Berthold Haller an Ulrich Zwingli

Berthold Haller an Ulrich Zwingli

1521

Deinen köstlichen Brief, mein wackerster Lehrer! habe ich mit offenen Armen empfangen und nicht ohne reichen Gewinn gelesen und wieder gelesen mit großer Erquickung; ich bin dadurch in christlicher Gesinnung mächtig bestärkt worden. Mein Herz, das wirklich durch dieses wanken der Zustände und der Menschen darniedergebeugt und unfähig war, Unbill zu ertragen, ist nun durch dieses dein Schreiben so gestählt worden zur Erduldung jeglicher Drangsal, daß ich jetzt viel gelassener bleibe, wenn Leute mich als wüthende Feinde anfallen, die von mir nie auch nur im Geringsten beleidigt worden, es wäre denn, daß sie nach ihrer Gewohnheit das Wort des Herrn, das ich verkündige, als Beleidigung aufnähmen. Wahrhaftig, wenn du mich nicht so kräftig angespornt und meinen völlig gesunkenen Muth wieder erweckt hättest, so wäre ich nächstens vom Predigtamt abgetreten und mit Doctor Thomas Wittenbach nach Basel gegangen, um den schönen Wissenschaften und dem Studium des Griechischen und Hebräischen obzuliegen; denn du glaubst nicht, welche Drohungen gewisse bernische Machthaber ausgestoßen haben. Nun hat aber deine freundliche Zuschrift mir Trost gebracht, so daß ich nicht mehr zage, sondern alle meine Kraft zusammen gerafft und deiner wahrhaft christlichen aufmunterung gemäß die feste Ueberzeugung gewonnen habe, es gebühre sich in diesem jämmerlichen Zeiten vielmehr, daß ich das Evangelium predige, als daß ich in irgend einem Winkel meine Studien treibe und das so lange, bis ich unter dem Beistand des Herrn, der seinem Worte viel Kraft verleihen kann, Christum, ihn, der durch Mönchsgeschwätz so weit von uns weggekommen, ja beinahe in die Verbannung geschickt worden, best meines Vermögens wiederum werde eingesetzt haben; dannzumal nämlich werd‘ ich um so sicherer dereinst frommen STudien mich widmen können. Jetzt bin ich dir unsäglichen Dank schuldig für deine Freundlichkeit, daß du unter so vielen und großen Geschäften, mit denen du überhäuft bist, meine Wenigkeit, einen Menschen ohne Begabung, durch deinen so zierlichen Brief aufzurichten gesucht hast.

Quelle:
Berthold Haller
Nach
handschriftlichen und gleichzeitigen Quellen
von Carl Pestalozzi.
Elberfeld.
Verlag von R. L. Friderichs.
1861

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