Melanchthon, Philipp – Über die Zwickauer Propheten (An Friedrich den Weisen)

Melanchthon, Philipp – Über die Zwickauer Propheten (An Friedrich den Weisen)

1. Januar 1522

Anfänglich ist die Sach, so mich bewegt, also ergangen. Es seynd in die Iohannis Evangelistae zu mir in Wittenberg kommen Claus Storck mit zweien seiner Gesellen, mir angezeigt, wie sich etliche Empörung erhoben zu Zwickau, und sonderlich von wegen baptismi parvulorum und fidei alienae, und sich auf Doctorem Martinum berufen. Hab darnach insonderheit gehört einen unter den Dreien, genannt Marcus Thome, der mir gesagt, wie daß er, dergleichen auch Storck, sonderliche und gewisse und offenbare Gespräch mit Gott habe, doch nyndert auch nicht predige, denn wo und was ihn Gott heise. Hab so viel von ihm vermerkt, daß er der Schrift Sinn recht hat in den höchsten und vornehmsten Artikeln des Glaubens, wiewohl er eine sonderliche Weise zu reden führt. Hab auch vor einem halben Jahr mit diesem Marco disputirt, hat aber die Zeit von den göttlichen Gesprächen nicht gesagt. Hab also die Sache bei mir hin und wieder bedacht, sonderlich dieweil sie anzeigten solch Aufruhr zu Zwickau bewegt, und möglich weiter zu bewegen; und gedacht, dieweil solche Empärung nicht mit Gewalt, sondern vorhin mit Schriften und iudicio spiritualium hominum zu stillen seynd, daß vonnöthen wäre in dieser Sach doctoris Martini iudicio, sonderlich dieweil sie sich auf Doctorem Martinum berufen.

Es seind fürwahr zwo Quaestiones, die nicht zu verachten, und gelahrtern Leuten denn ich bin und der gemeine Haufe möcht zu schaffen machen. Gedacht auch, der Teufel wollt uns an einem weichen Ort angreifen. Es haben Augustinus und derselbigen Zeit viele andere mehr viel disputirt de baptismo parvulorum, und wenig ausgerichtet, und Augustinus behilft sich des gemeinen Bösen und des alten Gebrauchs. Doctor Martinus weiß wohl, was diese Quaestion hinter sich hat. Und das ist summa summarum meiner Sorgen noch, und vormals, gewesen.

Mich hat nicht sonderlich bewegt, was sie von göttlichen Gesprächen sagen, und dergleichen. Denn solches in seinem Werth stehet, und nichts daran gelegen, anders denn, daß durch solchen Schein weitere Beschwerungen möchten vorgenommen werden. Diese Quaestiones aber de baptismo haben mich meines Bedünkens billig bewegt.

Solche anliegende Noth hab ich niemands wissen förderlicher anzuzeigen, denn unsern gnädisten Herrn, als einem christlichen Cuhrfürsten und dieser Zeit einigen Schützer Ecclesiae, welchem billig in solche Sache zu sehen zustehet. Bitte, mein gnädigster Herr wolle mein Schreiben gnädiger Meinung verstehen.

Corpus Reformatorum
Edidit
Carolus Gottlieb Bretschneider
Volumen I.
Halis Saxonum
Apud C. A. Schwetschke et Filium
1834

Kommentare sind geschlossen.