach der Vorschrift des Gesetzes die heiligen Trompeten erklangen [4. Mose 10, 2 ff.], trefflichster König, so geschah das, glaube ich, nicht nur darum, dass das Volk keinen Krieg beginne oder führe als unter Gottes Schutz, sondern auch, damit die vom Kriegslärm erschreckten Herzen nicht unversehens Gottes vergäßen, wie es leicht geschieht und gerade dann besonders verderblich wäre. Denn bei der hinfälligen Eitelkeit unseres Menschenwesens ist nichts leichter, als dass alle Sinne von den Sorgen der Welt, die uns ganz Gott entfremdeten, gefangen genommen werden. Unter Sorge der Welt verstehe ich mancherlei. Die einen entmutigt die Furcht vor Gefahren, andere regen leere Hoffnungen auf neue Ereignisse auf; andere werden durch das Ungestüm des Kampfes übermütig; andere geben sich zügellosem Freiheitsdrang hin; wieder andere treibt die Verzweiflung zur Wut; andere werden durch die Gewöhnung ans Unglück steinhart; wieder andere treibt die Mordgier weiter als recht ist; so werden alle von bösen Verderbnissen ergriffen und werden gottlos. Und nun glaube ich, dass bei der jetzt überall herrschenden Verwirrung aller Verhältnisse kaum je eine Zeit war, in der es mehr Not tat, die Herzen der Frommen mit den genannten heiligen Klängen zu wecken, auf dass nicht der Tumult ringsum sie überwältige. Denn wie die Geschichtsschreiber berichten, dass die Umwohner der Nilfälle vom beständigen Tosen des herabstürzenden Wassers einen abgestumpften Gehörsinn hätten, so geschiehts da noch viel eher, dass auf das Taubwerden der Seele eine tödliche Stumpfheit folgt. Da ist nur ein Heilmittel möglich: dass uns die himmlischen Trompeten stets in die Ohren klingen. Und doch sehen wir viele sich aus Trägheit der Erschlaffung anheim geben, die Schlafsucht selbst herbeirufen und sich solchen Gutes berauben.

Dich freilich, großmächtiger König, hat deine Geistesgröße darüber hinausgehoben, dass man dich ermahnen müsste als einen, der zurückgeblieben ist. Vielmehr soll trotz aller aufgezählten Hindernisse deine Aufmerksamkeit auf Gottes Wort so groß sein, dass sie andern ein außerordentliches Beispiel der Regsamkeit sein kann. Wie du nun aber auch schon von selbst sein magst, so hoffe ich, wird es doch nicht schwer, noch überflüssig sein, dass der glückliche Fortgang dieses heiligen Strebens durch die Hilfe, die Gott dir durch meine Hand bietet, unterstützt und gefördert wird. Wenn alles in der Welt drunter und drüber zu gehen scheint, so gibt’s kein besseres, festeres Mittel, das Gewissen zu stärken, als wenn wir das Reich Christi, wie es jetzt aussieht, ins Auge fassen und bedenken, wie seine Art und sein Wesen, sein Stand und seine Lage von Anfang an war.

Wenn vom Reiche Christi die Rede ist, so sind vor allem zwei Dinge in Betracht zu ziehen; erstens die evangelische Lehre, durch die Christus seine Kirche sammelt und leitet, und zweitens die Gemeinschaft der Frommen selbst, die, in aufrichtigem Glauben ans Evangelium unter sich verbunden, wahrhaft Christi Volk heißen können. Dass Lukas in der Apostelgeschichte von diesen beiden Dingen eine lebendige, ausdrucksvolle Darstellung gibt, erkennst du besser beim Lesen des ganzen Werkes, als dass du es meinem oder anderem Lobe entnimmst. Denn wenn auch Gottes Sohn regierte von Anbeginn der Welt, so hat er doch, seit der Offenbarung seines Evangeliums durch sein Erscheinen im Fleisch, seinen Thron herrlicher als vorher aufgerichtet und erscheint auch jetzt noch viel deutlicher. Wenn unser Blick sich darauf richtet, so können wir uns weiden an einem Bild, das nicht nichtig ist, wie Vergil es von seinem Äneas sagt, sondern voll der Dinge, die uns Leben spenden können. Um wieder zum vorigen Bild zurückzukehren: hier ist der beste Zufluchtsort für unser Gewissen, wo es Ruhe findet in den tosenden Stürmen, die die Welt bewegen. Diese Betrachtung allein kann machen, dass uns nie widerfährt, was Ennius einst so wahr gesagt und die Mehrzahl der Menschen nur zu sehr erfahren hat, dass, wo Gewalt herrscht, die Weisheit fliehen muss. Denn wenn bei den Spartanern mitten im wildesten Schlachtlärm der Ertönen der Flöten die angeborene Wildheit des Kriegsvolkes sänftigen und die Wut, die im Kampf selbst ruhige Naturen ergreift, mäßigen konnte, – wie viel besser und wirksamer wird dann durch die himmlische Gewalt des heiligen Geistes das Reich Christi dies vermögen, das nicht nur wilde Tiere zähmt, sondern aus Wölfen, Löwen und Bären Lämmer macht, das Lanzen zu Sicheln und Schwerter zu Pflugscharen verwandelt. [Jes. 11, 6 – 8; 2, 4]. Wenn ich dir, tapferster König, ein solches Beruhigungsmittel biete, wie es die Not der Zeit erfordert, so wird dieser Dienst deiner Majestät, gerecht, wie du bist, hoffentlich nicht unlieb sein. Andrerseits ermuntert mich, dir dieses Werk zu widmen, ja es nötigt mich dazu die Bosheit unsrer Feinde, der Herolde des Antichrists zu Rom nämlich, die, um die einfachen Leute zu täuschen, das Wort Kirche stets mit lauter Stimme ausposaunen. Darüber ist bei uns kein Streit, dass das Ansehen der Kirche allen Kindern Gottes Ehrfurcht gebieten muss. Gäben diese Leute nicht unter einem falschen Schein der Ehre ihrer Willkür den Namen Kirche, so wollten wir die Kirche so von Herzen ehren, dass, ihren heiligen Namen gemein zu machen, uns die größte Sünde sein sollte. Um von andern Dienern an der reinen evangelischen Lehre zu schweigen, so habe ich schon an mehreren Stellen diese Frage fast bis zum Überdruss erörtert. Wenn von der Kirche die Rede ist, deren Haupt der Sohn Gottes ist, und die er, die Quelle ewigen Lebens, mit seinem Geiste speist, so ists doch lächerlich, einen seines Hauptes zu beraubten Körper, ja einen Leichnam, dafür auszugeben. Es schreien die erkauften Schmeichler des Papstes, sie hätten die Kirche. Ob das wahr ist oder nicht, was sie prahlen, kann nirgends besser erkannt werden, als wenn man auf das Haupt [der Kirche] sieht. Dass sie es mit frevler Gewalt abgerissen und so die Kirche zum bloßen Rumpf gemacht haben, steht fest. Denn wie soll Christus noch das Haupt sein, wenn er aller Wirksamkeit beraubt, von aller Herrschaft ausgeschlossen, aller Ehre entkleidet ist? Dazu hat ihn der Vater im Himmel zum Haupt der Kirche gemacht, dass er durch die Lehre seines Evangeliums alle vom Höchsten mit zum Niedrigsten regiere, dass er der einzige Priester sei, der den Vater stets uns gnädig erhalte, wie er einmal seinen Zorn durch das Todesopfer versöhnt hat, dass sein Tod die einzige Sühne für unsere Sünden, sein Blut die einzige Abwaschung, sein Gehorsam die einzige genugtuende Leistung, er selbst der einzige Mittler sei, durch den unser Gebet Erhörung finde. Er soll unser treuer Verteidiger und Vormund sein, der uns mit seinem Schutze deckt; er soll unseres Fleisches Fehler bändigen und uns erneuern zu Gerechtigkeit und Heiligkeit; er allein soll in uns seliges Leben beginnen und vollenden.

Wenn von dem allen die Papisten etwas übrig gelassen haben, so haben sie gewiss ihresteils auch eine Kirche. Wenn aber der Papst in wilder, grausamer Tyrannei die Gewissen bedrückt und Christo die Herrschaft abspricht, wenn er eine von der evangelischen Lehre ganz verschiedene Regierungsform einführt, wenn er ein neues, fremdartiges Priestertum erfunden hat, dass sich ein sterblicher Mensch als Versöhner zwischen Gott und Menschen stelle, wenn er tägliche Opfer fabriziert, die an Stelle des Todes Christi treten, wenn er tausend Sühnemittel zur Versöhnung der Sünden erfindet, wenn er erdichtete Abwaschungen aus dem Avernus-See [der alten Heiden] schöpft, um das Blut des Gottesohns vertrocknen zu lassen, wenn er an Christi Stelle unzählige Schutzpatrone stellt, wenn er die Gerechtigkeit, die sicher nur von Christo zu erhalten ist, in tausend Fetzen reißt, wenn er den freien Willen des Menschen an Stelle des heiligen Geistes setzt, so kann doch keiner daran zweifeln, dass Christus das Papsttum gänzlich verlassen hat. Dass die Papisten einen Leichnam statt des lebendigen Leibes Christi vorweisen, habe ich deshalb gesagt, weil sie die Lehre des Evangeliums, die die lebendige Seele der Kirche ist und ihr allein das Leben gibt, erstickt haben und nun irgendeinen gespenstischen Schatten als Kirche preisen. Wie verderbt bei ihnen die reine Lehre ist, ja mit welch ungeheuerlichen Irrtümern befleckt, das legen wir offen dar. Sie decken nicht nur alle Verderbnis zu, um den Schatten der Kirche wenigstens festzuhalten, sondern sie wimmern noch, es geschähe von uns der Kirche schweres, schmähliches Unrecht, wenn wir sagen, sie irre. Und doch musste man zuerst die Lehre prüfen, um daran die Kirche zu erkennen. Diese billigen, ehrlichen Abschwätzer wollen, der aufgeputzte Titel „Kirche“ solle unter Nichtachtung aller Lehrunterschiede den Wert eines von vornherein gültigen Urteils haben! Und das nicht, um jemand zu täuschen; denn könnten sie mit solchen Gaukeleien versuchen, auch kurzsichtige Augen bei solcher Klarheit anzuführen? Aber weil sie diese Freiheit zum Lügen für einen wertvollen Teil ihrer Herrschaft halten, glauben sie nicht nach Wunsch Herren zu sein, wenn sie nicht mit den armen Seelen schimpflich ihren Spott trieben.

Von solcher Leidenschaft aufgeblasen, lassen heute die Konzilsväter zu Trient ihre wässerigen Sätze hervorsprudeln. Es sitzen dort, ich weiß nicht wie viele Bischöfe und vielleicht hundert Äbte, lauter gehörnte Tiere. Und glänzte dort die auserlesenste Blüte dieses ganzen Volkes, so wäre es doch nichts als eine frivole Verschwörung wider Gott. Jetzt aber, da der Papst die Spreu und den Abgang seiner unreinen, stinkenden Herde auf einen Haufen gebracht, soll nun daraus mit einem Mal die Kirche in ihrer wahren Vertretung auftauchen? Dazu schämen sie sich nicht, ein heiliges, allgemeines gesetzmäßiges Konzil zu nennen, was nicht anders zu heißen verdient als eine leere, lächerliche Fratze eines Konzils! Wir aber, denen die Verheißung gegeben ist, der Antichrist, der im Tempel Gottes sitzt, werde umgebracht vom Hauch aus des Herrn Mund [2. Thess. 2, 4 – 8], werden nicht aufhören, diese schmutzige, hurenhafte Unverschämtheit mit dem hochheiligen Bibelwort, dessen sie sich so kühnlich rühmen, zu widerlegen, damit allen klar wird, welcher Unterschied ist zwischen der reinen Braut Christi und der stinkenden Hure Belials, zwischen Gottes Heiligtum und dem Bordell Satans, zwischen dem geistlichen Wohnsitz der Frommen und einem Schweinestall, kurz zwischen der wahren Kirche und der römischen Kurie.

Dafür kann kein gewisserer und klarerer Beweis erbracht werden, weder von Euklid, noch von Archimedes, als dass man die Kirche, wie sie Lukas beschreibt, mit der Synagoge des Papstes vergleicht. Ja ich bin nicht einmal so schroff, dass ich dieses verworrene Chaos, vor dem schon die einfache Naturordnung und der Menschenverstand wahren Schauder empfindet, ganz auf die engelgleiche, himmlische Ordnung der apostolischen Kirche verpflichten wollte; wenn sie mir nur etwas zeigen können, was mit ihr verwandt ist, so sollen sie meinetwegen triumphieren dürfen. Wenn aber alles das gerade Gegenteil ist, so soll uns, auch wenn die Mehrheit der Menschen freiwillig blind ist, doch erlaubt sein, unter Zustimmung des ganzen Himmels ihren wahnwitzigen Hochmut nicht nur kühn zu verachten, sondern auch frei heraus darzustellen. Unterdessen ists uns kein kleiner Trost und hält uns aufrecht, dass wir, obschon uns die Papisten den Namen Kirch hochnäsig entgegenhalten, doch nur mit erklärten Feinden Christi Krieg führen, wie wir wissen.

Dies gewähre nun deine Majestät meinem Vertrauen zu ihr, dass die frommen Leser einstweilen ein Werk von mir genießen, das deinen Namen an der Spitze trägt, bis der zweite übrige Teil unter dem Namen deines Sohnes, des Kronprinzen, dem ich es bestimmt habe, seinerzeit erscheinen wird. Lebwohl, tapferster und in jeder Tugend ausgezeichneter König. Der Herr festige den Thron, auf den er dich gesetzt, bis ans Ende.

Genf, am 29. Februar 1552.

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