Melanchthon an Luther.

Melanchthon an Luther.

1) Wir haben schon einen Boten bedungen, der an Euch und so fort nach Wittenberg abgehen sollte. Denn D. Jonas hat den Tod seines Sohnes aus Briefen vom Secretär Viola erfahren. Unter dem Schreiben aber sind mir Eure letztem Briefe durch Herrn Apelli Boten zu Handen gekommen. Jonas gibt sich ziemlich zufrieden, nachdem er erfahren, daß seine Ehefrau gesund sei. Denn um diese war er nur besorgt, und ich hatte auch nicht geringen Kummer. Mein Verdacht und Sorge wurde noch dadurch größer, daß ihr D. Pommem den Brief, dessen er doch in einem Schreiben an Euch Erwähnung gethan, nicht geschickt.

2) Der Kaiser ist noch nicht allhier, und wird, wie mich dünket, vor Pfingsten schwerlich ankommen. Er hat weder den Herzog zu Baiern, noch Herzog Georgen zu Sachsen zu Berathschlagung der Religionssachen gezogen; denn er will sich unparteiisch halten. Man berichtet, daß in des Kaisers Rath zweierlei Stimmen seien; eine: daß er die Lutherischen nicht verhören, sondern durch ein Edict alsbald verdammen soll: die andre, daß er’s ordentlich verhören soll und die Mißbräuche in der Kirche abschaffen. In dieser Meinung soll Kaiserl. Maj. Kanzler, Mercurinus sein, gar ein vortrefflicher und bescheidener, friedliebender Mann; der soll sagen, daß er in dieser seiner Schwachheit vornehmlich der Ursach Kaiserl. Maj. nachgezogen sei, daß er anders nicht vermeint, denn daß die Religionssachen zum guten Ende laufen würden. Für seine Person könnte und wüßte er blutgierigen Rathschlägen und Vornehmen nicht beizuwohnen. Wir haben hier nichts gehört, das unsers Bedünkens würdiger wäre zu schreiben. Und ich zwar habe an dieser Rede und Urtheil des hochverständigen und weisen Mannes ein sonderlich Wohlgefallen. Christus wolle sich unser annehmen und uns erhalten, und wolle alle Anschläge regieren, daß sie zum Frieden und gemeinen Besten gedeihen! Es soll auch Mercurinus dieß gesagt haben: man habe zu Worms wohl gesehen, wie mit gewaltthätigen Anschlägen nichts Fruchtbarliches sei auszurichten. Denn er ist zu Worms in der Kais. Maj. Hof und Rath gewesen. Wir sind allzumal, auch die Fürsten, Eurer Gesundheit halben sehr bekümmert; bitten derohalben Gott, Er wolle Euch um seines Worts willen erhalten. Ist auch an Euch unsre Bitte, daß Ihr Eurer Gesundheit wohl pfleget. D. Caspar schickt Euch bei des Kurfürsten Boten etliche Arznei, die zur Stärkung des Haupts und Herzens dienen. Denn er hat Euch sehr lieb.

3) In der Apologie ändern wir alle Tage viel. Dm Artikel von Gelübden, weil er etwas geringer war, habe ich herausgenommen, und an seiner Statt eine andre ausführliche Erklärung gesetzt. Jetzund stelle ich den Artikel von der Kirchengewalt. Ich bitte, Ihr wollet die Artikel des Glaubens übersehen; so Ihr in denselbigen keinen Mangel finden werdet, wollen wir die übrigen ziemlich entwerfen; denn man muß immer darin Etwas ändern und sich nach der Gelegenheit richten.

4) Der Landgraf zu Hessen gehet jetzund damit um, daß er unsere Confession unterschreibe, und scheinet, daß er leichtlich zu den Unsern könne gebracht werden; aber hierzu ist Eures Schreibens von Nöthen. Dann bitte ich auf das Höchste, Ihr wollet an den Landgrafen schreiben, und ihn ermahnen, daß er sein Gewissen mit Vertheidigung einiger falschen Lehre nicht beschweren wolle. An den Kurprinzen schreibet nicht wieder; denn er ist nun Niemand ungnädiger, als Euch, den er doch zuvor höher, als seinen Augapfel geliebet. Aber sein Gemüthe ist sehr veränderlich, und das kommt nicht sowohl von den Jahren, als vielmehr, wie mich dünkt, von der Natur her. M. Schnepf ist ein gar guter, beständiger Mann. Ich wollte, daß Ihr ihm zu Ehrm, wenn es die Gelegenheit so würde mitbringen, hättet geschrieben. Was die Friesen anlangt, hat der Kurfürst D. Pomerano befohlen, daß er einen tüchtigen Mann, welcher gut Sächsisch reden kann, soll ausfragen, und den Friesen zuschicken. Auf diese Meinung könnet Ihr antworten. Ich sende Euch ein Conterfait der Belagerung der Stadt Wien Durch Apelli’s Boten wollen wir Mehreres schreiben. Unterdessen werdet Ihr diesem unsern Boten Briefe an Eure redliche Ehefrau mitgeben; denn er wird Antwort zurück bringen können. Gehabt Euch wohl, und betet für uns zu Christo, unserm Herrn. Gegeben am Sonntag Vocem Jucunditatis, den 22. Mai anno 1530.

Quelle:
Philipp Melanchthon's Werke, in einer auf den allgemeinen Gebrauch berechneten Auswahl. Herausgegeben von Dr. Friedrich August Koethe Erster Theil Leipzig: F.A. Brockhaus 1829

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