Calvin, Jean – An Simon Grynäus, Professor der Theologie, in Basel.

Calvin, Jean – An Simon Grynäus, Professor der Theologie, in Basel.

Caroli appellierte nach seiner Verurteilung in Lausanne an die Berner Synode, wovon die zweite Hälfte dieses Briefes spricht. Die Anklage des Mords, die Calvin gegen Caroli erhebt, bezieht sich darauf, dass 1534, als Caroli zu Alencon in Frankreich Pfarrer war, dort neun Bilderstürmer hingerichtet wurden; Caroli wurde von den Reformierten, freilich mit Unrecht, als mitschuldig an diesem strengen Gericht betrachtet. Mykonius (Geißhüsler) war Antistes von Basel, Capito Reformator und Pfarrer zu Straßburg.

Bericht über den Streit mit Caroli.

Da wir schon zur Genüge erfahren haben, wie wunderlich und fast unglaublich die Künste Satans sind, durch die er uns neben all unserer Arbeit beständig angreift, so hat uns die boshafte Schlauheit nicht überrascht, mit der er neuerdings durch seinen Caroli uns anging. Wir haben alle Kämpfe dieser Art schon längst im Geiste geahnt und waren deshalb mutig bereit, sie durchzukämpfen. Als wir also hörten, dass wir zuerst arianischer, dann sogar sabellianischer Ketzerei beschuldigt wurden, so hat uns das eigentlich nicht so sehr verwirrt, da wir für solche Verleumdungen schon vorher harthörig geworden waren und fest hofften, sie würden bald in Rauch aufgehen. Zu unserer Reinigung brachen wir nur vor, was gerade zur Hand war, was freilich für alle Frommen und Rechtschaffenen reichlich hätte genügen können. Denn einige Zeit vorher hatten wir einen Katechismus verfasst und in französischer Sprache auch herausgegeben, worin wir bezeugten, dass wir unter dem einen Wesen Gottes Vater, Sohn und heiligen Geist zusammenfassten, aber Eins vom Andern so unterscheiden, dass für keinen bösen Verdacht Raum blieb. Denn wir lehrten, Christus sei von Natur der wahre Sohn Gottes, der von Ewigkeit die gleiche Göttlichkeit wie der Vater besitze und unser Fleisch angenommen habe in der zu unsrer Erlösung bestimmten Zeit. Als aber Caroli, die wütende Bestie, fortfuhr, baten wir um eine Synode aller Pfarrer des Bernbiets, um unsere Unschuld zu verteidigen. Die Kollegen französischer Zunge wurden zunächst nach Lausanne zusammen berufen, und auch zwei Ratsherrn und zwei Pfarrer von Bern dorthin gesandt. Was man von Lügen erfinden kann, hatte nun der gute Mann in ein Bündel zusammengefasst und kam zur Anklage wohl vorbereitet, wie es die Juristen fordern, ja mit einem ganzen Sack voll Anklagen gerüstet. Aber diesen ganzen Sack haben wir in unsrer Widerlegung so gründlich geleert, dass nicht der geringste Verdacht bei den Anwesenden bestehen blieb. Zuletzt kams zum Hersagen unsres Bekenntnisses, in dem er etwa zehn Irrtümer bemerkte; fast alle Andern aber urteilten, es sei durchaus fromm und rechtgläubig. So wurden wir durch Synodalbeschluss freigesprochen, Caroli als unwürdig bezeichnet, ein Pfarramt zu bekleiden. Dass dieser Ausgang ihn keineswegs gedemütigt hat, zeigt seine fortgesetzte Unverschämtheit. Er brachte seinen löcherigen Sack noch viel voll gepfropfter wieder. Als von uns alles zurückgewiesen war, womit er von früher her uns zu verdächtigen suchte, brachte er unsere Bekenntnisformel vor, die er diesmal von allen anderen Fehlern freisprach, und nur in dem einen Punkt beschuldigte, dass nämlich Christus dort als der Jehovah bezeichnet wird, der aus sich selbst ewiges Sein besitzt. Die Anklage war leicht zu widerlegen. Wenn man auf den Unterschied schaut, der besteht zwischen dem Vater und dem Sohne, so sagen wir auch, dass dieser vom Vater stamme. Sieht man aber das Wesen des Sohnes an, durch das er eins ist mit Gott Vater, so kann auch, was von Gott gesagt ist, auf ihn gehen. Was heißt aber der Name Jehovah? Was heißts, wenn dem Mose gesagt wird: Ich bin, der ich bin? [2. Mose 3, 14]. Paulus lässt Christum dieses Wort sprechen. Für dich und alle Frommen brauchen wir uns ja nicht zu mühen, die Wahrheit dieser Meinung zu beweisen; wir wollten aber die Bosheit dieses verfluchten Verleumders nicht mit Stillschweigen übergehen, damit nicht etwas Anderes, als was wirklich ist, durch das Gerücht zu Euch komme. Denn offener kanns ja nicht gesagt werden, als in unserm Bekenntnis steht: Christus sei das ewige Wort, vom Vater vor der Zeit gezeugt. Um aber nicht einen zwiefachen Gott zu erfinden, dürfen wir von seinem Wesen nicht anders reden als vom Wesen des Einen Gottes. Es fand sich auch keiner, der damit nicht zufrieden gewesen wäre, als er allein. Die Brüder, wie sich treuen Dienern Christi ziemt, erklärten, wir seien nach ihrer Meinung ganz mit Unrecht in Verdacht gezogen worden; sie hätten in unserm Bekenntnis nichts Tadelnswertes gefunden. Während dieser Verhandlungen brachte man den von Mykonius an den Konvent offiziell gerichteten Brief. Einen andern hatte Capito an Farel für uns alle geschickt. Aus beiden war zu ersehen, dass ein schreckliches Gerücht von unserm Streit weit und breit herumgekommen ist, am Ende von gewissen Leuten künstlich gemacht, um boshaft den Hass aller Menschen gegen uns zu erregen. Dass ein nichtswürdiger Mensch mit seiner leeren Eitelkeit es erreichen sollte, so vielen Gemeinden eine böse Meinung von uns beizubringen, das ists, was uns heftig beunruhigt. Denn wir hielten es für nichts Geringes, wenn unsere Gegner hörten, das Hauptstück unseres Glaubens sei unter uns zur Streitfrage geworden, oder wenn die Gemeinden etwas Derartiges von uns nur argwöhnten. Umso heftiger erschreckte uns diese Nachricht, als es uns nicht in den Sinn gekommen war, je so etwas zu befürchten. Denn wir hatten gehofft, durch Gottes Güte würden diese nichtigen Rauchwolken bald zerstieben, und es werde auf das Haupt der Frevler zurückfallen, was sie Böses gegen Christum und seine Kirche vorhätten. Denn schon begann die Hand des Herrn sich zu zeigen und seine Kraft sich zu offenbaren, um solche Dinge im Beginn auszulöschen. Der Angeber wurde durch Ratsbeschluss in die Verbannung getrieben, wir ganz freigesprochen nicht nur von aller Schuld, sondern auch von jedem Verdacht. Obgleich sich nun Caroli rühmt als ein zweiter Athanasius, der um seiner Verteidigung des rechten Glaubens willen Strafe leide, so ist doch keine Gefahr, dass die Welt einen Athanasius anerkennt, der ein Heiligtumsschänder ist, ein Hurer und Mörder, triefend vom Blute vieler Heiliger. Wenn wir ihn so nennen, so sagen wir nichts, als was wir mit guten Beweisen zu erhärten bereit sind. Das wollte ich dir in kurzem angezeigt haben, damit wir nicht, wie es leicht geschieht, als Abwesende nach ungerechten Berichten feindseliger Leute ungehört verurteilt werden. Ich schicke auch ein Exemplar unseres Bekenntnisses an dich, damit du es deinen Kollegen mitteilst. Ich glaube, es kommt viel darauf an, dass die Sache nicht durch dunkle Gerüchte übertrieben wird. Zugleich bitte ich dich dringend, das Bekenntnis wie auch meinen Brief auch an die erwähnten Brüder selbst gelangen zu lassen, oder noch besser durch ein eigenes Schreiben sie zu beruhigen. Der Herr Jesus fülle Euch alle mit seinem Geist, in dem Ihr einmütig seines Namens Ehre ausbreiten könnt.

Bern [Juni 1537].

Dein Calvin.

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