Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (338)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (338)

Anfang März reisten Calvin und Farel nach Bern, um den Rat zu bitten, bei Frankreich zugunsten der Protestanten Fürbitte einzulegen. Im Januar 1552 hatte sich Moritz von Sachsen zum Chambord mit Frankreich zum Krieg gegen den Kaiser geeinigt. Calvin hofft nun, Heinrich II. brauche zu diesem Kriege die Schweizer, und diese könnten deshalb ihren Einfluss zugunsten der Verfolgten geltend machen. Ein Edikt des König über die in Frankreich wohnenden Deutschen ist unbekannt, aber aus den damaligen Ansprüchen Frankreichs auf die noch zum deutschen Reich gehörigen Städte Metz, Toul und Verdun erklärlich. Der verstorbene Chatelain ist vielleicht der frühere Lehrer König Franz I., Bischof von Macon, jedenfalls ein katholischer Scharfmacher. Bullinger hatte das Zürcher Gutachten über Bolsec verteidigt und von dem in Zürich untergebrachten jungen Genfer (vgl. 334) ungünstigen Bericht gegeben.

Bemühungen für die französischen Protestanten.

Als wir vom Hause wegreisten, hatten Farel und ich die Absicht, auch zu Euch zu kommen. In Bern änderten wir unseren Plan auf folgendem Grund. Wir legten dem Rate vor, es zeige sich nun einige Aussicht, den armen Brüdern [in Frankreich] helfen zu können, weil der König kürzlich ein Edikt erlassen habe, das den [in Frankreich wohnenden] Deutschen mehr erlaube, als bisher. Erstens werden sie rechtlich den Einheimischen gleichgestellt. Ferner wird ihnen durch ein außerordentliches Privileg erlaubt, frei ihrer Religion zu leben. Dazu kommt, dass die Sorbonnisten, die stets den Brand der Verfolgung stifteten, gegenwärtig weniger Geltung und Gunst genießen, als bisher. Auch der Tod Chatelains ist für uns recht günstig gefallen; an einer Unterleibsentzündung ist er plötzlich gestorben. Der König scheint so auf Krieg zu sinnen, dass er nicht zögernd wird, den verkehrten Eifer, in dem er bisher glühte, seinen Vorteilen hintanzusetzen. Wir glauben, es gibt viel, was Eure Obrigkeit in dieser Zeitlage den Franzosen ohne allen Schaden gewähren kann. Es kann nicht anders sein, als dass in diesem verwickelten, vielseitigen Krieg, wenn auch kein Bündnis besteht, mancherlei gemeinsame Interessen vorhanden sind. Wie nötig es ist, für unsere frommen Brüder zu sorgen, daran erinnert uns schon ihre schmachvolle Lage, die uns dringlich und mehr als dringlich und übergenug mahnt, ihnen zu helfen, soviel wir können. Denn der König glaubt nun, gegen die Deutschen Toleranz genug geübt zu haben und hört nicht auf, seine Untertanen schwer zu drücken. Weil uns nun viele Gelegenheiten entgehen könnten, da wir die einzelnen Gegenstände, die in Verhandlung kommen, ja nicht kennen, so beschlossen wir, zuvorzukommen und Eure Obrigkeit wie die Berner zu erinnern, sie möchten die Angelegenheit zur rechten Zeit aufnehmen. Da wir schon durch Erfahrung wissen, dass mit einem bloßen Schreiben nicht viel zu erreichen ist, so baten wir den Berner Rat, es möge eine Gesandtschaft geschickt werden, um dem König zu zeigen, dass man die Sache ernst nehme, und nicht allein auf anderer Leute Bitten hin auch noch Eure beifüge, sondern dass man aus dem innersten Herzen heraus freiwillig geneigt sei, so vorzugehen und sich eifrig drum bemühe. Die Antwort hieß, der Rat glaube, die Zeit dazu sei noch nicht gekommen; erst neulich sei ein Schreiben vom König eingetroffen, in dem er nicht nur hochmütig abschlage, was die vier Städte gebeten hätten, sondern sie auch grimmig anfahre, weil sie ihn nicht für einen christlichen, milden Fürsten hielten. Es hieß auch, es werde bald wieder ein Schreiben kommen, aus dem man dann sehen könne, ob der König seinen Sinn geändert habe. Doch versprach der Schultheiß, der Rat werde bei erster sich bietender Gelegenheit die Sache nicht außer acht lassen. Unter anderem riet uns der Rat dann auch ab, nach Zürich zu reisen, damit wir nicht unnötige Kosten hätten. Es tat uns das zwar leid, weil wir gern mit Euch auch von andern Dingen geredet hätten, und auch Euch wohl unser Kommen nicht unlieb gewesen wäre. Um aber nicht voreilig zu erscheinen, wollten wir lieber auf die Freude des Wiedersehens mit Euch und auf den Nutzen einer mündlichen Aussprache verzichten, als etwas tun, was der Sache hätte schaden können. Nun beschwören wir beide dich und die andern Brüder, oder vielmehr durch unsern Mund bitten Euch alle Frommen, die in Frankreich um Christi willen leiden, flehentlich, achtet eifrig auf jede Gelegenheit [zu helfen]. Obwohl es ja genug ist, Euch erinnert zu haben, so zwingt uns doch die Angst, in der wir sie seufzen sehen, unsere Bitten recht dringend zu machen. Weil dich nicht zu erreichen ist, was man wünschte, so muss man sich die Mäßigung [im Fordern] auferlegen, durch die der König sich am wenigsten beleidigt fühlt. 47 Artikel hat das letzte Verfolgungsedikt; wenn nur bei vieren oder fünfen davon eine erträgliche Milderung bewirkt wird, so empfinden es die Brüder schon als Wohltat. Ein Artikel lautet, an Festtagen müsse jeder mit seiner Familie der Messe beiwohnen; und dadurch sollen sie nicht nur diese Entweihung des Heiligen tatsächlich billigen und sich in gott- und treuloser Heuchelei beflecken, sondern es sollen dabei auch die Artikel der Sorbonne vom Priester verlesen werden, damit dadurch alle dieser fluchwürdigen Lästerung beipflichten. Es wird eine strenge Aufsicht darüber angeordnet. Da müsste man also den König bitten, es möchten doch nicht ehrliche Leute, die ruhig und ohne jede Schädigung anderer lebten, so neugierig beobachtet und den eigensinnigen Forderungen der Priester unterworfen werden. Ferner spricht der König seinem Fiskus die Güter derjenigen zu, die zu uns auswandern, d. h. wie er sich selbst ausdrückt, an Orte, die offen vom Gehorsam gegen den heiligen Stuhl abgefallen sind; ja selbst verkaufte Güter sollen den Käufern abgenommen werden. Da müsste man bitten, es möge doch nicht als Verbrechen angesehen werden, wenn einer, ohne dass ihn eine andere Anklage treffe, freiwillig, ohne weiteres Aufsehen zu erregen, auswandere, weil er um des Gewissens willen nicht mehr in Frankreich leben könne; wenn er sich nur in ein befreundetes Gebiet begebe. Doch zuerst handelt es sich darum, dass eine Gesandtschaft beschlossen wird; dann wird sich schon zeigen, was man bitten will.

Auf deinen Brief, der mir gegeben wurde, als ich schon zu Pferde saß, antworte ich nur, dass ich gerechte Ursache hatte, dir Vorhaltungen zu machen, besonders wenn ichs in brüderlicher Weise und gegen einen Bruder tat. Bedenke nur, was wir von Euch in unseren verwirrten Verhältnissen erwarteten! Und bedenke nun auch, wie weit Euer Gutachten von unserer Hoffnung abwich! Du wirst sicher anerkennen, dass unser Schmerz nicht grundlos war. Wunderst du dich, wenn ich maßvoll und ruhig beklagte, dass wir von Euch nicht so bereitwillig unterstützt worden sind, wie wir uns versprochen hatten? Ich will aber, wenn mein Brief etwas Beleidigendes enthielt, es gerne begraben lassen. Das Büchlein über die Hauptfrage dieses Handels, das ich dir schicke, wird dich hoffentlich zufrieden stellen. Doch darfst du meinetwegen dein Urteil freimütig sagen.

Der Schwiegervater meines Bruders wollte mit mir nach Zürich kommen. Da uns Gott aber dieses Hindernis in den Weg legte, schreibt er nun dem Lehrherrn seines Sohnes, er solle ihn noch behalten, bis das Jahr um sei. Denn es ist noch kurze Zeit bis dahin. Unterdessen ists eben des Lehrherrn Pflicht, ihn zu behandeln, wie einen Knaben, der Zügelung und strengere Zucht braucht. Lebwohl, hochberühmter Mann und vor allen verehrter Bruder. Grüße die Brüder und Kollegen vielmals von mir. Der Herr leite Euch mit seinem Geiste und behüte Euch mit seinem Schutze. Amen. Der Herr Marchese di Vico, de Normandie und unsere Begleiter lassen Euch vielmals grüßen.

Basel, in der Herberge, 13. März 1552.

In meinem und Farels Namen
Dein
Johannes Calvin.

Verzeih, dass ich eines andern Hand brauchte; ich musste vom Bett aus diktieren.

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