Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (102).

Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (102).

Der Prozess zwischen Genf und Bern um den Besitz der Abtei St. Viktor, der sich bereits seit zwei Jahren hinzog, schien durch einen zweiten Spruch des baslerischen Schiedsgerichts zum Ende zu kommen, fand aber tatsächlich erst Januar 1544 seinen Abschluss. Calvins Eingreifen in die Politik erhellt aus folgendem Brief. Das Weggelassene behandelt unwichtige und durchsichtige Personalnachrichten. Bern unterstützte auch die Forderungen der bei den Wirren von 1540 aus Genf Verbannten. Celio Secundo Curione war Rektor des Lausanner Gymnasiums, Imbert Paccolet Professor des Hebräischen, Jean Ribit des Griechischen in Lausanne.

Vom Streit über die Kirchengüter der Abtei St. Viktor.

– – Dass über den Schiedsspruch der Basler viele ungünstige Gerüchte herum geboten werden, ist nicht zu verwundern. Denn viele bilden sich ein, die Sache stehe schlecht, weil sie es so wünschen, und dann fehlen auch solche nicht, die gern annehmen, was man sich so eingebildet hat. Ums in ein paar Worten zu sagen: der Spruch ist dem frühern Entscheid sehr ähnlich, ja fast gleich, nur dass er in der Sache der Verbannten den Bernern etwas mehr entgegenkommt, doch nur insoweit, dass außerhalb der Stadt den Verbannten Sicherheit zugesagt wird; in der Stadt selbst wird alles beim alten gelassen.

Neu ist auch, dass der Entscheid den Genfern die Oberhoheit über zwei Bezirke abspricht. Als man mich zu Rate zog, sprach ich die Ansicht aus, man dürfe mit dem Entscheid sich nicht einfach zufrieden geben; teils weil es mir schien, das Interesse der Republik fordere das, teils auch, weil ich einsah, dass ich mit einer gegenteiligen Meinung doch nichts erreicht hätte. Um auch das beiläufig zu erwähnen: es wollen sich alle hervortun, drum bringen alle um die Wette eine Meinung vor, die Beifall findet; aber keiner etwas wirklich Gutes, außer etwa einem oder zweien. Freilich, auch wenn niemand der Annahme des Entscheids widersprochen hätte, hätte ich von mir aus dafür geredet, dass man dem Entscheid doch irgendwie eine Erläuterung beifügen müsse. Denn du weißt, mit wem wir zu tun haben. Übrigens hoffe ich, unsere Antwort werde so ausfallen, dass sie, wenn sie auch nicht in allem zufrieden stellt, doch unsere aller Billigkeit genügende Mäßigung zeigt. Wenn du uns einmal besuchst, wirst du alles besser und vollständiger verstehen können.

Ich hatte gerade soweit geschrieben, als recht geschickter Weise die Botschaft kam, die Berner hätten den Entscheid angenommen. Ich wurde in den Rat gerufen und habe in langer, leidenschaftlicher Mahnrede durchgesetzt, dass die Sache einer nochmaligen Beratung überwiesen wurde. Es wurde beschlossen, eine Kommission von sieben Ratsherren und mir solle die endgültige Aufstellung eines Vertrags erwägen. Wenn nun der Satan nicht von andrer Seite her die Sache wieder verwirrt, habe ich gute Hoffnung. Jedenfalls glaube ich, viel damit erreicht zu haben, dass wenigstens die Stimmung wieder für das Suchen nach Einigung gewonnen ist und soweit beruhigt, dass man geneigt ist, nachzugeben.

– – Du wirst, denke ich, gehört haben, dass unser Armenhaus von der Pest erfasst worden ist. Weil nun aber alle Insassen aufs Land geschickt worden sind, wird es keinen Ansteckungsherd mehr bilden, wie bisher. Bevor man aber zu diesem Mittel griff, sind etwa sechzehn gestorben. Seit zwei Tagen ist aber nichts Schlimmeres mehr vorgekommen – – – Lebwohl, lieber Bruder. Grüße alle Freunde angelegentlich, besonders Celio, Imbert und Ribit, auch deine Frau und deine Tante. Über die Unterstützung der Armen wollen wir miteinander reden, wenn du kommst.

[Genf, Ende September 1543.]
Dein Johannes Calvin.

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