Luther, Martin – An Hans Luther, vom 15. Februar 1530.

Luther, Martin – An Hans Luther, vom 15. Februar 1530.

Auf die Nachricht, daß sein alter Vater gefährlich krank sei, schrieb er diesen Trostbrief an denselben. Ende Mai erfolgte auch wirklich sein Tod.

Meinem lieben Vater, Hans Luther, Bürger zu Mansfeld im Thal, Gnade und Fried in Christo Jesu, unserm Herrn und Heiland, Amen.

Lieber Vater! Es hat mir Jacob, mein Bruder, geschrieben, wie daß ihr fährlich krank sein sollt. Weil denn jetzt böse Luft, und sonst allenthalben Fahr ist, auch der Zeit halben, bin ich beweget für euch zu sorgen. Denn wiewohl euch Gott bis hieher einen festen, harten Leib gegeben und erhalten, machet mir doch euer Alter zu diesen Zeiten sorgliche Gedanken; wiewohl wir alle ohne das kein Stunde unsers Lebens sicher sind, noch sein sollen: derhalben ich aus der Maßen gern war selbst zu euch kommen leiblich; so haben mirs doch meine guten Freunde Widerrathen und ausgeredt, und ich auch selbst denken muß, daß ich nicht auf Gottes Versuchen in die Fahr mich wagte; denn ihr wisset, wie mir Herrn und Bauren günstig sind.

Aber große Freude sollt mirs sein, wo es möglich wäre, daß ihr euch ließet sammt der Mutter hieherführen zu uns, welches mein Käth mit Thränen auch begehrt, und wir alle. Ich hoffet, wir wollten euer aufs Beste warten. Darauf habe ich Cyriacus1) zu euch abgefertiget, zu besehen, ob es euer Schwachheit halben möglich wäre. Denn es gerieth mit euch nach göttlichen Willen zu diesem oder jenem Leben, so wollt ich ja herzlich gern (wie auch wohl billig) leiblich um euch sein, und nach dem vierten Gebot mit kindlicher Treu und Dienst mich gegen Gott und euch dankbar erzeigen.

Indeß bitt ich den Vater, der euch mir zum Vater geschaffen und gegeben hat, von Herzengrund, daß er euch nach seiner grundlosen Güte wolle stärken, und mit seinen Geist erleuchten und bewahren, damit ihr erkennt mit Freuden und Danksagung die selige Lehre von seinem Sohn, unserm Herrn Jesu Christo, zu welchem ihr auch jetzt durch seine Gnade berufen und kommen seid, aus dem gräulichen vorigen Finsterniß und Irrthumen, und hoffe, daß seine Gnade, so solch Erkenntniß euch gegeben, und sein Werk damit in euch angefangen hat, werde es bis zu End in jenes Leben, und auf die fröhlich Zukunft unsers Herrn Jesu Christi bewahren und vollbringen, Amen.

Denn er hat solche Lehre und Glauben auch schon in euch versiegelt, und mit Merkzeichen bestätigt, nämlich daß ihr um meines Namens willen viel Lästerung, Schmach, Hohn, Spott, Verachtung, Haß, Feindschaft und Fahr darzu erlitten habt, sammt uns allen (Galat. 6, 17.). Das sind aber die rechten Malzeichen, darin wir unserm Herrn Christo gleich und ähnlich müssen sein, wie Sanct Paulus sagt (Röm. 8, 29.), auf daß wir auch seiner zukünftigen Herrlichkeit gleich werden.

So laßt nun in eurer Schwachheit das Herz frisch und getrost sein; denn wir haben dort in jenem Leben bei Gott einen gewissen treuen Helfer, Jesum Christum, welcher für uns den Tod sammt den Sünden erwürget hat, und jetzt da für uns sitzet, und sammt allen Engeln auf uns siehet, und unser wartet, wenn wir ausfahren sollen, daß wir nicht sorgen noch fürchten dürfen, daß wir versinken oder zu Grund fallen werden. Er hat zu große Gewalt über den Tod und Sünde, daß sie uns nichts thun können; so ist er so herzlich treu und fromm, daß er uns nicht lassen kann noch will; allein, daß wirs ohn Zweifel begehren.

Denn er hats geredt, verheißen und zugesagt, er wird und kann uns nicht lügen noch trügen, das hat keinen Zweifel. Bittet (spricht er), so sollt ihrs kriegen, suchet so sollt ihrs finden, klopfet an, so wird euch aufgethan werden (Matth. 7, 7.) Und anderswo (Apg. 2, 21.): Alle, die den Namen des Herrn anrufen, sollen selig werden. Und der ganz Psalter voll solcher tröstlicher Verheißung ist, sonderlich der 91. Psalm, welcher allen Kranken sonderlich gut zu lesen ist.

Solchs will ich mit euch schriftlich geredt haben, als in Sorgen euer Krankheit halben (dieweil wir das Stündlein nicht wissen), damit ich theilhaftig werde euers Glaubens, Kampfs, Trosts und Dank gegen Gott für sein heiliges Wort, das er uns so reichlich, kräftig und gnadenreich zu dieser Zeit gegeben hat.

Ists aber sein göttlicher Will, daß ihr sollt jenes bessern Lebens noch länger verzogen, mit uns fürder in diesem betrübten und unseligen Jammerthal mit leiden und Unglück sehen und hören, oder auch sammt allen Christen helfen tragen und überwinden: so wird er auch Gnade geben, solches alles williglich und gehorsamlich anzunehmen. Es ist doch ja dieß verflucht Leben nichts anders, denn ein rechtes Jammerthal, darin man je länger je mehr Sünde, Bosheit, Plage und Unglück siehet und erfähret, und ist deß alles kein Aufhören noch Abnehmen da, bis man uns mit der Schaufel nachschlägt: da muß es doch aufhören, und uns zufrieden in der Ruhe Christi schlafen lassen, bis er kömmt, und wecke uns mit Fröhlichsein wieder auf, Amen.

Hiemit befehle ich euch dem, der euch lieber hat, denn ihr euch selbst, und solche Liebe beweiset hat, daß er euer Sünde auf sich genommen, und mit seinem Blut bezahlt, und solchs euch durchs Evangelium wissen lassen, und durch seinen Geist solchs zu glauben geschenkt, und also alles aufs Gewisseste bereitet und versiegelt hat, daß ihr nichts mehr dürfet weder sorgen noch euch fürchten, denn daß ihr mit eurem Herzen fest und getrost bleibet an seinem Wort und Glauben. Wo das geschicht, so lasset ihn sorgen, er wirds wohl machen, ja, er hats alsdenn schon aufs Allerbeste gemacht, mehr denn wir begreifen mögen. Derselbige unser lieber Herr und Heiland sei mit und bei euch, auf daß (Gott gebe, es gescheh hie oder dort) wir uns fröhlich wiederum sehen mögen. Denn unser Glaube ist gewiß, und wir zweifeln nicht, daß wir uns bei Christo wiederum sehen werden in kurzem, sintemal der Abschied von diesem Leben für Gott viel geringer ist, denn ob ich von Mansfeld hieher von euch, oder ihr von Wittenberg gen Mansfeld von mir zöget. Das ist gewißlich wahr, es ist um ein Stündlin Schlafs zu thun, so wirds anders werden.

Wiewohl ich nun hoffe, daß euer Pfarrherr und Prediger euch in solchen Sachen ihren treuen Dienst reichlich werden erzeigen, daß ihr meines Geschwatzes nicht fast bedürft, hab ich doch nicht lassen mögen, mein leiblich Abwesen, das mir (Gott weiß) von Herzen wehe thut, zu entschuldigen.

Es grüßen euch, und bitten auch treulich für euch, meine Käthe, Hänsichen, Lenichen, Muhme Lehne2) und das ganze Haus. Grüßet meine liebe Mutter und die ganze Freundschaft. Gottes Gnade und Kraft sei und bleibe bei euch ewiglich, Amen.

Zu Wittenberg am 15. Februar, Anno 1530.

Euer lieber Sohn Martinus Luther.

1) Cyriacus Kaufmann, ein Schwestersohn Luthers, damals Student.
2) eine Schwestertochter Luthers.

 

Quelle:
Luthers Volksbibliothek Zu Nutz und Frommen des Lutherschen Christenvolks ausgewählte vollständige Schriften Dr. Martin Luthers, unverändert mit den nöthigen erläuternden Bemerkungen abgedruckt. Herausgegeben von dem Amerikanischen Lutherverein zur Herausgabe Luther’scher Schriften für das Volk Siebenter Band St. Louis, Mo. Druck von Aug. Wiebusch u. Sohn. 1862

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