Luther, Martin/Melanchthon, Philipp – An die Aebtissin zu Hervord in Westfalen

Luther, Martin/Melanchthon, Philipp – An die Aebtissin zu Hervord in Westfalen

15. Januar 1534

Der Ehrwürdigen, Wohlgebornen Domina, Anna Fräulein von Limpurg, Aebtissin des freien edlen Stifts zu Hervord, unserer gnädigen Domina.

Gnade und Friede durch unsern Herrn Jesum Christum. Ehrwürdige Wohlgeborne Domina! Nachdem Ew. Gnaden klaget, daß sich Etliche zu Hervord unterstehen, in E. G. Jurisdiction zu greifen, Geld und andere Gerechtigkeit mit Gewalt zu sich ziehen, wissen E. G., daß ich, Doctor Martinus, allezeit mit höchstem Fleiß geschrieben und gelehret habe, daß man Unterschied der Obrigkeit halten soll, und daß Niemand in fremder Herrschaft zu gebieten habe, auch Niemand den Andern Zins oder dergleichen nehmen und entziehen soll. Derhalben wir gedachte Handlung, davon E. G. schreiben, nicht billigen; wollten auch von Herzen gerne, daß diejenigen, so Gewalt üben, bedächten, daß das heilige Evangelium durch solche Handlung beunehret und verhaßt wird, welches jedem frommen Christen billig leid ist. Wir haben auch derhalben an den Doctor Johann Dreger, geschrieben und ihn vermahnet und gebeten, daß er sich nicht wolle an Gewalt und Unrecht theilhaftig machen, sondern diejenigen, so Gewalt üben, davon weisen und zu christlicher Liebe vermahnen, wie er, als der Prädicant, zu thun schuldig ist. Daß aber E. G. begehret an den Rath zu schreiben, haben wir bedacht, daß solches nicht fruchtbar sein möchte, wiewohl wir auch nicht eigentlich wissen, wie es mit der Kirchenordnung zu Hervord gelegen. Danach bitten wir E. G., was nothdürftige Bestellung der Kirchen-Aemter belanget, E. G. wolle nach Gelegenheit dieser Zeit Geduld tragen und ihr Recht nicht in allen Sachen gleich scharf suchen, dieweil doch E. G. wissen, daß an vielen Orten bis anher die Kirchen zum Theil mit Personen, zum Theil mit Unterhaltung der Personen übel versorgt gewesen. Wo nun in solchem etliche leidliche Veränderungen zu Nothdurft der Kirchen geschehen wäre, bitten wir, E. G. wollte dennoch, gemeinem Frieden zu Gut, Geduld haben; daß aber Etliche sollen fürhaben, mit dem Kirchen-Gut, dazu wider ihrer Obrigkeit Bewilligung, die Stadt-Mauern zu bauen, sehen wir nicht für billig an. Gott bewahre E. G. allezeit. Die 11. Fl., so E. G. anher sandt, schicken wir E. G. wiederum, und E. G. zu dienen sind wir willig. Datum Wittenberg, Donnerstag den 15. Jan. Anno 1534.

Martinus Luther
Philippus Melanchthon

Quelle:
Dr. Martin Luthers Briefe an Frauen als Pfingstgabe für die deutsche protestantische Frauenwelt. zusammengestellt von Dr. K. Zimmermann Darmstadt Buchdruckerei von Heinrich Brill 1854

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