Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Calvin, Jean – An die Herzogin Renata von Ferrara.

Nr. 633 (C. R. – 3228)

Oktober 1559 war der Herzog Ercole von Ferrara gestorben und hatte seiner Gemahlin auf dem Sterbebette den Eid abgenommen, mit Calvin nicht mehr zu korrespondieren; der neue Herzog Alfonso stellte seine Mutter vor die Wahl, als Katholikin in Ferrara zu bleiben oder nach Frankreich zurückzukehren; sie wählte letzteres, ließ es Calvin melden und bat ihn um einen evangelischen Prediger.

Vom unrechten Eid der Herzogin und ihrem Plan nach Frankreich zu ziehen.

Madame, trotz häufiger Aufforderung von Ihrer Seite konnte ich mich bisher nicht entschließen, Ihnen den verlangten Mann zu senden, da ich stets fürchtete, diejenigen, die mir davon sprachen, möchten in ihrem Eifer weitergehen, als Sie es wollten. Denn ich hatte keinen Brief von Ihnen, der mir Gewissheit gab, ob es so gemeint war oder nicht, und auch jetzt, Madame, hätte ich lieber größere Sicherheit gehabt, um Ihnen deutlicher schreiben zu können. Nicht dass ich dem Überbringer dieses Briefes misstraute, der mir so sichere Kennzeichen der Sendung von Ihnen brachte; aber Sie wissen, Madame, wie leicht Leute aufgestiftet werden könnten, um von mir allerlei zu erhalten, was Ihnen dann Anlass zu größerer Betrübnis und großem Bedauern werden könnte.

Was den Eid betrifft, den zu schwören man Sie gezwungen hat, so war es ein Fehltritt und eine Beleidigung Gottes, dass Sie ihn abgelegt haben; so sind Sie auch nicht verpflichtet, ihn zu halten, ebenso wenig wie ein abergläubisches Gelübde. Sie wissen, Madame, dass Herodes nicht allein nicht gelobt wird, weil er den leichtsinnig geschworenen Eid allzu gut hielt, sondern dass ihm das sogar zur doppelten Verdammnis gerechnet wurde [Mark. 6, 21 ff.]. Ich sage das nicht, um Sie zu drängen, als müssten Sie mir schreiben, sondern nur, damit Sie sich keine Gewissensbedenken machen in einer Sache, in der Ihnen Gott Freiheit lässt und Sie von aller Schuld los spricht. Ich will es dabei bewenden lassen, Sie darauf aufmerksam gemacht zu haben, Madame.

Nun muss ich Ihnen der Reise wegen, Madame, die Sie sich vorgenommen haben, doch erklären, dass Sie, so hart und erbarmungswürdig die Gefangenschaft auch ist, in der Sie noch schmachten und schon so lange geschmachtet haben, doch nicht viel gewinnen, wenn Sie aus einem Abgrund herauskommen und in einen andern geraten; denn ich sehe nicht, wieso diese Veränderung Ihre Lage verbessern könnte. Die Regierungsgeschäfte, in die man Sie hineinziehen will, sind heutzutage so verworren, dass jedermann deswegen um Hilfe schreit. Wären Sie dabei und man hörte auf Sie, so glaube ich wohl, Madame, es ginge nicht so schlecht; aber das will man in Frankreich gar nicht; man will sich nur mit Ihrem Namen decken, um einen Übelstand zu halten, der nicht mehr länger dauern darf. Wenn Sie nun hingehen und sich in dieses Durcheinander begeben, so heißt das offenkundig Gott versuchen. Mir liegt Ihr Glück am Herzen, Madame; wenn aber, was in der Welt hoch und groß ist, Sie hindert, Gott nahe zu kommen, so müsste ich ja ein Verräter an Ihnen sein, wenn ich Sie glauben machen wollte, schwarz sei weiß. Wären Sie fest entschlossen, sich freimütig zu halten und hochgemuter als bisher, so wollte ich Gott bitten, Sie bald dahin zu bringen, noch rascher, als man es Ihnen anbietet. Ists aber nur das, dass Sie dann Ja und Amen sagen zu allem, was vor Gott und Menschen verwerflich ist, so kann ich nichts anderes sagen als: Hüten Sie sich, vom Regen in die Traufe zu kommen. Freilich will ich Ihnen damit nicht sagen, Madame, mein Rat sei, in Ihrer bisherigen Knechtschaft zu bleiben und darin einzuschlafen; denn es ist übergenug mit dem, was bisher geschah; sondern ich will Sie nur bitten, Ihren Wohnsitz so zu wechseln, dass Sie dann auch Gott mit gutem Gewissen dienen können, und dem rechten Ziel nachzustreben, ohne sich von Neuem von Netzen umgarnen zu lassen, die schwer zu zerreißen wären, und in denen Sie ebenso eng oder noch enger gehalten wären als bisher. Sei dem wie ihm wolle, – Sie haben schon zu lange gelitten, Madame, und wenn Sie nun nicht sich Ihrer selbst erbarmen, so ist zu befürchten, dass die Hilfe für Ihr Übel zu spät kommt. Ganz abgesehen von dem, was Ihnen Gott seit langem schon durch sein Wort gezeigt hat, mahnt Sie nun auch bereits Ihr Alter, daran zu denken, dass unser Erbe und unsre ewige Ruhe nicht hienieden sind. Jesus Christus ist es wert, dass Sie seinetwegen sowohl Frankreich als Ferrara vergessen; auch hat Sie Gott durch Ihre Witwenschaft freier und selbständiger gemacht, um Sie umso mehr an sich zu fesseln. Ich wollte, ich hätte Gelegenheit, Ihnen diese Dinge mündlich vollständiger auseinander zu setzen, nicht auf einmal, sondern einen Tag nach dem andern. Doch ich will Ihnen darüber noch Ihrer Klugheit entsprechend allerlei zum Bedenken überlassen, was ich nicht geschrieben habe.

Indem ich mich, Madame, Ihrer Wohlgewogenheit empfehle, bitte ich unsern lieben Gott, er wolle Sie in seiner Hut halten, Sie leiten mit seinem Geiste und Sie zunehmen lassen in allem Guten.

Den 5. Juli 1560.

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