Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Nr. 572 (C. R. – 2920)

Vgl. 435. Renata war seit 1554 infolge der Teilnahme an einer katholischen Kommunion wieder aus der Klosterhaft entlassen; innerlich hielt sie jedoch am evangelischen Glauben fest. Auf Wunsch Calvins hatte der Marchese di Vico sie besucht und ihrer Überzeugung bestärkt; er ist es auch, von dem Calvin im Schlussabschnitt berichtet; er hatte von der venezianischen Obrigkeit die Erlaubnis zu einer Zusammenkunft mit seiner Frau auf dem Gebiet der Republik erwirkt.

Aufforderung zur Treue und allerlei Ratschläge.

Madame, ich danke Gott, dass der Mann, den ich zu Ihnen sandte, seine Aufgabe zu Ihrer Zufriedenheit erledigt hat, und so darf ich wohl auch hoffen, dass seine Wirksamkeit Sie auf dem Weg zur Seligkeit fördern wird. Da aber Gott nicht erlaubt hat, dass er jetzt gleich Ihnen seinen Dienst länger erweisen konnte, so bitte ich Sie, Madame, auf jeden Fall weiter lernen zu wollen in der Schule unseres Herrn Jesu Christi; Sie sehen ja wohl, ohne dass man es Ihnen zu sagen braucht, genügend ein, wie nötig Ihnen das ist, besonders da der Teufel alle möglichen Streiche anstellt, um Sie zum Abfall zu bringen. Aber wie Sie allen Ränken zu widerstehen haben, die der Todfeind unseres Seelenheils gegen Sie plant, so müssen Sie auch daran denken, dass Gott diese Mittel braucht zur Prüfung Ihres Glaubens. Scheint Ihnen solche Prüfung hart und schwer, so denken Sie an das Wort St. Petri: Auf dass Euer Glaube rechtschaffen und viel köstlicher erfunden werde denn das vergängliche Gold, das durchs Feuer bewähret wird [1. Petr. 1, 7]. Fühlen Sie in sich größerer Schwäche, als zu wünschen wäre, so nehmen Sie Ihre Zuflucht zu dem, der verheißen hat, dass, wer sich auf ihn verlässt, der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzet und am Bach gewurzelt; denn obgleich eine Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün [Jer. 17, 8]. Denn das ist gewiss, Gott wird uns nicht versucht werden lassen über unsere Kraft, und wenn er dem Satan die Zügel schießen lässt, so wird er auch je und je in uns die Kraft mehren, alles zu überwinden. Es ist gut und nützlich, unsere eigene Schwachheit zu prüfen, nicht damit wir dadurch in Verzweiflung versinken, sondern damit wir lernen, die rechte Hilfe suchen. Deshalb, Madame, verlassen Sie sich darauf, die Feinde, die vor Wut schäumen, werden trotz aller Anstrengung nichts ausrichten, was ihnen nicht der höchste Herr erlaubt. Werden Sie nicht müde, zu kämpfen gegen alle Versuchungen, und je nötiger Sie dazu Waffen brauchen, umso mehr üben Sie sich in frommen Betrachtungen, sich wendend an den, der Macht hat, auch Sie zu stärken, und, wie gesagt, hüten Sie sich, das Mittel gering zu achten, das Sie ja bisher bereits als sehr nützlich erprobt haben, nämlich jemand bei Ihnen zu haben, der Sie täglich ermahnt. Ich hoffe, unsere Freunde werden das nicht unterlassen, und sobald Sie geruhen, mir den Auftrag zu geben, eine geeignete Persönlichkeit ausfindig zu machen, werde ich mich gerne darum bemühen. Nur, Madame, fassen Sie Mut und lassen Sie dem Satan den Vorteil nicht, nach dem er strebt, nämlich Sie unvorbereitet überfallen zu können, und wenn Sie etwa meinen, durch Verstellung dem Kampf entgehen zu können, so nehmen Sie sich wohl in acht, dass nicht gerade diese Ängstlichkeit dem Feind den begehrten Sieg verschafft; denn wir müssen seine Schlauheit kennen, um ihr entgegentreten zu können. Selbst wenn die Lage der Kinder Gottes eine noch hundertmal härtere wäre, dürfte es nicht in Frage kommen, das Gut im Stich zu lassen, zu dem Gott Sie in seiner unendlichen Güte berufen hat.

Ich habe ferner gehört, Madame, dass Sie auch an Ihrem Hof nicht ohne Dornen durchkommen; Sie müssen eben diesen Übelstand mit den andern überwinden, und wiewohl die Gefahr offenkundig ist, dass solche Leute, die Sie entlassen müssen, weil sie sich in ihrer Verstocktheit nicht fügen wollen, sich dann durch üble Nachrede und Verleumdung rächen werden, so ist es doch besser, es einmal plötzlich zu probieren, als immerfort so zu leiden; aber die Hauptsache ist, dass Sie Ihr Haus rein halten nach Gottes Gebot und Davids Beispiel im Psalm 101. Wenn Sie sich mühen, Ihr Haus rein und unbefleckt Gott als einem guten König zu weihen, so wird er es auch beschützen. Freilich wird es trotz aller Ihrer Mühe stets noch Unvollkommenheiten geben, aber umso mehr müssen Sie sich anstrengen, Ihre Pflicht wenigstens teilweise zu erfüllen, und wir haben ja das Vorrecht, dass Gott, wenn wir nach dem Ziele streben, das Wollen für das Vollbringen annimmt.

Ich habe Ihnen, Madame, noch ein Wort zu sagen wegen ihres Bedenkens über Ihr Präsentationsrecht auf Pfründen. Wenn Sie keinen bessern Ausweg wissen, so belasten Sie sich nicht allzu sehr mit diesen Geschichten, umso mehr, als das Vermögen ja nicht Ihnen gehört, sondern übertragen Sie es, je bälder, je besser, dem guten Abbe, der Sie recht gerne davon befreien wird. In der Vollmacht, die Sie ihm darüber geben, können Sie ja, ohne dass man Sie deswegen tadeln kann, gut die Klausel einfügen, dass Sie ihm die Sache zuweisen, um Ihr Gewissen zu entlasten und sich nicht in die Verhältnisse der Kirche einmischen zu müssen. Denn dass Sie von Ihrem Recht einen guten Gebrauch machen könnten, halte ich nicht für möglich. Übrigens bitte ich Sie, Madame, werden Sie hart gegen Vorwürfe, die Sie treffen, wenn Sie Gutes tun; denn das ist der Lohn, der uns von oben verheißen ist. Was die Drohungen betrifft, die etwas schärfer klingen, so kämpfen Sie gegen alle Schwachheit; denn sobald Sie ihr Nahrung geben, kommen Sie nicht vorwärts, sondern zurück. Regt sich Ihnen selbst Widerspruch, so wundern Sie sich nicht darüber. Denn ein so tapferer Streiter St. Petrus auch war, so heißt es selbst von ihm: Man wird dich führen, wo du nicht hin willst [Joh. 21, 18]. Darin ist uns gezeigt, dass wir Gott nie ganz ohne innern Widerspruch dienen; denn unser Fleisch flieht den Kampf.

Der gute Herr, von dem etwas zu erfahren Sie gewiss interessiert, ist Ende Mai über Meer gefahren und hatte vor Mitte Juni bereits feste Versprechungen, man wolle einige Galeeren senden zur Abholung seiner Gemahlin; denn es ist nur eine kurze Überfahrt und er hat beim Capitano Gunst gefunden, der ihm dies ohne Schwierigkeit gewähren konnte. Doch denke ich, er wird bald wieder zurückkehren, Gott müsste denn das Herz seiner Frau wunderbar umgewandelt haben, die ihren Gatten nur so liebt, dass sie ihn gerne mit sich ins Verderben zöge. Jedenfalls hat er nun seine Pflicht genügend getan und kann vor Gott und Menschen als entschuldigt gelten.

Madame, indem ich mich Ihrer Gewogenheit ergebenst empfehle, bitte ich unsern lieben Gott, er wolle Sie allezeit leiten durch seinen Geist, Sie stärken in seiner Kraft, Sie in seiner Hut halten und Sie zunehmen lassen an allem Guten.

26. Juli 1558.
Ihr sehr ergebener Diener
Charles d´ Espeville.

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