Luther, Martin – An Georg Spalatin (9.7.1520)

Luther, Martin – An Georg Spalatin (9.7.1520)

Gnade und Friede in Christo! Mein lieber Spalatin! Den Brief aus Rom hab‘ ich schweigend, aber mit großer Betrübniß gelesen, darum, daß ich so großen Unverstand und gottlos Wesen in so großen Häuptern der Kirchen vernommen habe. Ich meine, ihr Gewissen und das Licht der Wahrheit hat sie so geblendet, daß sie alles Urtheils und gemeinen Sinnes bar sind. Sie verdammen meine Lehre und sagen doch, daß es geschickt und gelehrt sei, darum daß sie meine Schrift nie gelesen, noch kennen zu lernen begehrt haben. Der Herr sei uns Allen gnädig. – Sie geben mir Schuld ich sei ehrgeizig. Was sollte ich elender Mensch nach Ruhm und Ehren trachten? Der ich nichts anderes begehre, denn daß ich weder schreiben, predigen noch lehren dürfte, sondern verborgen und unbekannt in einem Winkel mein Leben zubringen möchte. Es nehme meine Last, Mühe und Arbeit auf sich, wer da will; es verbrenne meine Bücher, wer dazu Lust hat: ich frage, was soll ich weiter thun? Das aber sage ich: so mir nicht gestattet wird, frei zu sein vom Amt zu lehren und vom Dienst des Wortes Gottes, so will ich wahrlich frei sein in Uebung meines Amtes. Ich bin von Sünden genug beschwert, so will ich nicht noch diese unerläßliche Sünde dazu thun, daß ich dem Amt, darein ich gestellt bin, nicht mit Fleiß dienen sollte, da ich dann schuldig erfunden würde eines schändlichen Schweigens , Verachtung der Wahrheit und der Verführung vieler tansend Seelen. Der Cardinal mag rühmen, so lang er will, seine Kirche bedürfe der Vertheidigung nicht, warum vertheidigt er sie dann?

Alles was ich gethan habe und nachmals thue, das tbue ich gezwungen, bin allezeit geneigt zu schweigen, allein, daß sie nicht gebieten die Wahrheit des Evangeliums zu schweigen. Alles sollen sie von mir erlangen, ja Alles will ich herzlich gern darbringen und thun, wenn sie nur den Weg zur Seligkeit den Christen lassen frei und offen stehen. Das nur sollen sie ihrerseits gestatten, weiter nichts. Was kann ich doch Ehrlicheres begehren? Ich begehre kein Cardinal zu werden, trachte auch nicht nach Gold, und nach alledem nicht, was Rom zur Zeit hoch und werth hält. Kann ich das aber nicht von ihnen erlangen, so mögen sie mich meines Lehr- und Doctoramtes entsetzen und mich einsam in einem Winkel leben und sterben lassen.

Ich armer Mann lehre und predige gezwungen und werde doch gleichwohl darum verfolgt, so doch Andere, die Lust haben zu lehren und zu predigen, dagegen geehrt werden. Doch wie mein Gemüth geartet ist, kann ich weder Drohungen fürchten, noch durch Versprechungen mich bewegen lassen.

Da habt ihr meine Meinung. Aber ich bin der Hoffnung mein gnädigster Herr, der Churfürst, werde in seiner Antwort sich also vernehmen lassen. daß alle die großen Prälaten zu Rom merken müssen, daß die deutsche Nation nicht durch eigne, sondern durch der Römer Bosheit nach Gottes verborgenem Rathschluß also beschwert und unterdrückt gewesen sei.

Gehabt euch wohl. Gegeben am Montag nach Kilian (9. Juli) 1520.

Martin Luther.

Quelle:
Hase, Carl Alfred - Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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