Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Calvin, Jean – An Nikolaus Zurkinden in Bern.

Nr. 485 (C. R. – 2395)

Zurkinden, der bernische Stadtschreiber, war einer der ganz wenigen Freunde, die Calvin in Bern hatte; er hatte diesen in einem Briefe ersucht, in Genf für Erneuerung des Burgrechts tätig zu sein. Einen Hauptgegenstand bildeten wieder im Streit die Güter der Abtei St. Victor mit ihren Regalen, Jagdrechten usw., über die einst das Basler Schiedsgericht (vgl. 45) gesprochen hatte. Zurkinden schlug zur Regelung dieser Frage einen Umtausch bernischen und genferischen Gebietes vor. Zur Nachschrift vgl. 239.

Calvins Anteil an der Genfer Politik.

Nichts konnte mir gelegener kommen als dein Brief und nichts sich besser eignen, meine Schmerzen zu erleichtern. Denn welche tiefe und schmerzliche Wunde es mir geschlagen hat, dass man auf eine Erneuerung des Burgrechts nicht mehr glaubte hoffen zu dürfen, das brauche ich gar nicht zu sagen. Zwar behaupten viele in Bern, um mich verhasst zu machen, fälschlicherweise, sie seien vom Gegenteil überzeugt, aber wer nachforschen wollte, wie ernsthaft mein ganzes Bestreben darauf ausging, die Vereinigung der zwei Städte aufrecht zu erhalten, der müsste, wenn er auch noch so parteilich wäre, anerkennen, dass ich nichts so ängstlich befürchtet habe, als dass unsere Hartnäckigkeit uns in solche Nöte bringen könnte. Anfangs, als man über die aufzustellenden Bedingungen verhandelte, wurde ich vom Rate beigezogen. Du wirst fragen, warum ich mich in solche Geschäfte mische, die mir nicht zukämen und mir bei vielen Leuten großen Hass zuzögen. Obwohl ich solche politische Fragen nur selten berühre und nur widerwillig mich damit befassen muss, lasse ich mich doch zuweilen hereinziehen, wenn es die Notwendigkeit erheischt. Gewiss habe ich darin bisher solches Maß gehalten, dass es mich nicht reuen muss. Du weißt, was die Bösen sagen; aber auf die leitende Stellung, die ich nach ihrer Behauptung so gierig an mich zu reißen suche, verzichte ich tatsächlich so sehr, dass ich wie ein Fremder in dieser Stadt bin; tagtäglich höre ich irgendwelche Leute aus dem Volk über Dinge politisieren, von denen ich gar nichts weiß. Der Rat aber beruft mich nur, wenn er in großen Fragen sich nicht zu raten weiß; sei es, weil er merkt, dass es sonst unpassend wäre, sei es, weil er überhaupt nicht gerne fremde Hilfe beansprucht, sei es schließlich, weil er sieht, dass ich selbst dem gerne auswiche. Könnte ich doch um Befreiung von dieser Pflicht bitten! Seit ich aber vor fünfzehn Jahren hierher zurückgekehrt bin, als Gottes Hand mich hierher wies, und die Menschen fast zudringlich mich haben wollten, so dass ich keinen rechten Grund hatte, es abzulehnen, da wollte ich lieber mich um die Herstellung des Friedens in allerlei Unruhen bemühen, als ein müßiger Zuschauer sein. Um von früherem ganz zu schweigen – wie hätten diese neuen Verhandlungen begonnen, wenn nicht jemand die erste Leidenschaft beschwichtigt hätte? Die Genfer sind nicht so töricht, dass sie nicht bemerkt hätten, wie drückend manche Punkte des Burgrechts für sie waren. So war die allgemeine Stimmung für Aufstellung neuer Bedingungen. Dass sie dann doch den bisherigen Wortlaut ruhig [als Grundlage zur Erneuerung] annahmen, das hat, nicht ohne lange, heiße Kämpfe, einer durchgesetzt, der, als man ihn um seine Meinung fragte, Genf nicht durch sein Stillschweigen zu Grunde richten wollte. Ich war dabei und wundere mich, dass das erreicht worden ist, was du siehst. Denn sowie einer recht keck redet, so gewinnt und begeistert er die unerfahrenen Leute leicht, wenn er auch das Törichteste vorbringt, das uns ruinieren müsste, dabei aber doch den Schein für sich hat, mutiger als die übrigen die Rechte Genfs zu verfechten. So musste mancher Feuerbrand gedämpft werden, damit eine ruhige, sachliche Antwort nach Bern kommen konnte. Ich muss zugeben, dass auch in unserm freundschaftlichen Schreiben noch einige Funken sprühten; man musste eben dem gerechten Schmerz etwas nachgeben, bis sich allmählich die Stimmung besänftigt hatte. Nichts aber hat die ganze Verhandlung so gestört, wie Eure knappe Schärfe im Nein sagen. Die Stimmung in Genf war schon dadurch verbittert, dass man sah, wie Ihr unseren Feinden Schutz botet. Auch kamen von Bern drohende und spitze Schreiben, aus denen man entnehmen konnte, dass man gerne jeden Anlass ergriff, uns zu beleidigen. Auch war es verletzend, dass bösen, von uns offen verurteilten Menschen soviel Freiheit gelassen wurde zum Lästern, da doch die eigentlich die Bundespflicht uns hier wie dort zum gegenseitigen Schutz der Staatsehre verpflichtete. Als Ihr schließlich unser Angebot, in einigem nachzugeben, abwieset in einem deutschen Schreiben, wie das vorher nie vorgekommen war, da schien es eben, Ihr wollet uns Eure Verachtung zeigen. Wer an Kraft geringer ist, der ist eben meistens sehr argwöhnisch. Du kennst das Wort des Terenz: Wer im Unglück ist, empfindet alles als Schmähung. Und doch siehst du: unsre Obrigkeit hat, obwohl sie nach ihrem Urteil sehr unfreundlich behandelt worden ist, nichts Feindseliges in ihrem Interesse unternommen, vielmehr, wie du es wünschest, eine Vermittlung durch gemeinsame Freunde gesucht. Ich möchte nicht, dass Genf dabei hartnäckig um Jagdrechte und derartige Kleinigkeiten stritte, und man ist auch bereit zu hören, was Ihr davon abgezogen haben wollt. Im Übrigen, glaube ich, nähmen es die Genfer übel, wenn ihnen Gerichtsbarkeiten, die sie bisher inne hatten, genommen würden, und so wäre ein Tausch das bequemste Auskunftsmittel, zu dem ich auch stets nach Kräften geraten habe. In dieser Hauptfrage, um die sich jetzt alles dreht, wirst du ohne Zweifel das Vorgehen, das deinen Wünschen entspricht, auf jede Weise zu fördern suchen. Denn dein Brief bezeugt, dass dir aus deinem brennenden Wunsche ein Hoffnungsstrahl aufgeleuchtet ist, der dich heißt, alles zu versuchen; so brauche ich dich, da du schon von selbst läufst, nicht noch mit Ermahnungen anzutreiben. Auch ich will hier in meinem Lauf nicht innehalten, damit du schließlich merkst, dass mir mein Leben nicht lieber ist als das heilige Freundschaftsband, an dem das Wohl Genfs hängt. Was mich bisher zögern ließ, dir zu schreiben, errätst du zur Genüge. Nämlich der Zugang zu dir war mir abgeschnitten. Zu all den andern Qualen, die mich mehr als recht peinigten, kam als der Gipfel des Schmerzes, dass ich hörte, du habest mich nicht nur in bösem Verdacht, sondern du habest sogar gehässige Reden über mich geführt, die deutlich eine Entfremdung bewiesen hätten. Ich will sie nicht wiederholen, um dich nicht zu kränken, während ich mir Glück wünsche, [dass das nicht wahr ist]. Lebwohl, trefflicher Mann und verehrter Bruder. Der Herr sei stets mit dir, er leite dich mit seinem Geiste und rüste dich aus mit seiner Kraft.

Genf, 21. Februar 1556.

Da du weißt, dass böswillige Menschen schon versucht haben, mir durch meine Briefe zu schaden, so wird es klug und billig von dir sein, diesen gleich zu vernichten, in dem ich dir, wie du siehst, recht freimütig mein Herz ausgeschüttet habe.

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